heia hussassa, der herbst ist da

Die Alte steht schon wieder vor dem Fitnessstudio bimmelt laut mit ihrer Klingel am Gehwagen. „Hallo! Hallo, macht ihr wieder schön Sport?“ Zwei Jungs drehen sich um, reagieren aber nicht. Sie klingelt lauter. „Hallo! Hallo, macht ihr jetzt wieder dieses Squash?“ „Nein“, antwortet einer genervt. „Warum nicht?“ „Zu wenig Platz da drinnen.“ „Das ist ja scheiße! Naja, schönen Abend noch.“

Tequila ist sechs Wochen alt und wird mal 60 Zentimeter hoch. Ihr Herrchen marschiert stolz mit seiner Steppjacke, dem Polo-Käppi und der weißen Hose durch den Stadtteil. In der Hand immer eine Plastiktüte, Tequila macht ja gerne mal ein Häufchen. Siggi lebt seit mindestens zehn Jahren auf der Straße. Als er Tequila sieht, glitzern seine Augen, und als er der Kleinen den Kopf streichelt lächelt er. Ihr Herrchen zieht die Leine fest zurück. „Aus, wir sollen doch keine anderen Personen stören! Entschuldigen Sie, die ist noch ganz klein.“

Zwei Jahre lang haben sie sich gemeinsam auf die Prüfung vorbereitet. Nun stehen sie gemeinsam mit ihren Lehrern und Ausbildern vor der Kneipe, genießen die Restwärme und stoßen an. „Jetzt, wo wir selbst Zimmermeister sind, lasst uns die Tradition hochleben und darauf trinken, dass alle Arbeit, aller Kampf nicht umsonst war.“ Sie kippen schnell den Korn herunter und erzählen sich die Geschichten von früher aus der Lehre bis die Kellnerin kommt. „Wollt ihr noch was trinken? Ansonsten müsst ihr nämlich rein gehen, die Nachbarn beschweren sich sonst.“

Laut rauscht der Polizeiwagen durch den Tunnel und um die Ecke. Schlägerei in einer Shisha-Bar. Davor warten schon zwei weitere Mannschaftswagen, die Kollegen in Kampfuniform. Der Besitzer versucht zu vermitteln. „Es war nur eine Schubserei. Wir haben alle rausgeschmissen, und die sind auch sofort abgehauen.“ „Das mag ja sein, wir müssen trotzdem von jedem hier die Personalien aufnehmen.“ „Ich verstehe nicht warum, aber meinetwegen. Mein Name ist Ince.“ „Wie schreibt man das?“ „Ida, Nordpol, Cäsar, Emil.“

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20. Oktober 2010 – Geh-offline-Tag

Sie sagen, du solltest nicht so angepasst leben,
dafür hauen sie dir Pfefferspray ins Gesicht.

Sie sagen, du musst noch viel mehr lernen,
und lassen dich Studiengebühren zahlen.

Sie sagen, du solltest dich integrieren,
dabei leben sie weit weg von den Menschen.

Sie sagen, du solltest fünf Fremdsprachen kennen,
und selbst verstehen sie ihre eigene nicht einmal.

Sie sagen, du brauchst noch mehr Arbeitserfahrung,
doch niemand gibt dir einen Job.

Sie sagen, du solltest die Umwelt schützen,
und vergraben Strahlenmüll in der Natur.

Sie sagen, du solltest sparsam sein,
doch verschenken sie dein Geld an ihre Freunde.

Sie sagen, du solltest nach Hamburg gehen, nach Leipzig und Berlin,
dort ist die Szene, die Musik, die Party, das Leben, nur nicht dein Herz.

08. Oktober 2010 – Magdeburg – LIZ

Mehr als fünf Jahre ist es schon her, dass Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle verbrannt ist. Die Umstände sind bis heute ungeklärt, aber die Faktenlage höchst brisant. Damit sein Tod nicht in Vergessenheit gerät, hatte das Libertäre Zentrum in Magdeburg zu einem Infoabend mit anschließendem Konzert eingeladen. Wir durften dort spielen, gemeinsam mit den coolen Boys von Meier und Erdmann.

Es war das erste Konzert seit anderthalb Monaten, während unserer Spielpause hatte der Herbst die Bäume gefärbt und unsere Lebensmittelpunkte ein paar hundert Kilometer auseinander gerissen. Umso mehr freuten wir uns, dass vor der Bühne noch eine Menge Leute standen, die uns beim Quatschmachen zusehen wollten.

Das Libertäre Zentrum ist seit ein paar Monaten legal, die circa zwanzig Bewohner Besitzer ihres tollen Hauses. Draußen wachten zwei kräftige Jungs, weil der letzte Nazi-Angriff keine zwei Wochen her ist. Im Hof stand schon das Holz bereit, mit dem im Winter die Kessel beheizt werden. Einer erzählte von einem Besuch des SEKs bei ihm auf dem Bauwagenplatz und in der Küche brutzelten leckere Veggie-Burger in der Pfanne. Zwei Skins machten Pogo auf dem Perserteppich und hauten einen um, dem vor ein paar Tagen der Hund weggenommen wurde, und eine junge Dame war extra aus Leipzig gekommen und verbrachte die Nacht auf dem Bahnhof Magdeburg , wenige hundert Meter von der Truppe großer, kurzhaariger Männer, die auf ihren schwarzen Jacken dick „Sicherheit“ stehen haben. Nach dem Konzerten entschwanden wir in die Nacht, hörten laut alte Punk- und Technohits und landeten irgendwann in einer Kneipe, in der es nach vier Uhr noch Pommes gibt und der Besitzer weiß, was er bringen soll, wenn man „Lütje Lage“ bestellt.