01. April 2012 – Schnauze

„Sie sah aus wie eine Xylophonspielerin einer isländischen Band.“ „Das ist jetzt aber schon ziemlich rassistisch.“ „Aber ist stimmt.“ „Nicht jeder isländische Musiker macht Lieder wie Sigur Ros.“ „Es heißt Sigur Ros. Und die singen in einer ausgedachten Sprache.“ „Aber mit den ganzen Wollsachen und den tausend Schichten war sie perfekt vorbereitet auf das Klima, das alle zehn Minuten wechselt.“ „So wie in Ostfriesland.“ „Dort trägt man ja auch gerne noch Gummistiefel. So ganz ironiefrei.“ „Gummistiefel sind auch geil.“

Vorhin hat sie sich noch über das Moderne an der Oper angewidert aufgeregt. „Kein Respekt vor diesem große Stück! Ich habe das ja schon zweimal gesehen und bin enttäuscht. Wie die Kultur immer in den Schmutz gezogen wird von diesen modernen Regisseurin. Eine Schande für Europa.“ Jetzt freut sie sich: Auf der Bühne steht ein fast nackter schwarzer Schauspieler, nur mit Lendenschurz im Leopardenstyle, Butler-Handschuhe und Pumps. Die Retterin der Abendlandkultur neben mir lacht laut los.

Wir lösen uns auf, irgendwann.

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2011 – Listen, Teil II.

Ja, es ist zu spät. Aber an dieser Stelle muss es sein. Ein persönlicher Rückblick vom Ensemblemitglied Egge. Danke für dieses bunte Jahr.

Schöne Musik:
1. Christiane Rösinger am Schauspiel – Meine Lieblings-Platte in diesem Jahr live samt Lassie-Songs. Toll.
2. Goldene Zitronen beim Boot Boo Hook-Festival. Viele fands doof. Gerade weil Schorsch damit umgehen kann, wurde es grandios.

3. Mogwai im Grünspan in Hamburg und im Capitol in Hannover. Einfach wegdriften.

4. Transmitter bei der Fete de la Musique und beim Open Flair. Was das knallt.

5. Bruno Punani beim Fährmannsfest. Für mich die Entdeckung aus Hannover 2011. Klezmer-Punk vom niedersächsischen Ural.

6. Nouvelle Vague im Capitol. Schön.

7. Flo Mega bei der Breminale in Bremen. Schweißtreibender Soul-Reggae.

8. Mediengruppe Telekommander auf der Stubnitz in Rostock und in der Glocksee. Adieu!

9. Alte Schule Masthorn beim Fährmannsfest. So klingt Politrappunk heute.

10. Clueso aufm Open Flair. Jetzt macht er auch Elektro. Gut.
Schön wars auch bei Supershirt, Kyuss, Klämpner, Jeans Team und auf all den Festivals von Fusion bis Boot Boo Hook.
 
 
2. Skurrile Kulturereignisse:
1. Vorlesung über Enterprise-Technologien in der Uni Hannover – super!
2. Schlagerfestival in der TUI Arena Hannover (Andrea Berg vergisst ihr Playback, Jürgen Drews knutscht Pressekollegen)

3. Karnevalsumzug in Hannover samt Gutti-Demo auf dem Opernplatz (kam leider keiner)

4. Die Prinzen singen im Capitol

5. Die Phudys geben sich als Mauerbrecher im Theater am Aegi

6. Klasse wir singen in der TUI Arena ist ein Singfestival von Tausenden Kindern in Niedersachsen – Massengesang macht mich nervös

7. Milow ist gar nicht so scheiße, wie man ihn scheiße finden möchte

8. „Schluss jetzt! Lauter“ von Stemann im Deutschen Theater Berlin war das beste Theaterstück 2011

9. Tanztheater „Babel“ auf Kampnagel in Hamburg war das beste Tanztheaterstück 2011

10. Das Udo Lindenberg-Musical in Berlin ist okay, das Stage-Musical hat sich wirklich an Kritik versucht & stets bemüht
Ansonsten loben wir The Computers im Heinz und Christoph Maria Herbst im Allgemeinen.
 
 
3. Schlimme Kulturereignisse:
Arschkrampen im Theater am Aegi – nee. Göbel, kotz, brech.

Der W. im Capitol – schlimm, der Böhse Onkel macht auf Verständnisschulter und Erbauungspredigt – anschließend drüber schreiben, ist wie Kampfhundebesitzer anklagen

Siggi & Raner im Theater am Aegi – ach ja, das war auch mal lustiger
 
 
 4. Fünf Filmmomente:
1. Pina von Wim Wenders – göttlich

2. Absolute Giganten im Stadion des FC St. Pauli und im Baukasten Hannover

3. Rocky Horror Picture Show in Hannover mit Freunden – und Mirco spricht jede Zeile mit

4. Melancholia – Gänsehaut, groß

5. Eine dunkle Begierde – bin im Dunkeln eingeschlafen
 
5. Gesprochen & Gewundert:
1. Tom Gerhard ist im Cinemaxx Hannover eine einzige Falte

2. Hanna Herzsprung ist bei nem Kurzfilmdreh in Hannover schön – schön einsilbig

3. Tom Astor macht in Wirklichkeit Country!

4. James Last will weitermachen – egal, wie lang

5. Ottfried Fischer kämpft ausgerechnet als CSU-Wertebewahrer gegen Bild
 
 
 6. Gesprochen & Bewundert
1. Roberto Blanco, bei der Infa getroffen, selten so viel über Popkultur verstanden

2. Heinz Rudolf Kunze im Maritim Hotel Hannover – krasse Brille & politische Einstellung, aber immer klar und direkt

3. Die Echse – die Rettung des Handpuppenhumors

4. Sven Regener hält nicht viel von langen Sätzen

5. Klaus Farin im Literarischen Salon – das Archiv der Jugendkultur

6. Daniel Küblböck – gar nicht so doof

7. Katrin Bauernfeind – verliebt

8. Thomas Meinecke im Literarischen Salon – Minimal ist nichts anderes als Tempelkultur, wow.
 
7. Verloren:
1. zwei Handys

2. eine Brille

3. einen Bulli, zeitweise

4. Geduld mit Internetanbietern

5. eine Wohnung in Hamburg
 
 
 8. Moderationsmomente:
1. Moderation der Auftaktkundgebung der Anti-Atomkraft-Bewegung

2. 1. Niedersächsische Poetry Slam-Meisterschaft in Hannover im vollen Opernhaus – Gänsehaut

3. Running Mic zum Open Flair – wir lesen sechs Stunden im hessischen Nahverkehr und die Leute haben tatsächlich Spaß.

4. Erster Team-Slam an der Parkbühne Hannover – lesen unterm Mond samt Picknick

5. Neue Sachbuchreihe mit politischen Themen und Büchern – eeeeendlich! Pavillon! Danke Lisa-Marie fürs Vertrauen

6. Zehn Tage moderieren für die Ideenexpo, samt Mirko Slomka und Katrin Bauernfeind

7. Moderation für den Literarischen Salon mit Klaus Farin, große Unterhaltung

8. Science Slam-Finale im Convention Center mit Kulturministerin vor 1000 Menschen

9. Moderation des Halbfinales der Deutschen Slammeisterschaften im Uebel und Gefährlich

10. Nochmal Slam: Erster Teamslam in der Hamburger Fabrik
Auch wunderbar: der Autofreie Sonntag mit 200000 Besuchern, die Aktion Sicherer Schulweg mit 20000 Kids, Fährmannsfest mit 15000 Besuchern, die erste Moderation für das Handwerk mit Martin Kind, erste Moderation für ABF, die Science Slams im Pavillon und die Poetry Slams bei Faust.
 
 
 9. Lesemomente:
1. Für das Recht auf Faulheit – endlich wieder Gedichte vortragen, Braunschweig, Kaufbar

2. Texte fürs Bleiberecht, Wolfsburg, Stadtbibliothek, danke an Dominik

3. Lesen fürs Buch, nicht fürs Bier, Brauhaus Hannover

4. Gedichte für Schüler des Slam-Workshops im Jugendknast Hameln

5. Gedichte für Schüler des Slam-Workshops im alten Bahnhof in Seelze
 
10. Momente, die bleiben, in Stichpunkten:
1. Island
2. Ostsee
3. Sylt
 
 
Skurrile und schöne Momente, die bleiben:
1. Eine ganze Woche Düsseldorf, um über Lena zu recherchieren
2. Eine ganze Nacht im Spielzeugladen verbringen
3. Das erste Mal auf dem stillgelegten Tempelhof laufen
4. Hochzeit im Hafenklang Hamburg feiern
5. Mit Zehntausenden in Dresden Nazis aufhalten
6. In Dresden in einem Trabanten schlafen
7. Ein Video mit einem Fanfarenzug drehen
8. Die Fusion noch 15 Stunden besuchen
9. In Utrecht die Sonnen untergehen sehen
10. Mit Herrn Costa aufwachen
 

Island Teil 2

Okay, die Tagen werden länger, in Deutschland wird es wärmer, Zeit zu gehen, sonst wirds noch zu lauschig in der Wohlfühloase. Egge zählt die Tage bis zu seinem ersten Island-Trip und ärgert sich über seinen Bulli. Nach zwei kaputten Kupplungen, einer defekten Standheizung, einer 1600-Euro-TÜV-Rechnung ist nun die Benzinpumpe hin und der Motor eine Öl-Diesel-Schleuder, wobei unter all dem Dreck noch nicht klar ist, ob der Zahnriemen noch hält und ob nicht auch alle Zylinderkopfdinger einfach im Arsch sind. Nichts Neues von Herrn Bulli also. Jaja. Habe ja noch etwa drei Tage. Zeit sich abzulenken und Islandliteratur von Hernn Müller zu studieren. Die Erkenntnisse wieder zur Kenntnis. Wo sind die Elfen, wenn man sie braucht?

– noch heute suchen Wissenschaftler die Insel Frisland, die im 16.  Jahrhundert in Karten auftauchte, aber später nie gefunden wurde
– in Island gibt es mittlerweile wilde Kaninchen
– sie überleben indem sie sich an Heizrohre kuscheln und sich von Künstlern füttern lassen
– ein Künstler hat in Basel mal Köttel ausgestellt
– alle Isländer sind eigentlich Schriftsteller (nur schreiben sie nie wie es wirklich ist; eigentlich sind alle Isländer eher märchenhafte Lyriker)
– in der Mitte des Landes gibt es ein Tal, das ewige Jugend verspricht
– es gibt bis heute keine richtige Nationaltracht
– der schlimmste Vulkan heißt Hekla, was Haube bedeutet, weil er immer mit Schnee bedeckt ist. In alten Büchern vermuteten Europäer dort den Eingang zur Hölle
– Mäusen dienten auf Island lange Kuhfladen als Schiffe auf Gewässer.  Ihr Schwanz fungierte als Ruder
– während der Nazizeit nannten Isländer Hitler im besetzten Dänemark Hjalti – so konnten sie Witze machen ohne verfolgt zu werden
– der Nazi Rosenberg hielt Island für die Wiege germanischer Kultur
– bei einer Schlingensief-Performance brüllte 2005 Jonathan Meese immer Heil Hitler – Müller meint, Heil Hjalti wäre wirklich ein Skandal gewesen wie erhofft
– als Kohl aus Kostengründen das Goethe-Institut platt machte, eröffnete Müller ein privates Goethe-Institut. Auf dem Lehrplan: Zwergen-, Elfen- und Sexualkunde
– Steine mit verschiedenen Schichten heißen Trollbrot und Trollpralinen
– es gibt Gerüchte das APO-Kämpfer Kunzelmann gar nicht tot ist,  sondern in Island wohnt
– 1997 eröffnete auf Island das erste Penismuseum – ein Spanischlehrer stellt dort präparierte Penise von Säugetieren aus. Ja, dort gibt es auch einen Elfenpenis
– zum Schulabschluss tragen isländische Schüler Tierkostüme
– Isländer badeten bis 2000 nicht in ihrem Meer – ist es zu kalt. Nach einem Unglück hat’s ein Herr Fribporsson drei Stunden ausgehalten – ein Wunder. Er trug dann den Namen Robbenhaut
– im Jahr 2000 wurde eine Bucht mit Pumpen und Dämmen erwärmt
– mit dem Warmwasser werden auch Gehwege beheizt
– zur Schwulenparade Gay Pride feiern mehr Leute als beim Nationalfeiertag. Den ersten Gay Pride leitete 1999 Sigur Ros ein.
– den Gay Pride gibt es seit 2002 auch in Grönland – damals kamen 30 Teilnehmer
– das Nordlicht soll manchmal Geräusche mache: mal knistert es, mal klingt es nach rüttelnden Kaffeebohnen. Wissenschaftler sagen das geht nicht. Die Frequenzen sind nicht hörbar, aber das Hirn wird zum Arbeiten gezwungen und die Reflexe dort können als Knistern wahrgenommen werden
– der Kulturboom der Hauptstadt begann erst mit der Aufhebung des 100-jährigen Bierverbots
– einst wurden aus Kiemenknochen Klammern für Näherinnengesichter gebastelt, damit ihnen die Augen nicht zufallen
– die Isländer unterscheiden zwei Sorten Pickel: schwarze und weiße. Im Gegensatz zum Deutschen gibt es auf isländisch zwei Worte dafür: bola (weißer Mitesser) und filapensill, zu deutsch: Elefantenpinsel (weil Elefanten als schwarz gelten)
– bis heute gibt es keine Zugstrecke auf Island
– der Gewinner von Island-sucht-den-Superstar tourte nur ein paar Wochen rum, dann hatte er alle Diskos durch und fängt heute Schellfisch
– ein Traditionssport auf Island ist Glima, dabei versucht man den Kontrahenten umzuhauen und gleichzeitig am Gürtel festzuhalten – eine Art ringen als Tanz
– früher wollte niemand Seewolf essen, also wurde daraus Nouvelle Cuisine. Ein Tintenfisch mit Glubschaugen heißt heute Grenadier und ist ein Delikatesse
– um Eishaie zu fangen, nutzten Fischer früher in Rum getränkte Seehundköpfe
– 54,4 Prozent der Isländer glauben an Elfen
– Elfen leben etwa 150 Jahre hinterher und entdecken gerade die Eisenbahn
– Elfen sind Anhänger der Monarchie
– statt einem Weihnachtsmann werden auf Island Weihnachtsmänner abgefeiert. Sie heißen Stöpsel, Quarkfresser, Fenstergucker, Kerzenschnorrer, Suppenschlürfer, usw. Und sind eher Punks
– die Grüne Partie entstand auf Island nicht aus Protest gegen Atomenergie sondern aus Protest gegen einen Stausee für ein Wasserkraftwerk
– Isländer halten Versprechen
– Elfen reden nicht, sie singen

Puh. Ich drück die Daumen. Ihr Lieben, alles wird gut*