Beatpoeten treffen: Aílton

Sieben Uhr morgens in einem Radiostudio in Hannover. Junge Menschen sehen blass aus, aber interessiert. Sie hocken vor Bildschirmen und ärgern sich, dass sich „ffn“ das Wortspiel Flitzerblitzer rechtlich schützen ließ. Oder so. Ein Kerl mit knallgrünem Hemd bringt dem Studiogast Kaffee. Ein Manager scheint den Gast sicherheitshalber zu wecken. Er spricht portugiesich mit ihm. Aílton scheint kurz aufzuwachen. Die Pressebeauftrage ist gut gelaunt. Es kann los gehen.

Bis Mitte Januar kannten Ailton Gonçalves da Silva eigentlich nur Fußballfans, die ihn liebevoll „Kugelblitz“ tauften. Sie konnten von seinen Mittelstürmerqualitäten berichten, von seiner Liebe zum Heimatland Brasilien, für das er mitunter das Training sausen ließ, und vom Jahr 2004, als der Publikumsliebling Deutscher Meister, Pokalsieger und Torschützenkönig mit Werder Bremen wurde. Fußballfans hätten zu Jahresbeginn auch gewusst, dass die große Karriere am Ball vorbei ist. Am 13. Januar ahnte es dann auch ein Millionenpublikum.

Der gut genährte Fußballer büßte an diesem Tag in der öffentlichen Wahrnehmung den Nachnamen ein, zog ins Dschungelcamp von RTL und begann seine Zweitkarriere – als zweifelhafter Popstar. Als „Das Ailton“ stellte der 38-Jährige am Montag seinen ersten Song „Ailton Sensation“ bei „Hitradio Antenne“ vor – samt tatsächlich sensationell geratenen Textzeilen wie: „Roter Teppich, schöne Frau, oh, la, la / Egal wo Ailton ist: immer Showtime, na, na, na“. Dabei nuschelte er noch früh am Morgen über Kochkünste, Campklatsch und seine Begegnung mit Whitney Houston in einem Bremer Hotel. „Sie war gekommen mit Brill, Sonnenbrill, Hautfarbe wie mein, Superstar.“ Dazu trank er immer wieder Kaffee, rieb sich die Augen und malte in Zeitungen Buchstabeninnenräume aus – Selbstvermarktung gehörte bisher nicht zu Ailtons Kernkompetenzen. Singen auch nicht.

Aber als er im Dschungel immer wieder um das Campfeuer tanzte und das Lied „Ai Se Eu Te Pego!“ des brasilianischen Latinpopstarts Michel Teló vortrug, schienen findige Produzenten eine Idee zu haben. Schließlich landete der exotische Popsong auch auf Platz eins der deutschen Singlecharts – auch wenn selbst Radiomann Dominik Schollmayer Ailton nach der korrekten Aussprache fragen muss. Den Ausflug ins seichte Unterhaltungsgewerbe bereut der Fußballer heute nicht, auch wenn das TV-Dschungelleben nicht immer einfach war. „Immer nur Bohnen kochen, Wasser kochen, Reis kochen, Prüfungen und schlafen“, klagte er – und verbat sich höflich Fragen zum Nacktmodel Micaela Schäfer, mit der er eine Nacht in einer Höhle verbringen musste. „Ich bin viel im Kopf gegangen“, sagte Ailton, „und habe gelernt, weniger zu essen.“

Manchmal scheinen Extremsituation geschuldete Erfahrungen doch überschaubar. Echte Stars hätten zumindest versucht, eine TV-taugliche Familientragödie öffentlich zu verarbeiten oder eine Liaison zwischen Lianen zu inszenieren. Ailton belässt es beim Singen. Ein richtiger Showstar möchte er auch gar nicht werden. „Ailton ist Fußballer. Fußball ist mein Leben.“ Eineinhalb Jahre möchte er noch spielen. Was danach kommt, weiß er nicht. „Vielleicht werde ich Schauspieler, auch wenn es schwer ist.“ Hauptsache es mache Spaß und seine Familie leide nicht. „Ailton ist Familienmann.“ Darum plane er auch zum Valentinstag ein schönes Essen. Und vielleicht singt er auch für seine Frau. „Richtig live, exklusiv.“ Oh la, la.

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26. Januar 2012 – Hamburg – Übel & Gefährlich

Falsch eingestiegen. Der Zug fährt nicht nach Hamburg, sondern nach Bremen. Weißte, klar. Am Nachbartisch im Bistro ballern sie sich jetzt schon die Weizenbiere. „Ist ja Feierabend, ne?!“ Und reden sonst über diese eine Tabledancebar. „Weißte noch, letztes Jahr Weihnachtsfeier. Sogar die eine Spießige war dabei.“ Schräg daneben geht’s um Krebs, immer wieder Krebs. Und dieses Fett in der Innenseite des Arms, das echt schlecht weggeht. Der einsame Typ an der Theke sieht aus wie ein ehemaliger Regierungssprecher, holt sich schon wieder eine Cola und löst Sudoku. Wir planen, das Dschungelcamp zu retten und im nächsten Jahr viel bessere Kandidaten einzuladen. „Wenn die Deutschen eins gelernt haben, dann Camps zu betreiben“, mischt sich der Sudoku-Nachbar ein.

Am Bremer Hauptbahnhof stehen die Menschen Schlange am Lottostand. Dicke Ziehung. Drei Jungs versuchen, Tabak zu kaufen und eine Bong. Scheitern. Die Rubbellose werden immer noch föderalistisch verkauft. „Nein, aus Berlin kann ich keine annehmen. Da müssen sie schon selbst wieder hinfahren.“ In der Lounge der Deutschen Bahn klaut wieder die gleiche Art von Geschäftsmann den Sportteil und verschwindet auf dem Klo. Legt den Zeitungsteil danach wieder zurück ins Regal und trinkt noch zwei, drei Gläser Cola. Ist ja im Preis mit drin.

In Hamburg-Harbug steigen die Vorstadtmuttis aus und die Flaschensammler ein. Man grüßt die Schaffner mit einem Nicken, greift locker in die Müllkörbe, langt hier und da nach halbausgetrunkenen Pfandflaschen und läuft schnurstracks ins nächste Abteil in der ersten Klasse. Ein Werbemann erklärt für den Rest des Bistros am Telefon sein kommendes Wochenende und mit welcher Frau und sowieso. Der Hauptbahnhof liegt hinter uns. Am Dammtor stehen die üblichen Studenten, gerade frisch aus dem Gender-Seminar. Theoriegestählt für die Dienstleistungsgesellschaft. Eine Station später erbricht man sich in die Schanze, die Großraumdiskothek mit Szeneschutz. Jungs mit vom Anwaltpapa geliehenen Bentley besuchen Deutschlands bekanntesten Burnoutgastronomen auf ein paar Fleischlappen. Der Mexikaner ist natürlich selbst gemacht und kostet auch nur stadtteilübliche drei Euro. Arschlochsteuer nennt sich das auf deutsch. „Donnerstag ist ja der einzige Tag, an dem man hier ohne die Vorstadtprinzessinen und die Bauern aus Niedersachsen feiern kann.“ Sagt es und verschwindet mit dem Aluminium im Haar wieder im Frisör. Ein Schwall Haarspray, fruchtiges Parfüm und Deephouse erbricht sich kurz durch die offene Tür auf die kalte Straße. Riecht und hört unsere Sophistication.

Egge schreit die erste Reihe an. Eine Frau greift ihre Handtasche ein wenig fester. Drei, vier in schwarz gekleidete Kunstinteressierte finden es verrückt. Nach acht Minuten geht es zurück hinter die Bühne. Ein riesiges Bild mit Bergpanorama, daneben das Fenster über der bekanntesten Jet-Tanktstelle Hamburgs. In der Ferne sieht man die Flugzeuge landen.

Wieder Mexikaner und Rotwein, den Psychologiestudentinnen nicht mal ihren Feinden anbieten würden. Ich lasse mir Bikram-Yoga erklären und antizyklische Zukunfsplanung in Fernbeziehungen. Der DJ arbeitet sich währenddessen durch die Jugendkulturen des zynischen Zeitalters: Dubstep, 80ies Pop, Schunkel-Hip-Hop. Irgendwer kennt irgendwen, der Menschen mit Methadonproblemen betreut hat. Die Geschichte über Neonazis geht um, die Stolpersteine klauen. „Ich starte jetzt ein Kunstprojekt. Jeder schenkt mir einen Euro und davon kaufe ich das ganze Stadtviertel. Dann lasse ich hier nur noch nette Leute wohnen und die ganze Gentrifizierungsdebatte ist vorbei.“ Als wir auf die Straße gehen, fängt es an zu schneien. Endlich Winter.

21. Januar 2011 – Bremen – Zucker

Seit 2007 gibt es das Zucker in einem ehemaligen Speditionsgebäude zwischen Findorff und Bremer Hauptbahnhof. In Deutschland hat sich der Laden in der kurzen Zeit einen überaus guten Ruf aufgebaut: Es gab Partys mit internationalen bis Resident-DJs, unzählige tolle Bands haben hier schon gespielt. Allein wenn man im Backstage unfassbar leckeren selbstgemachten Apfelkuchen mampfend die  Postersammlung anschaut, bekommt man schon einen Eindruck, wer schon alles seinen Schweiss auf der Bühne gelassen hat.

An diesem kalten Freitag im Januar spielten wir mit: Trennkost Ungeheuer. Diese beiden sympathischen Jungs aus Bremen haben sich eine alte Playstation geschnappt und darauf Beats zwischen Dubstep und Happy Hardcore gebastelt. Dazu springen sie auch mal mit mexikanischen Wrestlermasken herum und hauen ein paar aggressive Reime heraus. Uff!

Für Lena Stöhrfaktor aus Berlin hingegen war es einer der ersten Auftritte ohne ihre Crew. Sie zeigte trotzdem, wie man solo nicht weniger wütend und reimend  über Gentrifizierung und Unterdrüchtung rappen kann. Respekt!

Killa Instinct aus England waren eigentlich die wahren Headliner des Abends. Fettbassiger Britcore mit der britischen Version eines Zach de la Rocha. Plötzlich waren die neunziger Jahre wieder sehr lebendig. Sogar eine eigene deutsche Wikipedia-Seite haben die Jungs. Ich will auch so etwas.

Die meisten Jubelrufe ernteten wir irgendwann schräg nach Mitternacht für die Aktualisierung der „Dschungelcamp„-Gruppe. Erstaunlich viele im Tanzsaal waren Namen wie Froonk, Rainer oder Sarah ein Begriff. Sicherlich liefern die Medien dazu demnächst eine weitere Interpretation.