22. Juli 2012 – Sommerhopp

 

Mitten im Wald, irgendwo bei Alfeld, steht die Kulturherberge. Eine ehemalige Jugendherberge im Charme der Wohlstandsachtziger. Dunkelholzvertäfelt und Mannschaftsduschen. Vor etwa fünfzehn Jahren dann aufgekauft von ein paar Träumern, die ihre Idee von einem Waldhotel wahr machen wollten. Der Erfolg gibt ihnen recht: Vor wenigen Monaten war endlich genug Geld da, um das Grundstück und das Haus zu kaufen.

Einmal im Jahr feiern die Bewohner und viele Gäste ihr Sommerhopp-Festival. Wir durften zwischen den unglaublich tanzbaren Ego vs Emo mit ihrem Elektroklezmer und zahlreichen DJs spielen. Es gab Pizza aus dem selbstgemachten Ofen, Feuershow, und Wiesenrave. Dazwischen lauter lächelnde Menschen. Toll. Wir haben uns auch die Bibliothek zeigen lassen, dort könnte man tolle Musik aufnehmen …

 

 

 

 

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15. bis 19. Dezember 2011 – Hildesheim, Hannover, Kassel, Berlin

15. Natürlich kann er uns den Fernseher anmachen, damit wir Fußball schauen können. Die Mannschaft sei ja egal bei welchem Ergebnis durch, aber kein Problem. Er müsse nur kurz noch das Klo sauber machen und nickt in Richtung des einzigen anderen Gastes der Kneipe. Heinrich wird später davon erzählen, dass er der erste Mechaniker in der Wehrmacht war, damals am Wasserwerk. Und nach Frankreich seien sie auch gekommen. Unglaublich schöne Menschen. Während im Fernsehen zwei Fußballmannschaften ein Spiel ohne Bedeutung hinter sich bringen, brüllt die Musikanlage Scooter, Faithless und Andrea Berg.  Deren Fanklub trifft sich hier jeden dritten Samstag im Monat. Der junge Mann mit dem Fußballstartraumgesicht wischt immer wieder zwischen Heinrich und Klo mit einem Mop. „Ich war das nicht“, sagt dieser, wird aber von dem neuen Gast unterbrochen. „Jede Welt ist gleich. Kolumbien ist ja auch quasi das Deutschland Südamerikas und Brasilien die USA.“ „In Frankreich habe ich zum ersten Mal Rotwein getrunken.“ „Und der Obama ist ja gar kein richtiger Amerikaner.“ „Die Werkzeuge habe ich nach dem Krieg nicht zurückgegeben.“ „Und Venezuela ist ja quasi wie Russland, nur ohne Kälte und so.“  Das Spiel ist vorbei. Heinrich hält sich auf dem Weg zum Bahnhof an einer Säule fest. Die ersten Schneeflocken bleiben auf der Straße liegen.

16. Eine Menschenrechtsorganisation hat zur Studentenparty geladen. Solibier trinken, britische Popmusik hören, Erstsemestern beim Knutschen zugucken. Eine junge Dame mit engem Kleid lehnt unzählige Biereinladungen ab und verlangt dafür eine Unterschrift auf der Petition für die Freiheit eines iranischen Journalisten. Wie sein Name genau ausgesprochen wird, weiß sie nicht.

17. Der Weihnachtsmarkt in Kassel ist so etwas wie ein Geheimtipp. Frauen mit rotem Helmhaar, Brasilianer, die staunend die Grills fotografieren, mittelalte Frauen, die mit Teenagern rumknutschen. Kurz überlegen wir, einen Blog zu machen, auf den wir Fotos mit bratwurstessenden Menschen packen. Der Moment, kurz bevor das erste Stück zu heiße Wurst im Mund verschwindet. So etwas kann man nicht schauspielern. Eine Bierstube lehnt uns ab. Keine Fremden! Dahinter eine weitere, in der gerade ein Dartsverein trainiert und immer wieder „So sehen Sieger aus!“ singt. Dazwischen drei Männer mit weit auseinander stehenden Augen. Es gibt nordhessisches Bier, das als „Luxus des kleinen Mannes“ beworben wird. Egge liest später die Werbesprüche in ganzer Länge auf der Bühne vor. Ein Mann mit weißem Sommerhut, weißer Sommerjacke und weißen Lackschuhen versucht eine Gruppe Kegelschwestern von seinen Tanzkünsten zu überzeugen. Es laufen die Beatles. Die Merkur- und Novoline-Spielautomaten sind die ganze Zeit besetzt.

18. Im ICE erzählt eine Frau, dass sie das erste Mal seit Jahrzehnten wieder nach Berlin fährt. Ging ja früher nicht, und dann hat sie es nicht geschafft. Sie möchte unbedingt sehen, wie die Synagoge inzwischen aussieht. Davon hat sie nur Fotos gesehen, in der New York Times.

Die jungen Herren tragen dunkle Hemden zu Stoffhosen, auf der Bühne der Berliner Volksbühne stehen neben ihren klassischen Instrumente nur ein Laptop, und ein paar Lichter erhellen die Szene. Ein Kind schreit, ein Mann klatscht im Takt, ein Heuler kündigt an, wenn er einen Hit erkennt. Präzise und einlullend wabert und knarzt, rattert und harmonieren die zehn Musiker miteinander. Ein Augenschlag später ist das Konzert vorbei. Auf der Aftershowparty gibt es nur Champagner und Wodka in großen Flaschen. Wasser, nein das haben sie nicht.

19. Ein asiatischer Diktator ist tot und alle diskutieren über einen deutschen Staatsmann, der die Würde seines Amtes verletzt haben könnte. Viel schlimmer aber sei der Spott, dem man ihm jetzt entgegenbringen würde. Dieses Amt habe Respekt verdient und Ehre. Dazwischen werden heulende Frauen und verzweifelte Männer gezeigt, die immer wieder auf den Boden fallen und um ihren geliebten Führer weinen. Fasziniert schaut die sogenannte freie, westliche Welt nach Osten und staunt über soviel ehrliche Trauer, manch ein Politiker würde sich so ein Respekt vor der Arbeit der politischen Elite wünschen. Denn was seien schon 500.000 Euro im Vergleich zu all den Greueltaten des verschiedenen Despoten. So eine Ehrlichkeit und demokratisches Staatsmanntum solle doch mal belohnt werden.