Egges Rückblick zum Jahr 2016

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Ein Ausflug in die alte Heimat: Sommer in Neubrandenburg.

Meine Fresse, was war das denn?! Wir waren euphorisch im Frühjahr, im Sommer einfach drauf, im Herbst in einer Art Jahreszeit gewordenem Sauerstoffzelt & im Winter ordentlich bei der Inventur. Das Jahr 2016 war eines der intensivsten Jahre der Bandgeschichte – passend zum zehnjährigen Bestehen der Band mit dem komischen Namen. Vielleicht sind wir alt geworden? Vielleicht kosten Jobs, Ideen & Projekte außerhalb des Banduniversums doch mehr Kraft, als man es für möglich hält? Oder sind es die gesellschaftlichen Umbrüche, die einen nicht richtig schlafen lassen? Privates & Politisches. Gehörte für uns als Band immer zusammen. Gehört es immernoch. & manchmal möchte man die ganze Welt einfach gegen die Wand schmeißen und mit den Scherben nochmal neuanfangen & basteln. Geht nur nicht. Also zurück ins Werk.

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Beatpoeten auf der Bühne zum Internationalen 1. Mai Fest.

Da hilft es tatsächlich, ein wenig in den Fotos, Flyern und Erinnerungsfetzen zu kramen. Was war da eigentlich los, 2016? Waren wir viel unterwegs? Zu viel? Zu wenig? Gab es was zu entdecken? Haben wir etwas vergessen? Bestimmt. Mehr als ein Handy und eine Bahncard auf jeden Fall. Ein Versuch der Bestandsaufnahme.

Wir fangen einfach an. Die zehn besten Konzerte 2016

1. FCKR – Release-Show Soundso, Leipzig

2. Blixa Bargeld & Teho Teardo, Lissabon

3. Die NervenFaust, Hannover

4. The Incredible Herrengedeck, SO36, Berlin

5. Art Garfunkel, L’Olympia, Paris

6. Isolation Berlin – Faust, Hannover

7. Feine Sahne Fischfilet – Festival Täuchental, Leipzig

8. Hyäne Fischer, Fête de la Musique & Alt-H

9. NOFX & Pennywise, Faust, Hannover

10. KIZ, Swiss Life Hall, Hannover

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Posterboy in Leipzig mitm Monchi.

FCKR war eine Band, die mich dieses Jahr sehr begleitet hat. Immer druff. Ironisch. Klar. Irgendwie auch nicht. Da passen die verzweifelten Isolation Berlin-Schreie, der Postindiekram von Die Nerven, die Ansagen von NOFX bis FSF.

Die zehn Neuentdeckungen für mich 2017

 

1. Meute, Kulturarena, Jena

2. Gruppa Karl-Marx-Start, NBL, Leipzig

3. Das Flug, blank, Berlin

4. Oi of the Tiger, Heinz, Hannover

5. Coca Candy, Fährmann, Hannover

6. Argies, Störfaktor, Zwickau

7. Aktiv Passiv, Chekov, Cottbus

8. Rabaukendisko, Glocksee, Hannover

9. Klostein, Störfaktor, Zwickau

10. The Black Madonna, Fuchsbau-Festival

https://dasflug.bandcamp.com/track/deutlich-unterbewaffnet-in-hellersdorf

Ich merke immer mehr, dass die schönsten Konzerte vor allem mit Leuten zu tun haben, die man ins Herz geschlossen hat. Da mag nicht jede Note richtig sitzen, mit den richtigen Menschen im Publikum, an den Instrumenten oder an den Reglern passt das alles schon. Meute sind mittlerweile quasi berühmt, die Argies hab ich Jahrzehnte zu spät entdeckt, und Rabaukendisko sind vermutlich schon wieder durch. Egal. War schön. Und Das Flug trifft bald Coca Candy und Beatpoeten beim Wutzrock. Harhar.

Für die Vollständigkeit: nicht neu, aber noch immer spannend & großartig

1. Messer, Glocksee, Hannover

2. The Hirsch Effekt, Reeperbahn-Festival

3. Lumpenpack, Fährmann, Hannover

4. Kasimir Effekt, Fuchsbau-Festival

5. Beatbar, Fährmann, Hannover

Messer hab ich sehr gemocht. Haben mich überrascht in ihrer Dringlichkeit. Die anderen Bands sind wie kleine Schätze, die man in der Brusttasche trägt. Und wenn wieder jemand nach kleinen Tipps fragt: Bäm!

Tacheless: Voll auf die Band gefreut, dann mit angezogener Handbremse zugeschaut

1. Beginner, Swiss Life Hall, Hannover

2. Milliarden, Heinz, Hannover

3. Alin Coen Band, Täubchental, Leipzig

4. Dirty Honkers, Ballhof, Hannover

5. Zugezogen Maskulin, FCLR, Hannover

Natürlich liegt es an den Umständen. Aber bei Alin Coen musste ich weg, die Honkers haben das Gaspedal verfehlt, und Zugezogen Maskulin? Ich mag die Musik, live hab ich keine einzige Zeile verstanden. Mhh. Ach so: die Beginner waren mit ihrem Set nach 45 Minuten durch. Am Rest der Show rätsel ich noch. Warum sollten wir für ein Video nochmal zu Samy Deluxe tanzen?

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Fusion-Konzert für zehnjährige Edelklos. Danke, HCWC!

So. Achtung, ernsthafte Kategorie: die zehn besten Beatpoeten-Auftritte

 

1. Fusion – Landebahn-HCWC (Eine Musik gewordene Liebeserklärung)

2. Ende Gelände-Abschluss-Rave (Danke, Herrengedeck!)

3. Hafenklang-Exil, HH (mit DiskoCrunch) (Heiß, mit DJ Costa)

4. Burg Herzberg Festival (Literaturrave)

5. Punx Picnic Neubrandenburg (Heimspielcharakter)

6. Bahnrave zum Open Flair (Grüße gen Renato, Felix und Tilman)

7. Lesung in Glocksee mit Leo Fischer (Grüße gen Malte & Indiego-Team)

8. SO 36, Berlin (mit Herrengedeck)

9. about.blank, Berlin (mit Das Flug)

10. KuZe, Potsdam

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Auf gehts, ab gehts, Ende Gelände.

Ganz wunderbar war es natürlich auch in Ravensburg, Witzenhausen, Cottbus & Zwickau, im Klapperfeld Frankfurt und vor allem herzlich in Norderstedt & Nordhausen. Vergesst diese Aufzählungen. Dieses Jahr war ein einziges Geballer & ihr habt uns trotzdem selig gemacht.

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Stillleben mit neuer Platte „Geheul“.

Zehn besondere Beatpoeten-Momente

1. Das dritte Album ist tatsächlich erschienen (Danke, Tobi!)

2. Neue Lesung „Unterwegs – das Elend“ läuft ausgerechnet beim A Summer’s Tale

3. Das neue Enterpreneur-Duell bei KreHtiv

4. Punker-Lesung endlich in der Køpi

5. Die letzte Mal Pegida-Lesung, Eisfabrik

6. Soundtrack zu „Traum.Ruine.Zukunft“ – dem Film zum Ihmezentrum

7. Video zu „19“ – kaum Reaktion – vielleicht stellen wir doch auf Youtube um

8. Erstes Plastic Bomb-Interview überhaupt

9. Doppelseiten-Text im Human Parasit

10. Release-Party läuft bei Onkel Olli – ohne Musik

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Start-Up-Familienduell in der Cumberlandschen Galerie beim KreHtiv-Geburtstag.

Zehn schräge Beatpoeten-Momente

1. Arbeitermedley zum 1. Mai in Braunschweig geht völlig schief 

2. Kaputter Nachmittags-Rave in Doksy

3. Kabelschnitt in Cottbus

4. Vinyl-Songliste passt nicht zur Pressung (ahh!)

5. Einkaufswagen auf der Bühne in Zwickau

6. Naziangriffe bei Ende Gelände

7. Mehrwertsteuer-Gau im Dezember

8. Textsicherheit der blank-Besucher bei Battlerap-Lesung

9. Schüler im Kunstverein Ravensburg

10. Wir haben laut Linus Volkmann eines der besten Punkalben im Herbst veröffentlicht

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Arbeiter, Bauern, Fahnenträger. Braunschweig 2016. Dem Morgenrot entgegen.

An dieser Stellte sollten die schönsten Alben folgen, FCKR ist genauso dabei wie Stereo Total oder die wunderbare Sammlung „Falscher Ort, Falsche Zeit Vol. 2“. Aber so recht komme ich in diesem Jahr nicht mit. Gerade noch Bowie gekauft, stirbt er. Bei Isolation Berlin komm ich kaum nach und kann die Alben nicht auseinanderhalten. Gerade läuft das Album  „Der Spielmacher“ mit Rösinger, Spechtl, Türen & Jens Friebe. Alle großartig. Das schönste Lied kam aber spät und ist von Jetzt! – uralt.

Achtung, Emotionen

Meine Mutter ist tatsächlich endlich im Ruhestand und ich feiere das sehr

Ausflüge gen Amrum, Paris, Lissabon, Prag & Rügen
Gründung des Büro für Popkultur & Zukunftswerkstatt
Freundeskreis-Abende & kreHtive Ausflüge
Die Arbeit ruft von Slam 2017 bis zur Goldenen Fanfare

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Rückzugsort Rügen.


Sommereinsätze & Weihnachtshilfe-Rekord
Süntelbuchen, Feldstern & Märchenwälder
Freunde & Menschen voller Liebe
Gegen jede Angst & Rassismus
Ein sprechendes Patenkind
Hochzeiten & Todesfälle
Familie neu entdecken

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Sehr selten: Süntelbuchen.

Das kommentiere ich hier alles weniger. An jedem Stichwort hängen Erinnerungen, Gefühle & Eindrücke, mal schmerzhaft, mal voller Herzlichkeit. Ich danke allen Menschen für ihre Liebe, Geduld & oft auch: für ihr Verständnis.

Lumix Festival: HAZ-Talk im Container (oder:
HAZ-Fotocontainer beim Lumix-Festival in Hannover.

Wieder was gelernt

1. Das erste Mal Eisstockschießen

2. Jurymitglied bei Jugend spielt für Jugend

3. Foto-Container beim Lumix-Festival für Fotojournalismus

4. Mitglied einer Bulli-Schau-Jury

5. Freier Fall im Hochseilgarten

6. Hexenschuss

7. Schwarzlichtminigolf

8. Endlich Lammbock

9. Ihmezentrums-Picknick

10. Xylophonsolo
11. Das erste Mal Off-Sprecher in einem Film
12. Arbeitsplatten-Ausschnitt für Küchen
13. Das erste Einstecktuch
14. Sturmglocken-Halloween
15. Suppenverkauf für den guten Zweck

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Beatpoeten in Prag.

Dieses Jahr war geprägt von neuen Erfahrungen und Sprünge ins kalte Wasser. Manchmal merkt man das erst hinterher. Soll ja jung halten. Aber insgesamt war ich doch öfter bei Ärzten als nötig. Danke, 2016!

Die schrägsten und schönsten Kulturmomente 2016

1. Der Film Lobster – alles daran ist genial
2. Die Gründung der Hörregion & die Gala im HCC & die Dadüdada-Performance dazu
3. Annadigiding – Stell dir vor, Rainald Grebe macht was – und keiner geht hin
4. Cheerleader in Finnland – ein Film, den ich nicht verstehe
5. Hörspielsommer Leipzig – weil die Idee nach Hannover muss

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Musik und Mousse T bei „Digital Sounds“.

Die schönsten Moderationen 2016

1. Der Konferenz „Digital Sounds“ im Anzeiger-Hochhaus. Hatte ich unterschätzt, bin nach Vorträgen von Sennheiser und Hochschulprofessoren und Gesprächsrunden mit Mousse T. bis Toshifumi Kunimoto von Yamaha sehr klüger rausgegangen.
2. Verleihung des Niedersächsischen Wirtschaftspreis mit Stephan Weil und Olaf Lies. Spannende Preisträger & schöne Geschichten. Und vor allem: munterer als 2015.

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Klimaretter der Region Hannover.


3. Klimaschutzkuratorium der Region Hannover mit Kammerchefs, Klimarettern und Experten wie Karsten Schwanke. Ein kurzweiliger Ritt durch gefühlt 15 Talkrunden.
4. Hauptbühnen beim Entdeckertag, Autofreier Sonntag & Aktion Sicherer Schulweg: ich mag die hannoverschen Großveranstaltungen, wenn sie so abwechslungsreich vom Programm ausfallen wie diese.
5. NOFX & Pennywise auf der Faust-Wiese: fürs Herz
6. Metropolversammlung in Osterode mit OBs, Uni-Präsidenten, Kammerchefs, …
7. Tag des demokratischen Engagements mit Konstanze Beckedorf im Neuen Rathaus

Tag des demokratischen Engagements
Spax fordert gelebte Demokratie.


8. Ihmezentrums-Diskussionen im Capitol und im Zentrum mit Stefan Schostok, Verwalter Torsten Jaskulski und dem Bund Deutscher Architekten
9. Festival-Talks beim Fuchsbau-Festival, Fährmannsfest & Lumix-Fotojournalismus
10. Das neue Start Up-Slam
-Format mit VOXR-Technik an der Leibniz-Universität

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Start Up-Slam an der Leibniz Universität.

11. Ehrenamtsgala des Freundeskreis Hannover
12. HAZ-Foren zu Hannover 96 mit Bader & Stendel, Hebammen, A2, Image & Inklusion
13. Studentenw
erkspreis & „Von Leibniz zu Bahlsen“-Gala
14. Suchthilfelauf & Helmfest, Weihnachtsmarktfeten, Expertenforen & HAZ-Aktionen

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Spendensammlung in der Neustädter Hof- und Stadtkirche.

15. Poetry Slams, Science Slams & der Fanfarenzug-Slam zum Schützenfest, im Gartentheater Herrenhausen, Audimax Göttingen, Opernhaus, Lessing-Theater Wolfenbüttel, Stadthalle Holzminden, Schloss Bevern, Oldenburger Exerzierhalle, Kulturmühle Buchhagen, Empore Buchholz, Kirche Seelze, Salon Hansen Lüneburg

Insgesamt komme ich auf mehr als 80 Moderationen für 2016. Mal kleine Ansagen, mal ganze Tagesprogramm. Es ist immernoch sehr vielfältig von Punkrock bis Preisgala. Und ein wenig hoffe ich, dass es so bleibt. 2017 stehen Klostertage an, die deutschsprachigen Slammeisterschaften & Medienkonferenzen. Der Science Slam zieht ins Schloss Herrenhausen und auf die IdeenExpo 2017. Und der Leinestern wird vergeben.

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Fertig in Hamburg.

Und nun? Ein neues Jahr liegt vor uns und mir. Am Anfang dieser Aufzählung dachte ich, so viel war 2016 doch gar nicht los, warum bin ich so müde? Ach ja. Darum. & trotzdem kann ich es gar nicht abwarten, den Kalender zu füllen, Pläne mit wunderbaren Menschen zu schmieden & treff gleich einen wie Herrn Costa, um Unfug und Umstürze zu planen. Das Übliche also. Kommt gut ins Jahr 2017. Weitermachen & munter bleiben.

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Lesung zu 10 Jahre Beatpoeten beim A Summer’s Tale in Luhmühlen.
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13. Mai 2011 – Beatpoeten treffen: die Lena

Was war das für ein verrücktes Jahr, dieses 2010. Die Deutschen spielen wieder Fußball, die Loveparade wird zur Tragödie und diese Beatpoeten spielen auf der Fusion. War da noch was? Ja! Eine 18-Jährige IGS-Schülerin stolpert über eine Raab-Castingshow in den „Eurovision Song Contest“ und verzaubert erst Deutschland und dann Europa. Lena heißt diese Frau, die so ganz anders ist als die letzte ESC-Gewinnerin namens Nicole. Deutschland kann auch cool, heißt es in den Kulturzirkeln. Na dann.

Es folgen Alben, Preise und eine Tour durch riesige Hallen. Die Kritiker hauen drauf, als das dynamische Duo Lena-Raab verkündet, es noch einmal zu versuchen. Es wird ein Lieder-Contest bestellt, alle dürfen mitwählen und suchen sich einen düsteren Elektrosong raus. Wir sind begeistert. Egge bricht mit dem Zeitungskollegen und ESC-Experten Imre Grimm nach Düsseldorf auf. Sie waren schon in Oslo zusammen, kann nur gut werden.

Ein Vormittag am Luxushotel, zwei Tage vor der Finalshow in der Düsseldorfer Arena. Ein Typ im schmucken Anzug lässt sich vorm neuen Hyatt am Hafen aufwendig fotografieren. Hinter ihm bastelt ein Bauarbeiter mittels Presslufthammer an einer Treppe rum. Ganz schön laut für so viel Sterne. Die Polizei hat den Eingang im Blick, ein Paparazzo auch. In der Lobby hängen ein paar Journalisten rum. ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber kommt und begrüßt alle mit Namen. Nicht schlecht.

Kollege Imre Grimm ist auch schon da. Es ist kurz vor zwölf. Statt uns anzumelden, wollen wir in den achten Stock fahren, merken aber, dass man im Luxushotel nicht einfach Fahrstuhl fahren kann – man muss vorher zur Rezeption. „Man fühlt sich ein wenig wie vom Land“, sagt Imre. Stimmt. Brainpool schickt uns Hilfe, lotst uns in das Hotelzimmer einer der Backgroundsängerinnen von Lena, ja, die mit den Rodelanzügen. Wir sollen warten. Machen wa. Nach zehn Minuten hören wir ein bekanntes Lachen.

Na, alles wie neulich? Oder was ist anders als in Oslo? Innerlich und äußerlich?
Äußerlich: längere Haare und mehr Schminke. Und innerlich? Da
stresst es mich ein bisschen, dass so viel deutsche Presse hier ist. Bei vielen von denen habe ich das Gefühl, dass nichts einfach mal cool sein kann. Heute hat eine Zeitung geschrieben, dass ich bei unserer Party neulich auf dem Rheinschiff total nölig war, mit keinem gesprochen habe und dann auch noch heulend das Boot verlassen habe.

Das stimmt nicht. Wir waren da.
Das ist so schade. Ich bemühe mich echt. Und trotzdem glauben viele Leute natürlich, was da in den Zeitungen steht. Da stehe ich zum Beispiel auf diesem Boot, und der Franzose singt, und ein Sänger von Blue kommt neben mich, und ich sage zu ihm: „Ach, ist das schön, und so ergreifend! Guck mal, ich habe Gänsehaut.“ Und sofort drehen sich alle Kameras zu uns um und schießen drauflos. Und ich sage: „Vielleicht, ganz eventuell, sind wir morgen verheiratet.“ Ich nehme das alles mittlerweile mit Humor. Es geht nicht anders.

Viele verstehen dich nicht?
Es ist lustig. Gestern habe ich einem Journalisten erzählt, dass ich einen Hund bekomme, der soll Fuzzi heißen. Und dann hat er gefragt: „Datest du jemanden zur Zeit?“, und ich habe ihm erzählt, dass er jetzt der Erste sein wird, der das erfährt: Ich bin seit eineinhalb Jahren total glücklich vergeben. Das ist die Wahrheit. Und was steht am nächsten Morgen in der Zeitung? „Lenas Hund soll Fuzzi heißen“.

Schnitt. Mal ein Satz zu dieser Lena, die uns da gerade erzählt, dass sie seit eineinhalb Jahren vergeben ist. Sie sitzt da auf dem Hotelbett ihrer Tänzerin und redet einfach drauf los. Es scheint ihr unendlich wichtig, wie sie gerade wahrgenommen wird. Dazu muss man wissen, dass der Spiegel und andere Medien gerade in den letzten Wochen genüsslich auf Lena rumgehauen haben. Die Annekdote mit dem Hund haben wir später im Focus gefunden, muss aber nicht die Urquelle sein. Die Geschichte mit der heulende Lena war in der Bild zu lesen. Das ist besonders spannend, denn nach unserem Wissen war die Bild nämlich gar nicht zu diesem Pressetermin eingeladen. Und tatsächlich, einen Tag nach dem Bildbericht heißt es im Kölner Express. Lena soll sich nicht gerade gastfreundlich aufgeführt haben und es sollen Tränen geflossen sein. Leider Quatsch, der abgeschrieben nicht besser wird. Aber ein unrühmlicher Hinweis auf das Pressegebaren dieser Tage.

Hast du hohe Erwartungen an dich selbst hier in Düsseldorf?
Ja. Ich will auf jeden Fall zufrieden mit mir sein. Die erste Probe fand ich schon gut, die zweite dann noch besser. Nur dieses schwarze Haarteil am Kopf musste weg, das ging gar nicht.

Bist du ehrgeiziger oder Stefan Raab?
Stefan!

Du bist hier ganz ohne ihn unterwegs, hast auch deine Pressekonferenz allein absolviert. Hast du dich von ihm emanzipiert?
Er gehört als Moderator ja nicht mit zur Delegation. Ich bin aber weiterhin der Meinung, dass Stefan und ich ein gutes Team sind. Alleine ist es natürlich anstrengender, aber dafür rede ich die ganze Zeit!

Du bist ja auch Gastgeberin hier. Was bedeutet das für dich?
Mir ist wichtig, dass die anderen Delegationen mit einem guten Gefühl wegfahren. Ich fänd’s super, wenn die Deutschen über den ESC ein bisschen mit Nettigkeit und Höflichkeit assoziiert werden würden. Das war in Norwegen so toll.

Kleine Bilanz deiner Livetour: Neun Städte, 70 000 Zuschauer. Wie wichtig war das für dich: zu erleben, dass du das kannst?
Es war so wichtig. Ich hab das Gefühl, ich bin so krass daran gewachsen. Ich habe so viel gelernt und aufgesogen. Die Tour war einfach geil. Wir waren alle so traurig, als es vorbei war, wir waren gerade erst so richtig im Groove miteinander. Es war eine verrückte Truppe, alle total unterschiedlich: vier russische Streicherinnen, meine Band als Mittvierziger-Männertruppe, dazu die Backgroundsängerinnen und ich, dann hatten wir vier afroamerikanische Tänzerinnen…

Wenn es so schön war: Gibt es Pläne für eine neue Tour?
Ja, die gibt es. Wir denken darüber nach, gegen Ende dieses Jahres auf eine Akustik-Tour gehen. Mit einer kleineren Truppe, aber mit ein paar mehr Konzerten. Ist aber noch nichts gebucht.

Schnitt! Lena hat uns gerade verraten, dass sie eine weitere Tour plant. Das ist natürlich noch nicht offiziell und die Brainpool-Kollegin wird nachher checken müssen, ob wir das schon schreiben dürfen. Wir dürfen. Imre denkt laut über das Capitol nach, Egge überlegt wieviel Leute in die Faust passen. Lena erinnert sich an das Bonaparte-Konzert beim Boot-Boo-Hook 2009. Egge war damals auch da, es war eine einzige Sauna. Schon komisch, da sitzt man da, ein paar Momente vor dem ESC-Finale mit 120 Millionen Zuschauern, ein Wettbewerb, der Lenas Leben verändert hat, und erinnert sich an Schweißschlachten in der heimischen Faust. Kleine große Welt.

Die Teilnehmer, aber auch die Besucher beim ESC sind deutlich jünger geworden, seit du gewonnen hast. Wie fühlt sich das an, wenn man einen so traditionsreichen Wettbewerb mit 120 Millionen Fernsehzuschauern verändert hat?
Geil. Ich finde Veränderung immer erst mal nicht so schlecht.

Könnte man nicht den Bundesvision Song Contest, den Raab einst als Gegenentwurf zum ESC erfunden hat, einfach zum offiziellen deutschen Vorentscheid umdeklarieren?
Stimmt. Wieso ist da noch keiner drauf gekommen?

Wen würdest du denn selbst gerne mal für Deutschland beim ESC sehen?
Dendemann (lacht). Oder Samy Deluxe.

Okay, Dendemann finden wir großartig. Und Egge hat tatsächlich die Vision, dass der Bundesvision Song Contest einmal die wirklich besten Popbands in die Wettbewerbe schickt. Schließlich spielt schon jetzt Jan Delay im Rahmenprogramm, die Steel Drummer von Peter Fox sind auch in Düsseldorf, Zeit für Seeed und Dendemann beim ESC. Imre ist klug und erinnert sich. Haben da nicht auch Subway to Sally und Oomph! gewonnen? Stimmt. Naja, war so ne Idee…

Nicole singt gerade beim „Airport Grand Prix“ hier in Düsseldorf. In 20, 30 Jahren bist du selbst „die ehemalige ESC-Siegerin Lena“. Würdest du auch auf irgendwelchen Schlagerbooten auftreten. Oder beim Airport Grand Prix?
Erst mal würde ich schreien: „Nein, nein!“ Wie in so ’nem Albtraum: „Neeeein…!“

Am Montag ist der ESC Vergangenheit. Was passiert dann mit dir?
Ich werde mich zwei bis drei Monate ausruhen. Ich will jetzt erst mal zu Hause sitzen und überlegen: Wer bin ich, was ist mein Leben, was will ich? Wo stehe ich? Was möchte ich in drei bis vier Jahren machen? Und darüber möchte ich jetzt erst mal ein bisschen nachdenken.

Was denkst du: Wo wärst du heute, wenn du bei „Unser Star für Oslo“ nicht gewonnen hättest?
Vielleicht an der Schauspielschule in Berlin. Vielleicht würde ich aber auch studieren. Philosophie und Theologie interessieren mich total, einfach von den Themen her. Ernsthaft.

Das würde an deine Erfahrungen mit Taizé anschließen.
Richtig. Aber was ich auch cool fände, wären Sprachwissenschaften, Spracherziehung oder so. Ich werde das in Ruhe überlegen.

Egge denkt, was der Imre immer weiß. Theologie wusste er schon. Und Taizé kann er auch richtig aussprechen. Mh. Die Brainpool-Kollegin schaut auf die Uhr. Gleich vorbei. Statt 15 Minuten bekommen wir am Ende 25 Minuten. Dankeschön. Letzte Frage.

Was meinst du: Könntest du dir nicht eine Menge medialen Gegenwind ersparen, wenn du ein bisschen mehr von deiner Verletzlichkeit zeigen würdest?
(leise) Das mache ich total oft. Das schreibt nur einfach keiner. Ich sage das dauernd. Ich weiß nicht, warum man das ignoriert. Ich glaube inzwischen, dass die Leute das Bild der heilen Welt einfach brauchen, um es dann zerstören zu können.

Dann drehen wir noch schnell ein Video mit ihr und singen „Boom, Boom, Chucka, Chucka“ und zack, ist Lena wieder weg. Als wäre nichts passiert. Schon ein komischer Job, Star zu sein, denken wir. Leicht ist das nicht. Dann suchen wir den Ausgang, die Parkgarage und kämpfen mit dem Kassenautomat und machen uns – wie Lena – an die Arbeit.

Das Video als externer Link:

http://www.haz.de/Mediathek/Videos?bcpid=1896788706&bckey=AQ~~,AAAAAGL7LqY~,A_bzXHNK60u8qsFlh_kUwvAQQ2ryTo7N&bclid=1704115725&bctid=941236722001


Danke an Imre an dieser Stelle, dass wir das Interview auch hier reinstellen können. Und beste Grüße an Mutti HAZ.

27. Mai 2010 – Lenastheniker Egge in Oslo

Dies ist die Geschichte von Egge & Lena. Weil viele fragen, warum Egge bitte gerade in Oslo ist, statt mit Costa Mucke zu machen. Und ja, wir spielen in einer finnischen Deathmetalband. Das haben wir zumindest Frauke Ludowig so erzählt. Meine Mutter spielt Bass. Aber das ist privat! Und nu ma los:

Anfang Februar: Egge kommt in Hanover bei seinem Arbeitsgeber an, der regionalen Tageszeitung. Sein Auftrag: Er soll mal die beiden Hannoveraner checken, die er gestern bei Raab in dieser neuen Castingshow gesehen hat. Man ist etwas aufgeregt. Die eine fand man echt ganz gut, tatsächlich auch die Älteren. Nun ja: Egge telefoniert, hat diese Lena bald aufm Handy. Aha, war super, Riesenchance, Wow! Auch der andere, Cyril Krueger ruft zurück: auch alles super! Und vor allem Rock ’n ‚Roll. Man trifft sich im Brauhaus, beim Klamottenkaufen, in der Glocksee. Egge schreibt brav jeden Dienstag übers Public Viewing in der Faust, rockt mit Cyril im Glockseeprobenkeller mit Fury-C. und Terry-Hoax-Muckern und nervt jeden Tag Lena, die ihm von Eierkuchenunfällen berichtet, von der Faust (Stammgast bei Maximal – da schließt sich der Kreis), ach von allem möglichen.

Einiges davon landet dann auch in der Zeitung. Cyril fliegt aus der Show, Lena erreicht das Finale. Mit Imre Grimm fahren wir zu zweit nach Köln zum Finale, treffen Freundinnen, Raab, ja, und auch Dursti und Jennifer Braun (DAS war knapp, ihr Lieben!! Das vergisst man sehr schnell!!). Lena begrüßt uns mit Umarmungen, die Medienmeute schaut etwas erstaunt. Oha. Uns Lena wird zum Star, hoppla.

Wochen später, viele Anrufe zu Abi, Album und Auftritten im Trash-TV sieht man sich in Oslo bei der ersten Pressekonferenz nach den ersten Proben wieder. Lena: „Jan, schön, dass wir uns hier wiedersehen.“ Oha, böse Blicke der Kollegen. Wer ist dieser Typ? Man lernt sich kennen: Feddersen, Niggemeier, Heinser, Wolther – und trinkt Bier für 10 Euro. Egge fährt mit Lena Segelschiff, latscht zum Empfang im Osloer Rathaus, in dem Obama neulich noch den Friedensnobelpreis bekommen hat, und haut – hoppla, der Sekt – nem Kellner versehentlich ein Tablett aus der Hand. Als Raab keine große Lust aufn Interview hat, sagt Lena „Das ist ein Kumpel“ und man bekommt seine O-Töne. Das ist schon großes Arbeiten.

Die Geschichten landen in Leipzig, Ulm, Kiel, Lübeck, Berlin, Hannover, Visselhövede. Die Einnahmen decken die Kosten nicht im geringsten. Pizza? 40 Euro. Zum Vergleich: ein Taxifahrer verdient 18000 Euro im Monat!

Und Lena? Sieht müde aus. Drückt uns immernoch. Und wir drücken ihr die Daumen. Manchmal, sagt sie uns, will sie einfach zurück in die Faust und als Lena einfach lostanzen, ohne große Aufregung. Kann man ihr nicht verübeln. Bis Samstag muss sie noch durchhalten, dann noch ein paar Interviews, dann macht ganz Brainpool Urlaub.

Lena halt durch! Und das Geschenk bekommste auch noch. Und dann rocken wir zusammen zu „Das ist mir zu kommerziell„! Und an alle anderen: Bei aller Schreiberdistanz, ich steh auf Lena, weil sie weiß, wo und wie in Hannover gefeiert wird, weil sie genau in den gleichen Schuppen mindestens genauso eigenartig wie Costa tanzt, wenn der 14. Gin Tonic drin hat, und auch drauf scheißt, weil ihr Song geil ist, weil sie The Cure gecovert hat, ohne, dass es dämlich klang, weil ich dank ihr Fjordwandern kann, weil sie ab und an auch ne SMS zurückschreibt und weil sie ein Rockstar ist!! Und das tut dem Good-old-fucking Songcontest verdammt gut. Rocken!!