09. Februar 2013 – Kassel – Karoshi

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Entgeisterte Fussballhools starren auf eine Horde „Hottepferd“-singende Abteilung Vollverstrahlt. Ein Krümelmonster schwenkt dazu einen ausgedruckt-und-auf-Pappe-geklebten-Leibnizkeks. Gangnamstyle mit Bürotanten als Puschelladys. Fußball trifft Karneval trifft Samstagseinkauf.

Klamottentausch im Kasseler Karoshi, „Kassel ist schön“-Buttons, Menschen, die Drum’n’Bass hören wollen und bekommen. Egge haut mit einer Sektflasche gegen sein Crashbecken und wundert sich, als sie explodiert.

Als wir morgens aus dem Haus treten, liegt da einfach eine platt gefahrene Ratte. Eine Krähe schaut uns kurz an, pickt dann aber seelenruhig weiter.

Ein betrunkener Mann versucht sich an einem Laternenpfeiler festzuhalten. Schafft es aber nicht. Fällt einfach um. Mitte in Kassel.

Eine Schulklasse lärmt im Kasseler Hauptbahnhof, drei engagierte Lehrer versuchen, den Zeitpunkt der kompletten Verantwortungsübernahme so weit es geht nach hinten zu ziehen. Verzweifelte Mütter klopfen wenig später an die Scheibe des Zugs, in der stillen Hoffnung, wenigstens von ihren pubertierenden Kindern ignoriert zu werden.

Am Hannoverschen Hauptbahnhof warten die immer noch oder wieder voll verstrahlten Verkleideten: Als Kuh, als Frosch, als Mangafigur. Ein als Polizist schlecht verkleideter schnorrt und sucht nach Pfandflaschen. Irgendwer singt laut Karnevalslieder. Die Sonne scheint.

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18. Februar 2012 – Ein Wochenende in D.

Eine richtige Fußballfanrandale wurde angekündigt. Medien und Polizei hatten sich jedoch vorbereitet, auch um die Gefahr für all die friedlebenden Menschen zu gewährleisten, die Angst vor randalierenden, pöbelnde Gewaltfans haben. Sogar zwei Wasserwerfer wurden in der Innenstadt positioniert. Die Fotos in der Boulevardpresse zeigten dann auch das ganze Ausmaß der Gewalt: Berittene Polizei mit Schlagstöcken, eine lange Kette an Mannschaftsbussen, dessen Insassen sicherlich auch mehr Lust hatten, das Spiel zu sehen, als die leeren Straßen, und zwei Fans, die auf der Straße stehen, während sie mit Pfefferspray besprüht werden. Ja, der deutsche Fußball hat sicherlich ein Gewaltproblem …

Er ist zurückgetreten. Die Parteien suchen jetzt einen würdigen Nachfolger. Diverse Kandidaten lehnen schon wenige Stunden später ab. Deutschland habe ein Elitenproblem, analysiert ein Politikexperte.

Er hat Angst, den Flug zu verpassen. Jetzt, wo doch in Frankfurt gestreikt wird. Nur 200 Menschen legen den Betrieb lahm. Wo gibt’s denn so etwas, das ist ja egoistisch von denen. Dass das ihre Rechte sind, ist ihm egal: Auf dem Weg in seinen Backpackerjahr nach Australien kann er es nicht ab, jetzt warten zu müssen. Er hat keine Zeit für so einen Gewerkschaftsscheiß, schon die Bahn hatte fünf Minuten Verspätung. Er will doch so schnell wie möglich ins Abenteur. Ins wilde Land Australien. Mürrisch schnürt er seinen Jack-Wolfskin-Rucksack wieder über seiner Jack-Wolfskin-Jacke fest, prüft den Reißverschluss seiner Aktivhose und schiebt den Brustbeutel wieder unter den Pullover.

„Das darf ja nicht sein: Die deutsche Eiche einfach so mit der Kettensäge kaputtmachen!“ Er redet schnell und ohne zu atmen. Schon seit einer Viertelstunde beobachtet er die Arbeiten im Nachbarsgarten. Drei morsche Bäume werden dort gefällt. Die Eiche muss noch nicht einmal richtig gesägt werden, so kaputt ist sie schon von innen. „Verhaften sollte man Sie, Sie machen die ganze Natur kaputt.“ Er kann sich jetzt nicht mehr beruhigen und droht, die Polizei zu rufen. Wir zeigen ihm die Genehmigung der Stadt, erklären ihm ruhig und sachlich die Notwendigkeit und präsentieren ihm die neuen Baumsetzlinge, die als Ersatz eingepflanzt werden. Es reicht ihm nicht. „Naturschutz ist Heimatschutz. Sie sind Vaterlandsverräter.“ Die Kettensäge wird wieder angeworfen, und grinsend singt einer das berühmteste Slime-Lied. „Die Eiche muss sterben, damit wir leben können.“

„Hoch das Bein.“ Sie ist dreizehn Jahre alt und für fünf Minuten der Star, hier in der Mehrzweckhalle des Freizeitheims. Die Narren tagen vor den Toren der Landeshauptstadt. Ein Landesminister macht sich in seiner Rede über Politiker lustig, über Korruption und über den ehemaligen Landesvater, der jetzt wieder in der reichen Gemeinde im Norden der Region im Klinkerbau sitzt und bestimmt irgendwelchen Hobbys nachgeht. Sein Nachfolger als Ehrensenator spricht dann über Griechenland, den Euro, das Bruttosozialprodukt und wie geil doch die Landeshauptstadt ist. Wir diskutieren kurz die Frauenquote, sind die Frauen auf der Bühne doch allesamt jung, kurzberockt und Staffage. Dann kommt Inge und wirbelt mit dem Alleinunterhalter die Halle auf. Das Schunkeln wird ekstatischer, die Narren klatschen, johlen und tröten wie im Rausch.Die 75-Jährige singt ein Medley aus den größten Faschingshits. Ich will mich als ihr Manager andienen und sie groß rausbringen. Der Bohlen hat so etwas bestimmt noch nie gesehen. Doch Egge winkt ab und schiebt mich raus. Als wir die Halle verlassen, steht die Ehefrau eines ehemaligen Kanzlers am Buffet, lobt die Hackbällchen und den Kartoffelsalat. Vor ein paar Monaten hat sie angekündigt, für diesen Wahlkreis in den Landtag zu wollen. Jetzt steht sie hier und gibt sich bürgernah. Ein Jecke stellt sich in hörbarer Entfernung und fängt an, über Hartz IV zu lästern. Die „deutsche Hillary Clinton“ indess zückt ihre Handtasche und zahlt brav das Geld für das Essen. „Die hat wohl Angst, dass sie als Politikerin über ein paar geschenkte Hackbällchen stolpert.“

„Hau ihn um. In die Fresse!“ Es läuft Boxen in der Kneipe, doch so richtig schaut niemand hin. Außer das Ehepaar, das immer an der Theke sitzt. Sie ist ganz aufgeregt. Der Vitali sei ja ein richtig eleganter Typ. So staatsmännisch. Wenn der nicht Ukrainer wäre, sie würde ihn zum Bundespräsidenten wählen. Der Kampf geht durch Punkte an den Staatsmann. In der Pressekonfernez gerät dann sein Gegner mit einem anderen Boxer aneinander. Eine Schlägerei abseits des Rings, die Polizei muss gerufen werden. Alle starren auf den Bildschirm. Die Vitalie-Anhängerin wendet sich ab. „Eklig, diese Gewalt.“

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Egge zieht Bilanz: Ein halbes Jahr in Listen (und Costa?)

Achtung Halbzeit:

Zeit innezuhalten und sich an die schönsten Momente des Jahres 2010/2 zu erinnern. Es beginnt harmlos. Die Top-10-Konzerte:

  • Jan Delay in der Color-Line-Arena in Hamburg (mit Bo und Udo als Special-Gäste): Ganz große Nummer mit mehr als 12000 Gästen.
  • Jan Plewka singt Rio Reiser in Oldenburg: Spontan hingefahren und auch wenn mal jede Geste langsam auswendig kennt, immer wieder Gänsehaut. Unvergessliche Nacht.
  • Scorpions in Leipzig Arena und der Tui-Arena in Hannover: Ja gleich zweimal und ja, weils einfach gerockt hat. Keine Balladenband nimmt da Abschied, sondern echte Rock’n’Roller.
  • Dyse im Hamburger Hafenklang: Meine Herren können die Gas geben. Selten so mitgerissen worden.
  • Le Truc im Störtebecker Hamburg: Das Seitenprojekt von Antitainment stellte sich vor und hinterließ 30 Minuten Schredderschneise im Publikum. Wahnsinnige Show.
  • Gladbeck City Bombing in irgendeinem Backstageclub auf der Hamburger Reeperbahn: Sie wickeln sich mit Gaffa ein und behängen sich mit Tape-Bändern und spielen dazu rüden Elektro. Oha, die kriegen den Verrücktenbonus. Sehr geil.
  • Chumbawamba in der hannoverschen Glocksee: Weils einfach schön ist. Die Leute von der Insel haben schon jetzt Songs zum Tod von Maggie Thatcher.
  • Active Minds in der Hamburger Lobusch: Rüder Punk von zwei Urgesteinen des Punk. Und wenn die alten Säcke auch noch ihre Shirts lüften und nur Fett und Schweiß wabert, ists eklig, aber auch irgendwie schön.
  • Images in der hannoverschen Korn: Weil de Genossen mal richtig rocken!
  • Uiuiui auf der WG-Party in Lüneburg: Weils kruder Elektropunk ist und ein gelungenes Seitenprojekt von Naomi Go! Go! Wenn ich mich nicht täusche. Sehr lustig.

Die Top-10-Kultur-Ereignisse:

  • Die Deichkind-Operette im Hamburger Kampnagel: Noch nie habe ich gesehen, wie sich eine erfolgreiche Band so schonungslos ehrlich selbst entzaubert hat. Danke für diesen Abend!
  • „Mohammed TV“ in der hannoverschen Glocksee: Packendes, verstörendes Theaterstück über Ängste und Panik. Großartig!
  • „Auto! Auto!“ im hannoverschen Pavillon: Zwei Percussionisten zertrümmern einen Opel und spielen mit Vorschlaghammer Tschaikowski drauf. Hatte ich noch nicht gesehen und habe nur gelacht.
  • Galerie-Entdeckung für mich: die Hamburger Urban-Art-Galerie „auf halbacht“
  • „Hören 2010“: Was als Eurovision Song Contest für hannoverschen Musikhochschüler gedacht war, entpuppte sich als echte Talentschmiede.
  • Jason Dodge im Künstlerhaus in Hannover: Ja, der Typ hat ne Macke. Er wirft Silberbarren durchs Fenster und nennt das Kunst. Super Ideen.
  • „Nipple Jesus“ in der Cumberlandschen Galerie in Hannover: Weils einfach ein richtig guter, unterhaltsamer und nicht blöder Abend war. Sehr geil.
  • „Anders Festival“ im Hamburger Haus 73: Weil ich zu spät zu diesem sehr schönen Festival kam, gabs nur noch Getränke und tolle Gespräche. Leider waren zu wenige Gäste da, das Programm war der Hammer!
  • Subway to Sally im Capitol Hannover: Weils skurril war und nicht wirklich in die Top-Ten-Konzerte gepasst hätte
  • Sin Nombre: Weil zumindest ein Kinofilm in dieser Rubrik auftauchen sollte.

Die Top-10 der skurrilen Ereignisse:

  • „Zeiten ändern dich“-Vorabpremiere in Hamburg: Gott, Bushido!
  • Das „Supertalent“ in der hannoverschen AWD-Hall: Sorry, Carlotta
  • Karneval in Hannover: Alaaf!
  • Ben Becker liest in der hannoverschen AWD-Hall die Bibel: Gott!
  • De Höhner im hannoverschen Aegi: Kölsches Schunkelchaos an der Leine
  • Das Theatererlebnis des Graffitimuseum in der Cumberlandschen: war leider keins.
  • Corvus Corvan oder so im Musikzentrum Hannover: Mittelalterlangeweile mit hübschem Drummer.
  • Schiffrundfahrt an der Autostadt Wolfsburg: Bitte!
  • Der Beatpoeten-Auftritt in Lüneburg, als ein DJ uns von der Bühne drängen wollte
  • Die Wailers im Musikzentrum – ganz düster

Die Top-10-Geschichten für die Zeitung

  • Die Lena Meyer-Landrut-Geschichte: Weils mich nach Köln und Oslo gebracht hat, weil ich ein wenig zuschauen durfte, wie Stars geboren und gemacht werden, weils traurig macht und ein wenig auf einen selbst zurückwirft. Die wichtigste Frage für mich: Warum brauchen wir eine Lena? Welche Bedürfnisse spricht sie an, was projizieren wir alles in sie hinein, wie soll sie alle Wünsche befriedigen? Und warum nehmen wir uns nicht einfach, was wir in ihr vielleicht suchen? Darum Platz eins.
  • Wetten, dass..?: Weils für mich Anlass war, über den neuen Samstagabend-Moderator nachzudenken. Wird Raab der neue Gottschalk und was heißt das? Spannend.
  • John-Raabe-Porträt: spannender Mensch, der Enkel vom Schindler in China. Film mit Tukur schauen und dann mal den Raabe-Enkel im Netz googeln. Sehr interessant.
  • Die Cyril-Krueger-schaut-zurück-Geschichte: Der Mucker schaut auf die drei Monate „Unser Star für Oslo“ zurück und reflektiert den ganzen Hype um Castingshow, die TV-Auftritte und die Werbemühle.
  • DJ-Bobo-Interview: Weil der Typ seit vier Jahren für die UN-Hungerhilfe malocht und gern im Iran spielen würde – die Jugend stehe dort auf ihn. Er verpackt seine Botschaften („respect yourself“) in den Lieder und ist selbst angepisst, dass er immer nur als Gute-Laune-Bobo wahrgenommen wird.
  • Jeanette-Biedermann-Interview: Weil sie eine Stunde darüber reden kann, dass sie wirklich macht was sie will. Und dann gabs eine persönliche Geschichte und sie sagt die Tour ab. Interview erschien nicht.
  • Die vielen kleinen Begegnungen, die einen mehr prägen als man anfänglich denkt: der Tänzer und Choreograph Felix Landerer, Tobias Schlegl, Wüstenforscher Michael Martin, Schauspieler Kai Wiesinger und Autor Wolfgang Hohlbein.
  • Rio Reiser soll umgebettet werden! Die Möbius-Brüder haben keine Kohle mehr für Fresenhagen, also soll der Ton Steine Scherben-Hof verkauft werden. Weil Rio mit Ausnahmegenehmigung im Boden liegt, müsste er bei Verkauf raus! Wahnsinn!
  • Für den 7.-Tag hab ich die Geschichte der Drückerstuben aufgeschrieben, habe mit Abhängigen gesprochen, mir Druckstuben angeschaut und mit den politischen Kämpfern dafür geredet. Wahnsinnig interessant. In Hamburg sind noch heute Spritzenautomaten verboten, obwohl es viele Leute vor Infektionen schützen könnte. Schill hatte die damals verboten. Mittlerweile regiert in HH schwarzgrün. Keine Änderung.
  • Ich durfte über die Peter-Lorenz-Entführung genauso schwadronieren, wie über die Bierkrawalle im Vormärz, Pacman und Deep Throat. Ich mag die Rückspiegel-Rubrik. Danke für jede Rückmeldung von Euch zu meinem Broterwerb!

Einfach 10 Dinge, die ich gelernt oder die mich bewegt haben – die Reihenfolge entspricht dem Zufall

  • Ich habe einen Steuerberater
  • Ich kann Mexikaner trinken ohne zu kotzen
  • Die Ostsee lässt mich nicht los. Ich muss da oben dringend was klären. Solange findet ihr mich dort, immer wenn ihr lange nichts von mir gehört habt
  • Reality Bites wird immer mehr und mehr zu meinem Lieblingsfilm
  • Es ist höllisch schwer über Freunde und Bekannte zu schreiben. Sorry Enzo. Ich mach sowas in Zukunft einfach nicht mehr.
  • Es ist großartig, gute Freunde zu haben – auch wenn man manche sehr selten trifft. Danke! Und danke dir, Herr Costa!!
  • Die schönsten Dinge 2010: Wunderkerzen, Sonne und Hotelfrühstück
  • Es ist wirklich so, dass das Leben funktioniert wie ein komliziertes Stück Kunst. Manchmal reicht ein Schritt zurück, um den Maßstab zu verändern. Und dann zählt nur das Bauchgefühl.
  • Es macht Spaß zu Hause zu sein, wie es Spaß macht, unterwegs zu sein. Und ich mag Hamburg.
  • Manchmal ist weniger mehr.

Die Top-10 der Eggeauftritte – ohne zwingende Reihenfolge

  • Ich schreib einfach mal pauschal alle Slams mit Henning in der Faust. Weils einfach auch nach sechs Jahren Spaß macht. Auch wenn wir viel lästern, wir mögen die Auftretenden wie die Zuschauer. Es bleibt eine Leidenschaft bei aller Routine. Gilt auch für Bad Münder und Celle.
  • Einziger Ausnahmeslam: die Nummer in der Oper Hannover. Vor 1200 Leuten moderieren ist schon geil.
  • Und noch ein Slam: diesmal Jena. Weils ne Ausnahme war, aber für Martin und die DB-Schlafwagen mach ich immer wieder eine. Das gilt auch für den Slam von Felix Römer in Kassel.
  • Die Moderation vom Projekt „Yes, we can“ – eine Podiumsdiskussion mit ner Menge Politiker zum Thema Integration
  • Die Moderation der Reihe Cinema Global zum Thema Graswurzeljournalismus mit Graswurzel.tv und Kanak.tv. Sehr spannend.
  • Die Moderation vom ZiSH-Schreibwettbewerb. Weils mir tatsächlich immer noch Spaß macht.
  • Die Lesung in der Hinterbühne in Hannovers Südstadt. Sehr intim.
  • Die Lesung beim Kulturkiosk. Thema: Lena & ich. Das war wirklich schön und hat mich ziemlich berührt.
  • Die Moderation des 1. Mai-Fest bei Faust in Hannover. Immer wieder schön. Bühnenanarchos tanzen zu Pipi Langstrumpf. Das findet nicht jeder gut.
  • Die Moderation des Autofreien Sonntag in Hannover. Boh, macht das Laune!

Soweit. Die Auftritte der Beatpoeten machen wir mal extra.
Danke für das erste halbe Jahr!
Danke Euch!!