Neunzehn

Wir sahen die besten Köpfe unserer Generation vom Wahn zerstört, hungernd hysterisch nackt, die sich im Morgengrauen durch die Punkerstrassen schleppten auf der Suche nach einem wütenden Schuß

Engelköpfige Hipster, dem alten himmlischen Kontakt zur Sternenlichtmaschine im Getriebe der Nacht entgegenfiebernd, die arm & abgerissen & hohläugig und high im übernatürlichen Dunkel

der Armeleutewohnungen rauchend wachsaßen, schwebend über dem Häusermeer in Punker-Ekstase

die durch die Universitäten gingen mit strahlend kühlem Blick und Halluzinationen von St.Pauli und Off’schen Tragödien unter den Schülern des Krieges hatten

All diese wundervollen Leben, die verschwendet wurden – weil sie mit Punkrock in Berührung kamen. Zerstört mit 19. Wir prangern das an!

Beatpoeten, 2016

2. Oktober 2015 – Erfurt, Hamburg, Notaufnahme, Bremen

Boys in der Bahn am Bahnhof Fulda.

Krass. Genau einen Monat ist die Reise nach Erfurt und Hamburg her. Es ist die bisher längste Beatpoeten-Reise für mich. Eine Reise in Städte, zu Menschen, zu mir selbst vielleicht. Denn die Konzertausflüge verliefen dann doch wieder etwas anders als geplant.

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Zunächst schauen wir in Erfurt vorbei. Die Gewerkschaft kümmert sich dort längst nicht mehr nur um Lohnforderung und Kündigungsschutz. AfD-Höcke peitscht dort jeden Mittwoch besorgte Bürger und Neonazis durch die Innenstadt und ist damit so erfolgreich, dass er später beim Jauch sitzen darf und eine Deutschlandfahne verkehrt herum auf seine Armlehne drapiert. Hui, dieser Höcke, der sich auf Stauffenberg beruft und zum Widerstand aufruft. Seine Anhänger verstehen ihn direkt. Die Gegendemonstranten werden gezielt angegriffen. Unsere Gastgeber im Filler tragen tatsächlich Schrammen und Beulen. „Ich geh nicht mehr ohne Pfeffer raus“, erklärt uns ein Gast. „Wir brauchen Sportgruppen.“ Deutschland, 2015. Der Selbstschutz von Antifaschisten scheint vor allem in Sachsen und Thüringen absolut notwendig.

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Wir spielen ein Konzert für Refugees. Einmal Stonerrock, einmal Punk begleiten uns. Die Geflüchteten kommen langsam rein, tanzen dann aber auch. Wir schunkeln mit alten Bekannten und Freunden und versuchen, einfach nur Kraft zu geben. Die Wochen später wird Erfurt neben Dresden zur Vorzeigestadt der besorgten Bürger. Die Neue Rechte feiert den Schulterschluss der AfD und Neonazis in der Stadt. Nach dem Modell laufen Demos in Magdeburg, Hamburg und Rostock. Andreas Speit erklärt die Strategie in der taz.

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Wir schlafen in einer herrlichen Pension, erinnern uns an Wagenplatzfeiern und Poetry Slams, Buko und Textfestivals in Erfurt und sitzen wieder in der Bahn. Besuchen das Ihme-Zentrum und freuen uns auf ein Wiedersehen mit Supershirt. Die Audiolith-Band hat uns lange begleitet. Wir spielten in deren Vorprogramm im Kulturzentrum Faust, im Kellerklub Stuttgart und trafen das Duo und Trio in der Glocksee, bei der Fusion auf Leipziger Flohmärkten. Nach zehn Jahren zieht die Band den Stecker. Mehr Ruhe. Guter Ansatz. Wir wollen uns verabschieden, schleichen uns ins Molotow, tanzen mit. Einmal noch.

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8000 Mark. Irgendwas ist immer. Ich springe nach zwei Sekt dann doch einmal von der Bühnenkante. Früher waren die Punker kräftiger. Früher waren Studenten vielleicht auch einfach öfter beim Sport. Nun ja. & das nüchtern. Costa holt ein Taxi. In der Notaufnahme gibt es drei Schmerztabletten. Liegen, kühlen, abwarten.

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Das Abwarten dauert zwei Wochen. Wir müssen die Lesung und das Konzert beim Twisted Chords-Labelfest in Leverkusen absagen, Diskussionsveranstaltungen, Moderationen, Jobs. Stattdessen lieg ich mit einer Beckenprellung im Bett und warte bei jedem Pizzaboten direkt mit dem Telefon an der Tür, weil ich es nicht rechtzeitig vom Bett zur Tür schaffen würde. Ja, Demut ist ein großes Wort. & man kann sie lernen. Ich verspreche Costa, irgendwann Gymnastik zu machen.

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Zwei Wochen später läuft in Bremen eine Poetry Slam-Landesmeisterschaft. Viele Bekannte turnen vor der Bühne rum. Ich hänge eingeknickt wie ein zu cooler Hipster im Raum und versuche zumindest ein wenig zu stehen. Das Lagerhaus ist ein schöner Laden, wir waren schon öfter da. Nur diesmal ist es schwierig. Ich muss tatsächlich kämpfen, verbiete mir Sprünge und Ausfallschritte. So eskaliert wohl Roland Kaiser. Costa beschließt, nie wieder mit mir in so einem Zustand aufzutreten, also verordnen wir uns Ruhe und denken auf LP-Cover rum. Dieses schafft es leider nicht:

Cover

Mittlerweile kann ich wieder laufen. Ich erreiche knapp abfahrene Busse und denke zu laut über Yoga-Kurse nach. Es läuft. Die Ibus hab ich aufbewahrt. Kann man immer gut gebrauchen. Wir spielen noch zwei Konzerte in diesem Jahr. Einmal mit Klavier in Hannover, dann mit Gewalt in Zwickau. Schonen wir uns nun? Ich glaube nicht. Dafür macht der Kram mit euch einfach zu viel Spaß.

Was bleibt?

Ich hab endlich meine Krankenkassenkarte aktualisiert – jetzt mit Bild!
Crime-Serien von Castle bis The Metalist sind gar nicht soo scheiße.
Beckenständer sind besser als Krücken, denn sie sind höhenverstellbar.
Ich brauche dringend einen Hausarzt.
Das Alter ist großartig – man hat jetzt Chirurgen im Freundenkreis (Ihr seid die besten!).
Der neue Asterix ist okay.
Obst, ey. Gut!

Sommer 2015

Kennen Sie diese Pinguine?

In Deutschland brennen wieder Heime. „Besorgte“ Bürger zeigen ihre hasserfüllte Fratzen in die Kameras und brüllen die Stimmen der Vernuft nieder. Während der Klimawandel das Wetter heiß und trocken macht und die Medien die besten Tipps gegen Wespen sammeln, schleichen durch die Städte Gestalten, die mit Schaum im Mund ihre vermeintliche Überlegenheit zelebrieren. Doch es gibt auch die vielen positiven Meldungen und Fotos von Menschen, die Geflüchtete versorgen, aufnehmen, mit ihnen ihr Essen, Wohnung und Zeit teilen.

Und wir stehen irgendwo auf einer Bühne, machen unsere Musik, ein paar Witze, tanzen, lachen. Steigen in München nackt in die Isar, gehen immer wieder in der Ostsee baden, feiern auf dem Platzprojekt in Hannover das bunte Leben im Container, machen Freestyle-Rap auf dem Bauwagenplatz in Erfurt mit unseren Braunschweiger Freunden von Kackschlacht, trotzen dem Sommersturm im Nexus bei der Punk-Lesung und machen Emo-Selfies mit Mülheim Asozial, erklären beim Geburtstag des AJZ Neubrandenburg, wie die Jugend dank Texten von Kollegah oder Haftbefehl besser mit Konflikten bei der Arbeit, in der Uni oder im Plenum umgehen, gehen im Tollensersee baden (immer wieder toll!), machen beim Openflair Teenie-Trinkspiele mit dem Lumpenpack und Rainervonvielen, lernen viele tolle neue schlechte Witze beim Sommerfest des SZ Norderstedt und schaffen es endlich in die schöne Stadt Schwerin zum Sommerfest des Komplex.

Dazwischen turnen wir auf dem Ajuca herum und bringen jungen Menschen Nachhaltigkeit bei, fahren durch Südeuropa, jagen Wellen hinterher und treffen immer wieder die tollsten Menschen. Während in den Medien Europa totgeschrieben wird, erfahren wir Hilfsbereitschaft, Liebe, menschliche Wärme, tolle Ideen und Kultur, die einen morgens aus dem Bett aufstehen lässt. Der Sommer ging viel zu schnell vorbei. Wir sind unendlich dankbar. Immer noch. Mit so einem aufgefüllten Herz kann uns der Herbst nichts!

Mai 2015 – Oldenburg und Braunschweig

Häschen, hüpf!

Tag der Arbeit? Warum nur hat der Feiertag, an dem so mancher viele Stunden auf Bierbänken, an Bratwurstständen oder entspannt in der Natur verbringt, so einen unpassenden Namen? Sollte er nicht eher Tag der Faulheit heißen? Schließlich ging es im Ursprung ja einmal um einen Kampf – einen Kampf für faire Jobs, eine soziale Nachhaltigkeit, um eine bessere Zukunft. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Arbeitsplätze!“, fasst der größte politische Philosoph unserer Zeit, das Känguru von Marc-Uwe Kling, den aktuellen Stand um den deutschen Arbeitskampf zusammen. Oder: „Arbeit, das ist doch eine bürgerliche Kategorie.“

Party! Platten! Baklava!

Doch was ist dieses Arbeit eigentlich? Für uns, für diesen Fleck Erde, der sich Deutschland nennt, für die Menschen, denen wir auf einer kleinen Reise durch Niedersachsen begegnen. In den Zügen, die wir nehmen, in den Imbissen, an den Kiosken, in den Zeitschriftenläden, in den Hotels, die wir besuchen auf unserer ersten Open-Air-Tour in diesem Jahr. Auf auf!

Mein Zugticket habe ich am Automaten gezogen. In der Lounge der Deutschen Bahn habe ich mir vom Automaten einen Tee machen lassen. Der stumm geschaltete Fernseher in der Lounge zeigt eine Doku über Industrie 4.0 – wenn Roboter unsere Arbeit klauen. Ich schüttele den Kopf und gehe noch einmal an meinem Laptop die Instrumente durch, die ich für unser neues Lied „19“ brauche. Alles digitale Klänge aus dem Laptop. (sic!)

In Oldenburg, direkt am Rathaus haben sie die Bühne für das Rock gegen Rechts Festival aufgebaut. Nach Rock und Hip-Hop dürfen wir zum Schluss den Abriss machen. Es ist ein tolles alternatives Stadtfest für die ganze Familie. Und es zeigt wieder einmal, was für eine tolle, liebenswerte Stadt Oldenburg einfach ist. Nachts holen wir uns noch schnell Pommes und schauen im Hostel schlechtes Kabarett. Rüdiger Hoffmann eröffnet nach gefühlten 50 Jahren seine Sketche immer noch mit „Hallo erstmal.“ Der Finger drückt auf aus.

Herrchen und sein Hund

In Braunschweig stehen wir auf dem Burgplatz vor Tausenden Aktiven, die jedes Jahr zum 1. Mai aufrufen. Bunte Fahnen, gute Laune, kämpferischer Geist. Wir dürfen das musikalische Programm zu den Reden bringen. Alle sind nett, gut drauf und engagiert. Toll. Danach ziehen wir gemeinsam in den Bürgerpark. Unser zweites Open-Air in diesem Jahr. Und es macht super viel Spaß. Danach blicken wir verträumt auf den Teich und freuen uns über das gute Wetter. Ab in den Zug nach Hannover, nach Hause. Und melancholisch auf dem Balkon sitzen oder auf der Faust-Wiese Bekannte herzen. Toll, danke. Es ist Frühling, endlich.

Egge:
Tag der Arbeit. Ich denke an die Chicagoer Anarchisten, die Bomben geworfen haben sollen. Und die Entschuldigung der amerikanischen Regierung Jahrzehnte später. Es gab da mal ein gutes Wagenbach-Buch dazu. Lesen! Genau wie das Buch „Dynamit“ über den amerikanischen Bürgerkrieg. Anarchistischer Zungenschlag, herausgegeben Anfang der Siebziger. Und ich hab neulich laut gelacht, weil das Vorwort von einem Joschka Fischer stammt. Ich schweife ab.

Selfieee

Wir haben früher nie beim 1. Mai irgendwo gespielt. Ich musste moderieren. Das Internationale Faust-Festival. Immer Ska-Punk, immer Sonne & vor allem immer Lied 7 auf der CD mit den Langstrumpf-Liedern: „Faul sein ist wunderschön.“ Vor jedem Act. Pflicht! Holgi macht das Lied an, die Leute pfeifen mit, so ging unser 1. Mai. Ich hab damals viele Mühsam-Gedichte gelesen, Bakunin, Kropotkin, p.m. Es gab Ökoanarchisten, die Krisis-Gruppe, die Direkte Aktion im Abo. Als 2000 in Hannover die Expo auch beim 1. Mai angekündigt wurde, hing deren Symbolfigur namens Twipsy an einem Galgen aus dem Fenster am Hauptauftaktsplatz. Daneben ein Banner: Geht doch arbeiten. Mit der Naturfreundejugend, dem DGB und den Falken hab ich damals eine Broschüre veröffentlicht. Zitate und Gedichte gegen den Arbeitswahn. Von Büchner bis Dario Fo. Die schönsten kamen auf Pappschilder, die wir den Genossen und Kollegen entgegenhielten. Arbeitszeitverkürzung geht auch radikaler. Der Paul und sein Recht auf Faulheit ließ grüßen.

Besetzt?
15 Jahre später stehen wir in Braunschweig und ein älterer Besucher fragt uns während des Soundchecks, ob wir Fahnen haben. Welche? Egal. Wir sagen: ausverkauft. Später kommt das Jugendbündnis und stellt die Systemfrage, und der Oberbürgermeister lächelt still. Wäre schon lustig, wäre der Ex-OB und Ex-NPDler H. zugegen und noch im Amt. Wir kommen auf die Bühne und zitieren die Scherben: Arbeit macht das Leben süß, so süß wie Maschinenöl. Keine Pointe. Später treffen wir den Berger, Roland Krämer, Ralf und etliche andere, die schon immer etwas abseitigere Kultur in Braunschweig gefordert und gefördert haben. Und fühlen uns wohl. Beim bunten Block läuft Elektro, bei uns Jazz. Und irgendwo läuft eine Band aus Köln: Früher Revolution, heute Mülheim Asozial. Ja, ironisch gemeint, mal über sich selbst lachen, genau.

Memememe
In Oldenburg trafen wir Annika Blanke, eine Autorin, von der ich nie weiß, mit wievieltem Ns sie geschrieben wird. Sie muss los, Auftritt für bunte Kultur, Poetry Slam, & ich habe einst mal gezählt, wieviele dieser bunten Abende manche Slammer so abreißen. Nur bunter wird es irgendwie nicht.
Auf der Bühne in Oldenburg rockten Out of Ashes und Groove Garderobe. Ich kam ganz gut rein, die Besucher auch. Ein guter Abend. Tief in der Nacht spielte ein Punk Schleimkeim auf ner Klampfe, ohne Verstärker, Mikro, Bühne. Ich musste ihn drücken, ich fand es irgendwie passend zum 1. Mai. Und hatte Das letzte Lied auf diesem Arbeiterlied-Tapesampler aus dem Anares-Vertrieb im Ohr von Schmetterlinge bis Nina Hagen, Biermann bis Fluchtweg. Mal wieder den Paul lesen dachte ich, wenn ich Zeit dafür finde, mal wieder Mühsam, wenn’s passt, mal wieder Müßiggang, vielleicht am Mittwoch zwischen 14 und 16 Uhr. Der Kampf geht weiter, sagt der Rudi an Holgers Grab. Die Tachonadel jagt die Uhr, sagt Jonny Hill.

April 2015 – Wermelskirchen und Buchhagen

Selfie Boys in Remscheid

Das Leben auf Tour fordert eine Einstellung, die der Personalmanager unseres Vertrauens sicher als Soft Skills bezeichnen würde. Es ist eine Melange aus Spontaneität, Flexibilität und Offenheit. Der Blick aus dem Fenster der Züge und Busse, die wir immer zu den Auftritten nehmen, und ein Blick in die Zeitungen und Zeitschriften, in die Social Networks und die zahlreichen Nachrichten, SMS, Messages, Tweets setzt eine unfassbar hohe Verarbeitungskraft voraus. Ganz ehrlich, uns glüht der Kopf und das Herz, wenn wir sonntags von unseren kleinen Abenteuerurlauben nach Hause kommen. Post-Tour-Loch nennen das manche unserer Kollegen, und sie haben recht. Das Geballer wird ja tendenziell auch nicht weniger. Nur die Namen ändern sich, die Memes, die Überraschungen, positiv und negativ. Hier unser Bericht aus dem Wahnsinn, den manch einer Deutschland nennt.

Wuppertal City

Wuppertal ist eine kaputte Stadt. Direkt am Hauptbahnhof klafft eine riesige offene Wunde, als habe jemand einen Teil der Innenstadt einfach ausgestochen. Auf dem Bahnsteig werden wir von einem Crystal-Meth-Süchtigen angesprochen. Freundlich, siezend, aber bestimmt: „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“ Wir reichen ihm sofort ein paar Münzen. Angebot und Nachfrage halt. Am Süßigkeitautomaten kauft eine rauchende Frau ihrem vierjährigen Sohn eine Cola. „Danach bist du aber ruhig.“ Uns treffen die Blicke der Kleinstadtfaschos und Männer mit zu viel Testosteron. Egge berauscht sich am Bild der Schwebebahn, für die diese spannende Stadt neben Wim Wenders und Pina Bausch so bekannt ist.

Achtsamkeit, diesdas

Bis wir im AJZ Wermelskirchen ankommen, durchqueren wir mit einem Linienbus das Bergische Land. Die Häuser tragen dunkle Schieferplatten. Fast alle. Die Menschen sind freundlich und helfen uns, den richtigen Bus oder unseren Auftrittsort zu finden. Ein junger Mann begleitet uns sogar vom Busbahnhof bis zum AJZ. Er mache sogar selbst Musik und habe als Billy-Talent-Coverband angefangen. Auf der Skateboardrampe vor dem Klub schwingen sich drei Teenager mit ihren Trittbrettern in die Höhe, die Sonne geht am Horizont über Remscheid unter. Es ist endlich Frühling, und dieser Laden scheint eine dieser Perlen zu sein, auf die wir nie vorbereitet sind: Engagierte, humorvolle und super freundliche Menschen, die an Kultur glauben, an Freiräume, an Musik. Die daran glauben, dass Punk nicht nur Drei Akkorde, schlechte Laune und Populismus bedeutet, sondern eine Offenheit im Miteinander und mit der Kunst. Deswegen stehen mit uns auf der Bühne die tollen Bands naive und Static Me aus Köln, die jeweils ganz eigene, mitreißende und tanzbare Gitarrenmusik bringen. (Unbedingt buchen, ihr Booker da draußen.) Der Headliner The Guilt aus Schweden zeigen dann auch, wie frei man ist, wenn man das macht, worauf man Lust hat. Das Duo macht eine aerobic-fähige Mischung aus Punk, Hip-Hop und Elektro. Die beiden schwitzen und brüllen und tanzen wie wild, und nach ihrem Auftritt kann man sich schön entspannt mit ihnen über Kultur, Bildung und Infrastruktur unterhalten. Eine tolle Begegnung.

Sensible Künstler und so

Zurück in Hannover an einem Samstag mit Fußballheimspiel schaut uns der Arbeitsalltag kurz ins Gesicht, es ist aber ein freundlicher Blick. Die wenigen freien Stunden nutzen wir für das, womit wir unsere Miete zahlen, bevor wir uns abends in einem Auto auf der Fahrt in die niedersächsische Provinz wieder finden. Es geht in die Kulturmühle in Buchhagen, zu einem Poetry Slam. Das Kulturzentrum ist Teil einer kleinen Kommune mitten in einer wunderschönen Wald- und Berglandschaft. Verträumt schauen wir auf die Bäume und planen unseren nächsten Wanderurlaub hier. Dann dürfen wir das musikalische Rahmenprogramm eines sehr intimen, wundervollen und nachdenklich machenenden Slams geben. Es ist der schöne Abschluss einer wilden Tour. Wieder in Hannover angekommen, schauen wir uns die Horden an Feiernden an, die durch unseren Stadtteil ziehen. Wir legen uns lieber hin. Der Kopf ist voll, das Herz ist müde, das Bett ruft. Vielen Dank!

13. und 14. Februar – Hamburg und Leipzig

Hamburg darf sich für Olympia bewerben. Das bedeutet mehr Stadtentwicklung. Das bedeutet für uns ein paar Abschiedstränen, weil wir die schöne Stadt an der Elbe immer weniger erkennen. Es war schön mit dir. Gut, dass es noch Projekte wie die Villa Dunkelbunt gibt, die die Stadt lebendig halten. Schön, dass es euch gibt!

In der "Zeit"
„Weißt du Egge, mit deiner Frisur und der neuen Brille siehst du aus wie der neue Deutschlehrer am Gymnasium, in den sich alle verlieben.“ „Ich und Deutschlehrer?“ „Ja, der heiße neue Deutschlehrer.“

Obama und der Soli…

Im Zug nach Leipzig sitzen sonnabends nur Menschen, die arbeiten. Oder schlafen. Oder im Schlaf arbeiten. Wir gehören dazu.

Teddybär!

Folgende bekannte Menschen haben wir in Leipzig gesehen, und das hatten sie an: Clemens Meyer (beigefarbene Übergangsjacke, blaues, eng anliegendes Jeanshemd, Gesamteindruck: ehemaliger Sportlehrer, der in Leipzig hängen geblieben ist). Thomas Meinecke (nato-olives Hemd, ernstes Gesicht). Flake (Felljacke, Jogginghose mit goldenen Adidas-Streifen, Handtasche mit Puscheln). Jens Friebe (wie Egge, nur ohne Brille und Bart und anderer Nase). Jürgen Elsässer (Gesamteindruck: verwirrt, hat mindestens zwei Weltkriege verloren).

Jeder Briefmarkenautomat in deutschen Innenstädten ist kaputt. Gut, dass es nirgendwo Filialen gibt. Ohne die Post wären wir noch nicht so weit bei der Digitalisierung.

27. und 28. Februar – Leipzig und Hamburg

Dem Klaus sein Haus…

Reudnitz, Perle von Leipzig. An der Bushaltestelle sitzen die Jungs mit den Deutschland-Cappies und der Thor-Steinar-Jacke und machen Spuckefützen. Ein paar Meter weiter exen zwei Jugendliche gerade eine Flasche Pfeffi. Das Klaushaus ist direkt voll. Zahlreiche kritische Menschen lauschen andächtig unserer neuen Lesung „Opfer lesen Battle-Rap“. Besonders bei der Zurschaustellung vermeintlicher maskuliner Stärke wird gekichert. Eine tolle Premiere. Dann verlieren sich die Erinnerungen. Wir waren wohl zu aufgeregt. Kultur in Reudnitz kommt. Wir bekennen uns schuldig als Teil der Gentrifizierung und essen zur Nachtruhe noch schnell Veggie-Bratwürste.

Egge und Essen

Hauptbahnhof Bitterfeld, leerer Himmel, blühende Landschaften. Eine bayerische Frau empört sich, dass nicht angezeigt wird, wo sich die erste Klasse des Zugs nach Hamburg befindet. Sie motzt und gibt gerne die arrogante Wessi. Der freundliche Sachse mit der Baskenmütze neben ihr nimmt ihr erst die Wut und erklärt ihr dann in wenigen Sätzen den Strukturwandel seit den 1950er-Jahren. Ein Gleis weiter stehen die Polizisten in Kampfanzügen. Hansa Rostock spielt heute in Halle. Ein typischer Samstag halt.

Du bist, was du isst.

Im Zug setzt sich keiner neben uns, weil Costa die ganze Zeit seine vergoldete Panzerkette von der Hip-Hop-Lesung trägt. Die hat als Meterware im Baumarkt immerhin 1,56 Euro gekostet. Draußen scheint die Sonne. Wir holen uns die praktischen Lebenstipps wieder einmal von Donald Duck.

Bekennende Donaldisten

In Hamburg scheint immer noch die Sonne. In Hamburg! Also schnell Veggie-Schnitzel in unserer Lieblingskneipe, dem Feldstern auf der Schanze, dann ab an den Hafen. Doof auf Schiffe gucken, sonnen, nachdenken, sich freuen über so ein anstrengendes Tourwochenende. Läuft bei uns.

Poet vor Flusslandschaft

Im Centro Sociale ist Geburtstagsparty, und wir dürfen den Opener machen. Viel Bumbum, einige wirbeln ihre Haare durch die Luft. Dann ist wieder alles vorbei, und wir trinken Cocktails mit Radieschen und Basilikum. Ein tolles DJane-Duo legt Hip-Hop auf. Samstagabend in Hamburg. Eine krasse Woche geht mal wieder vorbei, und wir planen die Aufnahmen der letzten Lieder fürs neue Album. Arbeit, ne?!