Slam 2014 in Dresden

Motto des Abends

„Dürfen wir eigentlich bei diesem Song-Slam mitmachen?“ Ich hatte zwei Bier gebraucht, um mich zu trauen und einen der Organisatoren des Slams 2014 und Freund André Herrmann zu fragen. Ich war in Leipzig im Urlaub. Draußen war es noch warm genug, um stundelang durch die Stadt zu spazieren und all die Veränderungen anzuschauen, die seit meinem Studium über Leipzig hereingebrochen waren. „Ja, aber ihr wisst schon, dass Techno nicht erlaubt ist?“ Die Regeln des Song-Slams sehen vor, dass kein Laptop oder ähnliches angeschlossen werden darf. „Ja, das wissen wir. Wir arbeiten gerade an einem neuen Set – nur mit Klavier und Stimmen.“ Er schaute mich ein wenig irritiert an. „Und wer spielt Klavier?“ „Ich. Ich spiele genauso Klavier, wie ich Synthesizer spiele.“ Er grinste. „Das klingt interessant. Bewerbt euch mal.“

Wichtige Fragen

Knapp zwei Monate später stehen Egge und ich vor der Scheune im schönsten Stadtteil Dresdens, der Neustadt – jaja, das Hechtviertel kommt ja auch irgendwie. Drinnen laufen die ersten Vorrunden des Slam, draußen presst der Winter kalte Luft gegen das Gesicht. Wir erzählen uns Geschichten von Dresden-Besuchen und tun cool, als ein Mann mit einem Einrad an uns vorbeifährt – verkehrsgerecht mit Front- und Rücklicht. „Ach, was würde Erich Kästner heute über seine Heimatstadt sagen.“

L'amour

Im Backstage der Scheune trifft man die Gefährten und Bühnen-Genossen. Die Slam-Meisterschaften sind eine wilde Mischung aus Klassentreffen, Werkschau und Gradmesser für die deutschsprachige Performancepoesie. Sind die Slams in den Städten der Durchlauferhitzer der talentierten Schreiberlinge, findet man auf den Bühnen der Vor- und Finalrunden erfahrene Entertainer. Abseits ihrer fünf Minuten Dichterkampf erzählen sie dann von alternativen Lebensmodellen mit BahnCard 100 und Freunden in jedem Dorf Deutschlands. Von der Inszenierung modernen Witzes bei Öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Von der planerischen Höchstleistung, die eine Slam-Meisterschaft verlangt. Hunderte zum Teil extrovertierte Künstler wollen mit Hotelzimmern, Essen und geilen Erlebnissen versorgt werden, und gleichzeitig wollen Sponsoren, Geschäftspartner, Spielstätten und das Ordnungsamt noch bespaßt werden. „Ich mache noch die Abrechnung, dann geht’s erstmal in den Urlaub. Irgendwo ins Warme“, erzählt die sichtbar müde Finanzchefin Lisa in einer ruhigen Minute. „Aber wie war überhaupt euer Auftritt? Ich hab’s leider nicht geschafft.“ Applaus für dieses großartige Team.

Schwiegersöhne

Ja, wie soll man das beschreiben, was wir da in fünf Minuten am Klavier und Mikrofonen gezeigt haben? Im Vorfeld wurden wir immer wieder gefragt: „Kein Techno?“ „Egge brüllt nicht rum?“ „Macht ihr jetzt Kleinkunst?“ „Popper!“ Es ist ein erster Schritt in ein einem neuen Experiment. Gemäß der alten Punk-Philosophie „Lerne drei Akkorde und gründe eine Band“ haben wir zwei Akkorde auf dem Klavier geübt und mit einer Mischung aus klassischem Klavierpathos und Punkerlyrik ein Gedicht über das Finden und Verlieren der Liebe vorgetragen. Danke an alle, die uns zugehört haben. Und danke an die Slam-Familie. Heavy Metal!

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26. Januar 2012 – Hamburg – Übel & Gefährlich

Falsch eingestiegen. Der Zug fährt nicht nach Hamburg, sondern nach Bremen. Weißte, klar. Am Nachbartisch im Bistro ballern sie sich jetzt schon die Weizenbiere. „Ist ja Feierabend, ne?!“ Und reden sonst über diese eine Tabledancebar. „Weißte noch, letztes Jahr Weihnachtsfeier. Sogar die eine Spießige war dabei.“ Schräg daneben geht’s um Krebs, immer wieder Krebs. Und dieses Fett in der Innenseite des Arms, das echt schlecht weggeht. Der einsame Typ an der Theke sieht aus wie ein ehemaliger Regierungssprecher, holt sich schon wieder eine Cola und löst Sudoku. Wir planen, das Dschungelcamp zu retten und im nächsten Jahr viel bessere Kandidaten einzuladen. „Wenn die Deutschen eins gelernt haben, dann Camps zu betreiben“, mischt sich der Sudoku-Nachbar ein.

Am Bremer Hauptbahnhof stehen die Menschen Schlange am Lottostand. Dicke Ziehung. Drei Jungs versuchen, Tabak zu kaufen und eine Bong. Scheitern. Die Rubbellose werden immer noch föderalistisch verkauft. „Nein, aus Berlin kann ich keine annehmen. Da müssen sie schon selbst wieder hinfahren.“ In der Lounge der Deutschen Bahn klaut wieder die gleiche Art von Geschäftsmann den Sportteil und verschwindet auf dem Klo. Legt den Zeitungsteil danach wieder zurück ins Regal und trinkt noch zwei, drei Gläser Cola. Ist ja im Preis mit drin.

In Hamburg-Harbug steigen die Vorstadtmuttis aus und die Flaschensammler ein. Man grüßt die Schaffner mit einem Nicken, greift locker in die Müllkörbe, langt hier und da nach halbausgetrunkenen Pfandflaschen und läuft schnurstracks ins nächste Abteil in der ersten Klasse. Ein Werbemann erklärt für den Rest des Bistros am Telefon sein kommendes Wochenende und mit welcher Frau und sowieso. Der Hauptbahnhof liegt hinter uns. Am Dammtor stehen die üblichen Studenten, gerade frisch aus dem Gender-Seminar. Theoriegestählt für die Dienstleistungsgesellschaft. Eine Station später erbricht man sich in die Schanze, die Großraumdiskothek mit Szeneschutz. Jungs mit vom Anwaltpapa geliehenen Bentley besuchen Deutschlands bekanntesten Burnoutgastronomen auf ein paar Fleischlappen. Der Mexikaner ist natürlich selbst gemacht und kostet auch nur stadtteilübliche drei Euro. Arschlochsteuer nennt sich das auf deutsch. „Donnerstag ist ja der einzige Tag, an dem man hier ohne die Vorstadtprinzessinen und die Bauern aus Niedersachsen feiern kann.“ Sagt es und verschwindet mit dem Aluminium im Haar wieder im Frisör. Ein Schwall Haarspray, fruchtiges Parfüm und Deephouse erbricht sich kurz durch die offene Tür auf die kalte Straße. Riecht und hört unsere Sophistication.

Egge schreit die erste Reihe an. Eine Frau greift ihre Handtasche ein wenig fester. Drei, vier in schwarz gekleidete Kunstinteressierte finden es verrückt. Nach acht Minuten geht es zurück hinter die Bühne. Ein riesiges Bild mit Bergpanorama, daneben das Fenster über der bekanntesten Jet-Tanktstelle Hamburgs. In der Ferne sieht man die Flugzeuge landen.

Wieder Mexikaner und Rotwein, den Psychologiestudentinnen nicht mal ihren Feinden anbieten würden. Ich lasse mir Bikram-Yoga erklären und antizyklische Zukunfsplanung in Fernbeziehungen. Der DJ arbeitet sich währenddessen durch die Jugendkulturen des zynischen Zeitalters: Dubstep, 80ies Pop, Schunkel-Hip-Hop. Irgendwer kennt irgendwen, der Menschen mit Methadonproblemen betreut hat. Die Geschichte über Neonazis geht um, die Stolpersteine klauen. „Ich starte jetzt ein Kunstprojekt. Jeder schenkt mir einen Euro und davon kaufe ich das ganze Stadtviertel. Dann lasse ich hier nur noch nette Leute wohnen und die ganze Gentrifizierungsdebatte ist vorbei.“ Als wir auf die Straße gehen, fängt es an zu schneien. Endlich Winter.

21. und 22. Mai – Hannover – 1. niedersächsisch-bremische Slam Poetry Meisterschaft

Der Sieger der 1. niedersächsisch-bremischen Slam Poetry Meisterschaft steht fest. Sven Kamin aus Bremen setze sich am Sonntag in der Staatsoper Hannover gegen Tobias Kunze aus Hannover durch. Am Ende belohnte Sven die ausverkaufte Oper noch mit einem tollen Text über die Freiheit des Tanzens.

Es war ein wildes Wochenende. Rund 2000 Zuschauer verfolgten das ebenfalls ausverkaufte Halbfinale auf dem Faust-Gelände im hannoverschen Stadtteil Linden und das Finale in der Staatsoper – dazu kamen noch mehrere Tausend, die den Slam beim autofreien Sonntag in der hannoverschen Innenstadt verfolgten. Mehr als 20 Poeten aus ganz Niedersachsen und Bremen kämpften fair und gut gelaunt um den Titel.

Morale Unterstützung erhielten die Dichter dabei vom Fanfarenzug Alt-Linden von 1964, die die beiden Abende jeweils mit einem schmetternden Einmarsch einläuteten. Zum Schluss lagen sich auf dem Balkon der Oper alle in den Armen, und die Jungs vom Lieber Klub sorgten mit ihrer tollen elektronischen Musik für den würdigen Soundtrack. Vielen Dank an alle, die das Wochenende möglich gemacht haben.

18. November 2010 – Hannover – Faust

Heute Abend Am 18. November spieltet Costa den DJ beim Elektro-Slam im hannoverschen Faust. Das heißt, er und sein Kollege Rowe (Maximal / Lieber Klub) spielten elektronische Musik, auf der dann die Poeten ihre Gedichte, Geschichten und Berichte slamen durften. Klingt irgendwie bekannt. Aus aktuellem diesem Anlass also mal die Geschichte, die uns beide zusammen auf die Bühne geführt hat.

Es ist 2006 und Costas Band hat sich gerade aufgelöst. Bis heute behauptet er, sie hätten Punk gemacht. War aber eher so Pop-Gedöns. In einem kleinen Studio bastelt er nun mit seinem Freund Hans von Freymacher an elektronischen Beats. Egge hat gerade eine jahrelange Tour für seinen ersten Gedichtband „Niemals so ganz hinter sich“ und hat mit dem Slam in Hannover alle Hände voll zu tun. Trotzdem schafft es Costa, Egge erst in der Stammkneipe betrunken zu machen und ihn dann zu sich nach oben zu locken, um ihm Beats vorzustellen. Egge hatte vorher leichtfertig gesagt, dass er sich gut vorstellen könnte, seine Gedichte auf Costas Musik zu, ja was eigentlich? Zu rappen? Zu slamen? Zu sprechen? Zu singen?

Bis dahin hat sich Egge lediglich von Punkbands, Cellisten, Trommlern oder Klavierspielern begleiten lassen. Aber aus der Sache kommt er nicht mehr raus. Auch die Ausrede, er hätte keine eigenen Texte dabei, lässt Costa nicht gelten und zieht Egges Gedichtband aus dem Regal. Der erste Versuch misslingt.

Der zweite ist ebenso wenig erfreulich. Das erste Konzert in einem kleinen Kulturzentrum auf einem niedersächsischen Dorf ist eine Katastrophe und wochenlang weiß keiner von beiden, wo das Ganze überhaupt hin soll. Dann, in einem engen Keller in Lüneburg, auf einer Riesen-WG-Party, gibt es zum ersten Mal diesen einen Moment, wo sich beide in die Augen schauen, lächeln und Spaß haben. Den Rest später hier…