1. Februar 2014 – Hamburg

Samstag im HBF ist Selbstmord

„Der Rave war richtig geil.“ Die SMS verlässt mich gen Egge irgendwo zwischen Hamburg und Hannover in der niedersächsischen Pampa. Draußen Acker, Windkraftanlagen, die müden Restflecken eines Winters, der erst in ein paar Wochen in seine schmutzige, graue Hohephase steigt und uns wieder in die Bars, Saunen und Betten zwingt.

Egge habe ich auf dem Weg zwischen Gefahrengebiet Schanzenviertel, Großraumdisko Reeperbahn und Technoparty auf dem ehemaligen DDR-Schiff MS Stubnitz am Rande des Hamburger Eliteghettos Hafencity verloren. Er sitzt wahrscheinlich immer noch irgendwo in diesem Hafenbabylon Hamburg, hoffentlich warm, mit Tee oder so.

Die vergangenen Stunden rasen mal kurz durch meinen Kopf, während die medienschaffende Platznachbarin im ICE schon wieder Analysen liest, während sie eine NDR-Talkshow anschaut und SMS schreibt. Willkommen zurück im Neuen Preuszen. Adieu Wochenende.

Freund schaut zu

Hinter uns liegt eine Reise durch den kleinen Kosmos, den wir uns in den vergangenen Jahren erkämpft haben, dessen Freiräume immer wieder verteidigt werden müssen. Mit diesen Menschen, mit denen wir gerne Seite an Seite stehen für ein buntes, ein faires, ein spaßiges Leben. Am Samstagnachmittag ging alles in Hannovers Nordstadt los bei der Eröffnung einer Einkaufsgemeinschaft, einer Art Lebensmittelkooperative, die in anderthalbjähriger Anstrengung ertrotzt und erkämpft wurde und die jetzt mehr Nachbarschafts- und Gleichgesinntentreff zu sein, als nur ein Laden für ökologisch und fair erzeugte und gehandelte Lebensmittel. In dem Moment, in dem mich Egge dort abholte, begann wieder dieses nervöse Gefühl des Tourens, des Unterwegsseins, das doch irgendwie immer noch im Zentrum jeglichen Handels innerhalb dieser Band, dieser Freundschaft, dieser Partnerschaft steht. Dieses Gefühl, dass wir uns direkt aus den Büchern der Namensvorbilder Kerouac, Ginsberg oder Burroughs geklaut haben und das wir jetzt in diesem Teil Mitteleuropas erleben dürfen, der sich Deutschland nennt.

Nach der Zugreise nach Hamburg und dem Gefühl wieder mitten im ehemaligen eigenen Kiez zu stehen – beide lebten wir eine zeitlang in der Hafenstadt, die es Neuankömmlingen nie wirklich leicht macht – feierten wir den zweijährigen Einstand unserer Freunde A. und F. in ihrer Kneipe Feldstern, der letzte Rest schmutziger Punkerehre und Gerader-Rücken-Renitenz im Wellness-Einkaufszentrum Schanzenviertel. Bei veganem Stroganoff, Mexikaner-Schnäpsen und Punkrocklyrik feierten wir die beiden und ihr Team – standesgemäß, wie meine Großmutter sagen würde.

Am Ende hilft immer ein Kuchen

Eine Odyssee durch das Konzept Wochenende in der Hansestadt folgte, mit dem Ausweichen von Kotzflecken, Vollidioten, Abipartygangs auf St. Pauli, dem glücklosen Rubbeln von Ein-Euro-Losen, dem Genuss straßentauglichen Fastfoods, dem Belächeln von Kneipenweisheiten 21-jähriger Surfer-BWL-Studenten-Barkeepern und der anschließenden versöhnenden Verbrüderung mit diesen, dem Blick auf den Hafen mit seiner Geschäftigkeit, mit seinem Hang zum Pulsschlagen für das, was wir nur vage als Globalisierung aufgedrückt bekommen.

„Schau mal, ein Polizeikessel.“ „Ach, wieder nur die Touristen, die nicht wissen, dass sie am Samstag keine Glasflaschen auf den Kiez bringen dürfen.“ „Warum?“ „Weil das Waffen sind.“ „Gegen wen? Sich selbst?“

Ein kurzer Besuch bei einer Abschiedsparty von Jungjournalisten brachte nur wieder die Enttäuschung über zu hohe Preise für zu schlechte Drinks, über die Borniertheit von MP3-„DJs“ mit Bravo-Hits-Auswahl, über die fehlende Bereitschaft der sogenannten Leistungsträger, außerhalb der Fitnessstudios zu schwitzen, und selbst beim Tanzen gut auszusehen. Auch Spaß hat seinen angestammten Platz.

Irgendwo dahinten steht die Zukunft

Der nächste freie Blick dann auf die entstehende Hafencity von einem Kai aus gesehen, der in wenigen Jahren das neue Zentrum Hamburgs sein wird und dem nur noch die Zugbrücken fehlen. An dem an diesem Samstag ein ehemaliges Fischerboot angelegt hat, in dessen Bauch Deutschlands kultureller Exportschlager Techno in den unterschiedlichsten Facetten gottesdienstgleich zelebriert wird. Ein kurzer Seufzer über die Vitalität der Jugend, die da neben einem tanzt und um diese Uhrzeit viel fitter zu sein scheint, auch sicherlich mit der Unterstützung von IG-Farben-Nachfolgern.

Hamburg ist lange Zeit eine erstrebenswerte Idee gewesen, ein Ort, an dem wir einmal leben und arbeiten wollten. Jetzt habe ich das Gefühl, während das Gefängnis von Celle an mir vorbeirauscht, dass dieses Gefühl des Ankommens noch lange Zeit braucht und nicht an der Elbe sein kann und wird.

„Mir hat der Gin Tonic das Hirn geklaut, und meine Jacke habe ich auch verloren“, schickt Egge per SMS zurück. Alles wie immer also. Ich schalte die Musik in meinem Smartphone an und setze die Kopfhörer auf.

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26. Juli 2013 – Hamburg-Harburg – Keine Knete, trotzdem Fete

rumble im jungle

Der Hamburger Hafen ist hier ganz nah. Über uns steht bedrohlich der Hochspannungsmast. In der Ferne hören wir Schiffshörner und Güterzüge. Nur wenige Meter trennen diesen Dschungel von einer der größten Industrieanlage Deutschlands. Egge und ich haben uns hingesetzt. Bei mehr als 30 Grad und einer Luftfeuchtigkeit wie in den Tropen ist an unser sonstiges ADS-Hibbeln nicht mehr zu denken. Und dann gibt es ja auch noch die Szenerie zu bestaunen: Rund um uns herum wird gewerkelt, gebaut, geschraubt, Witze gerissen, ein kleiner, vergänglicher Traum entsteht hier am Rande des Hafens.

Kommunikation ist wichtig

Für ein Wochenende wird der riesige Garten eines Metal-Band-Fanklubs zu einem Abenteuerspielplatz. Meterhohe Brombeerbüsche wurden dafür abgeholzt, ein Labyrinth in den Wald gehauen. „Wir leben jetzt seit einer Woche auf dem Gelände, und am Anfang war das hier die grüne Hölle“, erzählt einer, der uns eingeladen hat. „Wir mussten mit Macheten und automatischen Heckenschneidern erst einmal aufräumen.“ Mit einem Team aus Hamburgern und Zürichern wurde so in wenigen Tagen ein Feierparadies geschaffen: Keine Knete – trotzdem Fete.

Parken

Seit 2004 gibt es das Umsonst-&-draußen-Festival schon. Nach diverser Umzüge und immer mal wieder Stress mit diversen Gegnern scheint die Gruppe in Harburg endlich so etwas wie eine Heimat gefunden zu haben. Mehr als 1000 Gäste an dem Wochenende scheinen das genauso zu sehen. Und auch, als während unseres Auftritts der Platzregen einsetzt, sind alle hilfsbereit, gut gelaunt, lächeln, versorgen alle mit Plastikplanen. So sieht gelebtes DIY aus.

Als wir am nächsten Morgen aufwachen, steht eine Gruppe an dem Bach, der das Gelände umfließt. Alle lachen. Im Graben liegt ein Auto. „Kein Problem, das holen wir nachher raus, wenn alle ausgeschlafen haben.“ Wir glauben ihnen.