30. Mai 2013 – Frankfurt – Blockupy

Blockupy

Es war vor dem Sturm, nach dem Regen. Auf dem Rebstockgelände in Frankfurt hatte die Vorhut der Blockupy-Proteste das Camp aufgebaut, eine Volxküche eingerichtet, Regeln zum gemeinsamen Leben besprochen und wollte nun beim Bier gemütlich in die Protestwoche starten. Es gab Vorträge zum Recht auf Stadt, später wurde gemeinsam Boxen und Anlage aufgebaut. Mittendrin in der Camp-Bar standen dann wir und versuchten Kabarett zu machen, wo es längst ernst wurde. Und doch lächelten die Menschen. Wir trafen Bekannte aus Hannover, drückten Freunde, die längst nach Frankfurt abgewandert waren, und trafen freundliche und entschlossene Menschen, die für Gerechtigkeit und Grundrechte demonstrieren wollten. Zu diesem Zeitpunkt glaubten wir alle, dass das doch in diesem Jahr möglich sein musste, jetzt, wo zumindest die Justiz die Hauptdemonstration legitimiert hatte.

Am nächsten Morgen trafen wir nervöse Polizisten, Taxifahrer, denen das alles zu viel Trubel ist und immer wieder Aktivisten mit Isomatten, Schlafsäcken und Lust, eine Innenstadt symbolisch stillzulegen. Am Freitag setzten sie sich entsprechend vor Geschäfte, die noch eben in Bangladesch nähen ließen, um jetzt davon nichts mehr zu wissen, oder versuchten am Frankfurter Airport auf die Rückführungspraxis der Bundesregierung aufmerksam zu machen. Die Frankfurter Zeil wurde zur Blockuparty, schrieb die Rundschau am Freitag und sah ihren aufklärerischen Ton bestätigt: eigentlich alles friedlich.

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Es folgte der Sonnabend und die Demonstration, bei der die Polizei zum Ausputzer der Politik wurde. Wenn man eine Demonstration schon nicht verbieten kann, dann verhindert man sie eben. Ein Kessel an der Spitze eines Demonstrationszuges kann dabei selbst zur Blockade werden. Auch über Stunden. Egal.

Wir lesen fassungslos den Bericht der Rundschau  und schließen uns gern dem Kommentar der SZ an. Und wir ziehen daraus eine ganz eigene Lehre. Wir spielen nicht mehr auf einem Blockupy-Camp, um für gute Laune und Zerstreuung zu sorgen, wenn Demonstranten später in ihren Grundrechten verletzt werden. Wir spielen nicht mehr Animateure, wenn Menschen dann massiver Polizeigewalt ausgesetz werden. Wir spielen nicht mehr mit. Wenn Politik und Polizei keinen Spaß mehr verstehen, tragen wir keine Lieder mehr vor – sondern den Protest noch lauter in die Zentren und Verantwortung für eine gerechtere Welt. Unsere Campbar ist künftig überall.

„Lieder machen nicht Geschichte, die Geschichte macht sich Lieder.“

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Unsere Solidarität gilt allen Verletzten dieser politisch gewollten Auseinandersetzung. Wir teilen gern die Bitte um Unterstützung des Camps.

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18. Februar 2012 – Ein Wochenende in D.

Eine richtige Fußballfanrandale wurde angekündigt. Medien und Polizei hatten sich jedoch vorbereitet, auch um die Gefahr für all die friedlebenden Menschen zu gewährleisten, die Angst vor randalierenden, pöbelnde Gewaltfans haben. Sogar zwei Wasserwerfer wurden in der Innenstadt positioniert. Die Fotos in der Boulevardpresse zeigten dann auch das ganze Ausmaß der Gewalt: Berittene Polizei mit Schlagstöcken, eine lange Kette an Mannschaftsbussen, dessen Insassen sicherlich auch mehr Lust hatten, das Spiel zu sehen, als die leeren Straßen, und zwei Fans, die auf der Straße stehen, während sie mit Pfefferspray besprüht werden. Ja, der deutsche Fußball hat sicherlich ein Gewaltproblem …

Er ist zurückgetreten. Die Parteien suchen jetzt einen würdigen Nachfolger. Diverse Kandidaten lehnen schon wenige Stunden später ab. Deutschland habe ein Elitenproblem, analysiert ein Politikexperte.

Er hat Angst, den Flug zu verpassen. Jetzt, wo doch in Frankfurt gestreikt wird. Nur 200 Menschen legen den Betrieb lahm. Wo gibt’s denn so etwas, das ist ja egoistisch von denen. Dass das ihre Rechte sind, ist ihm egal: Auf dem Weg in seinen Backpackerjahr nach Australien kann er es nicht ab, jetzt warten zu müssen. Er hat keine Zeit für so einen Gewerkschaftsscheiß, schon die Bahn hatte fünf Minuten Verspätung. Er will doch so schnell wie möglich ins Abenteur. Ins wilde Land Australien. Mürrisch schnürt er seinen Jack-Wolfskin-Rucksack wieder über seiner Jack-Wolfskin-Jacke fest, prüft den Reißverschluss seiner Aktivhose und schiebt den Brustbeutel wieder unter den Pullover.

„Das darf ja nicht sein: Die deutsche Eiche einfach so mit der Kettensäge kaputtmachen!“ Er redet schnell und ohne zu atmen. Schon seit einer Viertelstunde beobachtet er die Arbeiten im Nachbarsgarten. Drei morsche Bäume werden dort gefällt. Die Eiche muss noch nicht einmal richtig gesägt werden, so kaputt ist sie schon von innen. „Verhaften sollte man Sie, Sie machen die ganze Natur kaputt.“ Er kann sich jetzt nicht mehr beruhigen und droht, die Polizei zu rufen. Wir zeigen ihm die Genehmigung der Stadt, erklären ihm ruhig und sachlich die Notwendigkeit und präsentieren ihm die neuen Baumsetzlinge, die als Ersatz eingepflanzt werden. Es reicht ihm nicht. „Naturschutz ist Heimatschutz. Sie sind Vaterlandsverräter.“ Die Kettensäge wird wieder angeworfen, und grinsend singt einer das berühmteste Slime-Lied. „Die Eiche muss sterben, damit wir leben können.“

„Hoch das Bein.“ Sie ist dreizehn Jahre alt und für fünf Minuten der Star, hier in der Mehrzweckhalle des Freizeitheims. Die Narren tagen vor den Toren der Landeshauptstadt. Ein Landesminister macht sich in seiner Rede über Politiker lustig, über Korruption und über den ehemaligen Landesvater, der jetzt wieder in der reichen Gemeinde im Norden der Region im Klinkerbau sitzt und bestimmt irgendwelchen Hobbys nachgeht. Sein Nachfolger als Ehrensenator spricht dann über Griechenland, den Euro, das Bruttosozialprodukt und wie geil doch die Landeshauptstadt ist. Wir diskutieren kurz die Frauenquote, sind die Frauen auf der Bühne doch allesamt jung, kurzberockt und Staffage. Dann kommt Inge und wirbelt mit dem Alleinunterhalter die Halle auf. Das Schunkeln wird ekstatischer, die Narren klatschen, johlen und tröten wie im Rausch.Die 75-Jährige singt ein Medley aus den größten Faschingshits. Ich will mich als ihr Manager andienen und sie groß rausbringen. Der Bohlen hat so etwas bestimmt noch nie gesehen. Doch Egge winkt ab und schiebt mich raus. Als wir die Halle verlassen, steht die Ehefrau eines ehemaligen Kanzlers am Buffet, lobt die Hackbällchen und den Kartoffelsalat. Vor ein paar Monaten hat sie angekündigt, für diesen Wahlkreis in den Landtag zu wollen. Jetzt steht sie hier und gibt sich bürgernah. Ein Jecke stellt sich in hörbarer Entfernung und fängt an, über Hartz IV zu lästern. Die „deutsche Hillary Clinton“ indess zückt ihre Handtasche und zahlt brav das Geld für das Essen. „Die hat wohl Angst, dass sie als Politikerin über ein paar geschenkte Hackbällchen stolpert.“

„Hau ihn um. In die Fresse!“ Es läuft Boxen in der Kneipe, doch so richtig schaut niemand hin. Außer das Ehepaar, das immer an der Theke sitzt. Sie ist ganz aufgeregt. Der Vitali sei ja ein richtig eleganter Typ. So staatsmännisch. Wenn der nicht Ukrainer wäre, sie würde ihn zum Bundespräsidenten wählen. Der Kampf geht durch Punkte an den Staatsmann. In der Pressekonfernez gerät dann sein Gegner mit einem anderen Boxer aneinander. Eine Schlägerei abseits des Rings, die Polizei muss gerufen werden. Alle starren auf den Bildschirm. Die Vitalie-Anhängerin wendet sich ab. „Eklig, diese Gewalt.“

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28. Juni 2011 – Sommer in den Städten

Die Hitze hatte die Städte überfallen. Genau richtig für den Doppeljahrgang, der sich jetzt über Facebook zu sogenannten illegalen Partys in den Wiesen und auf den Straßen verabredete. Niemand kam zu Schaden. Außer ein waghalsiger junger Mann, der in Frankfurt von einer Brücke gesprungen war und sich arg verletzt hatte.

Die drei Jungs, die ich auf der Brücke der Industriebrache beobachte haben davon sicherlich nichts gehört. Ich warte, bis der eine springt, er taucht wieder auf. Ein wenig erleichtert klettere ich die Steine hinunter und springe selbst ins Wasser.

Ein paar Enten schwimmen um mich herum, vorhin ist eine Ruderin in eine Familie gefahren und hat sich noch nicht einmal umgedreht. Auch das kleine Entchen kam wieder aus dem Wasser aufgetaut.

Ein Typ fährt mit seinem Motorboot vorbei. In der Fresse die Kippe, vorne auf dem Boot thront seine Prinzessin und trinkt Alcopops. Ich steige wieder aus dem Wasser, lasse das Abtrocknen und ziehe auch mein Hemd nicht wieder an. In dem Hippielook fahre ich in die Stadt zurück. Am Himmel kreisen zwei Hubschrauber ohne Beschriftung. Ganz oben zerfurchen ein paar Flugzeuge das Blau. Eine wichtige Delegation aus China ist heute gekommen, sie will einkaufen gehen. „Ein wichtiger Schritt in der Entwicklung deutsch-chinesischer Beziehungen“, nennt das einer der deutschen Minister. Welcher, habe ich vergessen.

Vor dem letzten normalen Supermarkt des Viertels stehen ein paar Leute und unterhalten sich aufgeregt. Zumachen soll er, wie so viele andere Läden auf dem Block. Was anstatt dessen herkommen soll, fragt ein Mann. „Ein Bioladen!“, schnauzt die Verkäuferin, die kurz rauskommt, um die Erdbeerkästchen zu ordnen.

Ein Block weiter wurde das Baustellenschild umgeschmissen. „Hier entstehen vier Reihenhäuser und fünf Loft-Wohnungen“ hatte noch vorher drauf gestanden. Von der kleinen Tankstelle und dem Garagenhof ist nichts mehr zu sehen.

Ich klettere die Treppen hoch und setze mich auf den Balkon. Die Hippies gegenüber sind schon vor ein paar Tagen Richtung Fusion gefahren. Es läuft deswegen kein Techno auf dem Platz, sondern die Beatles. Unten schreien die Kinder wieder Fußballbefehle. Ein Mädchen hat gerade einen der Großen getunnelt.

29. Mai 2011 – Mainzer Literaturfestival 2011

Immer noch gibt es keine Beat-Generation, beschwert sich der Verlag Gonzo aus Mainz. Und versucht genau das auch mit seinem eigenem Literaturfestival zu widerlegen. Klar, dass wir sofort zugesagt haben, als uns Miss Gonzo fragte, ob wir bei den Mainzer Literaturfestival 2011 als Abendprogramm auftreten würden.

Und gut, dass wir das gemacht haben. Denn was uns in der ZDF-Stadt erwartete, war nicht weniger als ein Haufen verrückter, sympathischer Literaturnerds, die es echt hingekriegt haben, ein kleines, aber sehr nettes Festival zu schmeißen. Da fanden wir es sogar schade, dass wir erst am letzten Tag erschienen. Aber immerhin konnten wir noch Brandstifter mit seiner Live-Sound-Collage anhören. Schließlich waren wir ja gemeinsam mit ihm schon auf der 20-Jahre-Silke-Arp-Bricht-LP. Schade, dass wir Andy Strauß nicht mehr gesehen haben. Der Kerl schuldet uns noch ein Video!

Den Auftritt im schönen Café verbrachten wir damit, der ersten Reihe Weißwein zu schenken, aus dem Fenster zu schauen und die kleinen Wölkchen zu zählen, schlechte Witze zu erzählen und irgendwann alle Stühle rauszuschmeißen, das Fenster abzudunkeln und so zu tun, als sei es eine Disko und kein Literaturcafé. Danke an alle, die mit uns dem gesprochenen Wort gehuldigt haben. Weiter so!

ps. Als Costa morgens auf einem Sofa aufwachte und in die Augen der Katze schaute, die gerade dabei war, ihm den Unterarm aufzukratzen, saß Egge schon am Frankfurter Hauptbahnhof, ausgestattet mit einer Mate und betrachtete das Treiben. Wie die beiden an so unterschiedlichen Orten wach wurden, das fragt ihr sie am besten selbst. Fakt ist: Sie trafen sich wieder, saßen aus Platzmangel wieder nur auf dem ICE-Flur und erzählten sich Geschichten aus ihrer Kindheit.

25. Juli 2010 – Irgendwo


Hej, alles gut? Ich weiß zwar nicht, was ihr macht, aber toll, dass ihr den ganzen Weg zu uns gekommen seid. Danke, wir freuen uns echt über jede Band, die zu uns kommt! Mark, der euch gebucht hat, ist heute nicht da. Klärt das mit den Fahrtkosten dann später mit ihm. Wann wollt ihr essen? Getränke machen wir so, ihr müsst einfach sagen, was ihr trinken wollt. Ach, übrigens: Wir haben hier ein echt krasses Naziproblem, also passt besser auf. Ihr kennt Finn? Geiler Typ, mit dem hab ich früher in ner Punkband gespielt! Wie jetzt, Kabel für die DI-Box? Soll ich euch gleich zeigen, wo ihr euer Zeug lassen könnt. Ich hab echt schon viel von euch gehört, geil, dass ihr es mal hergeschafft habt. Früher fand ich euch geiler, inzwischen macht ihr echt kommerzielles Zeug! Wann müsst ihr morgen weiter? Es gibt auf jeden Fall Frühstück bei mir, ich hab extra Aufstrich gemacht! So ein Pech, heute feiert das größte Wohnprojekt der Stadt Sommerfest, da kommen sicher nicht so viele Leute. Ich hab euch auf der Fusion gesehen, Hammer! Und jetzt hier! Wir wussten nicht, ob wir eher Stühle vor die Bühne stellen sollten oder ob die Leute zu eurer Musik tanzen. Keule aus Leipzig hat euch in Frankfurt gesehen und euch empfohlen. Eure Lieder laufen auf jeden Fall die ganze Zeit bei uns im Büro. Hier sind eure drei Getränkemarken. Wie heißt das eigentlich, was ihr da macht? Werbung habe ich leider nicht geschafft, und nebenan ist diesen Abend leider Studiparty. Schön, dass ihr da seid.