Mai 2014 – Sachsen-Tour

Egge in Glauchau

Wir fahren los mit einem Rollkoffer mehr als sonst im Gepäck. Er ist schwer. Ich hoffe neben der ewigen Rennerei auf Tour jetzt auch etwas für meinen Oberkörper zu machen. Punkrocktraining. Irgendwann bringen wir Fitness-DVDs raus.
Es läuft inzwischen immer Hip-Hop, wenn wir auf Tour sind. Entweder zeigen wir uns die neuesten Lieder der Märchenerzähler oder unsere Gastgeber zeigen uns Highlights wie „Birnenpfeffi Zimt“ von Ronny Trettmann.

Feuerwehrfest Glauchau

In Glauchau stehen alte Häuser, sehr alte Häuser. Und ein Schloss. Ansonsten hat die Stadt ein ähnliches Schicksal erfahren, wie so viele andere Orte am Rande des Erzgebirges. Mehrere Systemwechsel und Fehlinvestitionen später zieht die Jugend weg. Crystal Meth ist neben Alkohol die am meisten benutzte Droge. Aber immerhin gibt es weniger Naziprobleme als früher. Das Café Taktlos behauptet sich als Insel mit bunter Kultur gegen den Verfall: Konzerte, Partys, Lesungen – das Team kämpft für einen Freiraum für Ideen und Lebenseinstellungen. Wir spielen am 30. April gemeinsam mit den netten Aika Akakomowitsch aus Jena in den Mai. Es ist der erste Auftritt für uns mit neuer Technik. Dementsprechend aufgeregt sind wir. Als wir nach einem tollen Abend mit Pfeffi und Lagerfeuer am nächsten Morgen aufwachen, sind die DJs gerade dabei, den Rasen des Hauses zu mähen. Sehr geiler Frühsport. Wir schauen uns die Stadt an, zählen Thor-Steinar-Kleidung (viel), AfD-Wahlplakate (mittel) und Menschen mit anderer Hautfarbe (niemand). Neben dem Asia-Imbiss verkauft ein Nazi-Laden E-Zigaretten. Als wir in den Zug steigen, fängt es an zu regnen.

Mann vor Waldlandschaft

In Zwickau steht eine alte Matratzenfabrik, direkt gegenüber der Innenstadt an dem schönen Fluss Mulde. Das Areal ist verlassen und doch nicht tot. Ein breites Bündnis aus kreativen, bunten Menschen möchte dort gerne ein neues Zentrum errichten. Passend dazu wurden die Graffiti-Künstler von IBUg eingeladen, die Wände schön zu gestalten. Punks, Hip-Hopper, Elektro-DJs, Designer, Urban-Gardening-Menschen und Künstler haben sich zu diesem gemeinsam Projekt zusammengefunden. Als wir uns die Umgebung – eine Art Stadtwald – anschauen, fängt es an zu regnen. Die Tiere drehen durch, und wir hören ihnen zu. Später spielen wir unser erstes Open-Air in diesem Jahr. Es ist wundervoll. Zum Einschlafen zeigt uns die Gastgeberin Lotte noch US-amerikanisches Entertainment: „Movie 43“.

Ansichten

Am nächsten Tag stehen wir in Zwickau auf dem Hauptmarkt. Egge mit einem Papageienkuchen im Bauch, ich mit einer Pizza in der Hand, und schauen uns das alternative Fußballturnier an. Ein Plakat wirbt für die Discothek Memory, ein junges Mädchen trägt ihre Cheerleading-Trainingsjacke, sie heißt „Peaches“. Ein Vater beschwert sich darüber, dass das Team der Erasmus-Studenten nicht gegen die „deutschen Jungs“ gewinnen darf. Der DJ macht einfach Billy Idol lauter. Auf dem Weg zum Bahnhof treffen wir unsere Freunde vom Klub Barrikade, die gerade Bier und Schnaps für das Feine-Sahne-Fischfilet-Konzert bunkern. Es sind viele Kisten. Und wie wir Monchi und die Boys kennen, werden sie alle leer. Mit einer Runde KIZ verabschiedet uns Zwickau. Am Bahnhof kontrolliert die Polizei mit Drogenhunden die Passagiere. Ein offensichtlich Crystal-Meth-Süchtiger läuft in der Bahnhofshalle immer wieder im Kreis. Als wir in den Zug steigen, regnet es immer noch oder wieder. Ich hole mir Knusper Flocken am Automaten.

 Tanzen gegen Beton

Zwei einsame Männer tanzen an der Chemnitzer Oper Jumpstyle. Es sind 5 Grad Celcius, und es regnet. Auf der Suche nach einem warmen Tee in der Innenstadt wenden wir uns in unserer Not nach Babylon: Im Restaurant von Galeria Kaufhof wartet der Tod. Er sieht aus wie ein Renter mit Funktionsweste und hält sich zwei Stunden lang an seiner Apfelschorle fest. Und er glotzt uns zwei Stunden lang an. Daneben sitzt sein Enkel. Rose Wangen, dicker Kopf, große Brille, Baseballkappe, Wohlstandsbauch der zweiten Generation Post-DDR. Auch er schaut uns die ganze Zeit an. Bis ihn seine Großmutter wegzieht. „Lass die dreckigen Männer in Ruhe.“
Das Kompott in Chemnitz ist ein gutes Beispiel für die verrückte Welt der Immobilen-Spekulation in unserem Land. Während in Hamburg, Berlin und zuletzt auch in Leipzig die Mieten stetig nach oben klettern und der Wohnraum in den sogenannten angesagten Stadtteilen immer knapper wird, stehen in Chemnitz ganze Häuserreihen leer. Bei unserem letzten Besuch in Chemnitz im Herbst 2011 lag so etwas wie Hoffnung in der Luft, dass zumindest ein Teil der Stadt mit öffentlicher Hilfe zu einem Freiraum umgewandelt werden kann. Doch nach langem Hin und Her ist klar: Chemnitz bleibt eine Stadt, in der die AktivistInnen alles selbst erledigen müssen. Dass sie es schaffen, sieht man an der erfolgreichen Entwicklung diverser Klubs, Wohnprojekten und Werkstätten.

Kunst, spätestenst in 1000 Jahren

Nadja Fritsches Taxi steht um 6 Uhr vor der Zukunft. Zum Bahnhof sind es zehn Minuten. Eine Fahrtkarte, eine Zeitung, ein kurzes Signal zwischen Egge und mir, dass gerade alles sehr anstrengend, aber auch so gut ist. Das Crashbecken ist weg, der Beckenständer wurde irgendwo vergessen. Wir sind generell zerknautscht. Zu dem Schlachtruf „Crystal, Pfeffi, Ostdeutschland“ haben wir uns verbeugt und sind dann schlafen gegangen. In der Nacht ist einem befreundeten Chemnitzer Paar eine Tochter geboren, ein weiterer Grund, die Stadt schön und bunt und lebenswert zu machen. Wir steigen in den Zug, und fünf Stunden später sind wir zu Hause. Es ist so leise, wenn du nach so einem Wochenende aus der Dusche steigst. Und alle deine lieben Menschen haben in der Zwischenzeit das Leben weiter ohne dich gelebt.

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17. September 2012 – Kiev

Es ist kurz vor 4 Uhr, als wir in der bayrischen Provinz ins Taxi steigen. Die Burg, auf dem die Undjetzt!-Konferenz stattfand, liegt nur wenige Meter von der tschechischen Grenze entfernt. Der Taxifahrer ist ein Bayer, wie man ihn sich vorstellt. Dazu noch ein Schnauzer. Als wir ihn fragen, warum um diese Uhrzeit so viele Polizeistreifen unterwegs sind, packt er seine Lebensgeschichte aus. Sein Stiefsohn war jahrelang süchtig nach Chrystal Meth. Eine der beschissensten Drogen, die man seinem Körper antun kann. Der Junge hatte alle Eskapaden einer typischen Suchtgeschichte hinter sich. Das Zeug billig in Tschechien auf illegalen Märkten geholt. Gestohlen. Ersatzbefriedigung durch Alkohol etc. „Und diese Musik. Immer hat er dieses Schranz gehört. Das ist noch nicht einmal richtiger Techno. Das ist Krieg,“ So ging das weiter, bis er dann zu Jesus fand. Eine freichristliche Gruppe geht direkt in die von Crystal betroffenen Gebiete in der Nähe der tschechischen Grenze und holt die Leute von der Straße in so eine Art Kloster. Jetzt wird er Erzieher. Der Stiefpapa fährt trotzdem immer wieder Dealer und Süchtige über die Grenze. Nachts. „Hier ist ja auch keine Industrie mehr. Keine Arbeitsplätze. Die Jugend haut entweder ab oder ballert sich zu.“ 4 Uhr morgens, irgendwo in Bayern.

„Dawai, dawai!“ Autofahren in Kiev ist Krieg. Kein Wunder, dass die Muttis, Oligarchen und Biznismen hier gerne Jeep fahren. Wir brausen an Hochhäusermeeren mit Zwiebeltürmchen vorbei. An riesigen Fabrikanlagen. Es riecht nach Braunkohle, verbleitem Benzin. Irgendwer verbrennt hier Plastik. Aus dem Radio pumpt Großraumdiskotechno und Houseversionen von alten Rocksongs. 14 Stunden bin ich da schon unterwegs.

Schon wieder Techno. Rund um das Kriegsdenkmal für die Bruderschaft zwischen Russland und der Ukraine ist ein Kirmes aufgebaut. Autoscooter, Bierstand, Wettschießen. Mit Blick auf den Dnepr. Riesige, waldige Inseln ragen liegen im Fluss zwischen den beiden Stadtseiten. Im Hintergrund Satellitenstädte aus Platte. Kraftwerke. Industriegebiete. Ein Kind turnt auf den eisernen Helden der untergegangenen Sowjetunion herum. Wir trinken Kwas und genießen die Sonne.

Mein Gastgeber arbeitet an einer der Universitäten in Kiev. Eine Universität, die sehr international ausgerichtet ist. Seit anderthalb Jahren unterrichtet und organisiert er dort ohne Vertrag. Für den braucht er unter anderem eine Arbeitserlaubnis, ein Gesundheitszeugnis und diverse weitere Formulare, die er nach und nach besorgen muss. Monatelang. Mit Gebühren im dreistelligen Eurobereich. Er weigert sich, Beschleunigung zu bezahlen. Also wartet er. Sein Arbeitgeber will aber alles immer gleich gestern haben.

Die Ukraine ist ein freies Land. Du kannst vieles machen, viel improvisieren, Dinge ausprobieren. Erstmal kümmert sich keiner darum. Die Infrastruktur wirkt deswegen manchmal arg improvisiert – in Kiev gibt es keinen richtigen Plan, wie die Marschrutki, die Busse, fahren. Aber es funktioniert. Auch der Staat funktioniert, obwohl das Land eine der schlechtesten Steuerzahlungsmoral der Welt hat. Die Menschen haben wegen der Vergangenheit Angst, dem Staat oder irgendeiner großen Organisation ihr Geld zu geben. Sie müssen so schon die ganze Zeit fürchten, es durch Raub, Inflation, Bestechung etc zu verlieren. Das führt natürlich zu viel Gemauschel. Trotzdem ist es für viele Menschen – zum Beispiel in der IT-Branche – ein Paradies der Freiheit, für das sie gerne die Unannehmlichkeiten auf sich nehmen.

Am Strand von Odessa plärt zwischen Modern Talking und die Scorpions. Ein erfülltes Klischee. Egal, es gibt Varenyky, frisch gezapftes Bier, und wir können den reichen Mafiatypen auf die Plautzen gucken. Das Schwarze Meer ist warm, und die Sonne knallt. Schönes Leben.