1. Februar 2014 – Hamburg

Samstag im HBF ist Selbstmord

„Der Rave war richtig geil.“ Die SMS verlässt mich gen Egge irgendwo zwischen Hamburg und Hannover in der niedersächsischen Pampa. Draußen Acker, Windkraftanlagen, die müden Restflecken eines Winters, der erst in ein paar Wochen in seine schmutzige, graue Hohephase steigt und uns wieder in die Bars, Saunen und Betten zwingt.

Egge habe ich auf dem Weg zwischen Gefahrengebiet Schanzenviertel, Großraumdisko Reeperbahn und Technoparty auf dem ehemaligen DDR-Schiff MS Stubnitz am Rande des Hamburger Eliteghettos Hafencity verloren. Er sitzt wahrscheinlich immer noch irgendwo in diesem Hafenbabylon Hamburg, hoffentlich warm, mit Tee oder so.

Die vergangenen Stunden rasen mal kurz durch meinen Kopf, während die medienschaffende Platznachbarin im ICE schon wieder Analysen liest, während sie eine NDR-Talkshow anschaut und SMS schreibt. Willkommen zurück im Neuen Preuszen. Adieu Wochenende.

Freund schaut zu

Hinter uns liegt eine Reise durch den kleinen Kosmos, den wir uns in den vergangenen Jahren erkämpft haben, dessen Freiräume immer wieder verteidigt werden müssen. Mit diesen Menschen, mit denen wir gerne Seite an Seite stehen für ein buntes, ein faires, ein spaßiges Leben. Am Samstagnachmittag ging alles in Hannovers Nordstadt los bei der Eröffnung einer Einkaufsgemeinschaft, einer Art Lebensmittelkooperative, die in anderthalbjähriger Anstrengung ertrotzt und erkämpft wurde und die jetzt mehr Nachbarschafts- und Gleichgesinntentreff zu sein, als nur ein Laden für ökologisch und fair erzeugte und gehandelte Lebensmittel. In dem Moment, in dem mich Egge dort abholte, begann wieder dieses nervöse Gefühl des Tourens, des Unterwegsseins, das doch irgendwie immer noch im Zentrum jeglichen Handels innerhalb dieser Band, dieser Freundschaft, dieser Partnerschaft steht. Dieses Gefühl, dass wir uns direkt aus den Büchern der Namensvorbilder Kerouac, Ginsberg oder Burroughs geklaut haben und das wir jetzt in diesem Teil Mitteleuropas erleben dürfen, der sich Deutschland nennt.

Nach der Zugreise nach Hamburg und dem Gefühl wieder mitten im ehemaligen eigenen Kiez zu stehen – beide lebten wir eine zeitlang in der Hafenstadt, die es Neuankömmlingen nie wirklich leicht macht – feierten wir den zweijährigen Einstand unserer Freunde A. und F. in ihrer Kneipe Feldstern, der letzte Rest schmutziger Punkerehre und Gerader-Rücken-Renitenz im Wellness-Einkaufszentrum Schanzenviertel. Bei veganem Stroganoff, Mexikaner-Schnäpsen und Punkrocklyrik feierten wir die beiden und ihr Team – standesgemäß, wie meine Großmutter sagen würde.

Am Ende hilft immer ein Kuchen

Eine Odyssee durch das Konzept Wochenende in der Hansestadt folgte, mit dem Ausweichen von Kotzflecken, Vollidioten, Abipartygangs auf St. Pauli, dem glücklosen Rubbeln von Ein-Euro-Losen, dem Genuss straßentauglichen Fastfoods, dem Belächeln von Kneipenweisheiten 21-jähriger Surfer-BWL-Studenten-Barkeepern und der anschließenden versöhnenden Verbrüderung mit diesen, dem Blick auf den Hafen mit seiner Geschäftigkeit, mit seinem Hang zum Pulsschlagen für das, was wir nur vage als Globalisierung aufgedrückt bekommen.

„Schau mal, ein Polizeikessel.“ „Ach, wieder nur die Touristen, die nicht wissen, dass sie am Samstag keine Glasflaschen auf den Kiez bringen dürfen.“ „Warum?“ „Weil das Waffen sind.“ „Gegen wen? Sich selbst?“

Ein kurzer Besuch bei einer Abschiedsparty von Jungjournalisten brachte nur wieder die Enttäuschung über zu hohe Preise für zu schlechte Drinks, über die Borniertheit von MP3-„DJs“ mit Bravo-Hits-Auswahl, über die fehlende Bereitschaft der sogenannten Leistungsträger, außerhalb der Fitnessstudios zu schwitzen, und selbst beim Tanzen gut auszusehen. Auch Spaß hat seinen angestammten Platz.

Irgendwo dahinten steht die Zukunft

Der nächste freie Blick dann auf die entstehende Hafencity von einem Kai aus gesehen, der in wenigen Jahren das neue Zentrum Hamburgs sein wird und dem nur noch die Zugbrücken fehlen. An dem an diesem Samstag ein ehemaliges Fischerboot angelegt hat, in dessen Bauch Deutschlands kultureller Exportschlager Techno in den unterschiedlichsten Facetten gottesdienstgleich zelebriert wird. Ein kurzer Seufzer über die Vitalität der Jugend, die da neben einem tanzt und um diese Uhrzeit viel fitter zu sein scheint, auch sicherlich mit der Unterstützung von IG-Farben-Nachfolgern.

Hamburg ist lange Zeit eine erstrebenswerte Idee gewesen, ein Ort, an dem wir einmal leben und arbeiten wollten. Jetzt habe ich das Gefühl, während das Gefängnis von Celle an mir vorbeirauscht, dass dieses Gefühl des Ankommens noch lange Zeit braucht und nicht an der Elbe sein kann und wird.

„Mir hat der Gin Tonic das Hirn geklaut, und meine Jacke habe ich auch verloren“, schickt Egge per SMS zurück. Alles wie immer also. Ich schalte die Musik in meinem Smartphone an und setze die Kopfhörer auf.

Egges 2012 in Bildern

Es war ein wildes Jahr, dieses 2012.
Da kann man auch im Januar zurückschauen.
Am besten in Bildern.
Ein Blick ins Fotohandyarchiv von irren zwölf Monaten.

Januar: München (My first radical Moshpit-Party)

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Februar: Kunst, Hamburg

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Februar: Auf dem Weg nach Lüneburg

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Februar: Freiburg

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Februar: Von den Profis lernen: Florian, Hannover.

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März: Die beste Kneipe in Stuttgart.

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März: Von den Profis lernen: Roland, Hannover.

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März: Auszeit, Steinhude.

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April: Von den besten Lernen: Who, Leipzig.

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April: Neue Zielgruppen erreichen, Leipzig.

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April: Von den besten Lernen: Osterhase, Hannover.

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April: Auszeit, Berlin.

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April: Hamburg.

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April: Nähe Karlsruhe.

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April: Béi Chéz Heinz.

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April: Oldenburg.

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Mai: Kunst, Hannover.

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Mai: Hannover.

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Mai: Kunst, Langenhagen.

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Mai: Von den Profis lernen: Alex Pfeifer & Brandstifter, Mainz.

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Mai: Leipzig.

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Juni: Von den Profis lernen: Laing, Potsdam.

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Juni: Kunst, Leipzig.

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Juni: Von den Profis lernen: Feine Sahne, Neubrandenburg.

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Juni: Neubrandenburg.

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Juni: Béi Chéz Rainer

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Juni: Kunst, Pampa.

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Juni: Von den Profis lernen, Saul Williams, Hannover.

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Juni: Kunst, Hannover.

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Juni: Hannover.

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Juni: Kassel.

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Juni: Von den Profis lernen: Sommerfest der
niedersächsischen Landesvertretung, Berlin.

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Juni: Kunst, Lärz.

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Juli: Von den Profis lernen: Spanische Fußballfans, Hannover.

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Juli: Von den Profis lernen: Schützen, Hannover.

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Juli: Kunst, Bethanien.

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Juli: Kunst, Auerworld.

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August: Von den Profis lernen: Liedfett, Hannover.

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August: Auszeit, immer wieder Ostsee.

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August: Jena.

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August: Kunst, Berlin.

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August: Von den Profis lernen: Shaun das Schaf, Hannover.

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September: Auszeit, Leipzig.

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September: Auszeit, Rostock.

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September: Von den Profis lernen: Lady, Hannover.

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September: Kunst, Hannover.

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Oktober: Von den Profis lernen: Oktoberfest, Hannover.

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Oktober: Hamburg-Harburg.

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Oktober: Auszeit, Weimar.

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Oktober: Kunst, Sofatage, Hannover.

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November, Kunst in Bahnhöfen, Lüneburg bis Göttingen.

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Dezember: Von den Profis lernen: Santas, Hannover.

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Dezember:  Hannover.

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Dezember: Auszeit, Thüringer Wald.

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Dezember: Auszeit, Eisenach.IMG_2509

Mehr in Bälde.

2011 – Listen, Teil II.

Ja, es ist zu spät. Aber an dieser Stelle muss es sein. Ein persönlicher Rückblick vom Ensemblemitglied Egge. Danke für dieses bunte Jahr.

Schöne Musik:
1. Christiane Rösinger am Schauspiel – Meine Lieblings-Platte in diesem Jahr live samt Lassie-Songs. Toll.
2. Goldene Zitronen beim Boot Boo Hook-Festival. Viele fands doof. Gerade weil Schorsch damit umgehen kann, wurde es grandios.

3. Mogwai im Grünspan in Hamburg und im Capitol in Hannover. Einfach wegdriften.

4. Transmitter bei der Fete de la Musique und beim Open Flair. Was das knallt.

5. Bruno Punani beim Fährmannsfest. Für mich die Entdeckung aus Hannover 2011. Klezmer-Punk vom niedersächsischen Ural.

6. Nouvelle Vague im Capitol. Schön.

7. Flo Mega bei der Breminale in Bremen. Schweißtreibender Soul-Reggae.

8. Mediengruppe Telekommander auf der Stubnitz in Rostock und in der Glocksee. Adieu!

9. Alte Schule Masthorn beim Fährmannsfest. So klingt Politrappunk heute.

10. Clueso aufm Open Flair. Jetzt macht er auch Elektro. Gut.
Schön wars auch bei Supershirt, Kyuss, Klämpner, Jeans Team und auf all den Festivals von Fusion bis Boot Boo Hook.
 
 
2. Skurrile Kulturereignisse:
1. Vorlesung über Enterprise-Technologien in der Uni Hannover – super!
2. Schlagerfestival in der TUI Arena Hannover (Andrea Berg vergisst ihr Playback, Jürgen Drews knutscht Pressekollegen)

3. Karnevalsumzug in Hannover samt Gutti-Demo auf dem Opernplatz (kam leider keiner)

4. Die Prinzen singen im Capitol

5. Die Phudys geben sich als Mauerbrecher im Theater am Aegi

6. Klasse wir singen in der TUI Arena ist ein Singfestival von Tausenden Kindern in Niedersachsen – Massengesang macht mich nervös

7. Milow ist gar nicht so scheiße, wie man ihn scheiße finden möchte

8. „Schluss jetzt! Lauter“ von Stemann im Deutschen Theater Berlin war das beste Theaterstück 2011

9. Tanztheater „Babel“ auf Kampnagel in Hamburg war das beste Tanztheaterstück 2011

10. Das Udo Lindenberg-Musical in Berlin ist okay, das Stage-Musical hat sich wirklich an Kritik versucht & stets bemüht
Ansonsten loben wir The Computers im Heinz und Christoph Maria Herbst im Allgemeinen.
 
 
3. Schlimme Kulturereignisse:
Arschkrampen im Theater am Aegi – nee. Göbel, kotz, brech.

Der W. im Capitol – schlimm, der Böhse Onkel macht auf Verständnisschulter und Erbauungspredigt – anschließend drüber schreiben, ist wie Kampfhundebesitzer anklagen

Siggi & Raner im Theater am Aegi – ach ja, das war auch mal lustiger
 
 
 4. Fünf Filmmomente:
1. Pina von Wim Wenders – göttlich

2. Absolute Giganten im Stadion des FC St. Pauli und im Baukasten Hannover

3. Rocky Horror Picture Show in Hannover mit Freunden – und Mirco spricht jede Zeile mit

4. Melancholia – Gänsehaut, groß

5. Eine dunkle Begierde – bin im Dunkeln eingeschlafen
 
5. Gesprochen & Gewundert:
1. Tom Gerhard ist im Cinemaxx Hannover eine einzige Falte

2. Hanna Herzsprung ist bei nem Kurzfilmdreh in Hannover schön – schön einsilbig

3. Tom Astor macht in Wirklichkeit Country!

4. James Last will weitermachen – egal, wie lang

5. Ottfried Fischer kämpft ausgerechnet als CSU-Wertebewahrer gegen Bild
 
 
 6. Gesprochen & Bewundert
1. Roberto Blanco, bei der Infa getroffen, selten so viel über Popkultur verstanden

2. Heinz Rudolf Kunze im Maritim Hotel Hannover – krasse Brille & politische Einstellung, aber immer klar und direkt

3. Die Echse – die Rettung des Handpuppenhumors

4. Sven Regener hält nicht viel von langen Sätzen

5. Klaus Farin im Literarischen Salon – das Archiv der Jugendkultur

6. Daniel Küblböck – gar nicht so doof

7. Katrin Bauernfeind – verliebt

8. Thomas Meinecke im Literarischen Salon – Minimal ist nichts anderes als Tempelkultur, wow.
 
7. Verloren:
1. zwei Handys

2. eine Brille

3. einen Bulli, zeitweise

4. Geduld mit Internetanbietern

5. eine Wohnung in Hamburg
 
 
 8. Moderationsmomente:
1. Moderation der Auftaktkundgebung der Anti-Atomkraft-Bewegung

2. 1. Niedersächsische Poetry Slam-Meisterschaft in Hannover im vollen Opernhaus – Gänsehaut

3. Running Mic zum Open Flair – wir lesen sechs Stunden im hessischen Nahverkehr und die Leute haben tatsächlich Spaß.

4. Erster Team-Slam an der Parkbühne Hannover – lesen unterm Mond samt Picknick

5. Neue Sachbuchreihe mit politischen Themen und Büchern – eeeeendlich! Pavillon! Danke Lisa-Marie fürs Vertrauen

6. Zehn Tage moderieren für die Ideenexpo, samt Mirko Slomka und Katrin Bauernfeind

7. Moderation für den Literarischen Salon mit Klaus Farin, große Unterhaltung

8. Science Slam-Finale im Convention Center mit Kulturministerin vor 1000 Menschen

9. Moderation des Halbfinales der Deutschen Slammeisterschaften im Uebel und Gefährlich

10. Nochmal Slam: Erster Teamslam in der Hamburger Fabrik
Auch wunderbar: der Autofreie Sonntag mit 200000 Besuchern, die Aktion Sicherer Schulweg mit 20000 Kids, Fährmannsfest mit 15000 Besuchern, die erste Moderation für das Handwerk mit Martin Kind, erste Moderation für ABF, die Science Slams im Pavillon und die Poetry Slams bei Faust.
 
 
 9. Lesemomente:
1. Für das Recht auf Faulheit – endlich wieder Gedichte vortragen, Braunschweig, Kaufbar

2. Texte fürs Bleiberecht, Wolfsburg, Stadtbibliothek, danke an Dominik

3. Lesen fürs Buch, nicht fürs Bier, Brauhaus Hannover

4. Gedichte für Schüler des Slam-Workshops im Jugendknast Hameln

5. Gedichte für Schüler des Slam-Workshops im alten Bahnhof in Seelze
 
10. Momente, die bleiben, in Stichpunkten:
1. Island
2. Ostsee
3. Sylt
 
 
Skurrile und schöne Momente, die bleiben:
1. Eine ganze Woche Düsseldorf, um über Lena zu recherchieren
2. Eine ganze Nacht im Spielzeugladen verbringen
3. Das erste Mal auf dem stillgelegten Tempelhof laufen
4. Hochzeit im Hafenklang Hamburg feiern
5. Mit Zehntausenden in Dresden Nazis aufhalten
6. In Dresden in einem Trabanten schlafen
7. Ein Video mit einem Fanfarenzug drehen
8. Die Fusion noch 15 Stunden besuchen
9. In Utrecht die Sonnen untergehen sehen
10. Mit Herrn Costa aufwachen
 

Dezember 2010 – Carlos Top Ten Zwanzigzehn

Mein Jahr in einer unvollständigen Liste.

1. Das erste Gesicht, das ich am ersten Januar Zwanzigzehn sehen durfte, wird auch das letzte in diesem und wiederum das erste im kommenden Jahr sein.

2. Der kalte Wind findet noch jede Ritze, zwischen den allzu gut eingepackten Klamotten. Obwohl wir wie Zwiebeln durch die Dünen laufen, spüren wir die steife Nordseebrise an der Haut. Aber irgendwo hier müssen die Rehe doch sein. Hasen, Fasane, Adler und Möwen haben wir ja schon genug gesehen.
Seitdem ich denken kann, fahren wir auf diese Insel, ich kenne schon fast jede Düne auswendig. Nun stehen wir wieder hier auf der Höhe, vor uns das Meer. Dicke Eisschollen säumen die Linie, wo die Wellen fast schon kraftlos auf den Strand brechen. Schaum erfriert sofort. Auf dem Boden liegen Hunderte Stücken altes Holz, Bernstein ist aber nirgends zu sehen.
Die Suche geht weiter. Nach dem Reh im Winter. Nach Bernstein am Strand. Nach warmen Plätzen, wenn der Wind kalt bläst. Schön, dass ich das nicht alleine machen muss.

3. Er hätte einfach besser aufpassen sollen. So ist er nicht nur auf den glitschigen Steinen ausgerutscht, er hat sie auch gleich mit umgerissen. Nun müssen wir so hart lachen, dass wir fast nicht mehr schwimmen können. Der Kanal ist um diese Morgenstunde noch warm von gestern. Außer uns ist kein Mensch zu sehen. Die Wolken am Himmel sehen aus wie Schäfchen, wenn auf dem Rücken schwimmend langsam rumdümpelt. Davor waren wir tanzen und Wodka mit Gurke trinken. Und geliebt, gelacht, gesungen haben wir auch. In diesem verwunschenen Garten, in dem Hasen Nichtgeburtstag feiern und Punks in Babyschwimbecken ihren Freischwimmer machen.

4. Nie haben wir in dem Raum Bier zusammen getrunken. Immer nur gearbeitet. Und Witze gemacht. Und Musik gehört. Und lange geschwiegen, wenn der Redaktionsschluss näher rückte. Und gestritten, wenn die Überschrift nicht passte oder der Dienst das verlangte. Jetzt sitzen wir hier, hören Musik oder auch nicht, trinken Herrenhäuser und unterhalten uns entspannt über das Leben, die Kunst, das Weggehen. Später werfe ich einem Punk noch Ausverkauf vor, nur um doch mit ihm Schnaps zu trinken. Monate später spielt 96 nicht wie 96, und wir trinken wieder Bier, wärmen uns mit Schokolade. Alles ist anders und doch irgendwie gleich.

5. Um ein Uhr nachts ist es der Braut egal, wie teuer ihr Kleid war. Sie hat jetzt einfach Lust zu tanzen. Zu Rage Against The Machine. Zu den frühen H-Blockx, zu Offspring, zu all den Hits, zu denen man als niedersächsischer Teenager in den späten Neunzigern auf Dorfpartys, Garagenfeten und in der Rockdisko abging. Auch wenn man jetzt älter ist, Anzug trägt, mit dem Studium fertig ist oder schon lange in seinem Job arbeitet, braucht man die volle Dröhnung. Diese Hochzeit zweier lieber Menschen in der Lüneburger Heide ist die beste Gelegenheit. Es wird, für die meisten Anwesenden, das beste Festival des Jahres!

6. „Heute zahle ich. Ich lade euch alle ein.“ Ein Essen gegen ein Studium. All die Jahre der finanziellen, moralischen und emotionalen Unterstützung aufwiegen mit der Frische, der Schärfe, der Süße, dem explosiven und liebevollen Geschmacks gebratener Auberginen, Tabouleh, Köfte, Cacik, Sütlac und all den anderen Köstlichkeiten. Eigentlich unmöglich, ich denke aber, sie haben sich genauso gefreut wie ich.

7. Bon Iver singt für Emma im Radio, draußen brechen die Wellen an die spanische Küste. Die Haare sind noch nass, die Lippen noch salzig. Das Bier schmeckt trotzdem. Der Hahn gegenüber kräht und der Hund bellt. Die Sonne brennt dorthin, wo die Tom-Waits-Biographie sie nicht verdeckt. Tage auf dem Balkon und in den Wassern Andalusiens.

8. Manchmal trifft man die richtigen Menschen in den falschen Momenten. Man weiß eigentlich, wie sehr man sich mag, aber hat dafür in dem Moment einfach keine Zeit oder keinen Kopf. Man streitet sich oder verliert sich so aus den Augen. Und Jahre später, vor der Parkbühne Hamburg, während die tollen National singen und spielen steht man sich dann wieder gegenüber. Und plötzlich weiß man, warum man sich vor Jahren eigentlich mochte, und eigentlich ist das auch alles okay so gelaufen. Denn man weiß genau: Beim nächsten Mal freut man sich dann wieder umso mehr.

9. In einer fremden Stadt ankommen, nach zwei Tagen gleich tolle Menschen kennen lernen, zwei Wochen später eine Stammkneipe haben, zwei Monate später jede Abkürzung morgens auswendig können. Wissen, wo es den besten Espresso gibt, die besten Pommes, den besten Veggie-Burger. Wo man nachts noch hingehen kann und was die Einheimischen von uns Studi-Touris halten. In die eigene Heimatstadt zurückkommen und die Unterschiede erkennen. Und beides genießen!

10. Um auf die Bühne zu kommen, muss man nur drei Stufen gehen. Eigentlich. Tatsächlich aber muss man rund vier Jahre lang fast jedes Wochenende irgendwo auftreten. Man muss sich gegen Kunststudenten wehren, die einen auf der Bühne verprügeln wollen. Man muss in unzähligen Zügen schwitzen und frieren und warten und. Man muss immer wieder Angst vor seinem Equipment haben, weil das Zimmer im besetzten Haus nicht abschließbar ist. Man muss immer wieder neu anfangen, Menschen zu zeigen, was man da überhaupt auf der Bühne vor hat. Man muss die Freundin mit selbst gemachtem Sushi bestechen, weil man schon wieder ein Wochenende weg war. Man muss Freunden sagen, dass man sie auch diese Woche nicht sehen kann. Man muss seine Uniabschlussarbeit im Zug Korrektur lesen. Man gratuliert der eigenen Mutter von unterwegs zum Geburtstag. Man muss sich immer wieder selbst davon überzeugen, dass es die eigene Entscheidung war, die einen zu später Stunde in irgendein verranztes Zimmer mitten in der Provinz geführt hat, in einen schimmligen Keller, auf eine Bühne, vor der ein zahlender Gast auf Techno wartet.
Es sind drei Stufen bis hoch zur Bühne. Das Licht ist aus, das Zelt dunkel. Du spielst das Intro und die ersten Schemen sind erkennbar. Das Licht geht an, ihr ruft „Guten Abend, Fusion!“ und du hast keine Ahnung, wie viele Hände dich begrüßen…

27. Mai 2010 – Lenastheniker Egge in Oslo

Dies ist die Geschichte von Egge & Lena. Weil viele fragen, warum Egge bitte gerade in Oslo ist, statt mit Costa Mucke zu machen. Und ja, wir spielen in einer finnischen Deathmetalband. Das haben wir zumindest Frauke Ludowig so erzählt. Meine Mutter spielt Bass. Aber das ist privat! Und nu ma los:

Anfang Februar: Egge kommt in Hanover bei seinem Arbeitsgeber an, der regionalen Tageszeitung. Sein Auftrag: Er soll mal die beiden Hannoveraner checken, die er gestern bei Raab in dieser neuen Castingshow gesehen hat. Man ist etwas aufgeregt. Die eine fand man echt ganz gut, tatsächlich auch die Älteren. Nun ja: Egge telefoniert, hat diese Lena bald aufm Handy. Aha, war super, Riesenchance, Wow! Auch der andere, Cyril Krueger ruft zurück: auch alles super! Und vor allem Rock ’n ‚Roll. Man trifft sich im Brauhaus, beim Klamottenkaufen, in der Glocksee. Egge schreibt brav jeden Dienstag übers Public Viewing in der Faust, rockt mit Cyril im Glockseeprobenkeller mit Fury-C. und Terry-Hoax-Muckern und nervt jeden Tag Lena, die ihm von Eierkuchenunfällen berichtet, von der Faust (Stammgast bei Maximal – da schließt sich der Kreis), ach von allem möglichen.

Einiges davon landet dann auch in der Zeitung. Cyril fliegt aus der Show, Lena erreicht das Finale. Mit Imre Grimm fahren wir zu zweit nach Köln zum Finale, treffen Freundinnen, Raab, ja, und auch Dursti und Jennifer Braun (DAS war knapp, ihr Lieben!! Das vergisst man sehr schnell!!). Lena begrüßt uns mit Umarmungen, die Medienmeute schaut etwas erstaunt. Oha. Uns Lena wird zum Star, hoppla.

Wochen später, viele Anrufe zu Abi, Album und Auftritten im Trash-TV sieht man sich in Oslo bei der ersten Pressekonferenz nach den ersten Proben wieder. Lena: „Jan, schön, dass wir uns hier wiedersehen.“ Oha, böse Blicke der Kollegen. Wer ist dieser Typ? Man lernt sich kennen: Feddersen, Niggemeier, Heinser, Wolther – und trinkt Bier für 10 Euro. Egge fährt mit Lena Segelschiff, latscht zum Empfang im Osloer Rathaus, in dem Obama neulich noch den Friedensnobelpreis bekommen hat, und haut – hoppla, der Sekt – nem Kellner versehentlich ein Tablett aus der Hand. Als Raab keine große Lust aufn Interview hat, sagt Lena „Das ist ein Kumpel“ und man bekommt seine O-Töne. Das ist schon großes Arbeiten.

Die Geschichten landen in Leipzig, Ulm, Kiel, Lübeck, Berlin, Hannover, Visselhövede. Die Einnahmen decken die Kosten nicht im geringsten. Pizza? 40 Euro. Zum Vergleich: ein Taxifahrer verdient 18000 Euro im Monat!

Und Lena? Sieht müde aus. Drückt uns immernoch. Und wir drücken ihr die Daumen. Manchmal, sagt sie uns, will sie einfach zurück in die Faust und als Lena einfach lostanzen, ohne große Aufregung. Kann man ihr nicht verübeln. Bis Samstag muss sie noch durchhalten, dann noch ein paar Interviews, dann macht ganz Brainpool Urlaub.

Lena halt durch! Und das Geschenk bekommste auch noch. Und dann rocken wir zusammen zu „Das ist mir zu kommerziell„! Und an alle anderen: Bei aller Schreiberdistanz, ich steh auf Lena, weil sie weiß, wo und wie in Hannover gefeiert wird, weil sie genau in den gleichen Schuppen mindestens genauso eigenartig wie Costa tanzt, wenn der 14. Gin Tonic drin hat, und auch drauf scheißt, weil ihr Song geil ist, weil sie The Cure gecovert hat, ohne, dass es dämlich klang, weil ich dank ihr Fjordwandern kann, weil sie ab und an auch ne SMS zurückschreibt und weil sie ein Rockstar ist!! Und das tut dem Good-old-fucking Songcontest verdammt gut. Rocken!!