09. Februar 2013 – Kassel – Karoshi

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Entgeisterte Fussballhools starren auf eine Horde „Hottepferd“-singende Abteilung Vollverstrahlt. Ein Krümelmonster schwenkt dazu einen ausgedruckt-und-auf-Pappe-geklebten-Leibnizkeks. Gangnamstyle mit Bürotanten als Puschelladys. Fußball trifft Karneval trifft Samstagseinkauf.

Klamottentausch im Kasseler Karoshi, „Kassel ist schön“-Buttons, Menschen, die Drum’n’Bass hören wollen und bekommen. Egge haut mit einer Sektflasche gegen sein Crashbecken und wundert sich, als sie explodiert.

Als wir morgens aus dem Haus treten, liegt da einfach eine platt gefahrene Ratte. Eine Krähe schaut uns kurz an, pickt dann aber seelenruhig weiter.

Ein betrunkener Mann versucht sich an einem Laternenpfeiler festzuhalten. Schafft es aber nicht. Fällt einfach um. Mitte in Kassel.

Eine Schulklasse lärmt im Kasseler Hauptbahnhof, drei engagierte Lehrer versuchen, den Zeitpunkt der kompletten Verantwortungsübernahme so weit es geht nach hinten zu ziehen. Verzweifelte Mütter klopfen wenig später an die Scheibe des Zugs, in der stillen Hoffnung, wenigstens von ihren pubertierenden Kindern ignoriert zu werden.

Am Hannoverschen Hauptbahnhof warten die immer noch oder wieder voll verstrahlten Verkleideten: Als Kuh, als Frosch, als Mangafigur. Ein als Polizist schlecht verkleideter schnorrt und sucht nach Pfandflaschen. Irgendwer singt laut Karnevalslieder. Die Sonne scheint.

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Egges 2012 in Bildern

Es war ein wildes Jahr, dieses 2012.
Da kann man auch im Januar zurückschauen.
Am besten in Bildern.
Ein Blick ins Fotohandyarchiv von irren zwölf Monaten.

Januar: München (My first radical Moshpit-Party)

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Februar: Kunst, Hamburg

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Februar: Auf dem Weg nach Lüneburg

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Februar: Freiburg

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Februar: Von den Profis lernen: Florian, Hannover.

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März: Die beste Kneipe in Stuttgart.

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März: Von den Profis lernen: Roland, Hannover.

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März: Auszeit, Steinhude.

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April: Von den besten Lernen: Who, Leipzig.

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April: Neue Zielgruppen erreichen, Leipzig.

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April: Von den besten Lernen: Osterhase, Hannover.

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April: Auszeit, Berlin.

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April: Hamburg.

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April: Nähe Karlsruhe.

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April: Béi Chéz Heinz.

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April: Oldenburg.

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Mai: Kunst, Hannover.

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Mai: Hannover.

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Mai: Kunst, Langenhagen.

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Mai: Von den Profis lernen: Alex Pfeifer & Brandstifter, Mainz.

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Mai: Leipzig.

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Juni: Von den Profis lernen: Laing, Potsdam.

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Juni: Kunst, Leipzig.

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Juni: Von den Profis lernen: Feine Sahne, Neubrandenburg.

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Juni: Neubrandenburg.

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Juni: Béi Chéz Rainer

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Juni: Kunst, Pampa.

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Juni: Von den Profis lernen, Saul Williams, Hannover.

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Juni: Kunst, Hannover.

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Juni: Hannover.

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Juni: Kassel.

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Juni: Von den Profis lernen: Sommerfest der
niedersächsischen Landesvertretung, Berlin.

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Juni: Kunst, Lärz.

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Juli: Von den Profis lernen: Spanische Fußballfans, Hannover.

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Juli: Von den Profis lernen: Schützen, Hannover.

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Juli: Kunst, Bethanien.

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Juli: Kunst, Auerworld.

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August: Von den Profis lernen: Liedfett, Hannover.

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August: Auszeit, immer wieder Ostsee.

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August: Jena.

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August: Kunst, Berlin.

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August: Von den Profis lernen: Shaun das Schaf, Hannover.

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September: Auszeit, Leipzig.

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September: Auszeit, Rostock.

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September: Von den Profis lernen: Lady, Hannover.

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September: Kunst, Hannover.

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Oktober: Von den Profis lernen: Oktoberfest, Hannover.

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Oktober: Hamburg-Harburg.

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Oktober: Auszeit, Weimar.

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Oktober: Kunst, Sofatage, Hannover.

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November, Kunst in Bahnhöfen, Lüneburg bis Göttingen.

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Dezember: Von den Profis lernen: Santas, Hannover.

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Dezember:  Hannover.

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Dezember: Auszeit, Thüringer Wald.

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Dezember: Auszeit, Eisenach.IMG_2509

Mehr in Bälde.

Fusion 2012

Vielen Dank Rakete. Vielen Dank Palast der Republik. Vielen Dank Graswurzel.tv. Vielen Dank Grantler und Räuberhöhle. Vielen Dank Eva. Vielen Dank Jan, Linda, Max und H-Town! Vielen Dank Kristl und die Jenaeser Zelle. Vielen Dank Taifun aus München. Vielen Dank Janosch, Simon, Etienne und dem ganzen Kaffeeteam. Vielen Dank Abwärts. Vielen Dank AJZ NBB und den ganzen Sportlern aus MV! Vielen Dank an die Ekelhaften. Vielen Dank an Hannover, Leipzig, Hamburg, Bremen, München, Kassel und alle, die wir vergessen haben. Wir machen spielfrei bis Ende Juli!

24. Juni 2012 – Beatpoeten proben die Fahrrademo – der Bilderbogen

Techno gegen die Rüstungsindustrie? Ein Konzert auf einem Lastenfahrrad? Beatpoeten bei der documenta? Geht alles , lief alles, hat riesig Spaß gemacht. Danke an die Panzerknacker, Helfer und all die bunten Kunstmenschen, die es nicht bei Kunst belassen. Rüstungsindustrie bringt uns um.

23. und 24. Juni 2012 – Witzenhausen und Kassel

Die Uni in Witzenhausen sieht aus wie ein Schultrakt bei Harry Potter. Alte Steine, Efeu, erwürdige Türmchen. Dazu noch der Hof mit den Fachwerkbauten, oben dann der Balkon. Jetzt Minnesänger sein… Doch wir sind hier, um die Sommerfete der Uni zu bespielen.

Es gibt selbst gemachte Pommes, Kinderprogram und viel Bumbum. Mit Sequensiaz, Tanker und Bureaumaschine haben wir auch gleich vier tolle Musikkolleginnen mit der auf der Bühne, das es es eine Freude ist. Und der Kollege Bureaumaschine aus Dresden haut nur so wild auf seinen Tasten rum, dass keiner ruhig bleiben kann. Sogar ein Theremin hat er mitgebracht. Rock’n’Roll!

Wenige Stunden später stehen wir in Kassel in der Ausstellungshalle des Künstlerkollektivs and and and und liegen fast am Boden vor Lachen: Wir sind noch nie vorher auf einem Lastenfahrrad aufgetreten. Bitte, was? Ein Lastenfahrrad?! Was die Leute von der Antikriegsinitiative hier aber auf die Beine stellen, sprengt unsere Erwartungen: Egge und ich stehen während der Fahrraddemo auf einem Holzbalkon, der auf einem Lastenfahrrad fährt. Die Musik wird per Funk auf Anlage übertragen, dass solarbetrieben auf einem anderen Anhänger steht.

So geht es im Fahrradkorso durch die Innenstadt zu den – immer noch sehr aktiven – Rüstungsfabriken in Kassel. Die Menge ist ausgelassen und klingelt und tanzt. Sehr schön. Abschlusskundgebung ist dann im Nordstadtpark, bevor wir zur documenta verschwinden. Die Stadt glüht: Ein Haus wurde besetzt, vor dem Theater steht ein Zeltdort von Occupy. Wie aus einem Dornröschenschlaf erwacht, beschreiben unsere Gastgeber die Situation. Das wollen wir hautnah spüren.

„Ich habe dir doch gesagt, das Werk ist nicht neu, das stand schon bei der letzten documenta hier.“ Die anderen Kunstinteressierten schauen nur kurz in ihren Plan, finden aber keine Beschreibung zu dem Müllcontainer, den wir seit Minuten interessiert begutachten. In der einen Hand Erdbeeren, in der anderen ein Bier schlendern wir durch die Karls-Aue und laben uns an der Kunst. Besonders empfehlenswert: Omer Fasts Kurzfilm Continuity, der Obststand unserer Freunde von and and and, die Klanginstallation von Janet Cardiff & George Bures Miller, die eine Art Schnelldurchlauf von 1000 Jahren im Wald gibt, inklusive Besiedlung, Krieg und reinigenden Regen. Wir machen Notizen, mit welchen Projekten wir uns bei der kommenden documenta bewerben wollen. Läuft.

Außerdem haben wir gelernt an diesem Wochenende:
„Habt Respekt vor den Menschen, die Postkarten verkaufen.“
„Polizisten, die Windbeutel heißen, wollen eigentlich nur mal in Ruhe mit einem reden.“
„Lieder von Tracy Chapman funktionieren immer noch als Soundcheck-Test.“
„Nachts um vier keine Witze mehr.“
„Ketchupflecken gehen ganz schlecht wieder aus Ed-Hardy-Shirts raus.“
„Eine Straße, viele Bäume, das ist eine Allee!“

15. bis 19. Dezember 2011 – Hildesheim, Hannover, Kassel, Berlin

15. Natürlich kann er uns den Fernseher anmachen, damit wir Fußball schauen können. Die Mannschaft sei ja egal bei welchem Ergebnis durch, aber kein Problem. Er müsse nur kurz noch das Klo sauber machen und nickt in Richtung des einzigen anderen Gastes der Kneipe. Heinrich wird später davon erzählen, dass er der erste Mechaniker in der Wehrmacht war, damals am Wasserwerk. Und nach Frankreich seien sie auch gekommen. Unglaublich schöne Menschen. Während im Fernsehen zwei Fußballmannschaften ein Spiel ohne Bedeutung hinter sich bringen, brüllt die Musikanlage Scooter, Faithless und Andrea Berg.  Deren Fanklub trifft sich hier jeden dritten Samstag im Monat. Der junge Mann mit dem Fußballstartraumgesicht wischt immer wieder zwischen Heinrich und Klo mit einem Mop. „Ich war das nicht“, sagt dieser, wird aber von dem neuen Gast unterbrochen. „Jede Welt ist gleich. Kolumbien ist ja auch quasi das Deutschland Südamerikas und Brasilien die USA.“ „In Frankreich habe ich zum ersten Mal Rotwein getrunken.“ „Und der Obama ist ja gar kein richtiger Amerikaner.“ „Die Werkzeuge habe ich nach dem Krieg nicht zurückgegeben.“ „Und Venezuela ist ja quasi wie Russland, nur ohne Kälte und so.“  Das Spiel ist vorbei. Heinrich hält sich auf dem Weg zum Bahnhof an einer Säule fest. Die ersten Schneeflocken bleiben auf der Straße liegen.

16. Eine Menschenrechtsorganisation hat zur Studentenparty geladen. Solibier trinken, britische Popmusik hören, Erstsemestern beim Knutschen zugucken. Eine junge Dame mit engem Kleid lehnt unzählige Biereinladungen ab und verlangt dafür eine Unterschrift auf der Petition für die Freiheit eines iranischen Journalisten. Wie sein Name genau ausgesprochen wird, weiß sie nicht.

17. Der Weihnachtsmarkt in Kassel ist so etwas wie ein Geheimtipp. Frauen mit rotem Helmhaar, Brasilianer, die staunend die Grills fotografieren, mittelalte Frauen, die mit Teenagern rumknutschen. Kurz überlegen wir, einen Blog zu machen, auf den wir Fotos mit bratwurstessenden Menschen packen. Der Moment, kurz bevor das erste Stück zu heiße Wurst im Mund verschwindet. So etwas kann man nicht schauspielern. Eine Bierstube lehnt uns ab. Keine Fremden! Dahinter eine weitere, in der gerade ein Dartsverein trainiert und immer wieder „So sehen Sieger aus!“ singt. Dazwischen drei Männer mit weit auseinander stehenden Augen. Es gibt nordhessisches Bier, das als „Luxus des kleinen Mannes“ beworben wird. Egge liest später die Werbesprüche in ganzer Länge auf der Bühne vor. Ein Mann mit weißem Sommerhut, weißer Sommerjacke und weißen Lackschuhen versucht eine Gruppe Kegelschwestern von seinen Tanzkünsten zu überzeugen. Es laufen die Beatles. Die Merkur- und Novoline-Spielautomaten sind die ganze Zeit besetzt.

18. Im ICE erzählt eine Frau, dass sie das erste Mal seit Jahrzehnten wieder nach Berlin fährt. Ging ja früher nicht, und dann hat sie es nicht geschafft. Sie möchte unbedingt sehen, wie die Synagoge inzwischen aussieht. Davon hat sie nur Fotos gesehen, in der New York Times.

Die jungen Herren tragen dunkle Hemden zu Stoffhosen, auf der Bühne der Berliner Volksbühne stehen neben ihren klassischen Instrumente nur ein Laptop, und ein paar Lichter erhellen die Szene. Ein Kind schreit, ein Mann klatscht im Takt, ein Heuler kündigt an, wenn er einen Hit erkennt. Präzise und einlullend wabert und knarzt, rattert und harmonieren die zehn Musiker miteinander. Ein Augenschlag später ist das Konzert vorbei. Auf der Aftershowparty gibt es nur Champagner und Wodka in großen Flaschen. Wasser, nein das haben sie nicht.

19. Ein asiatischer Diktator ist tot und alle diskutieren über einen deutschen Staatsmann, der die Würde seines Amtes verletzt haben könnte. Viel schlimmer aber sei der Spott, dem man ihm jetzt entgegenbringen würde. Dieses Amt habe Respekt verdient und Ehre. Dazwischen werden heulende Frauen und verzweifelte Männer gezeigt, die immer wieder auf den Boden fallen und um ihren geliebten Führer weinen. Fasziniert schaut die sogenannte freie, westliche Welt nach Osten und staunt über soviel ehrliche Trauer, manch ein Politiker würde sich so ein Respekt vor der Arbeit der politischen Elite wünschen. Denn was seien schon 500.000 Euro im Vergleich zu all den Greueltaten des verschiedenen Despoten. So eine Ehrlichkeit und demokratisches Staatsmanntum solle doch mal belohnt werden.

10. Februar 2011 – Witzenhausen – Uniklub

Die Legende sagt, dass er nur kommen wollte, wenn er seinen eigenen privaten Tennisplatz an der Uni bekäme. Man erfüllte ihm seinen Wunsch – trotzdem hat man weder den Professor noch irgendwen anders je Tennisspielen spielen sehen. Und nun verrottet der Platz zwischen Gewächshaus und altem Klostergebäude vor sich hin.

Witzenhausen liegt an der Werra, fast auf halbem Weg zwischen Kassel und Göttingen. Es ist bekannt für seine Kirschen, die frühere Tropenschule, die Deutsche auf das Leben in den Kolonien vorbereitet hat und die Erfindung der Biotonne in Carlos‘ Geburtsjahr – und natürlich für eine der wenigen Unis Europas, an der man ökologische Agrarwissenschaft studieren kann. Und die, die das machen, sind ausnahmslos nette Menschen, wie wir an dem lauen Donnerstagabend im Februar erfahren durften.

Es passiert nicht oft, dass man einen tollen Auftritt macht, nett bewirtet wird und später dann halb auf Kopfsteinpflaster und halb im Matsch zwischen Fachwerkhäusern zur Schlafstatt geht und dabei von so vielen lieben Menschen begleitet wird. Wir kommen wieder wenn die Kirschen blühen.