14. August 2012 – Es ist ein Video

Hach, wir sind stolz. Es ist fertig. Das neue Video zum Song „Ted“ vom aktuellen Album „Man müsste Klavier spielen können“. Vielen Dank an Jan, Kevin, Julian, Helge, Ayse, Peter, Kerstin und allen, die uns sonst geholfen haben. Es war ein Fest mit Euch auf dem Opernplatz zu feiern. Wir grüßen gen Fête-Team & Exposive & die Bands Frames und Schneewittchen. Nächstes Jahr wird in Berlin gefeiert. Jan, du musst mit!

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29. Februar 2012 – Schalttag


Meine Bank hat mir wieder einen dieser Briefe geschickt. „Verdacht auf Skimming. Ihr Konto. Unser Bankautomat. Verbrecher. Datenklau. Neue Karte. 14 Tage warten.“ Die Boulevardpresse schreibt etwas von Banden aus Südamerika oder Osteuropa oder sogar Braunschweig, die systematisch Bankautomaten präparieren würden, um Daten zu klauen und Geld abzuheben. Ein Sprecher einer Konkurrenzbank sagt trocken, dass meine Bank weniger bezahlt, wenn sie mir die Karte ersetzt und sich das Geld von einem extra dafür eingerichteten internationalen Fonds erstatten lässt, als dass sie ihre Automaten regelmäßig kontrolliert. Woran ich einen präparierten Automaten erkennen würde, kann er mir aber nicht sagen. „Sonst wüssten sie ja, wie sie ihn selbst präparieren könnten.“

Niemand kann mir sagen, was mit Griechenland war, als alle Journalisten den kürzlich zurückgetretenen Bundespräsidenten gejagt haben. Auf jeden Fall haben jetzt alle wieder eine Meinung zu dem armen Land, dass nicht mehr sparen kann und dem doch das Geld ausgeht. Ein Freund erzählt von Millionären aus Athen, die gerade alles in Berlin aufkauften. Reihenweise Häuser.

Die drei Bundeswehrsoldaten wollen Frühstücken. Mustafa hinter der Theke schaut ihen erst auf die Uniform, dann ins Gesicht. „Seid ihr überhaupt Deutsche?“ „Hier in Deutschland geboren.“ „Aber keine Deutsche?“ Die drei schauen sich an. Auf ihren Uniformen stehen die Nachnamen:  Kaszinski, Kemal, Gutierrez. Mustafa grinst und zeigt ihnen ein Tisch. „Egal, erstmal Tee.“

Der Baron hat schon zwei Bier leer getrunken. Der Baron steht jeden Morgen am Aufgang der U-Bahnstation und wartet. Und trinkt. Die langen blonden Haare streng nach hinten geschmiert. Der lange Mantel ohne Flusen. Das Hemd gebügelt. Die Hose fleckenfrei. Der Baron ist kein Penner oder Alkoholiker, der Baron sieht sich als Privatier. Gut gelaunt kommentiert er das Treiben hier im Rotlichtviertel, das nun gerade langsam wieder wach wird. Ein Geschäftsmann verlässt eilig einen Männerklub. „Na, vor dem Dienst in der Bank erstmal Druck ablassen, ne?!“ Der Mann wird rot im Gesicht und läuft schneller. „Hoffentlich war sie wenigstens volljährig.“ In der Zeitung steht, dass ein paar Tage zuvor zwei minderjährige Rumäninnen aus ihrer Zwangsprostitution befreit wurden. „Ekelhaft“, sagt der Baron und macht sich das dritte Bier auf. „Nur Abschaum geht in den Puff.“

An der Kasse des Bücherladens erzählt sie, dass eingebrochen wurde. Der ganze Schmuck weg. Und die Unterwäsche rausgeruppft. Die Wohnung ein Schlachtfeld. Gleich die Polizei gerufen. Schlösser getauscht. „Ich kann seitdem nicht richtig schlafen. Immer diese Angst.“ Die beiden Buchverkäufer schauen sich an. „Kennst du die?“ Ne, du?“ Die Frau nimmt ihre Krimis und verlässt den Laden.

Kurz kommt die Angst auf, die Hipster könnten in die FDP einsteigen, damit sie sagen können, sie wären schon dabei, als es noch nicht cool war.

„Akademiker müsste man sein“, sagt der Mann an der Straßenecke. „Die werden doch überall gebraucht. Von wegen Fachkräftemangel und so.“ Ich beruhige ihn, dass Akademiker auch nicht mehr so ein geiles Leben haben wie zu Goethes Zeiten. „Schade, ich hätte mich für die ganzen Taxifahrer gefreut.“

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Die Künstlerstadt und seine vollbrachten „Leistungen“

Berlin steht mittlerweile stereotypisch für das Phänomen der „Zuwanderer“. Es sind in erster Linie diese jungen, nach freier Entfaltung suchenden Menschen,  angelockt von den niedrigen Lebenserhaltungskosten (die leider nicht mehr so niedrig sind…), die nach Berlin pilgern und die Stadt bereichern. Jeder möchte seine Andersheit ausleben und merkt dann doch schnell, in dieser Andersheit unter vielen Gleichgesinnten zu weilen. Einige von ihnen entfalten sich mithilfe von Kunst. Sie wollen Stellung beziehen, indem Sie malen, fotografieren, performen, filmen, texten, Musik machen… Es gibt genug Raum für alles. Oder vielleicht doch nicht?

Der regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, findet: Die Stadt braucht einen festen Ort für diese Kunstprodukte. Eine permanente Kunsthalle soll’s werden. Nur will das außer ihm keiner. Die Künstler befürchten eine Instrumentalisierung durch solch eine Institution, und der Senat spricht sich auch dagegen aus, weil kein Geld dafür da ist. Also liegt die Idee brach. Dennoch: Niemandem soll die innovative und vielschichtige Kunst vorenthalten werden, so Wowereit. Alle Welt soll sehen, wie inspirierend eine Stadt wie Berlin sein kann. Somit initiiert der Bürgermeister eine (vorerst) einmalige Ausstellung, um 80 Künstler aus den verschiedensten Herkunftsländern, aber allesamt mit Sitz in Berlin, vorzustellen. Hippe Berliner Gegenwartskunst vermarktet sich halt gut. Auch im Wahlkampf.

„Based In Berlin“, so der einleuchtende Titel dieser Schau, ist vielleicht auch deswegen so umstritten. Denn genauso wie es hier um junge Kunst aus Berlin gehen soll, geht es hier eigentlich auch darum, wie Politik und Kunst zusammenspielen. Wer tut wem einen gefallen? Und wer hat am Ende mehr davon? Viele sind skeptisch. Aber alle machen mit.

So beginnt also alles: Einige Hektar halbvergessene Grünfläche in Berlin Mitte, auf der ein verfallenes Haus steht, dessen Abriss schon geplant ist. Das Atelierhaus im Monbijoupark ist Mittelpunkt der Ausstellung. Weitere Spielorte sind: Hamburger Bahnhof, Berlinische Galerie, Neuer Berliner Kunstverein (nbk) und das KW. Allesamt wichtige Plattformen für zeitgenössische Kunst. Am ersten Abend ist schnell klar, dies wird sechs Wochen lang der Hot Spot für die Hipster der Stadt sein. Nahezu jeden Abend trifft sich die „Szene“ an der temporären Bar. Zu subtilen elektronischen Klängen und Feines vom Grill sucht man das Gespräch mit Gleichgesinnten. Worüber unterhalten sie sich so wild gestikulierend, fragt man sich? Über die Kunst in den Räumen nebenan vielleicht? Vielleicht. 

Aber es gibt tatsächlich viel zu sehen. „Based in Berlin“ ist keine thematische Ausstellung, sie hat keinen roten Faden. Es geht in erster Linie um die Vielfalt der künstlerischen Praktiken. Dieses Konglomerat an Methoden und die dadurch zufällige Konfrontation mit Kunst machen das Ganze erst interessant. Es sind bereits bekannte und namhafte Künstler dabei. Cyprien Gaillard, Kitty Kraus und Keren Cytter, um nur einige wenige zu nennen. Die Überblicksschau bietet auf jeden Fall viele neue Künstler, die man für sich entdecken kann. Zudem gibt es einige Performances, Filmabende, Konzerte und Diskussions- und Vortragsreihen, unter anderem über die Debatte um die Berliner Kulturpolitik und die Investitionen in die Gegenwartskunst.

Ursprünglich sollte die Ausstellung „Leistungsschau junger Künstler“ heißen. Ein Titel mit stark politischer Konnotation.

Schade, dass dieses „Sommerevent“ in diesem Kontext entstanden ist. So hat man das Gefühl, es geht den Initiatoren vielmehr um Stadtmarketing als um die Ausstellung wirklich interessanter und innovativer Kunst.

Aber Berlins Künstler stehen da drüber. Für sie ist es eine Chance, ihr Schaffen zu präsentieren, so oder so. Sie nehmen sich selbst nicht zu ernst und feiern sich und die Stadt vielleicht auch deswegen so sehr. Eine Attitüde die der Wowi-Fraktion vielleicht auch ganz gut tun würde.

„Based in Berlin“ läuft noch bis zum 28. Juli. Diesen Text ist von Melissa Canbaz. Sie lebt in Berlin und schreibt für verschiedene Medien über Kunst und das Leben. Hier findet man Fotos und Arbeiten von ihr. Wir sagen Danke für ihren Beitrag.