Costas 2014 – „Wir sind morgen an der Ostsee“

Es war Jahr des Krieges, der Krisen, der Trennungen und der Tode. Durch unsere Leben ist die Zeit wie eine Dampfwalze gerast und hat alles umgeworfen. Ein Jahresrückblick aus Sicht eines melancholischen Moralisten.

Jedes Jahr führe ich eine Chronik von den wichtigen Ereignissen. Katastrophen, Rekorde, wichtige Nachrichten. Eine persönliche Liste, die ich dann am Ende des Jahres anschaue und bemerke, dass ich keine Ahnung mehr habe, was im Januar passiert ist. Oft vergesse ich schon, was vor wenigen Wochen geschehen ist. Nervöse Amnesie. Wäre ich Hypochonder, ich würde dank Google alles darüber wissen.

Ich unterteile das Jahr deshalb nicht in Ereignisse oder Monate, sondern in Gefühle, die sich über Wochen oder teils auch Monate hinziehen. Und dazu gibt es immer die passenden Lieder, die mich auf dem Kopfhörer begleiten.

Das Jahr beginnt ruhig wie das Lied „Reflektor“ von Arcade Fire. Ein langsam plätschernder Rhythmus, der sich langsam aufbaut. Ein Groove, alles wirkt leicht angespannt, aber nicht bedrohlich. So reisen wir im Winter 2014 durch das Land. Lesen in Berlin gegen Burschenschaftler, wenig später wird bei einer Demonstration gegen diese selbsternannten Herrenmenschen in Wien ein deutscher Student festgenommen. Und dann ballert es los.

Lettland führt den Euro ein. Ausschreitungen bei Wahl in Bangladesch. Kanzlerin Merkel beim Skifahren verletzt. Gefahrengebiet in Hamburg eingeführt. Mit Thomas Hitlsperger outet sich der erste deutsche Fußballprofi. China ist größte Handelsnation der Welt mit vier Billionen Dollar. Statistik: Jeder vierte Arbeitgeber ist unzufrieden mit Berufsanfängern. Sozialtourismus ist Unwort des Jahres 2013. Manipulationsskandal beim ADAC. Ausschreitungen zum Jahrestag der Ägyptischen Revolution. Deutschland beteiligt sich an Militärmissionen in Afrika. Deutsche Unis forschen für US-Militär. Heftige Proteste in Bosnien. Olympischen Winterspiele im russischen Sotchi. Schweizer stimmen gegen „Masseneinwanderung“. EU lässt Genmais 1507 zu. Erster (kleiner) Durchbruch bei der Kernfusionsforschung. Edathy-Affäre: Agrarminister Friedrich tritt zurück. Facebook kauft WhatsApp für rund 14 Milliarden Euro. Ukraine: Janukowitch geflüchtet, Gefechte auf der Krim. Mexikanischer Drogenboss gefasst. Russland marschiert auf Krim ein. Malaiisches Flugzeug verschwindet über Vietnam. Erneut Ausschreitungen in der Türkei. Krim-Parlament strebt Unabhängigkeit von der Ukraine an. Uli Hoeness wegen Steuerhinterziehung zu Gefängnisstrafe verurteilt. Wissenschaftler weisen Urknall nach. Front National stellt erstmals Bürgermeister in Frankreich. Großer Streik der Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Ukraine-Krise eskaliert weiter. In Südkorea sinkt eine Fähre – rund 200 Menschen sterben. Unruhen in Nigeria: 200 Mädchen entführt. Erdähnlicher Planet entdeckt. Studie: 60 Prozent von Chinas Grundwasser ist giftig. Bietergefecht um Alstom zwischen General Electric und Siemens. Schwere Lawinen in Afghanistan und den USA. Bayern München wird Deutscher Meister der Fußball-Bundesliga. Conchita Wurst gewinnt Eurovision Song Contest. Grubenunglück in der Türkei führt zu Massenprotesten. Studie: Jedes dritte Lebewesen in Nord- und Ostsee vom Aussterben bedroht. Narendra Modi ist neuer Premierminister Indiens. In Thailand wird das Kriegsrecht verhängt, und die Armee putscht.

Wir entdecken endlich Hessen und Nordbayern für uns, schleichen uns ins Hamburger Gefahrengebiet, schauen uns in Sachsen Crystal-Meth-Süchtige an und nehmen zwischendurch ein paar Lieder auf. Sammeln Witze, sammeln Wärme, Geschichten, Bilder, so viele Momentaufnahmen von unterwegs. Es ist ein Rausch und irgendwann im Frühjahr wache ich wieder auf, und alles ist ab jetzt anders. An Silvester war mir als Jahres-Tarot-Karte die Karte mit der 13 gelegt worden: der Tod. Und er holt sich viel.

In einem Moment inmitten des Wahnsinns ruft mich Egge an. „Es ist egal, was dir gerade passiert. Da musst du durch. Es ist egal, denn wir sind morgen an der Ostsee.“ Es wird das Mantra für den Sommer. Ich bin bestimmt zehnmal in Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein am Baltischen Meer. Ich bekomme abgeschiedene Flecken zum Wild-Campen gezeigt, gehe frühmorgens nach dem Punker-Yoga nackt baden, laufe stundenlang durch Wälder, über Felder, Festivalgelände, durch alte Handelsstädte. Mit den Liebsten, die übrig geblieben sind. Die alle in ihre Kämpfe verwickelt sind: gebrochene Herzen, berufliche Zweifel, Angst vor dem nächsten Schritt im Leben. Der Wahnsinn, der auf uns wartet, wenn wir sonntags stinkend, müde, aber leicht grinsend von den Touren nach Hause kommen.

„Ich stelle mir das Leben wie Wellenreiten vor“, erkläre ich J. während wir am nachts Strand sitzen und eine der Fähren in Richtung Skandinavien vorbeiziehen sehen. „Du kommst zum Strand: Und das Wetter muss stimmen, die Wellen müssen passen. Dann paddelst du ewig weit raus, bist schon kaputt, wenn du draußen bist. Doch dann kommt eine, du paddelst an, springst drauf, und: Mit Glück und Mut und Können surfst du dann. Mit Pech wirst du verschluckt und gewaschen. Und während du unten im Meer bist, und nicht weißt, wo oben und wo unten ist, bekommst du Panik und Angst. Aber das sind nicht Gefühle, denen du jetzt nachgeben solltest. Denn dann verbrauchst du deinen ganzen Sauerstoff und baust Scheiße. Lass anstatt dessen einfach los. Beuge dich der Natur, und sie wird dich kurz drauf an die Meeresoberfläche steigen lassen. Genieß diese kurze Pause, denn sobald du auftauchst, geht das Ganze von Neuem los. Es ist ein ewiger Kampf, aber für die wenigen Sekunden, die du surfst, lohnt es sich. So ist das Leben.“

„Das ist eine ganz große Hippie-Scheiße“, pöbelt mich J. liebevoll an.

„Aber wahre Hippie-Scheiße“, entgegnet ich.

„Vielleicht. Aber Hippe-Scheiße.“

Der spanische König Juan Carlos dankt ab. Europäischer Leitzins wird auf Minus gestellt. Islamisten machen Offensive im Irak. Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien beginnt. Felipe ist neuer König Spaniens. Uno: 50 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Ausschreitungen zwischen Israelis und Palästinensern. Krise in Israel eskaliert. Beim BND gab es einen Doppelagenten der CIA. Bundestag beschließt den Mindestlohn. Deutschland wird Fußball-Weltmeister in Brasilien. Passagiermaschine über der Ukraine abgeschossen. Unicef: Mehr als 700 Millionen Frauen zwangsverheiratet. Behinderter Sportler gewinnt zum ersten Mal bei deutschen Leichtathletik-Meisterschaften.

Das Leben ist Wellenreiten, das Leben ist aber auch Wandern. Ein ewiges Auf und Ab. Wenn du unten an einem unbekannten Berg stehst, weißt du noch nicht, was dich genau erwartet. Aber es wird anstrengend. Und es wird sich lohnen, diesen Weg gegangen zu sein.

Aber es ist nicht nur das Wandern auf Hügeln und durch Wälder. Es ist das Wandern durch die Städte, was den Sommer auch so prägt. Sich verlieren in Nürnberg, München, Düsseldorf, Leipzig, Berlin und Hannover. Verwirrt mit Musik wie „Wanderlust“ von Wild Beasts auf dem Ohr und einem Kaffee in der Hand durch Straßen laufen, die ich noch nie vorher gesehen habe. Sich verlaufen und doch immer wieder neue Punkte finden, um sich zu orientieren. Wieder loslassen, die Kontrolle verlieren und merken, dass alles gut wird, wenn man nur auf sich acht gibt.

Und am Ende des Sommers stehe ich auf einer Düne in Südfrankreich mit tollen Menschen und schaue in den Sonnenuntergang. Kurz überlege ich, ob das der richtige Zeitpunkt wäre, mich doch tätowieren zu lassen. Ein mobiles Set wartet im Auto. Aber was würde denn passen, wenn sonst so wenig ewig bleibt?

Hundert Jahre Erster Weltkrieg. Ebola-Epidemie in Afrika. Ausschreitungen bei Kurden-Demos gegen Irak-Konflikt in Deutschland. BND hörte USA und Türkei ab. Bundesregierung sendet Waffen an Kurden im Irak. Bei der Landtagswahl in Sachsen kommt die AFD mit 10 Prozent rein. Die Ausrüstung der Bundeswehr ist mangelhaft. Massenproteste in HongKong. Flüchtlinge von Heim-Wärtern misshandelt. Kurden und Islamisten liefern sich Schlägereien in Deutschland. Der Literatur-Nobelpreis geht an Patrick Modiano. Kailash Satyarthi und Malala Yousafzai bekommen den Friedens-Nobelpreis. Attentat auf das Kanadische Parlament. Neonazis demonstrieren gegen Salafisten. Ifo-Index fällt auf tiefsten Stand seit zwei Jahren. Unzählige Studenten in Mexiko entführt.

Der Herbst bringt schlechte Nachrichten, und gleichzeitig öffnen sich ganz viele neue Türen. Das Leben ändert sich dramatisch, und dieser Wandel ist nicht gut oder schlecht. Nur anders. Egge und ich finden uns barfuss und im Anzug auf einer Bühne in Dresden wieder, und wir spielen ein Liebeslied auf dem Klavier mit Gesang. Im Publikum sitzen einige ungläubige Poetry-Slammer, die die ganze Zeit auf die ironische Auflösung warten, die ja immer sonst bei uns kommt. Aber dieses Mal nicht. Wir meinen es ernst. Eigentlich schon immer.

Revolution – „Scharzer Frühling“ in Burkina Faso. Längster Lokführerstreik in Deutschland. Vogelgrippe in Norddeutschland. 25 Jahre Mauerfall in Deutschland. 80 Prozent der Katalanen fordern eine Loslösung von Spanien. Raumsonde „Philae“ landet sicher auf Kometen Tschuri. Fast 36 Millionen Menschen sind weltweit versklavt. Laut Lebensmittel-Unternehmen wird die Schokolade weltweit knapp. Ausschreitungen in den USA nach Tod mehrerer schwarzer Jugendlicher.

Der Winter kriecht langsam durch die Kleider und will zum Herzen. Doch es ist warm genug. Wir nehmen uns nach mehr als vierzig Auftritten in diesem Jahr eine Auszeit und entdecken unsere Heimatstadt Hannover neu für uns. Wir arbeiten, wir lesen, wir räumen auf, machen Steuern und feiern eine Weihnachtsfeier, wie wir sie uns immer gewünscht haben. Mit den tollen Bands Herr Lerbs und Madame Puschkiin, den zwei tollen Punk-trifft-Pop-DJs Dieter Durst und Hannoi und beschließen den Abend mit Tarkan, Sinead O’Connor und Udo Jürgens. Wenige Tage später ist der auch tot, und Helene Fischer singt wieder irgendetwas. Wie eigentlich den ganzen Sommer. Immer wieder Atemlos. Wir wetten, wann die arme Frau ihren Burnout hat. Er wird kommen. So wie der Wahnsinn vor Weihnachten und dann irgendwann die Stille zwischen den Jahren.

Russland beendet das Projekt South Stream. Die „Pille Danach“ wird in Deutschland rezeptfrei. Bodo Ramelow ist erster Linken-Regierungschef in Deutschland. Ein Islamist nimmt in Sydney ein Café in Geiselhaft und wird bei Stürmung getötet. 15.000 Menschen kommen zur PEGIDA-Demo nach Dresden. Zehn Jahre Flutwelle in Asien. Eine Fähre brennt in der Adria. Bei Indonesien verschwindet ein Flugzeug.

Das letzte Kapitel des Jahres endet mit einem Ausblick. Es geht weiter. 2015 wird wieder wildes, unbezähmbares, unvorhersehbares, buntes Leben. Wir freuen uns drauf. Wir freuen uns, das Ganze mit euch zu erleben. Danke. Und die erste Reise als Band geht dann auch gleich hoch zur Ostsee.

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Costas Jahresrückblick 2013

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Januar

Neue GEZ-Abgabe muss pro Haushalt bezahlt werden.
Kim will Nordkorea öffnen und den Konflikt beilegen.
Haushaltsstreit in den USA kommt zu Kompromiss.
Massenpanik bei Silvesterfeier in Elfenbeinküste.
Jeder dritte Bundeswehr-Freiwillge gibt auf.
Schwere Krawalle in Belfast.
Rot-Grün gewinnt die Niedersächsische Landtagswahl knapp.
Frankreich kämpft in Mali gegen Terroristen.
Debatte über Schimpfworte in Kinderbüchern.
Jeder vierte Auszubildender in Deutschland bricht ab.
Bundeswehr soll Kampfdrohnen bekommen.
Ausschreitungen beim zweiten Jahrestag der Revolte in Ägypten.
Debatte über Sexismus in Deutschland.
Goldener Bahlsen-Keks in Hannover geklaut, Erpresser verkleidet sich als Krümelmonster.
Mord-Anklage gegen Beate Zschäpe.
Deutsche Bank mit Milliarden-Verlust.
Kuba erleichtert Ausreise.

Februar

Anschlag auf US-Botschaft in Ankara.
Mehrere US-Zeitungen von China aus gehackt.
Europol deckt Fußball-Wettskandal auf.
Bundesbildungsministerin Schavan verliert ihren Doktortitel.
Papst Benedikt tritt zurück.
Nordkorea testet Atomwaffen.
Europaweit Lasagne mit Pferdefleisch aufgetaucht.
Shitstorm bei Amazon wegen Personalsituation.
Meteoriten über Russland, Asteroid flieg an Erde vorbei.
Bundesverfassungsgericht: Homosexuelle dürfen normal adoptieren.
So viele deutsche Rüstungsexporte wie nie zuvor.
Bulgarische Regierung tritt nach Protesten zurück.
Volkswagen macht einen Gewinn von 22 Milliarden.
Argo gewinnt den Oscar als bester Film.
Skandal bei Etikettierung von Bio-Eiern.
In Italien gewinnt eine Koalition aus Mitte-Links die Präsidentschaftswahlen.
Brüssel will Banker-Boni beschränken.

März

Baby in Versuch von HIV geheilt.
Schweizer Volksbefragung stimmt für härteres Aktiengesetz.
Venezuelas Präsident Hugo Chavez stirbt nach einer Krebserkrankung.
Armutsbericht der Bundesregierung: Ungleiche Vermögensverteilung, mehr Armut.
Ausschreitungen von Kairoern Fußballfans.
Syrische Rebellen entführen Blauhelmsoldaten.
Franziskus als neuer Papst gewählt.
Razzia gegen Salafisten in Deutschland.
Bankenkrise in Zypern.
Studie: Hersteller setzen auf schnellen Verschleiß ihrer Produkte.
Die Deutsche Bahn macht 1,5 Milliarden Euro Gewinn.
Studie: Eurokrise führt zu mehr Suiziden und mehr Krankheiten.

April

Novartis verliert wichtige Patentklage, Medizin könnte nun günstiger werden.
Deutschland exportierte 2012 eine Rekordmenge Strom.
Israel und Hamas brechen Waffenruhe.
Internationales Netzwerk von Steuerbetrügern aufgeflogen.
Vogelgrippe in China.
Nachrichtenagentur dapd ist endgültig insolvent.
Anti-Euro-Partei Alternative für Deutschland gegründet.
Statistik: Erstmals weniger Geld für Rüstung ausgegeben.
Bombenanschlag auf Boston Marathon.
NSU-Prozess muss wegen Pressevertreterbesetzung verschoben werden.
Gold- und Silberpreis extrem gefallen.
Schweres Erdbeben im Iran.
Schweres Erdbeben in China.
Telekom will Internetgeschwindigkeit drosseln.
Frankreich erlaubt die Ehe zwischen Homosexuellen.
Viele Tote nach Fabrikeinsturz in Bangladesh.
Attentat vor Italiens Parlament.
Gas-Explosion in Prag.
Willem-Alexander wird König der Niederlande.

Mai

Grenz-Streitigkeiten zwischen China und Indien.
Affäre um Vettern-Wirtschaft bei der CSU.
Israel greift Syrien an.
Schweres Zugunglück in Belgien.
Pakistanische Präsidentschaftswahl von Anschlägen überschattet.
Erstmals menschliche Zelle geklont.
Deutsche Kriminalstatistik 2012: Mehr Einbrüche, mehr Cyber-Crime.
Anschlagsserie im Irak.
Skandal um Zulassung einer Kampfdrohne der Bundeswehr.
Ausschreitungen von Jugendlichen in Schweden.
150 Jahre SPD.
Britischer Soldat in London mit Beil ermordet.
Bayern München gewinnt die Champions League.
Geldwäsche-Affäre mit 6 Milliarden US-Dollar aufgeflogen.
Ausschreitungen bei Protesten in der Türkei.
Scharmützel bei Blockupy-Demo in Frankfurt.

Juni

Hochwasser in Deutschland.
NSA überwachen Internetfirmen und Kundenkonten.
NSA-Whistleblower Edward Snowden flieht nach Hongkong.
Hunderttausende demonstrieren in Brasilien.
Britisches Überwachungsprogramm Tempora aufgedeckt.
Qualm-Katastrophe nach Brandrodung in Indonesien.
Der ehemalige italienische Ministerpräsident Berlusconi muss ins Gefängnis.
Polizei verhaftet mutmaßliche Terroristen mit Anschlagsplänen mit Modellflugzeugen.

Juli

Ausschreitungen in Ägypten.
Polizei räumt Flüchtlingscamp in München.
Arbeitslosenzahlen in Europa erreichen Rekordniveau.
Auch Briefe werden in den USA überwacht.
Belgischer König dankt ab.
Militär in Ägypten putscht gegen Mursi.
Reallöhne in Deutschland gesunken.
Endlagersuchgesetz beschlossen.
Großes Zugunglück in Kanada.
Flugzeugabsturz in den USA.
Rückgang der Geburtenrate in Europa wegen der Krise.
Europaweite Razzia gegen rechtsextremistische Werwolf-Gruppe.
Kubanische Waffen auf dem Weg nach Nordkorea entdeckt.
Auch die Bundeswehr benutzte ein Prism-Programm in Afghanistan.
Schweizer Geothermieprojekt nach Erdbeben gestoppt.
Masern-Epidemie in Deutschland.
Studie: Mieten werden zum Armutsrisiko.
Zugunfall in Spanien.
Axel Springer Verlag will „Hamburger Abendblatt“ und „Berliner Morgenpost“ verkaufen.
Unfall mit Reisebus in Italien.
Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck tritt aus gesundheitlichen Gründen zurück.

August

Neue NSA-Überwachung enthüllt.
Erstes künstliches Fleisch vorgestellt.
Spanien und Großbritannien streiten sich wegen Gibraltar.
Stellwerkchaos am Mainzer Hauptbahnhof.
Studie: Jeder vierte Mensch mit Migrationshintergrund fühlt sich in Deutschland diskriminiert.
Hohe Inflation bei Lebensmittelpreisen.
Studie: Jeder siebte Deutsche war noch nie online.
Britischer Geheimdienst lässt Zeitung The Guardian Daten von Snowden zerstören.
Leck in Fukushima.
Streit um Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf.
NSA soll 75 Prozent des Datenverkehrs in den USA überwachen.
Whistleblower Bradley Manning zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt.
NSA hörte auch die UN ab.
Giftgasangriff in Syrien.

September

Microsoft kauft Handysparte von Nokia.
Raketenversuch von Israel und USA im Mittelmeer.
Die Voyager-Sonde hat die Milchstrasse verlassen.
Zwei Millionen Kundendaten von Vodafone geklaut.
Marcel Reich-Ranicki gestorben.
Terroristen überfallen Einkaufszentrum in Nairobi.
Italienischer Mafiaboss in den Niederlanden festgenommen.
CDU/CSU stärkste Partei bei der Bundestagswahl, FDP nicht mehr m Bundestag.
Ägypten verbietet die Muslimbruderschaft.
Schweres Erdbeben in Pakistan.

Oktober

Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa.
PISA-Studie für Erwachsene: Deutschland nur im Mittelfeld.
Deutscher Buchpreis für Terézia Moras „Die Ungeheuer“.
Higgs-Boson bekommen Physiknobelpreis.
Friedensnobelpreis an die Internationalen Chemiewaffeninspekteure.
800.000 Menschen in Europa arbeiten als Sklaven.
Wirbelsturm Phailin führt zu großer Zerstörung in Indien.
Fremdenfeindliche Massenrandale in Moskau.
Krebs kostet der EU rund 126 Milliarden Euro pro Jahr.
Schweres Erdbeben auf den Philippinen.
Atomgespräche mit dem Iran.
Europäische Bankenaufsicht startet Herbst 2014.
Studie: Feinstaubbelastung in Europa ist hoch.
Saudi-Arabien lehnt Platz im UN-Sicherheitsrat ab.
Europäisches Gerichtshof bestätigt VW-Gesetz.
Immer mehr deutsche Rentner brauchen Sozialhilfe.
Starke Buschbrände in Australien.
Griechenland 40 Prozent ärmer als 2008.
Dax erstmals über 9000 Punkte.
Sebastian Vettel wird Formel-1-Weltmeister.

November

Beutekunst in München entdeckt.
Topmanager verdienen 53-mal so viel wie Arbeitnehmer.
Gammelfleischskandal in Niedersachsen.
EZB senkt Leitzins auf Rekordtief: 0,25 Prozent.
Taifun Hayan verwüstet die Philippinen.
Überschwemmungen auf Sardinien.
Revolte in Thailand.
In Hamburg werden Menschen wegen ihrer Hautfarbe kontrolliert.

Dezember

Ukraine annulliert EU-Verhandlungen, daraufhin kommt es zu Massenprotesten.
Kannibale tötet Mann in sächsischer Schweiz.
Großrazzia bei der Commerzbank wegen Steuerbetrug.
Nelson Mandela stirbt mit 95 Jahren.
Orkan Xaver trifft Nordeuropa.
Deutschland exportiert Waren für 99,1 Milliarden Euro.
WTO beschließt neues Welthandelsabkommen.
Indien verbietet Homosexualität.
Ungarisches Parlament soll entmachtet werden.
Europäischer Gerichtshof: Vorratsdatenspeicherung ist illegal.
Massenkrawalle bei Demo in Hamburg.
Anschläge in Russland.
Korruptionsaffäre in der Türkei.

Hier geht es zu Egges Jahresrückblick.

18. Februar 2012 – Ein Wochenende in D.

Eine richtige Fußballfanrandale wurde angekündigt. Medien und Polizei hatten sich jedoch vorbereitet, auch um die Gefahr für all die friedlebenden Menschen zu gewährleisten, die Angst vor randalierenden, pöbelnde Gewaltfans haben. Sogar zwei Wasserwerfer wurden in der Innenstadt positioniert. Die Fotos in der Boulevardpresse zeigten dann auch das ganze Ausmaß der Gewalt: Berittene Polizei mit Schlagstöcken, eine lange Kette an Mannschaftsbussen, dessen Insassen sicherlich auch mehr Lust hatten, das Spiel zu sehen, als die leeren Straßen, und zwei Fans, die auf der Straße stehen, während sie mit Pfefferspray besprüht werden. Ja, der deutsche Fußball hat sicherlich ein Gewaltproblem …

Er ist zurückgetreten. Die Parteien suchen jetzt einen würdigen Nachfolger. Diverse Kandidaten lehnen schon wenige Stunden später ab. Deutschland habe ein Elitenproblem, analysiert ein Politikexperte.

Er hat Angst, den Flug zu verpassen. Jetzt, wo doch in Frankfurt gestreikt wird. Nur 200 Menschen legen den Betrieb lahm. Wo gibt’s denn so etwas, das ist ja egoistisch von denen. Dass das ihre Rechte sind, ist ihm egal: Auf dem Weg in seinen Backpackerjahr nach Australien kann er es nicht ab, jetzt warten zu müssen. Er hat keine Zeit für so einen Gewerkschaftsscheiß, schon die Bahn hatte fünf Minuten Verspätung. Er will doch so schnell wie möglich ins Abenteur. Ins wilde Land Australien. Mürrisch schnürt er seinen Jack-Wolfskin-Rucksack wieder über seiner Jack-Wolfskin-Jacke fest, prüft den Reißverschluss seiner Aktivhose und schiebt den Brustbeutel wieder unter den Pullover.

„Das darf ja nicht sein: Die deutsche Eiche einfach so mit der Kettensäge kaputtmachen!“ Er redet schnell und ohne zu atmen. Schon seit einer Viertelstunde beobachtet er die Arbeiten im Nachbarsgarten. Drei morsche Bäume werden dort gefällt. Die Eiche muss noch nicht einmal richtig gesägt werden, so kaputt ist sie schon von innen. „Verhaften sollte man Sie, Sie machen die ganze Natur kaputt.“ Er kann sich jetzt nicht mehr beruhigen und droht, die Polizei zu rufen. Wir zeigen ihm die Genehmigung der Stadt, erklären ihm ruhig und sachlich die Notwendigkeit und präsentieren ihm die neuen Baumsetzlinge, die als Ersatz eingepflanzt werden. Es reicht ihm nicht. „Naturschutz ist Heimatschutz. Sie sind Vaterlandsverräter.“ Die Kettensäge wird wieder angeworfen, und grinsend singt einer das berühmteste Slime-Lied. „Die Eiche muss sterben, damit wir leben können.“

„Hoch das Bein.“ Sie ist dreizehn Jahre alt und für fünf Minuten der Star, hier in der Mehrzweckhalle des Freizeitheims. Die Narren tagen vor den Toren der Landeshauptstadt. Ein Landesminister macht sich in seiner Rede über Politiker lustig, über Korruption und über den ehemaligen Landesvater, der jetzt wieder in der reichen Gemeinde im Norden der Region im Klinkerbau sitzt und bestimmt irgendwelchen Hobbys nachgeht. Sein Nachfolger als Ehrensenator spricht dann über Griechenland, den Euro, das Bruttosozialprodukt und wie geil doch die Landeshauptstadt ist. Wir diskutieren kurz die Frauenquote, sind die Frauen auf der Bühne doch allesamt jung, kurzberockt und Staffage. Dann kommt Inge und wirbelt mit dem Alleinunterhalter die Halle auf. Das Schunkeln wird ekstatischer, die Narren klatschen, johlen und tröten wie im Rausch.Die 75-Jährige singt ein Medley aus den größten Faschingshits. Ich will mich als ihr Manager andienen und sie groß rausbringen. Der Bohlen hat so etwas bestimmt noch nie gesehen. Doch Egge winkt ab und schiebt mich raus. Als wir die Halle verlassen, steht die Ehefrau eines ehemaligen Kanzlers am Buffet, lobt die Hackbällchen und den Kartoffelsalat. Vor ein paar Monaten hat sie angekündigt, für diesen Wahlkreis in den Landtag zu wollen. Jetzt steht sie hier und gibt sich bürgernah. Ein Jecke stellt sich in hörbarer Entfernung und fängt an, über Hartz IV zu lästern. Die „deutsche Hillary Clinton“ indess zückt ihre Handtasche und zahlt brav das Geld für das Essen. „Die hat wohl Angst, dass sie als Politikerin über ein paar geschenkte Hackbällchen stolpert.“

„Hau ihn um. In die Fresse!“ Es läuft Boxen in der Kneipe, doch so richtig schaut niemand hin. Außer das Ehepaar, das immer an der Theke sitzt. Sie ist ganz aufgeregt. Der Vitali sei ja ein richtig eleganter Typ. So staatsmännisch. Wenn der nicht Ukrainer wäre, sie würde ihn zum Bundespräsidenten wählen. Der Kampf geht durch Punkte an den Staatsmann. In der Pressekonfernez gerät dann sein Gegner mit einem anderen Boxer aneinander. Eine Schlägerei abseits des Rings, die Polizei muss gerufen werden. Alle starren auf den Bildschirm. Die Vitalie-Anhängerin wendet sich ab. „Eklig, diese Gewalt.“

sta

Beatpoeten treffen: Rammstein

Jaja, es ist zwei Jahre her, als Rammstein ihr Album „Liebe ist für alle da“ im Berliner Universal-Hauptquartier Journalisten zur Hörprobe anboten. Aber weil das Album nun freigegeben wurde, das neue Video zu „Mein Land“ einfach mal krass ist, & das Gespräch mit Schlagzeuger Christoph Schneider lange nachgewirkt hat: das Interview. Ein Gespräch über Liebe, Pornos und den Kannibalen von Rotenburg.

„Privat sind wir anders“

Herr Schneider, vier Jahre ist das letzte Rammstein-Album her. Da überlegt man sich als Band sicher, wie man sich eindrucksvoll zurückmeldet. Musste es zur Single „Pussy“ unbedingt ein Porno als Videoclip sein?
So etwas kann man nicht planen. Einige Bandmitglieder wollten „Pussy“ nicht mal auf dem Album haben. Aber es wurden Stimmen laut, unter anderem die Plattenfirma, die einen Hit vermuteten, ein renommierter Regisseur wollte einen Porno dazu drehen, und wir haben als Band dann gesagt: Jawoll, wir machen das.

Eine Band, die gern provoziert …
Eine Band, die auch provoziert. Das gehört bei Rammstein dazu.

Es funktioniert ja auch. Zudem ist es auch eine gelungene PR-Aktion.
Es gibt die Welt der Pornografie. Bisher hatte nur noch keine Band Pornos in Zusammenhang mit Videoclips gebracht. Dabei haben die meisten Clips längst softpornografischen Charakter. Wir sind nur noch einen Schritt weitergegangen, und die Single landete auf Platz eins der Charts – auch wenn es musikalisch aus meiner Sicht nicht unser bester Song ist. Aber er kommt gut an.

Wäre es für Rammstein nicht eine besondere Provokation, einmal auf Provokationen zu verzichten?
Möglicherweise. Vielleicht kommen wir irgendwann mal in das Alter, in dem wir uns nur noch auf unsere musikalischen Stärken verlassen. Aber bis dahin wollen wir unseren Fans etwas Besonderes bieten.

Ihr Album trägt den Titel „Liebe ist für alle da“. Was nach versöhnlichem Aufruf für kollektive Herzwärme klingt, wird auf der Platte zur harten Extremistenschau. Es geht um den Kannibalen von Rotenburg und abseitige Sexvorlieben. Keine Lust auf richtige Liebeslieder?
Wir erzählen Geschichten extremer Form von Liebe. Es geht um die Gefühle von Menschen wie Josef Fritzl, wenn er in seinen Keller hinabsteigt. Er empfand ja auch etwas dabei. Genau wie der Menschenfresser, der durch sein Tun ja auf seine Weise erregt wurde.

Was fasziniert Sie so an den düsteren Leidenschaften?
Manchmal die Komik, die die Extreme offenbaren.

Bitte? Komik?
Na ja, es ist doch schon sehr komisch, wenn sich Menschen dazu verabreden, einander zu fressen. Das ist grotesk, auch wenn es im Kern eine sehr ernste Sache ist. Wir erzählen davon, weil es Spaß macht. Es ist ein märchenhaftes Gruseln.

Sie sind Märchenerzähler?
Ja, moderne Brüder Grimm. Früher haben Märchen ja auch eine schaurige Stimmung erzeugt, wenn man mit der richtigen Stimme im Kerzenlicht erzählt hat.

Das klingt harmlos. Aber Till Lindemann besingt Stacheldraht in Harnleitern?
Als ich das zum ersten Mal gehört habe, bin ich auch ziemlich zusammengezuckt. Aber die Band wurde nicht gegründet, um Heimatlieder zu singen. Wir sind Rammstein. Till schreibt und singt auf seine Weise. Er ist wie ein alter Marshall-Verstärker, der nur laut gut klingt.

Ausschnitt aus „Ich tu dir weh“:
„Bei dir hab ich die Wahl der Qual,
Stacheldraht im Harnkanal,
Leg’ dein Fleisch in Salz und Eiter,
Erst stirbst du doch, dann lebst du weiter,
Bisse, Tritte, harte Schläge,
Nagelzangen, stumpfe Säge,
Wünsch’ dir was ich sag’ nicht nein,
Und führ’ dir Nagetiere ein.“

Bleiben wir im Märchenbild. In „Mehr“ geht es um Gier und das Gefühl, nie satt zu werden. Moralische Prosa zur Wirtschaftskrise?
Nein. Wir äußern uns nicht zu aktuellen Themen. Aber die Metapher passt natürlich.

Sie bleiben fast immer eindeutig mehrdeutig in ihren künstlerischen Aussagen.
Ja. Vielleicht liegt das an unserer Ostvergangenheit. Wir konnten die Dinge früher nie konkret ansprechen und blieben textlich daher immer im Unbestimmten.

Aber selbst wenn es verklausuliert um die Krise, Missstände oder das Böse geht, warum zeigen Sie nie Alternativen auf?
Wir sind eben Rammstein.

Was bedeutet denn für Sie selbst
Liebe?
Für mich persönlich ist Liebe die helle Kraft im Leben. Liebe lässt uns hoffen. Sie ist die Macht, die uns anführt.

Aber warum spürt man davon so wenig bei Rammstein?
Man muss das einfach unterscheiden. Viele glauben, die Bandmitglieder sind in jedem Moment ihres Lebens Teil der Band. Aber Rammstein ist für uns nur ein Teil der Persönlichkeit. Niemand würde auf die Idee kommen, einen Schauspieler mit seiner Rolle zu verwechseln. Rammstein macht uns Spaß. Privat sind wir anders.

Weil die Links in Deutschland dank Urheberrechtsverwirrungen lustig wechseln, folgt an dieser Stelle ein ambitionierter Versuch. Das neue Video:

20. März 2010 – Leipzig – Ilses Erika

„Der Kapitalismus ist an allem schuld.“ Na klar mussten wir an so einen Taxifahrer geraten, der zwischen anschaulichen Beschreibungen der Messestadt Leipzig kleine politische Splitter setzen würde. Es ist Buchmesse in der Stadt. Das heißt, neben zahlreichen Jungautoren, Literaturfans und Möchtegernkünstlern bevölkern vor allem Horden von Cosplayern die Straßen – Verkleidete bekommen zur Messe freien Eintritt und können sich dort in einer ganzen Halle nur Comics, Mangas und Visual Novels anschauen. „Früher fand man so etwas ja schon komisch“, kommentiert unser Fahrer die vielen Prinzessinnen, Krieger und Neonsamurais. „So lange das friedlich abläuft, kann jeder machen, was er will.“

Unser Engagement führte uns an diesem Abend in den schönen, von Gentrifzierung betroffenen Gründerzeitstadtteil Connewitz, zur Ilses Erika – dem, wie uns von vielen Seiten gesagt wurde, schönsten Kellerklub Leipzigs. Wir waren da zur Aftershowparty der Buchmesse, die unser Verlag Sprechstation gemeinsam mit spokenwordberlin veranstaltet hatte. Das hieß, neben vielen Freunden auch endlich die neue Vinyl-EP in Empfang nehmen zu können.

Es war das erste Mal, dass wir in Leipzig aufgetreten sind und freuten uns, in dieser Stadt, die uns beiden persönlich viel bedeutet, spielen zu dürfen. Danke an alle, die da waren. Vor allem an die tollen Künstler, mit denen wir die Bühne teilen durften: Renato Kaiser, Philipp Scharri und The Fuck Hornischen Orchestra, yeah. An ihren Vorstellungen war wieder einmal zu sehen, wie schnell und konstant sich die Poetry-Slam-Szene immer weiterentwickelt. Auch wenn die Feuilletons die Szene weiterhin ignorieren, fast keine künstlerische Szene in Deutschland ist so lebendig, so vielfältig und so bodenständig, wie diese. Auch wenn nach wenigen Minuten die erste Zuschauerin wegen der Hitze im Keller in Ohnmacht fällt, friedlich läuft es fast immer ab