Egges Jahresrückblick 2013

DemozEine schöne Tradition gilt es auch in diesem Jahr fortzuführen. Egge möchte ein wenig Ruhe einkehren lassen & sich das Jahr vor Augen führen. Hach, am liebsten eintauchen in einen Berg voller Erinnerungen. Ein Versuch der Reflexion. Ein Versuch in Listen.

Die zehn schönsten Konzerte 2013

1. Beats auf der Bahn mit Absolute Beginner, Fünf Sterne Deluxe und Deichkind in Hamburg; wir sind zu spät gekommen, weil es in der Elbperle mehrere Trabrennbahnen gab – und landeten mitten in „Dein Herz schlägt schneller“
2. Mülheim Asozial im Nexus in Braunschweig: weil ich ein Fan bin!
3. Wolfgang Müller im Haus 73 in Hamburg: weil es schön war, da aufm Boden im Keller, ganz ohne Bierlachen
4. Toby Hoffmann und das neue Nichts im Balthes, Ravensburg: Was für eine schöne Version der Einstürzenden Neubauten in einem der schönsten Läden Deutschlands – hoffentlich bald beim Fährmannsfest
5. Goldene Zitronen in der Glocksee, Hannover: für die Schlagzeug-fällt-um-Performance
6. Ohne Uns aufm Fährmannsfest: kluge Texte, wunderbare Bassläufe, sehr gute Musik aus Hannover!
7. Feine Sahne Fischfilet auf der Fusion & in der Glocksee & auf Autobahnraststätten in Bayern: weil sie funkeln, leuchten & glänzen
8. Findus beim IN.DIE-Festival in Hof: einfach gude Leute und Bratwurst-Denkmäler-Sucher wie wir
9. The Incredible Herrengedeck im TAK, Hannover: weil sie die besten Chansonpunks Deutschlands sind
10. Goldkint beim BeatBolzer BandBattle: weils mit Band noch besser knallte, bevor es knallte

Die fünf schrägsten Konzerte 2013

1. Hans Unstern bei Feinkost, Hannover: hab ich nicht verstanden
2. Brockdorff Klang Labor, Theaterkeller, Leipzig: zu viel Labor
3. Laing, Abi-Festival Lingen: 30 Minuten Elektropopwarten, dann 30 Minuten den Hit, in Potsdam wirkte das einst noch revolutionär
4. Die Heiterkeit, Theaterformen, Hannover: so unaufgeregt unaufgeregt
5. Saalschutz, Hafenklang, Hamburg: vielleicht war ich besoffen, aber danach wollte ich wieder Metal hören und Synthies verbieten

Fünf große und kleine Momente bei Konzerten 2013

1. Glocksee, noch einmal Franz Wittich, gespielt von Teenagefrust
2. Les Trucs spielt bei nem Theaterfestival vor Theaterpublikum
3. Pfeffiwahnsinn bei Kaput Krauts, Peter-Weiß-Haus, Rostock
4. Sub Cancer spielt „Hipster“, Glocksee, Hannover
5. Irie Revoltes holt zwischen Gentleman, Sean Paul und Cro ne Antifa-Fahne auf die Bühne und 25000 Kids feiern mit, Plaza-Festival, Hannover

Schön war es auch mit Chaoze One, The Fuck Hornisschen Orchestra und Parasite Single beim Fährmannsfest, mit Guaia Guaia beim Ajuca, mit Brandt Brauer & Frick im Fusion-Zelt und Talco und Großstadtgeflüster in Hof. Liebesgrüße gehen raus an Shudder and Spit, Blank Pages, Reimteufel, Platzhalter, E123, Exilent, Abfukk, Amen 81 und das Todeskommando Atomsturm. Jaja, und Slime bei der Fusion war doch ganz lustig.

Die fünf schönsten Filme 2013

1. Haialarm am Müggelsee
2. Oh Boy
3. Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel
4. Nachtzug nach Lissabon
5. Django Unchained

Fünf besten Songs 2013

1. Westbam – You need the drugs
2. David Bowie – Where are you now?
3. Mülheim Asozial – Bier gegen Bullen und Deutschland
4. Nick Cave – Jubilee Street
5. Materia – Kids (2 Finger an den Kopf)
6. Die Goldenen Zirtronen – Der Investor
7. Ding Dong! The Witch Is Dead
8. Käptn Peng – Der Anfang ist nah
9. Casper – Hinterland
10. Klotz + Dabeler – Und wann kommst du?

Fünf besten Alben 2013

1. Mülheim Asozial – Familie & Beruf
2. DJ Koze – Amygdala
3. Klotz + Dabeler – Lass die Lady rein
4. James Blake – Overgrown
5. The National – Trouble Will Find Me

Schön und hart 2013

1. David Bowie’s Space Oddity von Commander Chris Hadfield
2. Jeans Teams „Scheiss drauf“
3. Miley Cyrus – Wrecking Ball

Fünf beeindruckende Kulturmomente 2013

1. „Inszenierte Nacht“ von Simon Steen-Andersen, KunstFestSpiele
2. Marc-Uwe Kling und Julius Fischer im ausverkauften Theater am Aegi
3. Johann Christian Reinhard, Kunsthalle Hamburg
4. Affordable Art Fair, Messegelände Hamburg
5. Jan Off liest, Faust, Kulturzentrum

Fünf skurrile Kulturmomente 2013

1. Meine erste Depeche Mode-Party im Freizeitheim Linden
2. Französisches Essen beim Feuerwerkswettbewerb Hannover
3. Maskenball im Linken Laden, Hamburg
4. Mambo-Abend im Mambo-Club Hannover
5. Junggesellenabschied, Karaokebar, Hannover

Zehn schönsten Festivals 2013

1. Fusion: nicht nur weil der Auftritt in der Oase ganz wunderbar war
2. Maifest Lübeck: so viele Bühne, so viele Menschen, so viel Energie
3. Keine Knete trotzdem Fete Hamburg: Auto im Graben, Leute feiern, DIY
4. Fuchsbau Festival: ganz anders als 2012, viel Raum, viel Schönes
5. Zweier Hannover: soo viele Menschen und dazwischen Skater
6. IN.DIE-Festival Hof: ein Stadion wird zum Rave
7. Fährmannsfest Hannover: weil die Kulturbühne immer netter wird
8. Berlin Festival: Andy zieht blank, Björk hat Stachel im Gesicht
9. Hochschulfest Fulda: gefühlte fünf Tage Rave
10. Abifest Lingen: zumindest wegen der Skatoons

Lesungen, Moderationen, Bühnensport 2013

1. Sofatag 2013, Uni Hannover
2. Poetry Slams in Rostock (MAU), Hamburg (Uebel & Gefährlich, Fabrik), Braunschweig (LOT), Leipzig (Komödchen) und Hannover (Staatsoper)
3. Erster Preacher-Slam mit Geistlichen, Nordstadtkirche Hannover
4. Santa Run, Kröpcke Hannover
5. Metropolversammlung, Celle
6. Festival für Neue Musik, Hannover
7. Science Slam & Kinder Slam bei der IdeenExpo 2013, Convention Centre
8. Politworkshop in Lüneburg (Anna & Artur)
9. Talk zu NSU mit Olaf Sundermeyer bei Faust
10. Regionsentdeckertag, Bühne am Opernplatz
11. Wirtschaftstalk mit Reiner Calmund, Wirtschaftsmesse Hannover
12. Oberbürgermeister-Talk, Seniorenbeirat, Hannover
13. Composer Slam bei Faust, Hannover
14. Lesung & Tag der Parke für Romantik Bad Rehburg
15. Kulturtalk mit Dr. Wolfgang Schneider, Musikzentrum
16. Aktion Sicherer Schulweg für die HAZ
17. Kulturtag Fuchsbau-Festival
18. HAZ-Expertenforum mit Philipp Riederle, Martin Korte, Martin Limbeck, Sven Janszky, Christian Galvez, usw.
19. Suchthilfelauf 2013, Hannover
20. HAZ-Leserforum zu Gentrifizierung, Schulpolitik, OP-Risiken und OB-Wahl

Zehn besondere Reisen und Momente

1. Nepal
2. Erste Sonne auf dem Schanzenflohmarkt
3. Christiania
4. Mecklenburg, immer wieder
5. Neujahr in Eisenach
6. Mit 25 Punks durch Kiel, München, Leipzig, Basel, usw. fahren
7. Seen und Teiche in der Region Hannover
8. re:publica
9. Escorial im Dr. Seltsam & Gin Tonic im Meins Deins Unser
10. Orangensaft aufm Balkon in Limmer

Zehn gute Ideen 2013

1. Popper lesen Punk
2. Als Trauzeuge an Ringe denken
3. Drei Wochen Urlaub am Stück machen
4. Carlos Wurst-Theorie ernstnehmen
5. Rotwein im Alter Roter Löwe Rein
6. In Bielefeld eine Ausfahrt nach dem Navi abfahren
7. Gesangsunterricht
8. Für Songs in Ulis Studio gehen
9. Ein Crashbecken als Zeitstopper
10. Mehr schlafen

Zehn journalistische Herausforderungen 2013

1. Das Krümelmonster klaut den Bahlsen-Keks
2. Gerhard Schröder bei 96-Heimspielen
3. Live-Interview mit Pur vor 100 Fans zum neuen Bandbuch
4. Mit Hertbert Schmalstieg eine Rathausführung in nur zwei Stunden
5. Den Harlem-Shake an der Uni erklären
6. Die Freiwilligen des Jahres finden
7. Appgefahren
8. Tietjen & Hirschhausen gemeinsam interviewen
9. Jorge González zur Vergangenheit in Kuba befragen
10. Interview mit Fips Asmussen

Die zehn schönsten Beatpoeten-Konzerte 2013

1. Peter-Weiß-Haus, Rostock: das war eine Schlacht
2. Bermudadreieck, Leipzig: Blut, Bier, Tränen & Iron Maiden
3. AJZ, Neubrandenburg Lesung & Konzert: der Liebe wegen
4. Nordstadtbraut, Hannover, Lesung: der Beginn einer Idee
5. kafe marat, München: wunderbare Familie
6. T-Keller, Göttingen, AZ Köln & Linker L. Düsseldorf: so viel Liebe
7. Walli, Lübeck: was für ein Maifest!
8. Oase, Fusion: mit Verfassungsschutz noch besser
9. Fährmannsfest, Hannover: charmantes Heimspiel
10. Gängeviertelgeburtstag, Hamburg: zweite Heimat

Liebesgrüße gehen raus an Fulda, Witzenhausen, Ravensburg, Alice, Extraschicht, Marl, Atari, Klimacamp, Jena, den Löwen, den Wolf, die Lauschbären in Itzehoe und Hirschen in Basel, AJUCA natürlich, KFTF, an die HOF-Kavaliere, Floristen, Kassler Weltretter, Brockdorfabschalter, Pengs und Gonzos, Demoz, Alertas & Meiers, Wagenplätze in Hamburg und Oldenburg und natürlich an die Dunkelvillenbewohner und Bargeteheide-Boys. Es ist ein Traum mit Euch! Wir sehen uns hoffentlich 2014.

Hier geht es zu Costas Jahresrückblick.

17./18. Mai 2013 – Hamburg/Hannover – Popper lesen Punk

Hamburg, kurz vorm Regen

Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf. Der Fernsehturm Hamburgs verschwindet fast in der Dunkelheit. Die S-Bahnen rattern hell erleuchtet an uns vorbei. Die Feuertonne brennt noch nicht, aber es ist auch noch warm genug an diesem Freitagabend im Mai. Wir besuchen unsere Freunde vom Zomia-Wagenplatz mitten in Hamburg. Ein wenig erschrocken sind wir schon darüber, wie zentral dieser Platz ist: Keine fünf Minuten entfernt ist das Schulterblatt – die Großraumdisko des Schanzenviertels. „Nein, momentan müssen wir keine direkte Angst haben, geräumt zu werden“, sagt einer der Bewohner, ein Tausendsassa, wie alle. Die hier nicht nur ein Kompostklo ohne Ekelfaktor, ein Gemüsebeet und eine Gemeinschaftsküche betreiben, sondern leben, lieben, arbeiten, genießen. „Hauptsache, ihr seid bei eurer Lesung nicht zu leise“, droht eine andere uns lächelnd. „Neulich war hier jemand und hat Lyrik gemacht, die ist gar nicht durchgekommen.“

Unser größter Feind ist an diesem Abend das Gewitter, das direkt vor Beginn eine erste Salve Regentropfen schickt. Eine Minute später sind alle Römerzelte aufgebaut, und niemand muss frieren oder wird nass. So ein bißchen Regen schockt hier niemanden. Dafür uns aber der kurze Gang später nach St. Pauli. Die Stadt ist wieder mal voll mit Feiernden, Pöbelnden, Lauten – und weit und breit kein Wasserwerfer zu sehen. Wir verdrücken uns in den Gästebauwagen, erzählen uns Gruselgeschichten und träumen vom Meer.

Der Hamburger Hauptbahnhof explodiert am nächsten Morgen. Es ist Pfingstwochenende, Urlaubszeit. Bio-Familien mit Kinder vergessen kurz die gute Erziehung, die sie ihren Leonies, Lucas oder Finns beibringen wollten und schubsen, spucken, schimpfen. Alte Frauen haben ihre Ellbogen gespitzt. Teenager ätzen ihre schlechte Laune im Abteil umher. Wir verziehen im ICE ganz nach hinten, bauen eine Burg aus Zeitungen und schlechten Witzen und ignorieren die Lüneburger Heide, die am Fenster vorbeidüst.

In Hannover sind wir mit zwei Leipziger Genossen zur Stadtführung verabredet: Das Schöne an diesem Rumgetoure ist ja, dass man immer wieder tolle Menschen wiedertrifft. Dieses Mal kommen zwei davon uns in unserer momentanen Homebase besuchen. Also ab durch Linden, Nordstadt, Calenberger Neustadt, die Innenstadt ignoriert, die befreundeten Goldkint angeschaut. Bei einer Mischung aus Fußballturnier und Musikfestival sind die vier leider Letzte geworden, dürfen dafür als erstes auftreten. Das Open-Air wird vom Regen nicht eine Spur beeinträchtigt. Eine Zuschauerin hat sich Plastikmüllbeutel um die Schuhe geschnürrt, so kann sie ohne Stress durch den Matsch waten. „Endlich wieder Festivalsaison.“ Beim Alerta Deathfest herzen wir Timo, der seinem Umzug nach Hannover der Stadt nicht nur ein tolles Punklabel geschenkt hat, sondern auch ein abgefahrenes Festival. Nach unserer Rotweinlesung geht es noch auf den Küchengarten, die Demo gegen die Innenministerkonferenz anschauen. Dann aber schnell nach Hause: Mit dem Eurovision Song Contest das bunte Europa anschauen und das Wochenende begrüßen.

Danke an Linna für das Foto.

07. Januar 2012 – Arpke – Hinterhof

Alle regen sich auf. Über das Wetter. Über Politiker, die gelogen haben sollen oder über Berühmtheiten, die gar nicht so nett und freundlich sind, wie alle immer gedacht haben. Über Fußballer, die sich verletzen und gar nicht so geil spielen, wie sie sollten.

Und immer wieder über die Jugend. Über diese rotzfrechen Gören, die sich anmaßen, auf Elektro zu rappen. Eskalation zu schreien, anstatt nur Whoop,whoop! Die die Band nicht kennen und die andere auch nicht. Obwohl die doch so wichtig waren für die Entwicklung der gesamten Popkultur. Wie können die nur!

Und genau an dem Punkt wird es scheiße. Wir spielen immer wieder in Kontexten, wo das Durchschnittsalter unseres Publikums weit unter unserem liegt. Mit Bands, die im Grundschulalter waren, als der Euro eingeführt wurde. Und die alle keine Ahnung haben, wie sich das anfühlte, damals in den 90ern oder Anfang des Jahrtausends. Und ganz ehrlich: Es nervt, wenn Menschen ihnen daraus einen Vorwurf machen. Unbedingt versuchen durch ihr Alter reifer, weiter und irgendwie cooler zu sein, weil sie At the Drive-In noch live gesehen haben, oder Rage Against The Machine vor der Auflösung vorm Comeback. Dabei vergessen zu viele Leute, dass sie selbst mal in dem Alter waren.

Wir zumindest habe keine Lust, altersmäßig abgeschottet unterwegs zu sein und nur mit Gleichaltrigen zu hängen. Neben dem Rassismus und Sexismus ist die Altersdiskriminierung eine echte Herausforderung für unsere Gesellschaft! Deshalb war es auch wieder erfrischend im Jugendzentrum Hinterhof in Arpke mit lauter Musik vollgeschallert zu werden und sich beim Bier über die Vorteile von Jung- und Altsein zu unterhalten. Danke dafür!

15. bis 19. Dezember 2011 – Hildesheim, Hannover, Kassel, Berlin

15. Natürlich kann er uns den Fernseher anmachen, damit wir Fußball schauen können. Die Mannschaft sei ja egal bei welchem Ergebnis durch, aber kein Problem. Er müsse nur kurz noch das Klo sauber machen und nickt in Richtung des einzigen anderen Gastes der Kneipe. Heinrich wird später davon erzählen, dass er der erste Mechaniker in der Wehrmacht war, damals am Wasserwerk. Und nach Frankreich seien sie auch gekommen. Unglaublich schöne Menschen. Während im Fernsehen zwei Fußballmannschaften ein Spiel ohne Bedeutung hinter sich bringen, brüllt die Musikanlage Scooter, Faithless und Andrea Berg.  Deren Fanklub trifft sich hier jeden dritten Samstag im Monat. Der junge Mann mit dem Fußballstartraumgesicht wischt immer wieder zwischen Heinrich und Klo mit einem Mop. „Ich war das nicht“, sagt dieser, wird aber von dem neuen Gast unterbrochen. „Jede Welt ist gleich. Kolumbien ist ja auch quasi das Deutschland Südamerikas und Brasilien die USA.“ „In Frankreich habe ich zum ersten Mal Rotwein getrunken.“ „Und der Obama ist ja gar kein richtiger Amerikaner.“ „Die Werkzeuge habe ich nach dem Krieg nicht zurückgegeben.“ „Und Venezuela ist ja quasi wie Russland, nur ohne Kälte und so.“  Das Spiel ist vorbei. Heinrich hält sich auf dem Weg zum Bahnhof an einer Säule fest. Die ersten Schneeflocken bleiben auf der Straße liegen.

16. Eine Menschenrechtsorganisation hat zur Studentenparty geladen. Solibier trinken, britische Popmusik hören, Erstsemestern beim Knutschen zugucken. Eine junge Dame mit engem Kleid lehnt unzählige Biereinladungen ab und verlangt dafür eine Unterschrift auf der Petition für die Freiheit eines iranischen Journalisten. Wie sein Name genau ausgesprochen wird, weiß sie nicht.

17. Der Weihnachtsmarkt in Kassel ist so etwas wie ein Geheimtipp. Frauen mit rotem Helmhaar, Brasilianer, die staunend die Grills fotografieren, mittelalte Frauen, die mit Teenagern rumknutschen. Kurz überlegen wir, einen Blog zu machen, auf den wir Fotos mit bratwurstessenden Menschen packen. Der Moment, kurz bevor das erste Stück zu heiße Wurst im Mund verschwindet. So etwas kann man nicht schauspielern. Eine Bierstube lehnt uns ab. Keine Fremden! Dahinter eine weitere, in der gerade ein Dartsverein trainiert und immer wieder „So sehen Sieger aus!“ singt. Dazwischen drei Männer mit weit auseinander stehenden Augen. Es gibt nordhessisches Bier, das als „Luxus des kleinen Mannes“ beworben wird. Egge liest später die Werbesprüche in ganzer Länge auf der Bühne vor. Ein Mann mit weißem Sommerhut, weißer Sommerjacke und weißen Lackschuhen versucht eine Gruppe Kegelschwestern von seinen Tanzkünsten zu überzeugen. Es laufen die Beatles. Die Merkur- und Novoline-Spielautomaten sind die ganze Zeit besetzt.

18. Im ICE erzählt eine Frau, dass sie das erste Mal seit Jahrzehnten wieder nach Berlin fährt. Ging ja früher nicht, und dann hat sie es nicht geschafft. Sie möchte unbedingt sehen, wie die Synagoge inzwischen aussieht. Davon hat sie nur Fotos gesehen, in der New York Times.

Die jungen Herren tragen dunkle Hemden zu Stoffhosen, auf der Bühne der Berliner Volksbühne stehen neben ihren klassischen Instrumente nur ein Laptop, und ein paar Lichter erhellen die Szene. Ein Kind schreit, ein Mann klatscht im Takt, ein Heuler kündigt an, wenn er einen Hit erkennt. Präzise und einlullend wabert und knarzt, rattert und harmonieren die zehn Musiker miteinander. Ein Augenschlag später ist das Konzert vorbei. Auf der Aftershowparty gibt es nur Champagner und Wodka in großen Flaschen. Wasser, nein das haben sie nicht.

19. Ein asiatischer Diktator ist tot und alle diskutieren über einen deutschen Staatsmann, der die Würde seines Amtes verletzt haben könnte. Viel schlimmer aber sei der Spott, dem man ihm jetzt entgegenbringen würde. Dieses Amt habe Respekt verdient und Ehre. Dazwischen werden heulende Frauen und verzweifelte Männer gezeigt, die immer wieder auf den Boden fallen und um ihren geliebten Führer weinen. Fasziniert schaut die sogenannte freie, westliche Welt nach Osten und staunt über soviel ehrliche Trauer, manch ein Politiker würde sich so ein Respekt vor der Arbeit der politischen Elite wünschen. Denn was seien schon 500.000 Euro im Vergleich zu all den Greueltaten des verschiedenen Despoten. So eine Ehrlichkeit und demokratisches Staatsmanntum solle doch mal belohnt werden.