09. Februar 2013 – Kassel – Karoshi

20130210-202540.jpg

Entgeisterte Fussballhools starren auf eine Horde „Hottepferd“-singende Abteilung Vollverstrahlt. Ein Krümelmonster schwenkt dazu einen ausgedruckt-und-auf-Pappe-geklebten-Leibnizkeks. Gangnamstyle mit Bürotanten als Puschelladys. Fußball trifft Karneval trifft Samstagseinkauf.

Klamottentausch im Kasseler Karoshi, „Kassel ist schön“-Buttons, Menschen, die Drum’n’Bass hören wollen und bekommen. Egge haut mit einer Sektflasche gegen sein Crashbecken und wundert sich, als sie explodiert.

Als wir morgens aus dem Haus treten, liegt da einfach eine platt gefahrene Ratte. Eine Krähe schaut uns kurz an, pickt dann aber seelenruhig weiter.

Ein betrunkener Mann versucht sich an einem Laternenpfeiler festzuhalten. Schafft es aber nicht. Fällt einfach um. Mitte in Kassel.

Eine Schulklasse lärmt im Kasseler Hauptbahnhof, drei engagierte Lehrer versuchen, den Zeitpunkt der kompletten Verantwortungsübernahme so weit es geht nach hinten zu ziehen. Verzweifelte Mütter klopfen wenig später an die Scheibe des Zugs, in der stillen Hoffnung, wenigstens von ihren pubertierenden Kindern ignoriert zu werden.

Am Hannoverschen Hauptbahnhof warten die immer noch oder wieder voll verstrahlten Verkleideten: Als Kuh, als Frosch, als Mangafigur. Ein als Polizist schlecht verkleideter schnorrt und sucht nach Pfandflaschen. Irgendwer singt laut Karnevalslieder. Die Sonne scheint.

03. September 2011 – Weltbewusst Sommertreffen

Am 3. September durften wir beim Sommertreffen von Weltbewusst spielen. Da die Teilnehmer selbst besser wissen, was sie an diesem verlängerten Wochenende alles gemacht haben, lassen wir Rebekka hier zu Wort kommen. Das Konzert selbst war sehr laut, sehr punkig (Boxen, Marke Eigenbau) und Barfusspogo. Danke nochmal dafür!

Radioballett in Barsinghausen: Fünfzig Menschen mit Kopfhörern bewegen sich durch die Fußgängerzone von Barsinghausen. In kleinen Assoziationen schauen sie sich Menschen, Fassaden, Werbetafeln und die Angebote der Barsinghausener Einkaufsmeile an. Bis sie plötzlich, mitten im Getümmel verteilt, gleichzeitig stehen bleiben, einfrieren, abrupt laufen, in den Himmel zeigen, auf einem Bein stehen, sich auf den Boden setzten, sich hinlegen oder willkürlich unkoordinierte Bewegungen machen. Passiert so etwas, handelt es sich höchstwahrscheinlich um ein Radioballett.

Radioballett ist eine performative Protestform die in öffentlichen Räumen, stattfindet, mit der Absicht auf die zunehmende Privatisierung und Sanktionierung dieser aufmerksam zu machen. Alle Teilnehmer_innen sind über MP3-Geräte einem „Radiobeitrag“ zugeschaltet, der Handlungsvorschläge, wie plötzliches Einfrieren oder auf einem Fuß stehen, beinhaltet. An diesem Samstag in Barsinghausen sollte durch das Radioballett jedoch noch zusätzlich Konsumkritik geübt werden. Menschen, die von einem Geschäft zum anderen hasten, auf den Boden schauen oder nur die nächste Konsummeile im Auge haben, stutzen, wenn sie merken, dass Personen sich nicht verhalten, wie sie es tun sollten.

Die Fußgängerzone wird aufgeweckt und durch Irritation werden einige sich ihrem Verhalten, dem blinden Umherhetzen des Konsums und der Zeit willen, bewusst. Die fünfzig Jugendlichen, die an diesem Nachmittag durch die Innenstadt Barsinghausens wandelten, waren Aktive des Projektes „WELTbewusst“. „WELTbewusst“ ist ein bundesweites Projekt der BUND-Jugend und des Weltladen-Dachverbandes. Jugendliche informieren Jugendliche durch Stadtrundgänge und Projekttage. Hier geht es um ökologische und soziale Auswirkungen unseres täglichen Konsums und wie sich Alternativen gestalten lassen. Für 30 Minuten lebte die Barsinghausener Fußgängerzone abseits der eingeschliffenen Norm auf.

Warum momentan alle mit Berlin Liebe machen wollen

Als Jeff Jarvis, Blogger und Journalismusprofessor, am Wochenende die Nachrichten schaute, wurde er wütend. Schuldenkrise, Streit zwischen Republikanern und Demokraten und keine Lösung für all die Probleme, die die ehemalige Superpower USA im Griff haben. Im Netz veröffentlichte er einen wütenden Protest voller Kraftausdrücke in Richtung Hauptstadt Washington.

Was dann passierte, sagt viel aus über das Internet und die Hypes, die wie Tsunamis durchs Netz rollen: Bei Twitter lässt sich ein bestimmtes Thema über sogenannte Hashtags kategorisieren. Der Protest in der arabischen Welt hatte einen eigenen Suchbegriff, wie auch die Fußballweltmeisterschaft der Frauen. Viele, die Jarvis bei Twitter folgten, und seine Hasstirade gegen die amerikanische Politik genauso empfanden, setzten also kurzerhand einen eigenen Hashtag für den Protest gegen den Stillstand: „fuckyouwashington“. Innerhalb weniger Stunden wurde es zu einem der meistgetwitterten Begriffe. Millionenfach unterstichen Linke wie Rechte in den USA im Netz ihre Botschaft an Washington, indem sie den Hashtag benutzten. Bei Twitter landete das Thema ganz oben, ein gutes Indiz für die Wichtigkeit von diskutierten Themen.

Jeff Jarvis war von dem vermeintlichen Erfolg völlig überrascht: „Das ist explodiert. Ich hätte das niemals vorhersehen können.“

Nun hat das Phänomen Deutschland erreicht. Kritik an der Bundesregierung, den schicken und hippen Menschen in der Hauptstadt oder einfach Hass auf Berlin – alle finden unter dem Begriff „fickdichberlin“ zusammen. Da ist es auch egal, ob man die Kanzlerin und ihre Minister meint oder einfach nur stänkern will. Am frühen Mittwochmorgen stand der Begriff schon unter den Top Drei bei Twitter und wird eifrig bei anderen sozialen Netzwerken wie Facebook diskutiert. Jetzt ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Thema auch in der realen Welt diskutiert wird und sich die ersten den Spruch auf T-Shirts oder Jutebeutel drucken lassen.

29. September 2010 – Bei Politikorange

Politikorange ist ein unabhängiges Magazin von Jungjournalisten. Im September 2010 erschien eine Sonderausgabe zu den Jugendmedientagen Ende August in Niedersachsen. Wir durften dort für das Rahmenprogramm sorgen, und als wir, durchnässt und leicht verwirrt, von der Bühne stiegen hielt uns Len Sander für ein Interview ein Mikrofon vor die Nase. Das Ergebnis liest sich dementsprechend abenteuerlich. Man stelle sich uns einfach wie zwei schnaufende Fußballer vor, die direkt nach dem Spiel die eigene Leistung beurteilen sollen.

„Ich  will die Atzen nicht verurteilen“

Die Beatpoeten, das sind Egge, 29, bekannter Poetry Slammer und Costa, 27, DJ. Die Beatpoeten haben sich 2006 gegründet. Aber „so richtig Spaß“ macht das Ganze erst seit zweieinhalb Jahren, nachdem sie aufgehört haben, „einen hohen Anspruch“ an sich zu haben und zehnminütige Kurzgeschichten in Liederform zu schreiben.

Frage: Hat kritischer Journalismus etwas mit kritischer Musik zu tun?
Costa: Ja, ganz ehrlich, wenn man mal vom Zeitungssterben absieht, wenn es keine kritischen Journalisten mehr gibt, dann wüssten wir nicht mehr, was in der Welt passiert. Und deswegen ist es etwas Richtiges, Wenn man klischee-mäßig von der „vierten Gewalt im Staat“ redet. Darauf sind wir angewiesen. Auch als Musiker.

Frage: Passen elektronische Musik und sozialkritische Texte zusammen?
Costa: Wir haben mit dem Projekt angefangen als Mischung aus Poetry Slam, aus Gedichten und Kurzgeschichten und wollten, wie die Beatpoeten, daher der Name, aus den 1950er Jahren, das mit moderner Musik verbinden. Und heutzutage ist elektronische Musik zwar nicht das Frischeste, aber das, was die meisten Leute anspricht. Andererseits muss man auch beachten, wo elektronische Musik herkommt: In den 1980er Jahren war es gerade in den USA die Musik der Schwarzen und der Homosexuellen und dadurch eigentlich auch Randgruppenmusik. Jetzt ohne das allzu böse zu meinen. Und was Die Atzen mache, ist halt Volksmusik, aber da gibt es auch verschiedene Facetten. So richtiger Goa oder Drum’n’Bass, die wirst du wohl auch nicht im Radio laufen hören, also im normalen bürgerlichen Radio, Deswegen bleibt da immer ein bestimmter Anteil an Kritik über.

Frage: Wollt ihr mit eurer Musik etwas verändern, und wo sind die Grenzen der Musik?
Costa: Niemand geht aus einem Konzert raus und denkt: „Jetzt änder’ ich die etwas!“ Aber, im Grunde genommen reicht es ja, wenn Menschen irgendwo hingehen, sich etwas anschauen, sich etwas anhören und ein gutes Gefühl haben. Als Spaß hatten. Und deswegen will ich solche Musik wie Die Atzen oder andere elektronische Musik nicht verurteilen, weil, wenn Menschen Spaß haben, eine gute Zeit, nicht auf Kosten anderer, ist doch ne super Sache.

Frage: Bringt ihr auf die Schnelle einen Vierzeiler zum Thema „Kritisch sein“?
Egge: Um verkrustete Gedanken zum Tanzen zu bringen, reicht es einfach schon, mit der Stirn zu runzeln.

Zum Autoren: Len Sander ist 13 Jahre, kommt aus Hannover, ist im Vorstand der Jungen Presse Niedersachsen und hat die Jugendmedientage 2010 mitorganisiert.

28. August 2010 – Hannover – Jugendmedientage

(Trailer zu den niedersächsischen Jugendmedientagen 2010)

„Irgendwas mit Medien!“ Der Ausruf prägt ja irgendwie schon unsere Generation der Spätzwanziger, die meisten unserer Freunde befinden sich in irgendeinem Dienstleistunsproletarierjob oder haben das eine oder andere Praktikum hinter sich.

Damit sich all die Horden von jungen Schreibern, Bloggern, Nachwuchsredakteuren zwischen dem Wust an Informationen auch ordentliches Handwerkszeug aneignen, gibt es regelmäßig die Jugendmedientage. Neben den bundesweiten gibt es natürlich auch einigen Landesverbänden organisierte Seminartagungen, so zum Beispiel die niedersächischen Jugendmedientage. Und eben dessen Macher haben uns schüchtern aber sehr nett gefragt, ob wir uns nicht vorstellen könnten, bei ihnen auf dem ehemaligen Expo-Gelände einen kleinen Auftritt zu machen, damit zwischen Interview-Training und Satire-Seminar auch die Kultur nicht zu kurz kommt.

Hatten wir natürlich. Costa war früher selbst Mitglied bei der Jungen Presse Niedersachsen und Egge arbeitet ja als freier Journalist – wir hatten also nicht nur Bühnenruhm im Kopf, als wir zusagten, sondern wollten gerne was an jüngere Kollegen weitergeben. Es hat Spaß gemacht, auch wenn die vielen Kameras der Videoseminarteilnehmer schon ein wenig nervös gemacht haben. Aber die mediale Abdeckung jedes Details gehört bei einem Medienwochenende sicherlich dazu. Auch wie sich niemand mehr wundert, wenn man einen Blog betreibt.