23. August 2013 – Gängeviertel-Geburtstag

Gängeviertel, künstlerisch

Das Gängeviertel in Hamburgs Innenstadt ist eine bunte Insel inmitten grauern Büroblocks. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann sich unsere Blog-Einträge zum Konzert bei der Besetzung 2010 und im Juli 2013 dort durchlesen. Wir durften den vierten Geburtstag in der Druckerei mitfeiern. Und wir sind immer noch verliebt! Danke für das tolle Konzert in der Druckerei und der geilen Cumbia-Party mit DJ Vanschi im Anschluss. Whoop, whoop, Fiepen ist nur ein Ausdruck von Leidenschaft.

Werbeanzeigen

13. Juli 2013 – Neubrandenburg – AJZ

Neubrandenburg, klassisch„Ihr seid echt richtige Popper. Seht aus wie die Jungs vom Segelklub.“ „Bitte?“ „Ja, so mit Hemd und Anzug und so. Außerdem bei dem Wetter Rotwein trinken? Ihr seid doch kaputt.“

Sie haben uns zwei Sessel hingestellt. Dazu ein Bild mit Hirsch, ein paar Topfpflanzen und einen Tisch. Eine Kordell trennt uns von den Zuschauern. Als Egge unseren Gastgebern auf der Fusion eine unnüchterne SMS schrieb, was wir für unsere Lesung in Neubrandenburg brauchen, hat er weit ausgeholt. Sie haben alles hingestellt. Dazu noch Wasser und Rotwein bei gefühlten 40 Grad im Schatten. Aber von Anfang: Das Alternative Jugendzentrum Neubrandenburg wird in diesem Jahr 20. Dass es überhaupt so alt wird, war am Anfang nicht zu erkennen: Schließlich gab es in der Nachwendestadt regelrecht Straßenkämpfe mit Neonazis. „Eine zeitlang konnte ich nicht wirklich vor die Haustür treten“, erzählt einer. „Die haben Hetzjagd auf alles Buntes gemacht.“
Irgendwann taten sich dann die Punks mit den Hip-Hoppern, Skatern, BMXern etc zusammen und richteten so einfache Dinge wie Telefonketten ein. Mit großem Erfolg. „Wir haben quasi jede Straße einzeln zurückerobert.“ So ging das über Jahre. Mit den üblichen Steinen im Weg, die es als buntes, alternatives Projekt in einer kleinen Stadt so gibt. Am Ende aber stand der Umzug in eines der schönsten Jugendzentren Deutschlands.

Egge, konfittisiert

„Hier ist das Kuchenbuffett, alles vegan.“ „Da stehen aber bestimmt zehn verschiedene Teile. Wie sollen wir die alle essen?“ „Mit dem Mund.“ „Krass.“ „Aber iss nicht zuviel. Es gibt nachher noch Abendessen.“ „Bitte?“

Für uns sind die Besuche in Neubrandenburg der Höhepunkt des Sommers: Wenn wir dann mit einem Bier im Tollensesee stehen, das kalte Nass bis zur Brust, die warme Sonne auf den Kopf, dann wissen wir, warum sich der ganze Stress, das ewige Zugfahren, das konstante Üben sowas von lohnt. Neubrandenburg ist für uns Urlaub bei Geschwistern.

„Was ist in dem Eimer?“ „Konfetti.“ „Das sind doch mehrere Kilo.“ „Ja, richtig.“ „Und das?“ „Da sind die Pyros drin.“ „Wollt ihr uns umbringen?“ „Vielleicht. Aber auf jeden Fall müsst ihr nachher stagediven.“ „Ich habe das noch nie gemacht.“ „HAHAHA!“

18. August 2012 – Jena – Haus

Egge und ich arbeiten gerade an einem neuen Lied. Über den richtigen Namen sind wir uns noch nicht einig, der Text ist aber:  „Eure Industrie, bringt uns um.“ Ein Video davon wird auch bald fertig. Wir treffen uns gerade mit vielen Menschen, die wir mögen und fragen, was soll raus, was soll drinbleiben, bei dem, was wir da machen. Darüber entwickeln wir erst eine Skizze, mit der wir dann im Herbst in Aufnahme gehen. Auch dabei unterstützen uns gerade tolle Menschen.

Hier ist eine erste Version, aufgenommen etwa Anfang August 2012:

Nach der Aufnahme dieser Version sind wir nach Jena zu einem Auftritt auf einem Geburtstag gefahren. Es war eine Flapsidee. Wir sprachen bei einem Frühstück auf der Fusion darüber, dass einer der Kerle bald Geburtstag feiern würde. Wir, mit unseren großen Klappen: „Wir spielen für dich!“ Wir hatten nicht daran gedacht, dass die Freunde mitmachen würden. Aber sie taten es, und deshalb stand ich irgendwann in der Fankurve des Fußballvereins Carl-Zeiss-Jena und schaute mir die erste Runde im DFB-Pokal gegen Leverkusen an.

„Für einen Wessi bist du eigentlich ganz korrekt.“ Geil, ein Kompliment. Wenn ich mich so umschaue, sind die Jungs hier in der Südkurve von Carl-Zeiss-Jena nicht so großzügig, was Nettigkeiten austeilen angeht. Und ich als Südkurvenpraktikant sollte da lieber auch ein wenig ruhiger sein. Mrtn hat mich an diesem Samstag mit zum DFB-Pokalspiel gegen Leverkusen genommen. Einmal Fußball schauen in einem der berüchtigsten Oststadien. Zuhause musste ich immer wieder erklären, dass es sicherlich keine Gewalt bei dem Spiel geben würde. Meine Mutter war sehr sensibel, was meine Reisen angeht. Mein Bruder schrieb mir nur zurück, ich solle mich vor einer Truppe Gewaltbereiter in acht nehmen. Sie würden immer dunkle Kleidung tragen und am Wochenende zu allen Spielen der Bundesliga fahren. Manche von ihnen tragen sogar Helme. Mein Bruder ist Arzt. Auch wenn Jena das Spiel verlor, es war ein echt spannender Besuch. Viel Leidenschaft und Liebe, aber auch viel Enttäuschung über den Verein.

Die zweite Version habe ich nach einem tollen Abend bei einem anderen Geburtstag gebastelt. Nachdem ich laut Rammstein hörend mit dem Fahrrad durch die Nacht nach Hause fuhr. Ich fuhr schnell. Als die Polizei in der Nähe war, fuhr ich ordentlich. Ich hatte mein Licht zu Hause vergessen.

Nachtrag vom Egge: Als ich in Jena ankam, wusste ich nicht, ob Costa in einer Ecke liegt und mit Hools gespielt hatte. Oder sie mit ihm. Er lag nirgends. Er trug Muskelshirt und Mate und musste unbedingt in einen See. Wir fanden einen und wunderten uns, dass man in Jena immer direkt auf Handtuchnähe besteht. Komisch. Anschließend versuchten wir eine Premiere: Punkrockkaraoke ohne Karaoke und Punkrock. Wir ließen nach jedem Song den Beat laufen, verteilten die Texte von Punkhymnen von Schleimkeim bis Slime und ließen die Leute einfach auf dem stumpfen Bass singen. Ja, manches war grausam. Anderes wieder wunderschön. Danke für dieses einmalige Erlebnis. e.

4. und 5. Mai 2012 – Bremen und Leipzig

Kalt ist es auf dem Oberdeck der MS Stubnitz im Bremer Hafen. Das Partyschiff liegt normalerweise in Rostock. Aber für wenige Wochen ist Bremen sein neuer Hafen und für uns die erste Station an diesem Wochenende, an dem wir unser neues Album „Man müsste Klavier spielen können“ präsentieren dürfen. Im Bauch des Schiffs ist nämlich eine Disko untergebracht, die manchen Großstadtklub fast nebenbei verblassen lässt.

Die Crew nordet uns sofort ein: „Nein, ihr seid noch nicht betrunken, der Boden ist schräg.“ Bordhund Krause nutzt seine großen Augen schamlos aus, um zu gieren. Und Hauptact Hasenscheisse macht uns eifersüchtig, weil sie besser riechen, besser aussehen, richtige Instrumente spielen und richtige Witze machen können. Tolle Jungs!
Wir werden am nächsten Morgen wach, als ein Ausflugsdampfer die Weser entlang schippert. Die Wellen bewegen das Schiff sanft. Von der Koje aus sieht man das Wasser und ein Segelboot. Draußen riecht es nach See und nach dem Hopfen der Brauerei gegenüber.

Es ist Samstag. Die Deutschen verbringen diesen am liebsten im Stadion, im Baumarkt und in irren Gangs mit abgestimmter Kleidung als Junggesellen(innen)abschied. Acht dieser volltrunkenen und zwangslustigen Rudel begegnen uns auf dem Weg vom Bremer Hafen bis zum Atari in Leipzig. Sie tragen grüne Perücken, Wikingerhelme, Elfenantennen, gleiche T-Shirts auf denen „Was, Tino heiratet? Ich bin nur zum Saufen hier“ steht oder auch mal Fantasieuniformen. Die Kleidung der Junggesellen und Jungesellinnen schwanken zwischen Dorftrash und germanischem Prolltum. Eine Folter für die Tragenden und uns sind sie immer. An dieser Stelle soll das Phänomen noch einmal gesondert betrachtet werden.

In Leipzig-Reudnitz kann man schonmal auf die Fresse kriegen. Von Nazis oder Prolls. Oder Prollnazis. Der Stadtteil wurde weltberühmt durch Clemens Meyers „Als wir träumten“ – meine Einstiegsdroge, als ich 2010 nach Leipzig zog. Knapp zwanzig Jahre nach der Wende taten sich hier einige Menschen zusammen, um mit dem Atari ein eigenes, autonomes Wohnprojekt zu starten. Wir durften bei der Vierjahresfeier am Samstag zwischen Punkbands und DJs aus Tel Aviv die Brücke schlagen. Eine riesige Bambule im Keller und in der Wohnung darüber. Für Vierjährige war das Atari ganz schön frech zu uns. Dafür gibt’s das nächste Mal Wunderkerzen und Kuchen.

sta

4. Februar 2012 – Kulturforum Wienenbüttel – 30 Jahre M

Bispingen ist so etwas wie das Zentrum der deutschen Autobahndienstleistungsgesellschaft (sic): Tankstelle, Fastfood, Cart- und Bowlingcenter, künstliche Skianlage in der Halle, diverse Wohnwagen mit roten Lichtern in der Nähe. Jedes menschliche Bedürfnis wird hier erfüllt. Sogar der Glauben. Vor wenigen Jahren hat man diese Oase der Moderne neben die Autobahn zwischen Hamburg und Hannover hingeklatscht. Neben Outletcenters, Freizeitparks und sogenannten Siedlungen reiht sie sich ein in die Kette der Mobiltätsallee. Deutschland wird an dieser Stelle klar von der Straße aus gedacht. Und die soll einen natürlich nicht nur schnell und sicher von Nord nach Süd bringen, sondern auch tolle Einblicke in die Landschaft und das Leben der Ureinwohner bieten.

Die Niedersachsen lieben ihre roten Klinkerhäuser, die sich in Bauerndörfern an die Straßen schmiegen. Bedeckt mit dem Blätterdach der viel besungenen Eichen, wird in den Häusern das Leben und die Welt diskutiert. Politik lernt man in Niedersachsen zwischen den dicken Brocken schwarzer Erde und den dichten Wäldern dunkler Bäume so gut, dass es immer wieder viele Niedersachsen in die Hauptstadt Berlin zieht. Dort beweisen sie sich in guter Führung und werden dafür von ihren Wählern geliebt. Zum Dank feiern sie dann Partys, auf denen sie dann mit guten Freunden bei einer gemütlichen Runde Kickern (man sagt auch Krökeln) über den Abbau des Sozialwesens, die Etablierung organisierter Kriminalität im Nachtleben, die Verscharrung ultraradioaktiven Mülls in Salzstöcken oder die sichere Versorgung mit Heizmitteln aus Schwellenländern sprechen.

2001 habe ich mein erstes Konzert gegeben. Im Backstage wurde gemeinsam Bier getrunken, geschnackt und sich gegenseitig geholfen. Alle Bands waren nervös. Plektren, Drumsticks und Gitarrensaiten wurden getauscht, Schlagzeugfelle repariert und Bassverstärker geteilt. 2012 sehen Backstageräume eher aus wie Elektronikmessen: Jeder hängt vor einem Laptop. Kabel werden gelötet und Arbeitsspeicher getauscht. Miteinander gesprochen wird fast gar nicht, zu viele schirmen sich mit ihren Kopfhörern ab. Nur der DJ arbeitet noch analog und trägt seine schweren Plattenkisten herum und stellt sich mit Namen vor.

30 ist kein Alter, 30 ist die Bilanz, die Katharsis. Der Punkt im Leben, an dem man sich fragt: Was habe ich erreicht? Was will ich noch schaffen? Wer ist mir wichtig und begleitet mich dabei? Auf einem 30. Geburtstag zu spielen ist also nicht nur ein kleines Konzert für einen Freund, sondern auch ein Geschenk und ein Zeichen, irgendwie dazu gehören zu dürfen. Danke dafür und alles Gute für die nächsten 30.

In eigener Sache: Ein Jahr Blog

Vor einem Jahr haben wir unseren ersten Blog-Eintrag zu einem Auftritt im damals besetzten Gängeviertel in Hamburg gepostet. Die Ziele der Besetzer werden inzwischen von vielen Menschen in der Stadt und im gesamten Land geteilt. Dafür erstmal Glückwunsch. Für uns ist dieser Jahrestag aber auch ein Anlass für einen kleinen Rückblick:

In den vergangenen zwölf Monaten gab es mehr als 15.500 Aufrufe unserer Seite, am 27. Januar 2011 hatten wir mit 366 die meisten an einem Tag. 72 Posts haben wir veröffentlicht, wobei sich die meisten Menschen unsere Seite „Wie das klingt“ angeschaut und vielleicht auch angehört haben.

Einige der ungewöhnlichsten Suchwörter, die Menschen eingegeben haben, um auf unsere Seite zu kommen waren: „was ist die namie für regierung in afghanistan“, „was sind drückerstuben“, „football mannschaft gewinnt super bowl nach flugzeugabsturz“, „i like aldi usa“.

Es fühlt sich für uns komisch an, durch den Blog zu klicken und all die Konzerte und Ereignisse nochmal zu lesen: Vulkanausbruch auf Island, Hitzewelle, Lena-Manie, Bahnchaos, Fußball-WM, Schneechaos – alles haben wir zwischen Zugfahrten und Auftritten mitbekommen oder sind direkt betroffen gewesen. Es war ein schönes Jahr, vielen Dank!

ps. Wir arbeiten gerade an einem Relaunch der Seite.

07. September 2010 – Ein Leben in Videos

Am 16. September wird Egge 30 Jahre alt und hat damit Joplin, Hendrix & Cobain überlebt. Die sind zwar nur 27 Jahre alt geworden, aber besser man schafft genügend Abstand, bevor man sich dafür rühmt. Mit dem Alter hat’s Egge schon immer gehabt. Wer die Platte „Unterwegs“ hat, kennt sicher „Gleichgültige Gleichzeitigkeiten“. Der Rest kann im Netz danach suchen. Diesmal hat der Halunke sich was Neues einfallen lassen. Ein ganz persönlicher Rückblick – dank Youtube.

1980: Egge wird in Crivitz in der DDR geboren. Nina Hagen veröffentlich in diesem Jahr eine schöne deutsche „My way“-Version. Ein Omen?

1981: Der Herr wächst ordentlich und sortiert am liebsten Töpfe. Weils kein großes Frühwerk zu bestaunen gibt, schauen wir kurz hinter die Mauer und treffen auf das erste Album einer Band, die der Töpfefreak erst viel später ins Herz schließen sollte.

1982: Auch mit zwei Jahren hat der Egge noch nicht viel geleistet, außer vielleicht laufen und sprechen zu lernen. Die Band Fehlfarben hatte da schon ihr Album „Monarchie & Alltag“ veröffentlicht und die Plattenfirma wollte unbedingt „Es geht voran“ als Single verkaufen. Das fand die Band doof, wurde 1982 aber trotzdem gemacht. Das Lied wurde zur Hausbesetzerhymne. Die Band fand auch das doof. Aber was will man machen.

1983: Der kleine Egge kam in den DDR-Kindergarten in Finsterwalde. Die Zustände da waren okay. Mitunter erinnerte es an ein Album, das gleichzeitig im Westen erschien: „Alle gegen alle“.

1984: Mit vier Jahren hatte Egge schon ne Menge an Musikkultur genossen: Frank Schöbel, Muck und schließlich Lippi. Der bekam 1984 seine erste TV-Show und sang „Erna kommt“. Schön.

1985: Der Kindergartengänger lebt ganz gut im Eggesiner Plattenbau. Da entdeckt er seine erste Lieblingsband: die Puhdys. Die haben nämlich in seiner Garnisionsstadt ihren NVA-Dienst abgeleistet. Da kann man  schon als Fünfjähriger „Rockerrente“ mitgrölen – und hoffen, dass die Renft-Combo so schnell nicht vergessen wird.

1986: Der Osten wird bunter! Denn endlich gibt es einen ernstzunehmenden Radiosender mit DT 64. Der wird Egge bis zum Mauerfall begleiten, weil er moderne Musik spielt und auch mal kritisch über die DDR berichtet. Nach dem Mauerfall wird der Sender ziemlich schnell abgewickelt. Dagegen gehen Zehntausende auf die Straße, aber es nützt nichts. Das Radio Orchid wird abgeschlatet. Danke an Fury, die DT 64 ein Lied widmeten.

1987: Der Herr wird eingeschult, klassisch: Ernst-Thälmann-Schule. Unter KPD-Genossen macht ers nicht mehr. Thälmann ist niemals gefallen heißt es im Thälmann-Lied. Uns ist er ziemlich egal, aber was tut man nicht für ein blaues Halstuch. Aua.

1988: Mal als ideologischen Scheuklappenöffner eingeschoben. Während Egge noch Pionierlieder lernt, tritt in Berlin Rio Reiser auf.  Er singt „Der Traum ist aus“ und Tausende schreien: „Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist? Ich weiß es wirklich nicht – Ich weiß nur eins, und da bin ich sicher: Dieses Land ist es nicht!“ Gänsehaut, Gänsehaut, Gänsehaut.

1989: Tatsächlich fällt die Mauer – auch wenn Egge als neunjähriger Knirps davon wenig mitbekommt irgendwo an der polnische Grenze. Was das alles bedeutet, versteht er erst im Westen, irgendwann als Mittzwanziger und plötzlich hat er tatsächlich Tränen in den Augen bei Abschiebskonzerten der Scorpions in Leipzig, wenn sie das schnöde Pfeiflied spielen. Wenn man einmal die Gesichter des Publikums gesehen hat, versteht man, warum dieses verfluchte Lied so wichtig war.

1990:  Nachdem die Mauer gefallen war, sind Egges Eltern immer häufiger nach Westdeut… Nein! Stimmt gar nicht. Man ist nach Polen gefahen, um billig Klamotten zu kaufen. Nebenbei entdeckt Egge die Kassettenkultur und damit Kriss Kross und andere Peinlichkeiten. Eine Platte hat es ihm besonders angetan – und er steht bis heute drauf. The KLF!

1991: Mit elf Jahren ist die musikalische Welt in Ordnung. Deutscher Hip-Hop wurde gerade erst entwickelt und bevor alle in Punk, Techno und Hip-Hop entgleiten, kommt man noch einmal zusammen, um sich auf eine Band zu einigen: Roxette und ihr Album Joyride.

1992: Egge erlebt sein erstes Konzert. Ein U 96 hat sich für einen Gig in Pasewalk angekündigt, um seinen Überhit „Das Boot“ zu präsentieren, den Egge von einer seiner ersten beiden Bravo-Sampler her kennt.  Voll cool.

1993: Ja. Bei einem Sportfest entdeckt Egge die Toten Hosen. „Kauf mich“ ist aber auch ein zu göttlicher Song. Seine erste Freundin hört stattdessen Bon Jovi. Nun ja.

1994: Sturm & Drang sind angesagt. Andreas färbt sich die Haare grün, Martin baut sich nen Iro und es gibt was zu kiffen. Der Soundtrack ist noch nicht deutsch, aber wenigstens konnte man Greenday noch ernstnehmen, mit Fischmob Hip-Hop hören und mit Prodigy sogar elektronische Musik mögen. Egge traut sich nicht richtig, die Haare zu färben, also schneidet er sich Löcher in die Hose – einen Grund mehr dafür bekommt er dafür am 8. April. Kurt hat sich erschossen.

1995: Das erste Mal Berlin. Und während Egge Thunderdome-Gabba und Billig-Techno von Technohead hört und seine Freunde ihm Overkill und EMP-Kataloge näher bringen, läuft der richtige Soundtrack in der Hauptstadt. Leider ist dieser Sound nie in die Provinz vorgedrungen. Dorthin hat es zumindest eine Maxi-Single aus „Trainspotting“ geschafft, die alle Nachbarn in Egges Plattenbau nachdrücklich beeindruckt haben dürfte:

1996: Egge zieht in den Westen und entdeckt über Ärzte, Hosen, Wizo und Slime den Deutschpunk. Hallo, Daily Terror, hallo, Kapitulation Bonn, Skeptiker und Dritte Wahl. Eines seiner Lieblingslieder: „Rote Zora“ von Heiter bis Wolkig von 1992. 1996 erscheint zudem eines seiner Lieblingswerke auf den Nahverehr: „Wochenendticket“ von Terrorgruppe.

1997: Mit 17 fährt man viel nach Berlin, sucht Kursbücher und Kassiber, und Felix versorgt den Knaben mit roten, blauen, grünen und gelben Haaren mit Iron Maiden und Judas Priest. Egge hört weiter Krawallpunk und besucht die Sympathie for the devil-Partys in Hannovers Faust samt Musik der Doors, David Bowie, Stones und The Cure (Achim, du hast meinen Musikgeschmack in diesen Jahren deutlich gerettet). Eines seiner Lieblingslieder:

1998: Volljährig.Egge feiert seinen ersten richtigen Geburtstag mit vielen Freunden aus Hannover in einer Feuerwehr. Aus dem Anderen Kino hat er sich den immerselben Song gewünscht – „Für immer Punk“ von den Goldies. Mancher fortschrittliche denkende Geist hört längst neuen Metal oder prophezeit „Dein Herz schlägt schneller“ – wird aber eher schief angeschaut.

1999: Diesmal feiert er in einem Motorradclub, die Musik fällt ähnlich krude wie in den vergangenen Jahren aus. NDW trifft Metal trifft Slime. Ja, innovativ ist zumindest das Geschenk von Maren: „KOOK“ von Tocotronic. Ein Album, das erst im CD-Schrank verschwindet und den Herren dann jahrelang bewegt, danke! Bis dahin hört der Egge einer anderen Band zu. Hui.

2000: Hurra, Abi! Und Egge hört Anschiss-Alben zur Expo, entdeckt Canalterror und Toxoplasma wieder und kauft The Clash-Platten nach. Ein Jan Delay macht auf Nena, Deichkind auf Hip-Hop. Und von seiner Wohnung in Linden aus träumt er sich einmal um die Welt.

2001: Zurück im realen Leben. So funktioniert also Zivildienst. Aha. Egge arbeitet und beginnt Lesungen zu organisieren und zu geben. Mit Lars sitzt er beim unkommerziellen Lokalradio Flora und das letzte Lied muss da immer von Ton Steine Scherben sein. Als Klassiker wird Fee gespielt, aus der aktuellen Playlist: No Respect aus Göttingen.

2002: Berufsschule und Anzeigen bauen: das Leben als Verlagskaufmann ist schon spannend.  Und musikalisch geht es 2002 mal zu ganz anderen Ufern. Danke, 17 Hippies für „Halbe Treppe“.

2003: In Hamburg herrscht Bambule und Egge zieht sich Songs aus dem Internet. „Tanzverbot“ von Fettes Brot passt da super zum Ende seiner Verlagskaufmannsausbildung und dem Einzug an den Schneiderberg in Hannover. Hallo, Soziologie!

2004: Das Studium macht Spaß. Man trifft sich im Elchkeller, bei Demos, bei Maulwurfversammlungen – und man hört das Album der Libertines rauf und runter.

2005: Egge entdeckt Adam Green, Oma Hans mit „Apachen über Hamburg“ und „Kreisverkehr“ und die Melancholie. „Mittelpunkt der Welt“ ist das vielleicht schönste Album der Welt – damit endet auch Egges aktiver Versuch Soziologie bis zum Ende zu studieren. Er besucht die Uni nur noch zu Protesten und Streikaktionen. Stattdessen wird sein Gedichtband „niemals so ganz“ veröffentlicht.

2006: Man liest vor, tourt, trifft sicht vor allem auf Konzerten, wie in der Glocksee zum Beispiel bei einem der schönsten Goldie-Auftritt. „Lenin“ war das Album des Jahres – entschuldigt die Qualität. Und immer wieder das mediengruppenwirksame „Sprengkörper“ und „Klar“ von Herrn Delay! Da fängt Egge mit Costa doch gleich selbst an, Musik zu machen. Hallo, Betpoeten.

2007: Ein Sommer voller Protest und Festivals. Heiligendamm, Open Flair, Mera Luna, Dockville, Zytanien, Weadbeat. Ein Ritt durch Deutschland. Egge bekommt ein Volontariat bei einer Tageszeitung. Darauf entspannte Musik von Radiohead und The Whitest Boy Alive in Hamburg.

2008: Ruhe finden zwischen Job, Musik, Literatur. The Notwist lieferte den besten Beitrag dazu. Und große Seen in Schweden. Und eine unglaubliche Band aus Island (Danke für diesen Tipp, Herr Costa).

2009: Das Jahr von Selig. Wiedervereint und wunderbar. Kein einfaches Jahr für Egge, aber mit dem Album ging es durch alle Höhen und Tiefen. Umzug nach Hamburg passt da ganz gut.

2010: Egge fühlt sich wohl, fährt immer noch zwischen Konzerten, Zeitungsarbeit und Lesungen hin und her und denkt nicht wirklich daran, damit aufzuhören – auch wenns anstrengt. Und die Musik? Kann da auch etwas von Schlagerchansons haben, Hauptsache es macht Spaß. Danke, Superpunk! Hurra, Egge wird endlich 30!

PS: Was Egge verschweigt: seine 2 Unlimited-Maxi-CDs,die kurze aber nachhaltige Scooter- und Marc O-Phase, seine Tanzperformance als Mikrofonprofessor in der fünften Klasse, sein Playbackvortrag von Johnny Hills „Die Tauchonadel jagd die Uhr“ und Lindenbergs „Hinterm Horizont gehts weiter“ und schließlich alle betrunkenen Heimwege mit JBOs „Heut ist ein guter Tag zu sterben“. Und ja, er hat auch Lokalmatadore und Dimple Minds gesungen. An dieser Stelle gilt es nun Abstand zu nehmen vor so einem Menschen. Es hat mich gefreut. Und so kann ich am 16.9. nun allein mit mir anstoßen. Darauf ein Whigfield-Video.