21. August 2014 – Lärz – Ajuca

Apfelbaum

Ein typisches Tier in der Gegend der Mecklenburger-Seenplatte ist der humpelnde Waschbär. Opfer diverser unfreiwilliger Zusammentreffen mit Autos streunt er durch die wunderschöne Landschaft und macht auch vor dem Zaun des Kulturkosmos Lärz nicht Halt. Lärz? Richtig, hier wird einmal im Jahr der Ferienkommunismus zelebriert. Doch gleichzeitig ist das Gelände eine Art Burg für alternative Ideen und andere tolle Festivals.

Turm

Eins davon ist die Ajuca, eine Art Ferienlager für die Jugend Ostdeutschlands. Hier treffen sich junge Menschen, die oftmals die einzigen in ihrem Dorf sind mit bunten Haaren und bunten Ideen, und tauschen sich aus. Wir durften in diesem Jahr neben einer Lesung und einem Konzert auch gleich noch zwei Workshops leiten: Egge erklärte, wie gewaltfreier, kreativer Protest geht. Ich nahm meine Gruppe mit über das Gelände und erklärte anhand des Fusion-Geländes, wie Nachhaltigkeit funktioniert und wie komplex das Thema sein kann. Und an einem Morgen haben wir sogar Punkeryoga gemacht.

Hangar

Aber eigentlich waren wir nur da, um unsere Freunde aus dem Nordosten und Osten wiederzusehen. Es ist ein wahnsinnig tolles Geschenk, auf diesen Touren Menschen kennenzulernen, die über die Jahre zu Lebensbegleitern werden. Mit denen wir uns alle paar Monate austauschen, mit denen wir uns über tolle Dinge freuen, und mit denen wir aber auch leiden können.

Tetris

Und so zogen wir neben dem ernsten Programm eben beim Cross-Golfen über das verlassene Fusion-Gelände, legten zusammen Hits vor der Datscha auf oder standen stundenlang an der Feuertonne und rätselten über dieses Leben. Toll. Traurig. Bewegend. Nie langweilig. Und bei der Kreativität, der Intelligenz und der Lebensfreude der BesucherInnen, die auf dem Ajuca waren, haben wir auch keine Angst, dass die Zukunft grau wird. Es geht weiter.

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1. August 2013 – Lärz – Ajuca

Lärz, August 2013Lärz, August 2013Lärz, August 2013Lärz, August 2013Lärz, August 2013

Das Ajuca zeigt seit Jahren, wie eine Jugend- und Ferienfreizeit zu sein hat: Tolle Menschen, leckeres Essen, interessante Workshops und entspannte Atmosphäre. Und ein Gelände, das einige sicherlich ganz anders kennen.

17. März 2012 – Urlaub

Am nächsten Tag war der Himmel bewölkt. Der Wind hatte Sand von Afrika gebracht und die Sonne verdunkelt. Kalima, der Wind aus der Sahara, der auch im weiten Amazonas-Regenwald die Orchideen mit Nährstoffen versorgt. Es war immer noch warm. Die Luft legte sich wie eine samtene Decke auf alles. An den Fenstern hingen staubige Schlieren. Die Frauen im Dorf hantierten mit Wasserschläuchen, machten die weißen Wände ihrer Häuser wieder blank. Auf der Mole knackte der Kellner des einzigen richtigen Restaurants im Dorf Krebse, weidete Fische aus. Um ihn herum eine riesige Meute Möwen. Im Hintergrund kitzelten die letzten Sonnenstrahlen das Gebirgsmassiv, den ehemaligen, nun schlummernden Vulkan. Ich verabschiedete den Tag und trank mein Bier aus.

Auf dem Dorfplatz treffen sich die Bewohner in der Croisanteria bei Carlito. Niemals nebenan bei Jaime. Wegen einer alten Dorffehde, will der Aussteiger aus Freiburg wissen. Alle nicken. In der einen Ecke unterhalten sich die Surfnomaden über Wind, Wellen, Strömung im internationalen Vokabular des Beachhipsters. Ein älteres Ehepaar trinkt in Ruhe seinen Kaffee. Beide im Dress der Rennradfahrer, kein Gramm Fett am Körper. Die Surfshopjungs drehen sich mit ihren Skateboards auf der Straße um sich selbst. Ohne T-Shirts. Mit Handy, Eis, Bier in der einen Hand. Einer trägt den anderen im Gips. Immer wieder fällt jemand hin und wird ausgelacht. Die Hunde haben sich in den Schatten verkrochen. Ein Pick-up fährt langsam über die Hauptstraße. Laute Raggaton-Musik erklingt.

„Hier leben und arbeiten, das wär’s!“ Die drei Süddeutschen Ingenieure gönnen sich gerade ihre dritte „Una Zärväza, poa favorä“ und schwelgen in Träumen. „Ja, einfach abhauen und das Alte hinter sich lassen. In den Tag hineinleben.“ Der Surflehrer aus Flensburg grinst vom Tisch nebenan. Er hat vor Jahren das kalte Mitteleuropa verlassen, um hier seinen Traum des Surferlebens zu erfüllen. Jeden Tag bringt er postpubertierenden Lehramtsstudentinnen und süddeutschen Ingenieuren Wellenreiten bei. Oder Robben tummeln, wie er es nennt.

Im Wasser sieht jeder Schatten wie eine Haiflosse aus. Der Schaum der Wellen trägt kleine Partikel Algen, aber auch Plastikmüll, die sich an der Surfbrettleine verhangen. Mit jeder anrollenden Welle verschwindet ein Stück Alltag aus meinem Kopf. Mit jeder gesurften Welle kommt mein Kopf der wohligen Leere näher. Ich schaue an den Strand, links das Bergmassiv, rechts das Dorf. Geradeaus Die Bademeister, die die ganze Zeit Sportzigaretten rauchen und noch nicht mal ein Boot haben, um zu retten. Die nächste Welle rauscht an, ich bringe mich in Position und fange an zu paddeln.

sta

18. August 2010 – Lärz – Ajuca

Dort arbeiten, wo andere Ferien machen. Das scheint das Motto der Ajuca zu sein, einer Art antifaschistischen Jugendfreizeit mit Seminaren, Gesprächsrunden und leckerem veganen Essen. Wir durften an einem Tag die Abendgestaltung übernehmen. Wild war’s und unglaublich nett.

Und gerade weils so schön war, noch ein paar Worte mehr. Das Camp gibt es in diesem Jahr schon zum siebten Mal und dient vor allem dem Austausch politischer Aktivisten in Mecklenburg von Rostock über Greifswald bis Neubrandenburg (hallo, AJZ!). In diesem Jahr waren erstmalig auch Gruppen aus Brandenburg und Berlin eingeladen, und es ging vor allem darum zu diskutieren, wie man im Norden mit Nazis fertig werden kann, wie alternative Jugendarbeit sinnvoll gestaltet werden kann & wie man die Welt noch etwas schöner macht. Dazu gab es eine Woche lang Workshops zu Selbstbehauptung, DJ-Technik bis Streetart und inhaltliche Seminare von Anarchismus in Spanien über Tierhaltung bis Gen-Technik. Es gab Gruppen die vor Ort ein Camp-Radio organisieren (um 8 Uhr werden die Teilnehmer mit der Fusion-Hymne vom Synapsenkitzler geweckt), Zeitungen herausgeben (da wird u.a. sehr schön in einem Comic erklärt, was DIY bedeutet) & Leute die schauen, ob nicht doch vielleicht ein paar Nazis das Gelände stürmen.

Wobei wir bei einem Grund für dieses Camp sind. Denn wie bekannt ist McPom und Brandenburg immernoch Lieblingstreffpunkt für rechte Schläger, die sich immer seriöser vor Ort geben. Egge kommt ursprünglich aus Eggesin an der polnischen Grenze und auch dort gehörte & gehört der rasante Kurzhaarschnitt wie der zur Schau getragene Ausländerhass zum Alltag. Für Jugendliche vor Ort sind Nazis keine Einzelfälle, Mediengespinste oder Randphänomene. Die Gefahr ist konkret, hat Namen, Gesicht und ne Menge Wut auf denkende, antifaschistisch tickende Menschen. So ist es kaum bekannt, dass die schöne Oderhaff-Stadt-Ueckermünde mit Ueckermünde-Ost einen Stadtteil hat,  in dem die NPD Hartz-4-Beratung anbietet – und dafür mit mehr als 20 Prozent der Stimmen der Bevölkerung gewählt wird. In einem Landstrich in dem es kaum Ausländer gibt! Rechts ist okay, denn die NPDler sorgen vermeintlich für Ruhe und Hilfe. Umso wichtiger ist es, durch Jugendarbeit vor Ort den Jugendlichen Alternativen zu den rechten „Helfern“ anzubieten. Und umso wichtiger ist jedes einzelne Jugendzentrum, das über Nazistrukturen und Naziideologien aufklärt – und deren Aktivitäten entgegentritt. Und genauso wichtiger ist es da, den Leuten, die sich in der Provinz den Arsch gegen Nazis aufreißen, Mut zu machen, sie zu motivieren, ihnen konkret zu helfen. Manchmal einfach, indem man sie besucht.

Aus diesem Grund fahren wir gern mit der Regionalbahn in die Pampa, weil wir glauben, dass es richtig ist. Und darum fahren wir auch gern zum Ajuca – vor allem wenn die Leute dann auch noch ein so schönes Gelände wie das vom Kulturkosmos in ein beleuchtetes Paradies verwandeln, uns Saitan-Berge schenken und uns wirklich böse Witze erzählen. Wir hatten sehr viel Spaß, haben in der Tubebox Sozpäd-Pogo getanzt, Leute auf Händen tragen lassen und mit Ted’s ’n Grog angestoßen. Irgendwann haben die tanzenden Verrückten die Bühne geentert und eben dort weitergefeiert. Die leisen Töne gingen schnell unter, aber da kaufte man sich eben Egges Buch. Ein schöner Abend.

Und darum: Meldet euch, wir können bestimmt nicht immer, aber geben immer alles. Und warum nicht ne kleine Wismar-Rostock-Greifswald-Runde und pünktlich im Juli wieder ne Badesaison im schönsten Ausfluglokal Neubrandenburgs. Zum Nachreisen ausdrücklich empfohlen. Und bitte: macht weiter, treibt es bunter & wilder. Und wie es gestern immer wieder hieß: „Schön, dass ihr da seid“.