17. März 2012 – Urlaub

Am nächsten Tag war der Himmel bewölkt. Der Wind hatte Sand von Afrika gebracht und die Sonne verdunkelt. Kalima, der Wind aus der Sahara, der auch im weiten Amazonas-Regenwald die Orchideen mit Nährstoffen versorgt. Es war immer noch warm. Die Luft legte sich wie eine samtene Decke auf alles. An den Fenstern hingen staubige Schlieren. Die Frauen im Dorf hantierten mit Wasserschläuchen, machten die weißen Wände ihrer Häuser wieder blank. Auf der Mole knackte der Kellner des einzigen richtigen Restaurants im Dorf Krebse, weidete Fische aus. Um ihn herum eine riesige Meute Möwen. Im Hintergrund kitzelten die letzten Sonnenstrahlen das Gebirgsmassiv, den ehemaligen, nun schlummernden Vulkan. Ich verabschiedete den Tag und trank mein Bier aus.

Auf dem Dorfplatz treffen sich die Bewohner in der Croisanteria bei Carlito. Niemals nebenan bei Jaime. Wegen einer alten Dorffehde, will der Aussteiger aus Freiburg wissen. Alle nicken. In der einen Ecke unterhalten sich die Surfnomaden über Wind, Wellen, Strömung im internationalen Vokabular des Beachhipsters. Ein älteres Ehepaar trinkt in Ruhe seinen Kaffee. Beide im Dress der Rennradfahrer, kein Gramm Fett am Körper. Die Surfshopjungs drehen sich mit ihren Skateboards auf der Straße um sich selbst. Ohne T-Shirts. Mit Handy, Eis, Bier in der einen Hand. Einer trägt den anderen im Gips. Immer wieder fällt jemand hin und wird ausgelacht. Die Hunde haben sich in den Schatten verkrochen. Ein Pick-up fährt langsam über die Hauptstraße. Laute Raggaton-Musik erklingt.

„Hier leben und arbeiten, das wär’s!“ Die drei Süddeutschen Ingenieure gönnen sich gerade ihre dritte „Una Zärväza, poa favorä“ und schwelgen in Träumen. „Ja, einfach abhauen und das Alte hinter sich lassen. In den Tag hineinleben.“ Der Surflehrer aus Flensburg grinst vom Tisch nebenan. Er hat vor Jahren das kalte Mitteleuropa verlassen, um hier seinen Traum des Surferlebens zu erfüllen. Jeden Tag bringt er postpubertierenden Lehramtsstudentinnen und süddeutschen Ingenieuren Wellenreiten bei. Oder Robben tummeln, wie er es nennt.

Im Wasser sieht jeder Schatten wie eine Haiflosse aus. Der Schaum der Wellen trägt kleine Partikel Algen, aber auch Plastikmüll, die sich an der Surfbrettleine verhangen. Mit jeder anrollenden Welle verschwindet ein Stück Alltag aus meinem Kopf. Mit jeder gesurften Welle kommt mein Kopf der wohligen Leere näher. Ich schaue an den Strand, links das Bergmassiv, rechts das Dorf. Geradeaus Die Bademeister, die die ganze Zeit Sportzigaretten rauchen und noch nicht mal ein Boot haben, um zu retten. Die nächste Welle rauscht an, ich bringe mich in Position und fange an zu paddeln.

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01. Februar 2011 – Warum es uns auf’s Dorf zieht

Mitte der neunziger Jahre wusste ich von der Welt nicht viel. Ich hatte gerade meine Maxi-CD-Sammlung von Ace of Base, Reel to Real bis 2 Unlimited möglichst unbemerkt in den Sondermüll verlagert, bekannte mich als Ostdeutscher im Hinterland Hannovers aus nostalgischen Gründen zu Henry Maske und Hansa Rostock und schnitt mir Löcher in die Jeans, um wie Kurt Cobain auszusehen. Kurze Zeit später war Kurt tot, Maske ein Gentleman und ich ging dann doch zu Hannover 96 – man müsste einmal ehrlich überprüfen, von wie vielen Fußballvereinen man im Leben so Fan war. Egal. Mit neuen Schulen, Freunden und Freizeitgetränken zog der Punk ins Vorstadtleben ein – und der spielte damals noch nicht im Stumpf, in der Kopernikus oder in der Sturmglocke. Der Punk tanzte viel mehr in einem Kaff namens Immensen-Arpke, zwischen Hannover und Braunschweig. In Immensen gab es einst den Sockenball, Kaffee und Kuchen im Naturfreundehaus Grafhorn (Hallo Helmi!) und sonst noch eine Exfrau von Gerhard Schröder. Sonst nix. Aber: Immensen bot immer noch mehr als der Stadtteil von Immensen namens Arpke. Dort wohnten zwar der Stefan und die Annette und es gab ne Feuerwehr und das Brauhaus Braul, (dufte Ballermannpartys!), aber sonst wirklich nur Hecken und ein paar Häuser dahinter. Doch mittendrin, hinter einem Stück Park und einer – nennen wir es optimistisch – Bushaltestelle tobte der Punk. Wände waren bekritzelt, es stank nach Urin, immer wieder schliefen Menschen vor Boxen ein. Sie trugen grüne Irokesenfrisuren, Nietenhalsbänder und tanzten auch zu zweit Pogo, wenn es wieder nicht so viele in die Punkprovinz geschafft hatten. Dorfpunks? Gegen Arpke hatte Rocko Schamoni einst ein Festivalleben in Schleswig-Holstein gefeiert. In Arpke wurde gefeiert wie beim Force-Attack nur mitten in der Pampa und mit etwas weniger Leute. Man pisste pubertär ins Waschbecken, kotzte zwischen die – nennen wir sie wieder optimistische –  Bushhaltestellenbüsche und ließ sich gegen Mitternacht vom Shuttle-Service (ein klappriger Audi Quattro) ins elterliche Kinderzimmer zurückfahren – nicht ohne seinen Armeerucksack mit „Kill’em all!“-Kreideschriftzug (dazu die Namen aus der Schulklasse!) in Arpe zu vergessen und die Pädagogen vor Ort am nächsten Morgen mit Anrufen (aus einer öffentlichen Telefonzelle – Muttern sollte das besser nicht mitbekommen) zu nerven. All das war Arpke: Haare mit Faschingsfarbe färben und am Morgen vor der Schule wieder auswaschen, kiffen ohne wirklich etwas in der Tüte zu haben, saufen, das zumindest richtig. Man konnte auch ohne Punk Pogo tanzen. Der Wille zählte. Und lieber Mambo Kurt, die geworfene Flasche tut mir heute noch leid – aber deswegen bricht man doch kein Konzert ab!

Folgende Bands haben einst den schönen Jugendtreff beehrt:

Baffdecks, Anschiss, Halbtrocken, Geistige Verunreinigung, Turbonegro, Eaten By Sheiks, Rantanplan, Hammerhai (Hey, Sölti!), N.O.E., Antikörper, Marky Ramone (JA! Der!), Steakknife, Die Asozialen Superhelden, US Bombs und unzählige mehr. Ich kann mich an Heiter bis Wolkig- und Terrorgruppe-Plakate erinnern (wen zur Hölle interessiert, ob die da wirklich jemals aufgetaucht sind?) und Wunschlisten an den Wänden. Und irgendwann, dachte ich mit meinen grünen, roten, blauen Haaren (Directions Haarfarben gabs noch in der Passarelle!), will ich da auch mal auftrefen.

Nun ja. Seitdem ist viel passiert. Auch in Arpke. Neue Leute, neue Farbe an den Wänden, und nach Urin solls auch nicht mehr so stinken. Dafür leisten gute Menschen dort etwas, das sich offiziell Jugendarbeit nennt. In Arpke hieß das immer schon Herzblut vergießen.

Und darum wollen wir mit Euch genau dort am 12. Februar feiern. Und haben mit Rosa Rauschen und Este & March vom Elektrischen Widerstand tolle Mitstreiter.

PS: Wie früher:

Shuttleservice um 19.05 vom BHF Arpke/Immensen und natürlich auch zurück! Aber da muss man erstmal hinkommen. Auf zum S-Bahn-Rave (zu dem wir nie offiziell aufrufen würden)!

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18. Juli 2010 – Norddeutschland – Regionalbahn

„Veluxfenster, Vaillaint-Verteter, Designer-Straßenlaternen aus EU-Fördermittel, Gaststätten mit Plastestühlen und Industriesoßen – oder aber eckigen Glastellern und trotzdem Industriesoßen“ (via FAS)

Reisen durch die deutsche Provinz sind immer wieder erstaunlich. Nicht nur wegen der romantischen Betrachtung der Wälder, Wiesen und Seen (Zumindest dort, wo die Natur nicht offensichtlich einer menschlichen Optimierung zum Opfer gefallen ist). Nein, es zeigt uns auch ein Bild dieses diffusen Zusammenhangs namens Deutschland. Denn irgendwie scheint die niedersächsische Heide wenig mit der Seenlandschaft Mecklenburg-Vorpommerns, den waldigen Hügeln Hessens oder unendlichen Dörfchen Ostwestfalens gemein zu haben. Vom Schwarzwald, den Alpen oder den bayrischen Hügeln ganz zu schweigen.

Doch zwischen diesem ganzen Chaos, den wahnsinnig unterschiedlichen Lebenssichtweisen und Gesichtern, Namen und Geschichten gibt es immer wieder kleine Kleckse des Wiederkehrenden. Und diese sind nicht immer nur gut. Wie ein Mantra begegnet man immer wieder den gleichen Läden: Das Dänische Bettenhaus, Lidl, Family, Kik, Aldi – es sind immer die gleichen aseptischen, mit einer Backecke ausgestatteten Supermärkte, die für die Versorgung im ländlichen Raum sorgen. Alle Häuser mit Solarzellen vollgepackt, dem grünen Gewissen geschuldet. Einzige schöne Ausnahme: die selbst organisierten Dorfladen, die Bürger betreiben, weil in ihren Kleinstädten und Dörfern zu wenig Profit steckt, wie die großen Firmen meinen.

Neben den Einkaufsmöglichkeiten sind es aber auch die Lokale, die als Gleichmacher das Leben in der Provinz bestimmen: Was vor Jahrzehnten noch die Akropolis, das Dionysos, das Athena, ist heute das Wang Village, Ming Palace oder die May Flower. Angewidert scheinen sich die Deutschen in den vergangenen Jahren nicht nur emotional und politisch von den Griechen abgewandt zu haben, sondern auch kulinarisch. Souflaki, Tsatsiki und Gyros zählen nichts mehr in unserem globalisierten Land. All-you-can-eat-Buffets mit zweimal gebratenem Schweinefleisch, süß-sauren Saucen und Reisberge dominieren die Weltläufigkeit in der Provinz.

Da freut man sich über jeden Hofladen, jedes Jugendzentrum, jede Land-WG, jeden Menschen, der den Ruf der großen Stadt widersteht und gegen die kulturelle und menschliche Verödung antritt. Wir fahren deshalb immer wieder gerne raus aufs Land!