09. Februar 2013 – Kassel – Karoshi

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Entgeisterte Fussballhools starren auf eine Horde „Hottepferd“-singende Abteilung Vollverstrahlt. Ein Krümelmonster schwenkt dazu einen ausgedruckt-und-auf-Pappe-geklebten-Leibnizkeks. Gangnamstyle mit Bürotanten als Puschelladys. Fußball trifft Karneval trifft Samstagseinkauf.

Klamottentausch im Kasseler Karoshi, „Kassel ist schön“-Buttons, Menschen, die Drum’n’Bass hören wollen und bekommen. Egge haut mit einer Sektflasche gegen sein Crashbecken und wundert sich, als sie explodiert.

Als wir morgens aus dem Haus treten, liegt da einfach eine platt gefahrene Ratte. Eine Krähe schaut uns kurz an, pickt dann aber seelenruhig weiter.

Ein betrunkener Mann versucht sich an einem Laternenpfeiler festzuhalten. Schafft es aber nicht. Fällt einfach um. Mitte in Kassel.

Eine Schulklasse lärmt im Kasseler Hauptbahnhof, drei engagierte Lehrer versuchen, den Zeitpunkt der kompletten Verantwortungsübernahme so weit es geht nach hinten zu ziehen. Verzweifelte Mütter klopfen wenig später an die Scheibe des Zugs, in der stillen Hoffnung, wenigstens von ihren pubertierenden Kindern ignoriert zu werden.

Am Hannoverschen Hauptbahnhof warten die immer noch oder wieder voll verstrahlten Verkleideten: Als Kuh, als Frosch, als Mangafigur. Ein als Polizist schlecht verkleideter schnorrt und sucht nach Pfandflaschen. Irgendwer singt laut Karnevalslieder. Die Sonne scheint.

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Jahresrückblick 2011 – Die Listen

Foto von Felix Noelle

Kerner machts, Kerkeling auch, müssen wir wohl auch ran, um uns für die Gottschalk-Nachfolge ins Gespräch zu bringen. Bald ist 2011 durch. Hui. Wir sind beeindruckt und fangen mit kleinen Listen an, dieses bunte, wilde Jahr Revue passieren zu lassen. Dann ma los.

Fünf Adressen, die 2011 unter Heimat gespeichert wurden

1. Kreisspüle, Hamburg: Der Laden heißt eigentlich Reismühle und bezeichnet das Hinterhofhaus, in dem Egge bis vor Kurzem gewohnt hat. Sieben Leute, ein verrückter Hund, eine Fahrradwerkstatt. Und wenn dann gefeiert wird, kommt die Frauenmannschaft des FC St. Pauli, Genossen aus der Kneipe neben Knust und Centro (Name soll ungenannt bleiben, ne Andi?!) und viele Greenpeaceausgestrahltgraswurzeltvler. Der Auftritt mittendrin war einfach nur gut – nur die Taxifahrt mal kurz zum Hafen war ganz schön teuer (aber unbezahlrbar!).

2. Baukasten, Hannover: Hier haben wir im April mal ruhige Lieder ausprobieren können, tatsächlich einmal geprobt (!) und schließlich Videopremiere vom „Zugvögel“-Clip gefeiert. Einfach gute Menschen.

3. Multilayerladen, Berlin: Von den Bücherbergen bis hin zum Schraubstock: wir lieben es, unter dem Kronleuchter bückend zu spielen (auch wenn man 30 Minuten vor einem sitzenden Publikum alles gibt), anschließend wild auf der Jukebox rumzudrücken, nur um dann noch später vom Hochhaus in Kreuzberg das Parkhaus des Todes mit Kippen zu bewerfen

4. AJZ, Neubrandenburg: Wir waren wieder baden, haben zu lange gefeiert & waren am nächsten Tag entsprechend heiser. Aber die Leute sind zu nett, zu engagiert, zu gut drauf, dass man sich nicht zu Hause fühlt. Und kochen können die, Wahnsinn! Bullenwagen …

5. Balthes, Ravensburg: Es war ’ne Geburtstagsfeier nach Maß: Denn wenn man schon nicht im Park grillen, auf der Straße Bier trinken und Mülltonnen anzünden darf, dann sollte man doch zumindest im Balthes noch feiern dürfen. Haben wir dann auch gemacht. War ein toller Abend & eine gelungene Alternative zum Jazzfest. Und dass wir später noch einmal zum Festival in Weingarten durften, hats abgerundet. Immer wieder gern, beim Noge, Toby und der Crew.

Foto von Felix Noelle

Fünf Adressen, die wir uns 2012 merken müssen

1. Kompott, Chemnitz: Was für ein großartiger Laden entsteht denn da, bidde? Nette Menschen aus Klubzusammenhängen und Hausprojekten gründen einen Laden für Menschen mit Visionen und Lust zu tanzen. Kein Wunder, dass Kraftklub nicht nach Berlin wollen. Das war ein richtig guter Auftakt.

2. Kafe Marat, München: Politisch umstritten und umkämpft wirkt der Laden wie ein gallisches Dorf. Terroristen, Linksradikale, gewaltbereite Autonome? Nun ja, wir haben vor allem nette, engagierte Leute getroffen, die noch eine Meinung zu Nazis, Bildungskahlschlag und Polizeigewalt haben. Tolles Konzert.

3. ACU, Utrecht: Mitten in den Niederlanden liegt das wunderschöne Utrecht. Und wer Kopenhagen mag, wird auch diese Stadt lieben. Dazu kommen nette, aufgeschlossene Menschen, die selbst einen Hinterhof in einen Park der Sinnen verwandeln können. Großer, zum Teil englischsprachiger Auftritt.

4. Zucker, Bremen: Was aussieht wie ein Lagerhaus wirkt von innen wie eine Vision vom Technoklub. Dass man dort aber auch entspannt zu Hip-Hop und Punk tanzen kann, hat uns beeindruckt. Toller Laden.

5. Jena, Besetztes Haus: So richtig besetzt, ist das Haus neben dem Kassa schon lange nicht mehr. Etwa 20 Leute wohnen dort, trainieren und feiern zwischen selbstgebauten Tresen und Tanzflächen. Das wirkt so sympathisch selbstorganisiert, dass wir wiederkommen müssen – nicht nur, weil wir das Gefühl haben, immer mehr Leute vor Ort zu kennen.

Fünf Momente des Staunens 2011

1. Anti-AKW-Auftakt, Dannenberg: Krass, so sehen also 23000 Menschen aus. Wahnsinn. Und dann singen sie auch noch „Die Gedanken sind frei“. Boh.

2. Kellerklub, Stuttgart: Wir lieben Supershirt! Ob in der hannoverschen Faust, im Backstage des Kellerklubs oder betrunken in der Glocksee. Der Vorbandjob wird da zum Freizeitvergnügen.

3. Breminale, Bremen: Das ist also Flo Mega. Was auf dem Album nach Popsoul klingt, wird live zur hochwertigen Alternative zur Disko No. 1. Großartig! Schweißreibend! Umwerfend! Und wenn anschließend noch das Viertel auseinandergenommen wird, ist das zumindest beeindruckend.

4. Open Flair, Eschwege: Ah, so sieht Clueso aus. Oh, so schmeckt das Bier im Backstage der Killerpilze. Das sind also die Fantastischen Vier. Das Open Flair-Festival war eine große Runde Erfahrung. Am meisten mochten wir trotzdem die Hessen-Slam-Leute & The Incredible Herrengedeck.

5. Peng, Mainz: Netteste Menschen treffen auf engagierteste Künstler. Ein sehr guter Rahmen, um sich auszutoben. Und wenn schon am Fahrstuhl die Liebe gestanden wird, kann man sich nur willkommen fühlen.

Foto von Felix Noelle

Fünf Open-Airs 2011 mit Herz

1. Fete de la Musique, Hannover: Stagediver, Schilder, Fahnen, Spongebobpuppen, Bierduschen, Massenpogo, Liebe, Liebe, Liebelei.

2. Schulhof, Döbeln: Laut gegen Rassisten raven. Ein großartiges Team lässt sich auch von Nazis und Besserwissern nicht die politische Arbeit kaputtmachen. Sehr gut.

3. Fresh-Air-Festival, Ortwig: Wir sind gegen CO2-Endlager spielend demonstrieren gewesen – und es hat Spaß gemacht. Ein paar Monate später wollte die Bundesregierung auch nicht mehr mitmachen und besiegelte die Bodenspeicherpläne erstmal.

4. Béi Chéz Rainer, geheime Wiese: Für eine Premiere hat es nur Spaß gemacht. Besonders wenn noch am Morgen der Bass wummert und mitten zwischen Bäumen das Strobo blitzt.

5. Dresden-Nazifrei, Dresden: Ja, es ist schon doof, wenn Konstantin Wecker den Lauti bespielt, auf dem man doch auch auftreten sollte. Noch blöder, wenn er damit zu einer Blockade wegfährt und man sich einen neuen Spielort suchen muss. Aber nur großartig, wenn am Ende Nazis keinen Meter gehen können, weil man mit Tausenden die Straßen blockiert hat. No pasaran!

Fünf Erfahrungen auf Bühnen

1. Hinterhof, Arpke: If the Kids are united: Dann wirds wild. Dann hauen sie uns die Instrumente von den Tischen und üben den Massenmoshpit auch auf der Bühne. Arpke? War fürher die Punkrockhochburg bei Hannover. Heute wird dort Elektro gespielt. Getanzt wird immer noch in der Bierdusche.

2. Witzenhausen, Uni-Klub: Unser erster Diskokugelraveabend lief in Witzenhausen. Wir riefen dazu auf, die Lichtdeko selbst zu übernehmen – und tatsächlich, die Leute brachten Knicklichter, Handydisplays und Feuerzeuge zum Leuchten. Jede Lavelampe wurde zum Strobo. Krass schön.

3. Ehemaliger Ideenhof, Basche: Die Anlage ist Schrott, so richtig. In einem Ökohofkeller bei Barsinghausen stimmt alles, nur der selbstgebaute Bassverstärker krächzt, der Rest auch. Also machen wir alles lauter – und die Leute tanzen zu einer Art Thunderdome-Soundtrack. Wahnsinn.

4. Bürgerschule, Hannover: Leise ist das neue laut. Das Publikum sitzt bei einer Soli-Aktion für Amnesty International und lauscht. Erst liest Robert Kayser, dann singt Angela Laub. Wir schreien etwas gedämpfter, Carlos macht den Bossa Nova-Techno. Spannend.

5. Lagerhaus, Bremen: Endlich wieder einmal ein Auftritt im Poetry Slam-Rahmen. Und plötzlich wird uns ein Gedicht gewidmet. Hui.

Foto von Felix Noelle

Fünf Begegnungen

1. An der Polizei, Hannover: Ulli.

2. Haus am Inselplatz, Jena: Was für eine Familie. Keine Namen. Höhö.

3. Sternhagel, Köln: Mit der Danie sprechen wir gern über Lena in Düsseldorf.

4. Soulkitchen Halle, Hamburg: Das ist also Andreas Dorau, da auf dem Konzert zur Konspirativen Küchenkonzert-Aufzeichnung. Gefällt ihm nicht so. Na denn.

5. Kufa, Hildesheim: Einfach gut, der Siggi. Und die Goldkinter.

Was sonst noch war

Unser Video zu Zugvögel ist wunderschön geworden. Danke an alle Beteiligten.

Wir danken dem Verlag Sprechstation für den Vertrieb von CD und Platten und bemühen uns 2012 etwas mehr darauf hinzuweisen.

Es war uns eine Ehre, das „Manifest der Vielen“ mit Musikbeiträgen in der Bremer Schwankhalle zu unterstützen.

Wir grüßen Step Flash, Egotronic, Ya-Ha, IRA, Infight, Maximal & Lieber Klub, Lutz & Karoshi, Manu El, Feinkost Leipzig, Anares, LOT-Theater, Ostwestfalen, Gonzo-Verlag, Filtertypen, grgr, Kevin & Felix, Feinstaubinferno und alle Verrückten, die uns dieses Jahr noch begleitet haben. Danke für dieses kunterbunte Jahr.

Foto von Felix Noelle


15. bis 19. Dezember 2011 – Hildesheim, Hannover, Kassel, Berlin

15. Natürlich kann er uns den Fernseher anmachen, damit wir Fußball schauen können. Die Mannschaft sei ja egal bei welchem Ergebnis durch, aber kein Problem. Er müsse nur kurz noch das Klo sauber machen und nickt in Richtung des einzigen anderen Gastes der Kneipe. Heinrich wird später davon erzählen, dass er der erste Mechaniker in der Wehrmacht war, damals am Wasserwerk. Und nach Frankreich seien sie auch gekommen. Unglaublich schöne Menschen. Während im Fernsehen zwei Fußballmannschaften ein Spiel ohne Bedeutung hinter sich bringen, brüllt die Musikanlage Scooter, Faithless und Andrea Berg.  Deren Fanklub trifft sich hier jeden dritten Samstag im Monat. Der junge Mann mit dem Fußballstartraumgesicht wischt immer wieder zwischen Heinrich und Klo mit einem Mop. „Ich war das nicht“, sagt dieser, wird aber von dem neuen Gast unterbrochen. „Jede Welt ist gleich. Kolumbien ist ja auch quasi das Deutschland Südamerikas und Brasilien die USA.“ „In Frankreich habe ich zum ersten Mal Rotwein getrunken.“ „Und der Obama ist ja gar kein richtiger Amerikaner.“ „Die Werkzeuge habe ich nach dem Krieg nicht zurückgegeben.“ „Und Venezuela ist ja quasi wie Russland, nur ohne Kälte und so.“  Das Spiel ist vorbei. Heinrich hält sich auf dem Weg zum Bahnhof an einer Säule fest. Die ersten Schneeflocken bleiben auf der Straße liegen.

16. Eine Menschenrechtsorganisation hat zur Studentenparty geladen. Solibier trinken, britische Popmusik hören, Erstsemestern beim Knutschen zugucken. Eine junge Dame mit engem Kleid lehnt unzählige Biereinladungen ab und verlangt dafür eine Unterschrift auf der Petition für die Freiheit eines iranischen Journalisten. Wie sein Name genau ausgesprochen wird, weiß sie nicht.

17. Der Weihnachtsmarkt in Kassel ist so etwas wie ein Geheimtipp. Frauen mit rotem Helmhaar, Brasilianer, die staunend die Grills fotografieren, mittelalte Frauen, die mit Teenagern rumknutschen. Kurz überlegen wir, einen Blog zu machen, auf den wir Fotos mit bratwurstessenden Menschen packen. Der Moment, kurz bevor das erste Stück zu heiße Wurst im Mund verschwindet. So etwas kann man nicht schauspielern. Eine Bierstube lehnt uns ab. Keine Fremden! Dahinter eine weitere, in der gerade ein Dartsverein trainiert und immer wieder „So sehen Sieger aus!“ singt. Dazwischen drei Männer mit weit auseinander stehenden Augen. Es gibt nordhessisches Bier, das als „Luxus des kleinen Mannes“ beworben wird. Egge liest später die Werbesprüche in ganzer Länge auf der Bühne vor. Ein Mann mit weißem Sommerhut, weißer Sommerjacke und weißen Lackschuhen versucht eine Gruppe Kegelschwestern von seinen Tanzkünsten zu überzeugen. Es laufen die Beatles. Die Merkur- und Novoline-Spielautomaten sind die ganze Zeit besetzt.

18. Im ICE erzählt eine Frau, dass sie das erste Mal seit Jahrzehnten wieder nach Berlin fährt. Ging ja früher nicht, und dann hat sie es nicht geschafft. Sie möchte unbedingt sehen, wie die Synagoge inzwischen aussieht. Davon hat sie nur Fotos gesehen, in der New York Times.

Die jungen Herren tragen dunkle Hemden zu Stoffhosen, auf der Bühne der Berliner Volksbühne stehen neben ihren klassischen Instrumente nur ein Laptop, und ein paar Lichter erhellen die Szene. Ein Kind schreit, ein Mann klatscht im Takt, ein Heuler kündigt an, wenn er einen Hit erkennt. Präzise und einlullend wabert und knarzt, rattert und harmonieren die zehn Musiker miteinander. Ein Augenschlag später ist das Konzert vorbei. Auf der Aftershowparty gibt es nur Champagner und Wodka in großen Flaschen. Wasser, nein das haben sie nicht.

19. Ein asiatischer Diktator ist tot und alle diskutieren über einen deutschen Staatsmann, der die Würde seines Amtes verletzt haben könnte. Viel schlimmer aber sei der Spott, dem man ihm jetzt entgegenbringen würde. Dieses Amt habe Respekt verdient und Ehre. Dazwischen werden heulende Frauen und verzweifelte Männer gezeigt, die immer wieder auf den Boden fallen und um ihren geliebten Führer weinen. Fasziniert schaut die sogenannte freie, westliche Welt nach Osten und staunt über soviel ehrliche Trauer, manch ein Politiker würde sich so ein Respekt vor der Arbeit der politischen Elite wünschen. Denn was seien schon 500.000 Euro im Vergleich zu all den Greueltaten des verschiedenen Despoten. So eine Ehrlichkeit und demokratisches Staatsmanntum solle doch mal belohnt werden.