4. Februar 2012 – Kulturforum Wienenbüttel – 30 Jahre M

Bispingen ist so etwas wie das Zentrum der deutschen Autobahndienstleistungsgesellschaft (sic): Tankstelle, Fastfood, Cart- und Bowlingcenter, künstliche Skianlage in der Halle, diverse Wohnwagen mit roten Lichtern in der Nähe. Jedes menschliche Bedürfnis wird hier erfüllt. Sogar der Glauben. Vor wenigen Jahren hat man diese Oase der Moderne neben die Autobahn zwischen Hamburg und Hannover hingeklatscht. Neben Outletcenters, Freizeitparks und sogenannten Siedlungen reiht sie sich ein in die Kette der Mobiltätsallee. Deutschland wird an dieser Stelle klar von der Straße aus gedacht. Und die soll einen natürlich nicht nur schnell und sicher von Nord nach Süd bringen, sondern auch tolle Einblicke in die Landschaft und das Leben der Ureinwohner bieten.

Die Niedersachsen lieben ihre roten Klinkerhäuser, die sich in Bauerndörfern an die Straßen schmiegen. Bedeckt mit dem Blätterdach der viel besungenen Eichen, wird in den Häusern das Leben und die Welt diskutiert. Politik lernt man in Niedersachsen zwischen den dicken Brocken schwarzer Erde und den dichten Wäldern dunkler Bäume so gut, dass es immer wieder viele Niedersachsen in die Hauptstadt Berlin zieht. Dort beweisen sie sich in guter Führung und werden dafür von ihren Wählern geliebt. Zum Dank feiern sie dann Partys, auf denen sie dann mit guten Freunden bei einer gemütlichen Runde Kickern (man sagt auch Krökeln) über den Abbau des Sozialwesens, die Etablierung organisierter Kriminalität im Nachtleben, die Verscharrung ultraradioaktiven Mülls in Salzstöcken oder die sichere Versorgung mit Heizmitteln aus Schwellenländern sprechen.

2001 habe ich mein erstes Konzert gegeben. Im Backstage wurde gemeinsam Bier getrunken, geschnackt und sich gegenseitig geholfen. Alle Bands waren nervös. Plektren, Drumsticks und Gitarrensaiten wurden getauscht, Schlagzeugfelle repariert und Bassverstärker geteilt. 2012 sehen Backstageräume eher aus wie Elektronikmessen: Jeder hängt vor einem Laptop. Kabel werden gelötet und Arbeitsspeicher getauscht. Miteinander gesprochen wird fast gar nicht, zu viele schirmen sich mit ihren Kopfhörern ab. Nur der DJ arbeitet noch analog und trägt seine schweren Plattenkisten herum und stellt sich mit Namen vor.

30 ist kein Alter, 30 ist die Bilanz, die Katharsis. Der Punkt im Leben, an dem man sich fragt: Was habe ich erreicht? Was will ich noch schaffen? Wer ist mir wichtig und begleitet mich dabei? Auf einem 30. Geburtstag zu spielen ist also nicht nur ein kleines Konzert für einen Freund, sondern auch ein Geschenk und ein Zeichen, irgendwie dazu gehören zu dürfen. Danke dafür und alles Gute für die nächsten 30.

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2011 – Listen, Teil II.

Ja, es ist zu spät. Aber an dieser Stelle muss es sein. Ein persönlicher Rückblick vom Ensemblemitglied Egge. Danke für dieses bunte Jahr.

Schöne Musik:
1. Christiane Rösinger am Schauspiel – Meine Lieblings-Platte in diesem Jahr live samt Lassie-Songs. Toll.
2. Goldene Zitronen beim Boot Boo Hook-Festival. Viele fands doof. Gerade weil Schorsch damit umgehen kann, wurde es grandios.

3. Mogwai im Grünspan in Hamburg und im Capitol in Hannover. Einfach wegdriften.

4. Transmitter bei der Fete de la Musique und beim Open Flair. Was das knallt.

5. Bruno Punani beim Fährmannsfest. Für mich die Entdeckung aus Hannover 2011. Klezmer-Punk vom niedersächsischen Ural.

6. Nouvelle Vague im Capitol. Schön.

7. Flo Mega bei der Breminale in Bremen. Schweißtreibender Soul-Reggae.

8. Mediengruppe Telekommander auf der Stubnitz in Rostock und in der Glocksee. Adieu!

9. Alte Schule Masthorn beim Fährmannsfest. So klingt Politrappunk heute.

10. Clueso aufm Open Flair. Jetzt macht er auch Elektro. Gut.
Schön wars auch bei Supershirt, Kyuss, Klämpner, Jeans Team und auf all den Festivals von Fusion bis Boot Boo Hook.
 
 
2. Skurrile Kulturereignisse:
1. Vorlesung über Enterprise-Technologien in der Uni Hannover – super!
2. Schlagerfestival in der TUI Arena Hannover (Andrea Berg vergisst ihr Playback, Jürgen Drews knutscht Pressekollegen)

3. Karnevalsumzug in Hannover samt Gutti-Demo auf dem Opernplatz (kam leider keiner)

4. Die Prinzen singen im Capitol

5. Die Phudys geben sich als Mauerbrecher im Theater am Aegi

6. Klasse wir singen in der TUI Arena ist ein Singfestival von Tausenden Kindern in Niedersachsen – Massengesang macht mich nervös

7. Milow ist gar nicht so scheiße, wie man ihn scheiße finden möchte

8. „Schluss jetzt! Lauter“ von Stemann im Deutschen Theater Berlin war das beste Theaterstück 2011

9. Tanztheater „Babel“ auf Kampnagel in Hamburg war das beste Tanztheaterstück 2011

10. Das Udo Lindenberg-Musical in Berlin ist okay, das Stage-Musical hat sich wirklich an Kritik versucht & stets bemüht
Ansonsten loben wir The Computers im Heinz und Christoph Maria Herbst im Allgemeinen.
 
 
3. Schlimme Kulturereignisse:
Arschkrampen im Theater am Aegi – nee. Göbel, kotz, brech.

Der W. im Capitol – schlimm, der Böhse Onkel macht auf Verständnisschulter und Erbauungspredigt – anschließend drüber schreiben, ist wie Kampfhundebesitzer anklagen

Siggi & Raner im Theater am Aegi – ach ja, das war auch mal lustiger
 
 
 4. Fünf Filmmomente:
1. Pina von Wim Wenders – göttlich

2. Absolute Giganten im Stadion des FC St. Pauli und im Baukasten Hannover

3. Rocky Horror Picture Show in Hannover mit Freunden – und Mirco spricht jede Zeile mit

4. Melancholia – Gänsehaut, groß

5. Eine dunkle Begierde – bin im Dunkeln eingeschlafen
 
5. Gesprochen & Gewundert:
1. Tom Gerhard ist im Cinemaxx Hannover eine einzige Falte

2. Hanna Herzsprung ist bei nem Kurzfilmdreh in Hannover schön – schön einsilbig

3. Tom Astor macht in Wirklichkeit Country!

4. James Last will weitermachen – egal, wie lang

5. Ottfried Fischer kämpft ausgerechnet als CSU-Wertebewahrer gegen Bild
 
 
 6. Gesprochen & Bewundert
1. Roberto Blanco, bei der Infa getroffen, selten so viel über Popkultur verstanden

2. Heinz Rudolf Kunze im Maritim Hotel Hannover – krasse Brille & politische Einstellung, aber immer klar und direkt

3. Die Echse – die Rettung des Handpuppenhumors

4. Sven Regener hält nicht viel von langen Sätzen

5. Klaus Farin im Literarischen Salon – das Archiv der Jugendkultur

6. Daniel Küblböck – gar nicht so doof

7. Katrin Bauernfeind – verliebt

8. Thomas Meinecke im Literarischen Salon – Minimal ist nichts anderes als Tempelkultur, wow.
 
7. Verloren:
1. zwei Handys

2. eine Brille

3. einen Bulli, zeitweise

4. Geduld mit Internetanbietern

5. eine Wohnung in Hamburg
 
 
 8. Moderationsmomente:
1. Moderation der Auftaktkundgebung der Anti-Atomkraft-Bewegung

2. 1. Niedersächsische Poetry Slam-Meisterschaft in Hannover im vollen Opernhaus – Gänsehaut

3. Running Mic zum Open Flair – wir lesen sechs Stunden im hessischen Nahverkehr und die Leute haben tatsächlich Spaß.

4. Erster Team-Slam an der Parkbühne Hannover – lesen unterm Mond samt Picknick

5. Neue Sachbuchreihe mit politischen Themen und Büchern – eeeeendlich! Pavillon! Danke Lisa-Marie fürs Vertrauen

6. Zehn Tage moderieren für die Ideenexpo, samt Mirko Slomka und Katrin Bauernfeind

7. Moderation für den Literarischen Salon mit Klaus Farin, große Unterhaltung

8. Science Slam-Finale im Convention Center mit Kulturministerin vor 1000 Menschen

9. Moderation des Halbfinales der Deutschen Slammeisterschaften im Uebel und Gefährlich

10. Nochmal Slam: Erster Teamslam in der Hamburger Fabrik
Auch wunderbar: der Autofreie Sonntag mit 200000 Besuchern, die Aktion Sicherer Schulweg mit 20000 Kids, Fährmannsfest mit 15000 Besuchern, die erste Moderation für das Handwerk mit Martin Kind, erste Moderation für ABF, die Science Slams im Pavillon und die Poetry Slams bei Faust.
 
 
 9. Lesemomente:
1. Für das Recht auf Faulheit – endlich wieder Gedichte vortragen, Braunschweig, Kaufbar

2. Texte fürs Bleiberecht, Wolfsburg, Stadtbibliothek, danke an Dominik

3. Lesen fürs Buch, nicht fürs Bier, Brauhaus Hannover

4. Gedichte für Schüler des Slam-Workshops im Jugendknast Hameln

5. Gedichte für Schüler des Slam-Workshops im alten Bahnhof in Seelze
 
10. Momente, die bleiben, in Stichpunkten:
1. Island
2. Ostsee
3. Sylt
 
 
Skurrile und schöne Momente, die bleiben:
1. Eine ganze Woche Düsseldorf, um über Lena zu recherchieren
2. Eine ganze Nacht im Spielzeugladen verbringen
3. Das erste Mal auf dem stillgelegten Tempelhof laufen
4. Hochzeit im Hafenklang Hamburg feiern
5. Mit Zehntausenden in Dresden Nazis aufhalten
6. In Dresden in einem Trabanten schlafen
7. Ein Video mit einem Fanfarenzug drehen
8. Die Fusion noch 15 Stunden besuchen
9. In Utrecht die Sonnen untergehen sehen
10. Mit Herrn Costa aufwachen
 

Tag X – Auftaktkundgebung in Dannenberg

Ein Ständchen für den Ausstieg. Entnommen dem neuen alten Song „Das ist mir zu kriminell“. Gewidmet der Anit-Atomkraft-Bewegung.

Am 26. November feiert die Anti-AWK-Bewegung den Auftakt gegen den diesjährigen Castortransport. Wir unterstützen sie da gern, weil wir nicht an einen Atomausstieg in ein paar Jahren glauben, weil Atomkraftwerke durch den sogenannten Ausstieg nicht sicherer geworden sind, weil jeder Atommülltransport das Problem verschlimmert, nicht löst. Sozial verantwortlich ist es nicht, den Atommüll von Frankreich zurückzunehmen, sondern alle Atomkraftwerke sofort abzustellen.

Weil wir in Dannenberg spielen dürfen, haben wir uns mit Eurer Hilfe folgendes Medley überlegt:

Sag mal weinst du oder ist das der Regen, der aus dem Wasserwerfer perlt
Sag mal weinst du oder ist das der Regen, der aus dem Wasserwerfer perlt
Du bist das beste was mir je passiert ist, es tut so gut, wie du mich wärmst
Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig & hart
Es ist so kalt, o-o-ohne Dich, ich find es widerlich, denkst du vielleicht auch mal an mich, Norbert
Wir haben Polizeischutz, wir haben keine Angst.
Wir haben Polizeischutz, wir haben keine Angst.
Unter der Laterne, vor dem großen Tor,
sieht man aus der Ferne, Tausende davor
Da wollen wir uns wiedersehen / bei der Laterne wolln wir stehen
wie einst
und nicht mehr gehen
wie einst
und nicht mehr gehn
Komm unter meine Decke!
Wenn der Zug heut kommt, ja dann kommt er hier nicht durch,
wenn der Zug heut kommt…
Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da,
die Nacht ist da, das was gescheh‘!
Ein Gleis ist nicht nur für die Züge da,
es lädt uns ein, mit Stroh, Musik und Tee!
Berauscht Euch, Freunde, trinkt und liebt und lacht
und lebt den schönsten Augenblick!
Die Nacht, die man auf einem Gleis verbracht,
bedeutet Seligkeit und Glück!
Its just a perfect day
Über viele Brücken sollen wir gehen, viele dunkle Jahre überstehen
Das ist mir zu kriminell!

Wir grüßen Malte, Tanja, Stinka, Susanne, Ann, Daniel & all die lieben Kreativen!

Am 26.11. geht es um 13 Uhr los, 14 Uhr beginnen die Reden. Wir spielen etwa gegen 14.45 Uhr. Kommt alle!

04. November 2010 – Wendland – X

Gut, dass wir uns Stiefel mitgebracht haben, und Winterjacken. Denn seit den frühen Morgenstunden schon plätschert der Nieselregen auf das norddeutsche Land und lässt jede Faser, jeden Stoff, jeden Rucksack, jeden Menschen klamm werden. Das Stroh in den Zelten fühlt sich schon an manchen Stellen an wie Seife, und für die Nacht hat der Wetterdienst eine Sturmwarnung angesagt.

Trotzdem werkeln Dutzende Freiwillige auf diesem Camp, bauen Zelte auf, schnippeln Gemüse, kochen Tee und kümmern sich auch sonst um die Versorgung der bis zu 1400 Aktivisten, die an diesem Wochenende von hier aus ihren Unmut über den Castor-Transport und die Atomkraft-Politik in diesem Land äußern wollen.

Da wollen wir uns auch nicht über Matsch, Kälte oder schlechte Boxen beschweren, sondern einfach nur irgendwie einen Beitrag leisten, dass den Menschen, die für ihre Idee einiges an Zumutungen ertragen, ein wenig wärmer im Bauch wird.

Das gelang uns auch, zumindest bis der ältere Herr mit der Warnweste im Zirkuszelt stand und eben mal „so zehn Helfer“ brauchte, um einen Lastwagen auszuladen. Die rund vierzig Helfer brauchten dann eine halbe Stunde, bis alles abgeladen war.

Am Schluss standen wir wieder im Zelt, schunkelten ein wenig zum Rhythmus aus den Boxen und der Heizkanone und träumten von einer Zukunft ohne Atomstrom. „Lasst euch nicht weh tun“, wünschten wir den freundlichen Gastgebern beim Abschied.