Egges Rückblick zum Jahr 2016

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Ein Ausflug in die alte Heimat: Sommer in Neubrandenburg.

Meine Fresse, was war das denn?! Wir waren euphorisch im Frühjahr, im Sommer einfach drauf, im Herbst in einer Art Jahreszeit gewordenem Sauerstoffzelt & im Winter ordentlich bei der Inventur. Das Jahr 2016 war eines der intensivsten Jahre der Bandgeschichte – passend zum zehnjährigen Bestehen der Band mit dem komischen Namen. Vielleicht sind wir alt geworden? Vielleicht kosten Jobs, Ideen & Projekte außerhalb des Banduniversums doch mehr Kraft, als man es für möglich hält? Oder sind es die gesellschaftlichen Umbrüche, die einen nicht richtig schlafen lassen? Privates & Politisches. Gehörte für uns als Band immer zusammen. Gehört es immernoch. & manchmal möchte man die ganze Welt einfach gegen die Wand schmeißen und mit den Scherben nochmal neuanfangen & basteln. Geht nur nicht. Also zurück ins Werk.

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Beatpoeten auf der Bühne zum Internationalen 1. Mai Fest.

Da hilft es tatsächlich, ein wenig in den Fotos, Flyern und Erinnerungsfetzen zu kramen. Was war da eigentlich los, 2016? Waren wir viel unterwegs? Zu viel? Zu wenig? Gab es was zu entdecken? Haben wir etwas vergessen? Bestimmt. Mehr als ein Handy und eine Bahncard auf jeden Fall. Ein Versuch der Bestandsaufnahme.

Wir fangen einfach an. Die zehn besten Konzerte 2016

1. FCKR – Release-Show Soundso, Leipzig

2. Blixa Bargeld & Teho Teardo, Lissabon

3. Die NervenFaust, Hannover

4. The Incredible Herrengedeck, SO36, Berlin

5. Art Garfunkel, L’Olympia, Paris

6. Isolation Berlin – Faust, Hannover

7. Feine Sahne Fischfilet – Festival Täuchental, Leipzig

8. Hyäne Fischer, Fête de la Musique & Alt-H

9. NOFX & Pennywise, Faust, Hannover

10. KIZ, Swiss Life Hall, Hannover

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Posterboy in Leipzig mitm Monchi.

FCKR war eine Band, die mich dieses Jahr sehr begleitet hat. Immer druff. Ironisch. Klar. Irgendwie auch nicht. Da passen die verzweifelten Isolation Berlin-Schreie, der Postindiekram von Die Nerven, die Ansagen von NOFX bis FSF.

Die zehn Neuentdeckungen für mich 2017

 

1. Meute, Kulturarena, Jena

2. Gruppa Karl-Marx-Start, NBL, Leipzig

3. Das Flug, blank, Berlin

4. Oi of the Tiger, Heinz, Hannover

5. Coca Candy, Fährmann, Hannover

6. Argies, Störfaktor, Zwickau

7. Aktiv Passiv, Chekov, Cottbus

8. Rabaukendisko, Glocksee, Hannover

9. Klostein, Störfaktor, Zwickau

10. The Black Madonna, Fuchsbau-Festival

https://dasflug.bandcamp.com/track/deutlich-unterbewaffnet-in-hellersdorf

Ich merke immer mehr, dass die schönsten Konzerte vor allem mit Leuten zu tun haben, die man ins Herz geschlossen hat. Da mag nicht jede Note richtig sitzen, mit den richtigen Menschen im Publikum, an den Instrumenten oder an den Reglern passt das alles schon. Meute sind mittlerweile quasi berühmt, die Argies hab ich Jahrzehnte zu spät entdeckt, und Rabaukendisko sind vermutlich schon wieder durch. Egal. War schön. Und Das Flug trifft bald Coca Candy und Beatpoeten beim Wutzrock. Harhar.

Für die Vollständigkeit: nicht neu, aber noch immer spannend & großartig

1. Messer, Glocksee, Hannover

2. The Hirsch Effekt, Reeperbahn-Festival

3. Lumpenpack, Fährmann, Hannover

4. Kasimir Effekt, Fuchsbau-Festival

5. Beatbar, Fährmann, Hannover

Messer hab ich sehr gemocht. Haben mich überrascht in ihrer Dringlichkeit. Die anderen Bands sind wie kleine Schätze, die man in der Brusttasche trägt. Und wenn wieder jemand nach kleinen Tipps fragt: Bäm!

Tacheless: Voll auf die Band gefreut, dann mit angezogener Handbremse zugeschaut

1. Beginner, Swiss Life Hall, Hannover

2. Milliarden, Heinz, Hannover

3. Alin Coen Band, Täubchental, Leipzig

4. Dirty Honkers, Ballhof, Hannover

5. Zugezogen Maskulin, FCLR, Hannover

Natürlich liegt es an den Umständen. Aber bei Alin Coen musste ich weg, die Honkers haben das Gaspedal verfehlt, und Zugezogen Maskulin? Ich mag die Musik, live hab ich keine einzige Zeile verstanden. Mhh. Ach so: die Beginner waren mit ihrem Set nach 45 Minuten durch. Am Rest der Show rätsel ich noch. Warum sollten wir für ein Video nochmal zu Samy Deluxe tanzen?

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Fusion-Konzert für zehnjährige Edelklos. Danke, HCWC!

So. Achtung, ernsthafte Kategorie: die zehn besten Beatpoeten-Auftritte

 

1. Fusion – Landebahn-HCWC (Eine Musik gewordene Liebeserklärung)

2. Ende Gelände-Abschluss-Rave (Danke, Herrengedeck!)

3. Hafenklang-Exil, HH (mit DiskoCrunch) (Heiß, mit DJ Costa)

4. Burg Herzberg Festival (Literaturrave)

5. Punx Picnic Neubrandenburg (Heimspielcharakter)

6. Bahnrave zum Open Flair (Grüße gen Renato, Felix und Tilman)

7. Lesung in Glocksee mit Leo Fischer (Grüße gen Malte & Indiego-Team)

8. SO 36, Berlin (mit Herrengedeck)

9. about.blank, Berlin (mit Das Flug)

10. KuZe, Potsdam

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Auf gehts, ab gehts, Ende Gelände.

Ganz wunderbar war es natürlich auch in Ravensburg, Witzenhausen, Cottbus & Zwickau, im Klapperfeld Frankfurt und vor allem herzlich in Norderstedt & Nordhausen. Vergesst diese Aufzählungen. Dieses Jahr war ein einziges Geballer & ihr habt uns trotzdem selig gemacht.

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Stillleben mit neuer Platte „Geheul“.

Zehn besondere Beatpoeten-Momente

1. Das dritte Album ist tatsächlich erschienen (Danke, Tobi!)

2. Neue Lesung „Unterwegs – das Elend“ läuft ausgerechnet beim A Summer’s Tale

3. Das neue Enterpreneur-Duell bei KreHtiv

4. Punker-Lesung endlich in der Køpi

5. Die letzte Mal Pegida-Lesung, Eisfabrik

6. Soundtrack zu „Traum.Ruine.Zukunft“ – dem Film zum Ihmezentrum

7. Video zu „19“ – kaum Reaktion – vielleicht stellen wir doch auf Youtube um

8. Erstes Plastic Bomb-Interview überhaupt

9. Doppelseiten-Text im Human Parasit

10. Release-Party läuft bei Onkel Olli – ohne Musik

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Start-Up-Familienduell in der Cumberlandschen Galerie beim KreHtiv-Geburtstag.

Zehn schräge Beatpoeten-Momente

1. Arbeitermedley zum 1. Mai in Braunschweig geht völlig schief 

2. Kaputter Nachmittags-Rave in Doksy

3. Kabelschnitt in Cottbus

4. Vinyl-Songliste passt nicht zur Pressung (ahh!)

5. Einkaufswagen auf der Bühne in Zwickau

6. Naziangriffe bei Ende Gelände

7. Mehrwertsteuer-Gau im Dezember

8. Textsicherheit der blank-Besucher bei Battlerap-Lesung

9. Schüler im Kunstverein Ravensburg

10. Wir haben laut Linus Volkmann eines der besten Punkalben im Herbst veröffentlicht

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Arbeiter, Bauern, Fahnenträger. Braunschweig 2016. Dem Morgenrot entgegen.

An dieser Stellte sollten die schönsten Alben folgen, FCKR ist genauso dabei wie Stereo Total oder die wunderbare Sammlung „Falscher Ort, Falsche Zeit Vol. 2“. Aber so recht komme ich in diesem Jahr nicht mit. Gerade noch Bowie gekauft, stirbt er. Bei Isolation Berlin komm ich kaum nach und kann die Alben nicht auseinanderhalten. Gerade läuft das Album  „Der Spielmacher“ mit Rösinger, Spechtl, Türen & Jens Friebe. Alle großartig. Das schönste Lied kam aber spät und ist von Jetzt! – uralt.

Achtung, Emotionen

Meine Mutter ist tatsächlich endlich im Ruhestand und ich feiere das sehr

Ausflüge gen Amrum, Paris, Lissabon, Prag & Rügen
Gründung des Büro für Popkultur & Zukunftswerkstatt
Freundeskreis-Abende & kreHtive Ausflüge
Die Arbeit ruft von Slam 2017 bis zur Goldenen Fanfare

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Rückzugsort Rügen.


Sommereinsätze & Weihnachtshilfe-Rekord
Süntelbuchen, Feldstern & Märchenwälder
Freunde & Menschen voller Liebe
Gegen jede Angst & Rassismus
Ein sprechendes Patenkind
Hochzeiten & Todesfälle
Familie neu entdecken

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Sehr selten: Süntelbuchen.

Das kommentiere ich hier alles weniger. An jedem Stichwort hängen Erinnerungen, Gefühle & Eindrücke, mal schmerzhaft, mal voller Herzlichkeit. Ich danke allen Menschen für ihre Liebe, Geduld & oft auch: für ihr Verständnis.

Lumix Festival: HAZ-Talk im Container (oder:
HAZ-Fotocontainer beim Lumix-Festival in Hannover.

Wieder was gelernt

1. Das erste Mal Eisstockschießen

2. Jurymitglied bei Jugend spielt für Jugend

3. Foto-Container beim Lumix-Festival für Fotojournalismus

4. Mitglied einer Bulli-Schau-Jury

5. Freier Fall im Hochseilgarten

6. Hexenschuss

7. Schwarzlichtminigolf

8. Endlich Lammbock

9. Ihmezentrums-Picknick

10. Xylophonsolo
11. Das erste Mal Off-Sprecher in einem Film
12. Arbeitsplatten-Ausschnitt für Küchen
13. Das erste Einstecktuch
14. Sturmglocken-Halloween
15. Suppenverkauf für den guten Zweck

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Beatpoeten in Prag.

Dieses Jahr war geprägt von neuen Erfahrungen und Sprünge ins kalte Wasser. Manchmal merkt man das erst hinterher. Soll ja jung halten. Aber insgesamt war ich doch öfter bei Ärzten als nötig. Danke, 2016!

Die schrägsten und schönsten Kulturmomente 2016

1. Der Film Lobster – alles daran ist genial
2. Die Gründung der Hörregion & die Gala im HCC & die Dadüdada-Performance dazu
3. Annadigiding – Stell dir vor, Rainald Grebe macht was – und keiner geht hin
4. Cheerleader in Finnland – ein Film, den ich nicht verstehe
5. Hörspielsommer Leipzig – weil die Idee nach Hannover muss

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Musik und Mousse T bei „Digital Sounds“.

Die schönsten Moderationen 2016

1. Der Konferenz „Digital Sounds“ im Anzeiger-Hochhaus. Hatte ich unterschätzt, bin nach Vorträgen von Sennheiser und Hochschulprofessoren und Gesprächsrunden mit Mousse T. bis Toshifumi Kunimoto von Yamaha sehr klüger rausgegangen.
2. Verleihung des Niedersächsischen Wirtschaftspreis mit Stephan Weil und Olaf Lies. Spannende Preisträger & schöne Geschichten. Und vor allem: munterer als 2015.

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Klimaretter der Region Hannover.


3. Klimaschutzkuratorium der Region Hannover mit Kammerchefs, Klimarettern und Experten wie Karsten Schwanke. Ein kurzweiliger Ritt durch gefühlt 15 Talkrunden.
4. Hauptbühnen beim Entdeckertag, Autofreier Sonntag & Aktion Sicherer Schulweg: ich mag die hannoverschen Großveranstaltungen, wenn sie so abwechslungsreich vom Programm ausfallen wie diese.
5. NOFX & Pennywise auf der Faust-Wiese: fürs Herz
6. Metropolversammlung in Osterode mit OBs, Uni-Präsidenten, Kammerchefs, …
7. Tag des demokratischen Engagements mit Konstanze Beckedorf im Neuen Rathaus

Tag des demokratischen Engagements
Spax fordert gelebte Demokratie.


8. Ihmezentrums-Diskussionen im Capitol und im Zentrum mit Stefan Schostok, Verwalter Torsten Jaskulski und dem Bund Deutscher Architekten
9. Festival-Talks beim Fuchsbau-Festival, Fährmannsfest & Lumix-Fotojournalismus
10. Das neue Start Up-Slam
-Format mit VOXR-Technik an der Leibniz-Universität

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Start Up-Slam an der Leibniz Universität.

11. Ehrenamtsgala des Freundeskreis Hannover
12. HAZ-Foren zu Hannover 96 mit Bader & Stendel, Hebammen, A2, Image & Inklusion
13. Studentenw
erkspreis & „Von Leibniz zu Bahlsen“-Gala
14. Suchthilfelauf & Helmfest, Weihnachtsmarktfeten, Expertenforen & HAZ-Aktionen

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Spendensammlung in der Neustädter Hof- und Stadtkirche.

15. Poetry Slams, Science Slams & der Fanfarenzug-Slam zum Schützenfest, im Gartentheater Herrenhausen, Audimax Göttingen, Opernhaus, Lessing-Theater Wolfenbüttel, Stadthalle Holzminden, Schloss Bevern, Oldenburger Exerzierhalle, Kulturmühle Buchhagen, Empore Buchholz, Kirche Seelze, Salon Hansen Lüneburg

Insgesamt komme ich auf mehr als 80 Moderationen für 2016. Mal kleine Ansagen, mal ganze Tagesprogramm. Es ist immernoch sehr vielfältig von Punkrock bis Preisgala. Und ein wenig hoffe ich, dass es so bleibt. 2017 stehen Klostertage an, die deutschsprachigen Slammeisterschaften & Medienkonferenzen. Der Science Slam zieht ins Schloss Herrenhausen und auf die IdeenExpo 2017. Und der Leinestern wird vergeben.

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Fertig in Hamburg.

Und nun? Ein neues Jahr liegt vor uns und mir. Am Anfang dieser Aufzählung dachte ich, so viel war 2016 doch gar nicht los, warum bin ich so müde? Ach ja. Darum. & trotzdem kann ich es gar nicht abwarten, den Kalender zu füllen, Pläne mit wunderbaren Menschen zu schmieden & treff gleich einen wie Herrn Costa, um Unfug und Umstürze zu planen. Das Übliche also. Kommt gut ins Jahr 2017. Weitermachen & munter bleiben.

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Lesung zu 10 Jahre Beatpoeten beim A Summer’s Tale in Luhmühlen.

30.08./01.09. Braunschweig/Itzehoe/Internet

Jeder ist ein Künstler im Internet. Auch wir nutzen die Technologien, die es uns einfach machen, eine Webseite zu betreiben, Profile in diversen sozialen Netzwerken zu pflegen, unsere Lieder und Videos hochzuladen, über das Internet Soundfragmente unter uns und mit diversen Helferlein zu tauschen. Die Art, wie wir als Band arbeiten, würde ohne das Internet an manchen Stellen sicherlich nicht funktionieren. Wir haben darum nicht mehr als zehnmal in sechs Jahren wirklich geprobt.
Aber wir feiern auch nicht alles ab, was im Netz passiert. Künstler zahlen für die oft kostengünstigen Werkzeuge mit ihrem Inhalt. Natürlich finden wir es super, wenn die Produktionsmittel inzwischen so günstig sind, dass jeder Musik, Kunst, Videos, Designs etc machen kann. Profitieren tun aber die großen Unternehmen, denen wir unseren Inhalt ja quasi auch kostenlos zur Verfügung stellen. Warum ich diese offensichtlichen Fakten darlege? Weil wir immer wieder gefragt werden, ob wir nicht das eine oder andere Lied zum Download zur Verfügung stellen. Das machen wir gerne, vor allem hier. Und häufig bekommen wir dann auch eine Antwort, meist ein Danke. Aber auch Mails, in denen sich Menschen enttäuscht bis beleidigt zeigen, dass die Musik nicht so klingt, wie live erlebt. Zwei Beispiele vom Wochenende zeigen, wie schwierig es ist, genau das auf Platte zu sammeln, was wir da live eigentlich machen.

Am Freitag durften wir wieder auf dem Sommerfest unserer Freunde des LOT-Theaters in Braunschweig spielen. Der Saal ist ein Traum von einem flexibel gestaltbaren Theaterraum. Vor uns spielte eine mitreißende Rockabillyband, nach uns eine unglaublich tolle Funkband – schon alleine das ist ein Clash. Das Publikum war sehr entspannt und sympathisch, hörte eher zu, als das es tanzte. Am Schluss gaben wir zwei Jungs (Vincent & Sidney) ein Autogramm auf unsere CD.
Am Samstag wiederum fuhren wir zu der Vernissage der Künstlergruppe Secession nach Itzehoe. In einem illegalen Klub spielten wir zwischen riesigen und provokanten Kunstwerken. Das Publikum war sehr gemischt, und während des dritten Lieds gab die Anlage auf. Man hörte einfach keine Musik mehr. Mehr als zehn Minuten lang mussten wir improvisieren, spielten Klatschspiele und verzweifelten fast, bis dann doch die Musik wieder lief. Am Ende war es eines der schönsten und intimsten Konzerte.

Viele andere Musiker pressen ihre Lieder in vorgefertigte Ableton-Live-Sets, mastern sie zu Hause, und arrangieren diese auf jedem Konzert ähnlich. Auch wir überlegen ja immer mal wieder, einen Teil der Musik zu digitalisieren, weil es einfach oft besser klingt. Aber in solchen Situationen wie am Wochenende zeigt es sich, dass die Konzerte, die wir spielen, unberechenbar und jedes Mal eine Herausforderung sind. Dass die Energie auf der Bühne viel stärker ist, als in einer Aufnahme, die im Wohnzimmer entstanden ist, ist da nur selbstverständlich. Außerdem helft ihr uns bei unserem Weg, wenn ihr euch nicht nur die Lieder auf euren MP3-Player ladet, sondern auch zu unseren Konzerten kommt, mit uns feiert und danach an der Theke bei einem Bier/Cola die Welt rettet.

ps. Danke an das Team des LOT-Theaters in Braunschweig, an die Gruppe Secession in Itzehoe und an euch für ein tolles Wochenende!

09. November 2011 – Internet, du Dieb

Ja, liebes Internet. Denn dann können wir unseren Mitarbeitern noch weniger zahlen, können sie noch schlechter behandeln und überhaupt: Dir ist es ja auch egal, dass wir keine Ahnung von Grammatik und Orthographie haben…

Aufgenommen in Göttingen im November 2011 mit einem sogenannten Smartphone.

Warum momentan alle mit Berlin Liebe machen wollen

Als Jeff Jarvis, Blogger und Journalismusprofessor, am Wochenende die Nachrichten schaute, wurde er wütend. Schuldenkrise, Streit zwischen Republikanern und Demokraten und keine Lösung für all die Probleme, die die ehemalige Superpower USA im Griff haben. Im Netz veröffentlichte er einen wütenden Protest voller Kraftausdrücke in Richtung Hauptstadt Washington.

Was dann passierte, sagt viel aus über das Internet und die Hypes, die wie Tsunamis durchs Netz rollen: Bei Twitter lässt sich ein bestimmtes Thema über sogenannte Hashtags kategorisieren. Der Protest in der arabischen Welt hatte einen eigenen Suchbegriff, wie auch die Fußballweltmeisterschaft der Frauen. Viele, die Jarvis bei Twitter folgten, und seine Hasstirade gegen die amerikanische Politik genauso empfanden, setzten also kurzerhand einen eigenen Hashtag für den Protest gegen den Stillstand: „fuckyouwashington“. Innerhalb weniger Stunden wurde es zu einem der meistgetwitterten Begriffe. Millionenfach unterstichen Linke wie Rechte in den USA im Netz ihre Botschaft an Washington, indem sie den Hashtag benutzten. Bei Twitter landete das Thema ganz oben, ein gutes Indiz für die Wichtigkeit von diskutierten Themen.

Jeff Jarvis war von dem vermeintlichen Erfolg völlig überrascht: „Das ist explodiert. Ich hätte das niemals vorhersehen können.“

Nun hat das Phänomen Deutschland erreicht. Kritik an der Bundesregierung, den schicken und hippen Menschen in der Hauptstadt oder einfach Hass auf Berlin – alle finden unter dem Begriff „fickdichberlin“ zusammen. Da ist es auch egal, ob man die Kanzlerin und ihre Minister meint oder einfach nur stänkern will. Am frühen Mittwochmorgen stand der Begriff schon unter den Top Drei bei Twitter und wird eifrig bei anderen sozialen Netzwerken wie Facebook diskutiert. Jetzt ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Thema auch in der realen Welt diskutiert wird und sich die ersten den Spruch auf T-Shirts oder Jutebeutel drucken lassen.

Presseschau sieben/zwanzigelf

„In Afrika könnte die globale Vernetzung per Handy stattfinden.“
Schönes Interview des Freitags mit dem Autor von “The Internet of Elsewhere”, Cyrus Farivar, über die Veränderung von Gesellschaft, Politik, Wirtschaft durch das Internet.

„Die subversive Kraft der Kunst“
Klaus Staeck über die Proteste zur Verhaftung von Ai Weiwei und warum Grenzverletzungen so wichtig wie nie sind.

Zahl gewaltbereiter Neonazis gestiegen
Laut Verfassungsschutz ist die Zahl gewaltbereiter Neonazis in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Eine Zusammenfassung bei Zeit Online.

Wachstum der Grenzen
Ralf Fücks in der Zeit über die ökologische Moderne.

Presseschau sechs/zwanzigelf

„Weltfremd und unglaubwürdig“
Der sogenannte Stararchitekt Meinhard von Gerkan bei Spiegel Online darüber, dass Ai Weiwei „absichtlich die chinesische Staatsmacht provoziert“, und warum er zwar für die KP in Peking baut, aber nicht damals für die SED in der DDR.

Aus dummen Streichen wird eine politische Idee
Kai Biermann auf Zeit.de über Internet-Aktivisten und digitale Bürgerrechte, anläßlich der re:publica 2011.

Berlin Folgen
Eine tolle Serie auf taz.de von tollen Fotografen über das Leben in Berlin und so.

Robin Hood tax: 1,000 economists urge G20 to accept Tobin tax
Ein Artikel im Guardian über die Wirtschaftler, die die Einführung einer Transaktionssteuer befürworten.

„Ich bin doch so gerne bei der Unterschicht“
Unser Held Rainald Grebe auf Spiegel Online über den Ruhm, die Nähe zur Elite und warum er vielleicht doch nach Brandenburg zieht.

Die Contentindustrie ruft nach der Politik
Silvio Duwe schreibt bei Telepolis über die Verbände, die ein Ende des „rechtsfreien Raums Internet“ fordern.

„Drohgebärde der Finanzindustrie“
Tom Strohschneider auf dem Freitag-Blog erklärt, warum das Büro von Attac wirklich durchsucht wurde.

Tor in Fukushima!
Marcus Jauer in der FAZ über die Lust am Alarmismus der Medien.

Die fremdenfreundlichen Deutschen
Die Deutschen sehen die Einwanderung entspannter, als die Politik denkt, schreibt Lisa Caspari in der Zeit.

08. Februar 2011 – Warum wir dem Internet nicht mehr trauen.

Neulich postete Nerdcore diesen Artikel von Patton Oswalt im amerikanischen Wired. Kurz gesagt geht es darum, wie das Internet und die Kultur der Meme, des Remixings, des Samplings, sprich die Art, seit wenigen Jahren mit Kultur umzugehen, diese vielleicht selbst zerstören könnte.

Nicht nur, weil Marshal McLuhan („The medium is the message“) dieses Jahr hundert Jahre alt geworden wäre, haben wir auf einer unserer Zugfahrten mal genau darüber nachgedacht, wie wir als Privatpersonen, aber auch als Band mit dem Internet umgehen.


Ich bin kein Digital Native, ich kenne noch die Zeit, als man sich ohne Chatten unterhielt, ohne Facebook zu Partys einlud und ohne Pitchfork/16Bars etc neue Bands entdeckte. Es war eine Zeit, in der Informationen einen festen Wert hatte, gerade wenn es um das Wissen über die richtigen Bands, Partys, Bücher, Reiseziele, Essen ging – also eigentlich um das, was einen begeistern konnte. Durch das Internet habe ich persönlich die Chance bekommen, von dem doch relativ uncoolen geografischen Standpunkt meiner Jugend aus, die ganze Welt zu entdecken und Tausende Eindrücke zu bekommen, die ich ohne Netz niemals gehabt hätte. Und: Ohne Napster, Myspace, Wikipedia etc hätte ich nicht den Weg genommen, der mich mit einem Synthie und einem Haufen Gedichte bewaffnet auf verschiedene Bühnen des deutschsprachigen Europas gebracht hätte. Für viele Menschen meiner Generation war das Internet eine Spielwiese, mit scheinbar anarchistischem Fundament und großer Freiheit. Soviel also mal vorweg: Ich will das Internet definitiv nicht abschaffen oder darauf verzichten. Jules Vernes Kapitän Nemo zerstörte seine größte Erfindung, weil die Menschheit noch nicht bereit war, sie klug zu benutzen. Hoffentlich kommt es beim Internet nicht so weit.

Seitdem Wirtschaft und Politik aber nicht mehr nur unbeholfen, staunend und dümmlich beobachtend mit dem Netz umgehen, hat sich auch das geändert. Wenn die Aufgabe der Wirtschaft seit Menschengedenken eigentlich war, Mangel durch Handel zu begleichen, kann das Internet wohl als bisheriger Höhepunkt der menschlichen Ökonomie bezeichnet werden. Doch allzu theoriegesättigt lässt sich die ganze Chose sicherlich nicht mehr betrachten. Denn wie alle Bereiche der menschlichen Zivilisation ist auch das Internet inzwischen komplett auf Profitsteigerung und Verwertlichung ausgerichtet worden.

Nichts Neues eigentlich. Und auch nicht weiter dramatisch. Würde es mir persönlich nicht ungeheuer auf die Nerven gehen, auf verschiedenen Arten Inhalt bereitzustellen, dieses gerne auch gratis zu tun und trotzdem dabei das Gefühl zu haben, jemand anders profitiert schmarottzerhaft davon. Wir als Band leben weder von dem, was wir hier rein schreiben, noch sehen wir Geld davon, dass unsere Musik weitestgehend kostenlos zum Anhören zur Verfügung steht. Sicher, als Band auf unserer, doch recht unbekannten Stufe, profitieren wir auch eher davon, wenn sich die Musik wie von selbst verbreitet. Wenn sie es denn täte. Aber die Leute, die früher noch Musik im Netz entdeckten, hören sowieso entweder keine Musik mehr oder nur Techno; oder versumpfen alle im Erasmusjahr oder in Berlin und hätten sowieso kein Geld für Musik

Und mal ehrlich: Wer hat eigentlich etwas davon, wenn überall und jederzeit alles zur Verfügung steht? Wenn man immer alle Lieder, Filme, Geschichten, Freundschaften konsumieren kann? Stumpfen wir dadurch nicht irgendwann einfach ab? Und war die Aufgabe der Kunst nicht einmal, den Menschen Schönheit, Hoffnung, Liebe zu spenden, und nicht nur bloß für wenige Sekunden lang zu unterhalten, bis das nächste Video, der nächste Witz, der nächste Reiz zur Verfügung steht?

Als Jugendliche waren wir alle fasziniert von der Idee der „Matrix“, der künstlichen Welt, in der alles möglich ist. Inzwischen muss ich sagen, dass die dort simultierte Welt mit unserer sehr viel gemeinsam hat: Nichts scheint mehr einen Wert zu haben, alles ist austauschbar geworden. Musiker-Kollege Stefan Goldmann veröffentlichte neulich ganz ähnliche Gedanken dazu: Er sah ebenso die versprochene Demokratisierung durch günstigere Produktionsmittel und bessere Vertriebswege als gescheitert. Ein Weg, dieses Dilemma als Musiker zu umschiffen, liegt für ihn in der Nicht-mehr-Verfügbarkeit, also die Musik und das Erleben nur noch direkt mit dem Live-Auftritt des Musikers zu verbinden. Das sehe ich inzwischen ähnlich, nicht nur aus finanzieller Sicht.