23. August 2013 – Gängeviertel-Geburtstag

Gängeviertel, künstlerisch

Das Gängeviertel in Hamburgs Innenstadt ist eine bunte Insel inmitten grauern Büroblocks. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann sich unsere Blog-Einträge zum Konzert bei der Besetzung 2010 und im Juli 2013 dort durchlesen. Wir durften den vierten Geburtstag in der Druckerei mitfeiern. Und wir sind immer noch verliebt! Danke für das tolle Konzert in der Druckerei und der geilen Cumbia-Party mit DJ Vanschi im Anschluss. Whoop, whoop, Fiepen ist nur ein Ausdruck von Leidenschaft.

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05. Juni 2010 – Chemnitz – Reitbahnstraße 84

Und bevor jemand fragt: Wir waren nicht in Ex-Karl-Marx-Stadt, um 20 Jahre Chemnitz zu feiern. Das überlassen wir Menschen, die sich selbst mehr dafür geeignet sehen. Unser Auftrag war eher trauriger Natur: Die Reitbahnstraße 84, ein Wohnprojekt im Süden der Innenstadt, soll am 30. Juni geräumt werden. Der Grund: Ein Investor, der in der Nachbarschaft mehrere Häuser gekauft hat, verlangt angeblich von der Stadt und der Grundstücks- und Gebäudewirtschafst-Gesellschaft, dass diese die anliegenden Häuser – unter anderem die Reitbahnstraße 84 – gleichwertig saniert. Die Bewohner und Betreiber diverser Ateliers, Werkstätten, Kulturkeimzellen und des Veranstaltungszentrums sind davon verständlicherweise wenig überzeugt, und auch eine Podiumsdiskussion konnte die Stadt noch nicht einmal davon überzeugen, dass die durch die alternative Aufwertung entstehende Gentrifizierung irgendwann auch der Stadt zugute kommen könnte.

Das hat es natürlich auch eher selten gegeben, dass die Bewohner eines Wohnprojekts und Kämpfer für eine alternative Aufwertung eines Stadtteils mit den Argumenten der Gentrifizierung bei der Stadtverwaltung scheitern. Chemnitz ist dabei, wie so viele andere ostdeutsche Städte, in denen die Bevölkerung altert und die Jungen aus Perspektivlosigkeit wegziehen, ein Modell für die Zukunft der Stadtplanung. Wo, wenn nicht hier, ließen sich neue Formen das Wohnens, Arbeitens und Bauens testen, und das auf Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit basierend und mit der Beteiligung der Bevölkerung?

Das kleine Festival zum Ende der Reitbahnstraße war, wohl auch als letztes Aufbäumen, sehr toll. Die drei Tage mit zahlreichen Kunstausstellungen, Filmvorführungen und Konzerten hat gezeigt, wie lebendig selbst diese totgesagte Stadt sein kann, wenn man sie lässt. Und so saßen wir am nächsten Morgen leicht traurig im Bus des Schienenersatzverkehrs nach Leipzig, fuhren durch Wälder und an Wiesen vorbei, und draußen brütete der Sommer unter wolkenlosem Himmel. Blühende Landschaften könnte man meinen.

23. April 2010 – Leipzig – Gieszer 16

Leipzig ist ein Lebewesen. Jedes Mal, wenn wir die Stadt besuchen – zuletzt Ende März – hat sich etwas verändert, wurde etwas dazugebaut, hingestellt, abgerissen, umgeplant, angemalt, weggelassen. Doch geschieht das auf dem ersten Blick nicht so radikal wie in Berlin, wo sich ganze Stadtteile binnen weniger Monate vom vermeintlichen Schmutz befreien und zum Knotenpunkt von jungem, urbanen Leben werden.

Natürlich sind die früher wilderen Stadtteile wie Südvorstadt oder Connewitz inzwischen aufgewertet und spiegeln eher den Wünschen moderner Stadtplanung wider, doch so ist das ja immer mit den Geheimtipps. Kaum sind sie welche, verlieren sie diesen Status auch schon wieder. Schönes zieht immer an, und wer wollte schon Menschen verbieten, schöne Musik, Essen, Kultur, Internetseiten, Städte, Festivals etc zu genießen. Dass die Entdecker und Pioniere gar nicht so begeistert sind, was aus ihrer heimlichen Liebe geworden ist, ist auch verständlich. Es scheint, als dürften die schönsten Dinge im Leben niemals allzu bekannt und zugänglich sein, sonst werden sie ausverkauft, verwässert, mißbraucht. Wirtschaftler nutzen das Prinzip gerne selbst, um mit künstlicher Verknappung Dinge mit Wert aufzuladen, die sonst eher nichts bedeuten.

Die Gieszer 16 ist definitiv seit Langem kein Geheimtipp mehr, steht das Projekt in Plagwitz inzwischen seit zehn Jahren für einen erfolgreichen Kampf für Freiräume in der Stadt. Früher besetzt, haben die Menschen, die hier wohnen, arbeiten, schaffen und leben das Gelände inzwischen gekauft. Eigentum verpflichtet, das mussten die Betreiber auch lernen. Wurde früher noch „illegal“ gefeiert, und das ohne Rücksicht auf Lautstärke, Trennung von Klos und Feuerschutz im Sinne des Gesetzgebers, meldet nun das Ordnungsamt Begehren an und fordert die Einhaltung seiner Standards und Regeln. Auch das liegt wohl in der Natur des Menschens: Zuerst kommen die Abenteuerer und Probierer, dann die Genießer und Interessierten, dann die Verkäufer und Halunken und zum Schluss die Verwalter.

ps. Egge hat 20 Mark gewonnen, weil er mit Costa gewettet hat, dass die Menge  ihn beim Stagediven von der Bühne zum Techniker zum Abklatschen trägt und wieder zurück. Dafür ist jetzt sein Knie blau. Das hat er davon…

pps. Mit dem Geld wollten wir eigentlich noch den Playback-Pantomimen Einen ausgeben, der vorher so herzzerreißend Depeche Mode gespielt hat. Er war aber irgendwann weg, und wir haben uns lieber zeigen lassen, dass Sachsen von oben wie eine Schnecke aussieht.

26. Februar 2010 – Stuttgart – Eine WG im Westen

Es scheint, als ob es in jeder Stadt, die wir besuchen, einen Kampf gibt. Ein Kampf von Modernisierer gegen Bewahrer. Sei es in Berlin, wo alle paar Monate ein neues Stadtviertel hochgejazzt wird, Hamburg, wo das Gängeviertel einer charakterlosen Businessbaracke weichen sollte und mit der Hafencity ein Reichenghetto hochgezogen wird, oder nun halt in Stuttgart, wo das Projekt „Stuttgart 21“ die Bevölkerung entzweit. Gentrifizierung, urbane Erneuerung, Vereinnahmung – Deutschland modernisiert sich, und leider passiert dies oft genug, ohne die Menschen mit einzubeziehen, die das betrifft.

In einer Stadt wie Stuttgart, in der Freiräume sowieso selten sind, trifft so eine Veränderung die letzten bunten Flecken. Zahlreiche Klubs und Einrichtungen sind von dem Umbau bedroht. Der Protest – jeden Montag ist eine Demo am Hauptbahnhof – zieht bis jetzt aber nur ein paar Dutzend Gegner an. „Ist doch klar. Die, die was dagegen machen könnten sind ja alle in Berlin und leben ihr hippes Leben!“, klärte uns dann auch gleich ein Einheimischer auf. Auch noch so eine Entwicklung: Dass fast alle, die kreativ und frei leben wollen, sich dies nur in Städten wie Hamburg oder Berlin vorstellen können. Ob vielleicht beide Entwicklungen miteinander zusammenhängen? Mehr dazu in unserem neuen Lied „Warten auf Bordeaux“.

13. Februar 2010 – Hamburg – Gängeviertel

Das Gängeviertel in der Hamburger City wurde im vergangenen Jahr besetzt. Zahlreiche Menschen hatten etwas dagegen, dass Stadt nur als Investitionsmöglichkeit angesehen wird und nicht als Raum, der für jeden zugänglich sein soll.

Aus Solidarität strömten seit dem Sommer 2009 zahlreiche Bands, DJs und andere Künstler in das Viertel, um die Aktion mit ihrer Arbeit zu unterstützen. Die mediale Aufmerksamkeit und die Masse an Besuchern zeigte, wie wichtig und schön so eine Besetzung sein kann.

An einem kalten Februarabend durften wir hinabsteigen in den Keller und zwischen Bar und Sofas unser erstes Konzert nach der Winterpause spielen. Als Neuhamburger war es schön, an so einem wichtigen Ort mit so vielen tollen Menschen zu feiern. Für uns war es ein guter Start in die Konzertsaison und ich hoffe ein schöner Abend für alle, die Hamburg bunt halten.