07. Januar 2012 – Arpke – Hinterhof

Alle regen sich auf. Über das Wetter. Über Politiker, die gelogen haben sollen oder über Berühmtheiten, die gar nicht so nett und freundlich sind, wie alle immer gedacht haben. Über Fußballer, die sich verletzen und gar nicht so geil spielen, wie sie sollten.

Und immer wieder über die Jugend. Über diese rotzfrechen Gören, die sich anmaßen, auf Elektro zu rappen. Eskalation zu schreien, anstatt nur Whoop,whoop! Die die Band nicht kennen und die andere auch nicht. Obwohl die doch so wichtig waren für die Entwicklung der gesamten Popkultur. Wie können die nur!

Und genau an dem Punkt wird es scheiße. Wir spielen immer wieder in Kontexten, wo das Durchschnittsalter unseres Publikums weit unter unserem liegt. Mit Bands, die im Grundschulalter waren, als der Euro eingeführt wurde. Und die alle keine Ahnung haben, wie sich das anfühlte, damals in den 90ern oder Anfang des Jahrtausends. Und ganz ehrlich: Es nervt, wenn Menschen ihnen daraus einen Vorwurf machen. Unbedingt versuchen durch ihr Alter reifer, weiter und irgendwie cooler zu sein, weil sie At the Drive-In noch live gesehen haben, oder Rage Against The Machine vor der Auflösung vorm Comeback. Dabei vergessen zu viele Leute, dass sie selbst mal in dem Alter waren.

Wir zumindest habe keine Lust, altersmäßig abgeschottet unterwegs zu sein und nur mit Gleichaltrigen zu hängen. Neben dem Rassismus und Sexismus ist die Altersdiskriminierung eine echte Herausforderung für unsere Gesellschaft! Deshalb war es auch wieder erfrischend im Jugendzentrum Hinterhof in Arpke mit lauter Musik vollgeschallert zu werden und sich beim Bier über die Vorteile von Jung- und Altsein zu unterhalten. Danke dafür!

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01. Februar 2011 – Warum es uns auf’s Dorf zieht

Mitte der neunziger Jahre wusste ich von der Welt nicht viel. Ich hatte gerade meine Maxi-CD-Sammlung von Ace of Base, Reel to Real bis 2 Unlimited möglichst unbemerkt in den Sondermüll verlagert, bekannte mich als Ostdeutscher im Hinterland Hannovers aus nostalgischen Gründen zu Henry Maske und Hansa Rostock und schnitt mir Löcher in die Jeans, um wie Kurt Cobain auszusehen. Kurze Zeit später war Kurt tot, Maske ein Gentleman und ich ging dann doch zu Hannover 96 – man müsste einmal ehrlich überprüfen, von wie vielen Fußballvereinen man im Leben so Fan war. Egal. Mit neuen Schulen, Freunden und Freizeitgetränken zog der Punk ins Vorstadtleben ein – und der spielte damals noch nicht im Stumpf, in der Kopernikus oder in der Sturmglocke. Der Punk tanzte viel mehr in einem Kaff namens Immensen-Arpke, zwischen Hannover und Braunschweig. In Immensen gab es einst den Sockenball, Kaffee und Kuchen im Naturfreundehaus Grafhorn (Hallo Helmi!) und sonst noch eine Exfrau von Gerhard Schröder. Sonst nix. Aber: Immensen bot immer noch mehr als der Stadtteil von Immensen namens Arpke. Dort wohnten zwar der Stefan und die Annette und es gab ne Feuerwehr und das Brauhaus Braul, (dufte Ballermannpartys!), aber sonst wirklich nur Hecken und ein paar Häuser dahinter. Doch mittendrin, hinter einem Stück Park und einer – nennen wir es optimistisch – Bushaltestelle tobte der Punk. Wände waren bekritzelt, es stank nach Urin, immer wieder schliefen Menschen vor Boxen ein. Sie trugen grüne Irokesenfrisuren, Nietenhalsbänder und tanzten auch zu zweit Pogo, wenn es wieder nicht so viele in die Punkprovinz geschafft hatten. Dorfpunks? Gegen Arpke hatte Rocko Schamoni einst ein Festivalleben in Schleswig-Holstein gefeiert. In Arpke wurde gefeiert wie beim Force-Attack nur mitten in der Pampa und mit etwas weniger Leute. Man pisste pubertär ins Waschbecken, kotzte zwischen die – nennen wir sie wieder optimistische –  Bushhaltestellenbüsche und ließ sich gegen Mitternacht vom Shuttle-Service (ein klappriger Audi Quattro) ins elterliche Kinderzimmer zurückfahren – nicht ohne seinen Armeerucksack mit „Kill’em all!“-Kreideschriftzug (dazu die Namen aus der Schulklasse!) in Arpe zu vergessen und die Pädagogen vor Ort am nächsten Morgen mit Anrufen (aus einer öffentlichen Telefonzelle – Muttern sollte das besser nicht mitbekommen) zu nerven. All das war Arpke: Haare mit Faschingsfarbe färben und am Morgen vor der Schule wieder auswaschen, kiffen ohne wirklich etwas in der Tüte zu haben, saufen, das zumindest richtig. Man konnte auch ohne Punk Pogo tanzen. Der Wille zählte. Und lieber Mambo Kurt, die geworfene Flasche tut mir heute noch leid – aber deswegen bricht man doch kein Konzert ab!

Folgende Bands haben einst den schönen Jugendtreff beehrt:

Baffdecks, Anschiss, Halbtrocken, Geistige Verunreinigung, Turbonegro, Eaten By Sheiks, Rantanplan, Hammerhai (Hey, Sölti!), N.O.E., Antikörper, Marky Ramone (JA! Der!), Steakknife, Die Asozialen Superhelden, US Bombs und unzählige mehr. Ich kann mich an Heiter bis Wolkig- und Terrorgruppe-Plakate erinnern (wen zur Hölle interessiert, ob die da wirklich jemals aufgetaucht sind?) und Wunschlisten an den Wänden. Und irgendwann, dachte ich mit meinen grünen, roten, blauen Haaren (Directions Haarfarben gabs noch in der Passarelle!), will ich da auch mal auftrefen.

Nun ja. Seitdem ist viel passiert. Auch in Arpke. Neue Leute, neue Farbe an den Wänden, und nach Urin solls auch nicht mehr so stinken. Dafür leisten gute Menschen dort etwas, das sich offiziell Jugendarbeit nennt. In Arpke hieß das immer schon Herzblut vergießen.

Und darum wollen wir mit Euch genau dort am 12. Februar feiern. Und haben mit Rosa Rauschen und Este & March vom Elektrischen Widerstand tolle Mitstreiter.

PS: Wie früher:

Shuttleservice um 19.05 vom BHF Arpke/Immensen und natürlich auch zurück! Aber da muss man erstmal hinkommen. Auf zum S-Bahn-Rave (zu dem wir nie offiziell aufrufen würden)!

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31. August 2010 – Das Ende des Sommers

Ein Sommer zwischen Wiesenluft und Platzregen, zwischen Bullipannen und Klimakatastrophen in Zugabteilen, zwischen Kulturkosmos, Neuland und Freier Republik. Ein Sommer mit Schall und Rausch. Faetzig. Die Top-Ten der schönsten Momente:

10.: Faetzig Camp in Rothenburg:

Die Fahrt der Begegnungen: Zwischen Baggerseehalten und Literaturtagen in Erfurt waren wir in einem Auto mit viel Rost & Charakter irgendwo im Nirgendwo angekommen. Auf dem Weg fanden wir Kamele, einen Fußball und eine Tourmanagerin, die einfach vor dem Auto schlief. Vor Ort trafen wir die Echse und die Erklärung des Campalarms („Hört ihr dann schon“). Höhepunkt: Gemeinsam mit Ausfallschritten schöner Goa-Tänzer das Camp eröffnen.

09.: Neuland in Bremen

Die Fahrt der Fahrten: Wir fuhren gleich mit zwei Autos an – und verfuhren uns an der gleichen Stelle. Gemeinsam gings dann auf ne schöne Bretterbühne, während die Technoheads schon gefühlte 24 Stunden in den Knochen hatten. Vor uns gabs feinen Diskotrashpop nach uns Diskocrust mit Stromausfall – offensichtlich zu viel Disko. Höhepunkt: nach nem schönen Auftritt fuhr Egge gegen Mitternacht auf die A1 – doch da wurde ne Brücke gesprengt. Die Strecke von Hamburg nach Bremen dauerte 2 ½ Stunden!

08.: Schall & Rausch in Norderstedt

Die Fahrt mit dem Geräusch: Wir fuhren wieder mit dem Bulli. Doch der ließ sich wie gewohnt nicht nur schlecht zum Schalten bringen, diesmal erklang auch ein neues, ohrenbetäubendes Krächzen aus dem Motorraum. Wir hielten, schauten unter den Bulli und stellten fest, das wir keine Ahnung haben – und fuhren weiter. In Norderstedt musizierten wir für nette Punks und bekamen wunderschöne Backstagebänder – einen grünen Faden. Ein schöner Nachmittag voller Goa und Gemütlichkeit. Nur das Krächzen im Bulli ist bis heute geblieben. Höhepunkt: Als wir zu mehr Liebe auf dem Festival aufriefen, fingen zwei Hunde vor der Bühne direkt damit an.

07.: Breminale in Bremen

Die Fahrt der Helden: „Hallo ich bin Dota!“, sagte sie und lächelte. Haben wir früher nicht in alle Myspace-Gästebücher geschrieben, dass wir uns heimlich in die Kleingeldprinzessin verliebt haben? „Kleingeldprinzessin klang zu sehr nach Kindermusik“, sagte am Abend die Kleingeldprinzessin, die nun Dota hieß und irgendwie schon immer so hieß. Wir lächelten nur verliebt – um uns Sekunden später in Rainer von Vielen zu verlieben. Dann tanzten wir, ließen uns auf Händen tragen und fühlten uns wohl. Höhepunkt: Feststellen, dass die alten Punkerbände immer noch tragen. Und immer wieder die guten Menschen vor der Bühne: Jan, Gerald vom Anares-Vertrieb, die Liebsten. Toll!

06.: Zytanien in Immensen-Arpke

Die Fahrt durch den Regen: Und plötzlich stehen 50 Leute neben uns auf der Bühne und tanzen einfach da weiter, weil es vor der Bühne regnet. Und plötzlich feiern noch vier mehr Leute doch vor der Bühne weiter, im Dauerregen, weils Spaß macht. Hammer! Höhepunkt abseits des Trubels: Ein Gast schläft tatsächlich am Stehurinal ein.

05.: Ajuca in Lärz

Die Fahrt in die Ferien: Im Sommer feiern in Lärz 50000 bis 60000 Menschen bei der Fusion. Knapp eineinhalb Monate später tanzen auf demselben Gelände 5000. Wir versuchten uns am Campradio, summten Synapsenkitzlermelodien und lasen die Campzeitung auf gemütlichen Sofas. Höhepunkt abseits der tanzenden Menschen: Im offenen Bulli sitzen, Tee trinken und den Himmel anschauen. Später Witze erzählen & den Massen lauschen: „Wer macht den Beat? Er macht den Beat!“ Gänsehaut.

04.: La Libertad in Gersdorf

Die Fahrt in die Katastrophe: Wir hätten keine Witze über den Regen gemacht, hätten wir gewusst, dass das später ne ziemlich verheerende Flutkatastrophe wird. So freuten wir uns einfach nur über warmen Ingwertee unter nem improvisierten Dach, matschige Böden und rappenden Reggaekünstlern darauf und die Nachricht, dass wir besser im Keller spielen. Höhepunkt: In Metzgerkatakomben den Veranstalter stagediven lassen, während uns ein netter Kerl trommelnd auf nem Benzinkanister begleitet. Hui!

03.: Verzauberter Garten in Hannover

Die Fahrt ins Paradies um die Ecke: Plötzlich macht einer der alten Punkerheroen Noise-Elektro, längst verschollen geglaubte Freunde trinken am selbstgebauten Tresen Gurkenschnaps und tanzen zu Klängen der fünfziger Jahre und irgendwann liegt man betrunken im Kanal. Höhepunkt: Let’s twist again.

02.: Féte de la musique in Hannover

Die Fahrt nach Hause: Wir machen seit November 2006 Musik, haben dabei Konzerte zwischen Stand-Up-Comedian und aggressiven Kunststudenten ertragen, in Müllbergen und zugerauchten Küchenkunstkaschemmen gepennt und mindestens 20000 Kilometer zurückgelegt. Egge kann mittlerweile mit einem 90 Grad zur Seite geknickten Kopf an der Zugscheibe schlafen, Costa erträgt 30 Minuten Singer-Songwriter-Geschrammel ohne ihnen die Gitarrensaiten um den Hals zu wickeln. Wir haben gekämpft und werden mittlerweile bei fast jedem Auftritt dafür belohnt. Und das liegt in erster Linie an Euch. Ihr seid da, singt die Lieder mit, tanzt, umarmt euch und lacht. Auch beim Heimspiel beim hanns am Historischen Museum. Ein Traum. Höhepunkt: „Habt ihr schon gehört, heut Abend gibt’s ne Party!“

01.: Fusion in Lärz

Ein kurzes Drücken am Bühnenrand. Der Gang durch die Zirkuszeltwände, die aufgehende Sonne. Kurz das Gleiche denken. Und JA sagen zum Leben und der gemeinsamen Leidenschaft. Wissen, dass es richtig ist. Fühlen, dass es richtig ist. „Weißt du was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein. Bei allem, was du machst. Und wenn es so richtig scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, müsste die Platte springen – und du hörst immer nur diesen einen Moment.“

DANKE!

Wir sehen uns im Oktober und November und sind für Euch unter beatpoeten(ät)web(dot)de da. Zwischendurch erzählen wir hier, was Costa letzten Sommer getan hat.

28. August 2010 – Immensen – Zytanien

(Zugegeben, hat nicht direkt etwas mit Zytanien zu tun…)

Dort, wo die Blumen wild wachsen und die Felder leicht im Wind wogen. Dort, wo der Wald grün und dicht ist. Dort, wo der Himmel weit ist und es viel Platz gibt. Dort, wo einmal im Jahr ein eigenes kleines Land ist, mit eigenen Regeln und viel Musik. Dort, wo Althippies, junge Raver, Stadtfesthelden und Künstler jeglichen Coleurs zusamenkommen. Dort, wo fahrendes Volk selbstgemachtes Essen und Kleidung verkauft. Dort, wo auch ein sintflutartiger Regenfall und knietiefer Schlamm den Spaß nicht zerstören kann. Dort, wo ebensoviele Menschen auf der Bühne hüpfen und springen und ausrasten, wie davor. Dort, wo aus einer alten Industriebrache vor mehr als zwanzig Jahren ein kleines Paradies gemacht wurde. Dort, wo der Sound warm klingt und die kalten Füsse wieder zum Zucken bringt. Dort, wo die Müdigkeit aus den Knochen weicht, sobald der erste Beat aus den Boxen dröhnt. Dort, wo man nicht mehr von der Bühne gelassen wird. Dort, wo der heiße Kaffee genau in dem richtigen Moment gekommen ist. Dort haben wir unseren Abschluss der Open-Air-Saison gefeiert. Danke Zytanien!