13. Juni 2014 – Hannover – Festival contre le racisme

Wir gehen zu Fuß zum Konzert. Es dauert fünf Minuten – von Costas Balkon bis zur Bühne. Denn das Festival contre le racisme ist im hannoverschen Georgengarten, direkt hinter dem Hauptgebäude der Universität. Das ist quasi Costas Vorgarten. Hier wird abgehangen, gegrillt und in die Sonne geschaut. Normalerweise. Costas alte WG hat hier irgendwann mal einen Baum gepflanzt. Ob der noch steht, weiß niemand mehr. Schließlich war es damals dunkel. Und keiner weiß mehr wirklich, wo er stand.

Die Sonne geht unter. gerade spielt das tolle Duo The Colder Sea aus Hannover entspannten Elektropop. The Shitlers aus dem Ruhrgebiet mischen Auszüge aus deutschsprachigem Gangster-Rap mit Auszügen aus deutschsprachigem Punk. Wir holen uns Döner an der Hauptstraße und schauen Fußball in dem riesigen Flatscreen. Man kann schon richtig barfuss laufen.

Auf dem Balkon wird diskutiert. Über Poetry Slam. Über Enttäuschung. Über das Loch nach einem Tourwochenende. Und über die Disziplin, dann am Montagmorgen doch aufzustehen und zur Uni oder zur Arbeit gehen. Work hard, play hard. Bullshit.

Morgens um 5 Uhr ist kein Mensch in Hannover-Limmer an der Schleuse. Die Leine plätschert unten kräftig durch die Rohre und Ableitungen. Die Vögel teilen sich regsam mit. Das Laub in den Bäumen rauscht angenehm gleichmäßig-beruhigend.
Hier ist Entspanntung. hier ist Ruhe.

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17./18. Mai 2013 – Hamburg/Hannover – Popper lesen Punk

Hamburg, kurz vorm Regen

Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf. Der Fernsehturm Hamburgs verschwindet fast in der Dunkelheit. Die S-Bahnen rattern hell erleuchtet an uns vorbei. Die Feuertonne brennt noch nicht, aber es ist auch noch warm genug an diesem Freitagabend im Mai. Wir besuchen unsere Freunde vom Zomia-Wagenplatz mitten in Hamburg. Ein wenig erschrocken sind wir schon darüber, wie zentral dieser Platz ist: Keine fünf Minuten entfernt ist das Schulterblatt – die Großraumdisko des Schanzenviertels. „Nein, momentan müssen wir keine direkte Angst haben, geräumt zu werden“, sagt einer der Bewohner, ein Tausendsassa, wie alle. Die hier nicht nur ein Kompostklo ohne Ekelfaktor, ein Gemüsebeet und eine Gemeinschaftsküche betreiben, sondern leben, lieben, arbeiten, genießen. „Hauptsache, ihr seid bei eurer Lesung nicht zu leise“, droht eine andere uns lächelnd. „Neulich war hier jemand und hat Lyrik gemacht, die ist gar nicht durchgekommen.“

Unser größter Feind ist an diesem Abend das Gewitter, das direkt vor Beginn eine erste Salve Regentropfen schickt. Eine Minute später sind alle Römerzelte aufgebaut, und niemand muss frieren oder wird nass. So ein bißchen Regen schockt hier niemanden. Dafür uns aber der kurze Gang später nach St. Pauli. Die Stadt ist wieder mal voll mit Feiernden, Pöbelnden, Lauten – und weit und breit kein Wasserwerfer zu sehen. Wir verdrücken uns in den Gästebauwagen, erzählen uns Gruselgeschichten und träumen vom Meer.

Der Hamburger Hauptbahnhof explodiert am nächsten Morgen. Es ist Pfingstwochenende, Urlaubszeit. Bio-Familien mit Kinder vergessen kurz die gute Erziehung, die sie ihren Leonies, Lucas oder Finns beibringen wollten und schubsen, spucken, schimpfen. Alte Frauen haben ihre Ellbogen gespitzt. Teenager ätzen ihre schlechte Laune im Abteil umher. Wir verziehen im ICE ganz nach hinten, bauen eine Burg aus Zeitungen und schlechten Witzen und ignorieren die Lüneburger Heide, die am Fenster vorbeidüst.

In Hannover sind wir mit zwei Leipziger Genossen zur Stadtführung verabredet: Das Schöne an diesem Rumgetoure ist ja, dass man immer wieder tolle Menschen wiedertrifft. Dieses Mal kommen zwei davon uns in unserer momentanen Homebase besuchen. Also ab durch Linden, Nordstadt, Calenberger Neustadt, die Innenstadt ignoriert, die befreundeten Goldkint angeschaut. Bei einer Mischung aus Fußballturnier und Musikfestival sind die vier leider Letzte geworden, dürfen dafür als erstes auftreten. Das Open-Air wird vom Regen nicht eine Spur beeinträchtigt. Eine Zuschauerin hat sich Plastikmüllbeutel um die Schuhe geschnürrt, so kann sie ohne Stress durch den Matsch waten. „Endlich wieder Festivalsaison.“ Beim Alerta Deathfest herzen wir Timo, der seinem Umzug nach Hannover der Stadt nicht nur ein tolles Punklabel geschenkt hat, sondern auch ein abgefahrenes Festival. Nach unserer Rotweinlesung geht es noch auf den Küchengarten, die Demo gegen die Innenministerkonferenz anschauen. Dann aber schnell nach Hause: Mit dem Eurovision Song Contest das bunte Europa anschauen und das Wochenende begrüßen.

Danke an Linna für das Foto.