Mai 2015 – Oldenburg und Braunschweig

Häschen, hüpf!

Tag der Arbeit? Warum nur hat der Feiertag, an dem so mancher viele Stunden auf Bierbänken, an Bratwurstständen oder entspannt in der Natur verbringt, so einen unpassenden Namen? Sollte er nicht eher Tag der Faulheit heißen? Schließlich ging es im Ursprung ja einmal um einen Kampf – einen Kampf für faire Jobs, eine soziale Nachhaltigkeit, um eine bessere Zukunft. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Arbeitsplätze!“, fasst der größte politische Philosoph unserer Zeit, das Känguru von Marc-Uwe Kling, den aktuellen Stand um den deutschen Arbeitskampf zusammen. Oder: „Arbeit, das ist doch eine bürgerliche Kategorie.“

Party! Platten! Baklava!

Doch was ist dieses Arbeit eigentlich? Für uns, für diesen Fleck Erde, der sich Deutschland nennt, für die Menschen, denen wir auf einer kleinen Reise durch Niedersachsen begegnen. In den Zügen, die wir nehmen, in den Imbissen, an den Kiosken, in den Zeitschriftenläden, in den Hotels, die wir besuchen auf unserer ersten Open-Air-Tour in diesem Jahr. Auf auf!

Mein Zugticket habe ich am Automaten gezogen. In der Lounge der Deutschen Bahn habe ich mir vom Automaten einen Tee machen lassen. Der stumm geschaltete Fernseher in der Lounge zeigt eine Doku über Industrie 4.0 – wenn Roboter unsere Arbeit klauen. Ich schüttele den Kopf und gehe noch einmal an meinem Laptop die Instrumente durch, die ich für unser neues Lied „19“ brauche. Alles digitale Klänge aus dem Laptop. (sic!)

In Oldenburg, direkt am Rathaus haben sie die Bühne für das Rock gegen Rechts Festival aufgebaut. Nach Rock und Hip-Hop dürfen wir zum Schluss den Abriss machen. Es ist ein tolles alternatives Stadtfest für die ganze Familie. Und es zeigt wieder einmal, was für eine tolle, liebenswerte Stadt Oldenburg einfach ist. Nachts holen wir uns noch schnell Pommes und schauen im Hostel schlechtes Kabarett. Rüdiger Hoffmann eröffnet nach gefühlten 50 Jahren seine Sketche immer noch mit „Hallo erstmal.“ Der Finger drückt auf aus.

Herrchen und sein Hund

In Braunschweig stehen wir auf dem Burgplatz vor Tausenden Aktiven, die jedes Jahr zum 1. Mai aufrufen. Bunte Fahnen, gute Laune, kämpferischer Geist. Wir dürfen das musikalische Programm zu den Reden bringen. Alle sind nett, gut drauf und engagiert. Toll. Danach ziehen wir gemeinsam in den Bürgerpark. Unser zweites Open-Air in diesem Jahr. Und es macht super viel Spaß. Danach blicken wir verträumt auf den Teich und freuen uns über das gute Wetter. Ab in den Zug nach Hannover, nach Hause. Und melancholisch auf dem Balkon sitzen oder auf der Faust-Wiese Bekannte herzen. Toll, danke. Es ist Frühling, endlich.

Egge:
Tag der Arbeit. Ich denke an die Chicagoer Anarchisten, die Bomben geworfen haben sollen. Und die Entschuldigung der amerikanischen Regierung Jahrzehnte später. Es gab da mal ein gutes Wagenbach-Buch dazu. Lesen! Genau wie das Buch „Dynamit“ über den amerikanischen Bürgerkrieg. Anarchistischer Zungenschlag, herausgegeben Anfang der Siebziger. Und ich hab neulich laut gelacht, weil das Vorwort von einem Joschka Fischer stammt. Ich schweife ab.

Selfieee

Wir haben früher nie beim 1. Mai irgendwo gespielt. Ich musste moderieren. Das Internationale Faust-Festival. Immer Ska-Punk, immer Sonne & vor allem immer Lied 7 auf der CD mit den Langstrumpf-Liedern: „Faul sein ist wunderschön.“ Vor jedem Act. Pflicht! Holgi macht das Lied an, die Leute pfeifen mit, so ging unser 1. Mai. Ich hab damals viele Mühsam-Gedichte gelesen, Bakunin, Kropotkin, p.m. Es gab Ökoanarchisten, die Krisis-Gruppe, die Direkte Aktion im Abo. Als 2000 in Hannover die Expo auch beim 1. Mai angekündigt wurde, hing deren Symbolfigur namens Twipsy an einem Galgen aus dem Fenster am Hauptauftaktsplatz. Daneben ein Banner: Geht doch arbeiten. Mit der Naturfreundejugend, dem DGB und den Falken hab ich damals eine Broschüre veröffentlicht. Zitate und Gedichte gegen den Arbeitswahn. Von Büchner bis Dario Fo. Die schönsten kamen auf Pappschilder, die wir den Genossen und Kollegen entgegenhielten. Arbeitszeitverkürzung geht auch radikaler. Der Paul und sein Recht auf Faulheit ließ grüßen.

Besetzt?
15 Jahre später stehen wir in Braunschweig und ein älterer Besucher fragt uns während des Soundchecks, ob wir Fahnen haben. Welche? Egal. Wir sagen: ausverkauft. Später kommt das Jugendbündnis und stellt die Systemfrage, und der Oberbürgermeister lächelt still. Wäre schon lustig, wäre der Ex-OB und Ex-NPDler H. zugegen und noch im Amt. Wir kommen auf die Bühne und zitieren die Scherben: Arbeit macht das Leben süß, so süß wie Maschinenöl. Keine Pointe. Später treffen wir den Berger, Roland Krämer, Ralf und etliche andere, die schon immer etwas abseitigere Kultur in Braunschweig gefordert und gefördert haben. Und fühlen uns wohl. Beim bunten Block läuft Elektro, bei uns Jazz. Und irgendwo läuft eine Band aus Köln: Früher Revolution, heute Mülheim Asozial. Ja, ironisch gemeint, mal über sich selbst lachen, genau.

Memememe
In Oldenburg trafen wir Annika Blanke, eine Autorin, von der ich nie weiß, mit wievieltem Ns sie geschrieben wird. Sie muss los, Auftritt für bunte Kultur, Poetry Slam, & ich habe einst mal gezählt, wieviele dieser bunten Abende manche Slammer so abreißen. Nur bunter wird es irgendwie nicht.
Auf der Bühne in Oldenburg rockten Out of Ashes und Groove Garderobe. Ich kam ganz gut rein, die Besucher auch. Ein guter Abend. Tief in der Nacht spielte ein Punk Schleimkeim auf ner Klampfe, ohne Verstärker, Mikro, Bühne. Ich musste ihn drücken, ich fand es irgendwie passend zum 1. Mai. Und hatte Das letzte Lied auf diesem Arbeiterlied-Tapesampler aus dem Anares-Vertrieb im Ohr von Schmetterlinge bis Nina Hagen, Biermann bis Fluchtweg. Mal wieder den Paul lesen dachte ich, wenn ich Zeit dafür finde, mal wieder Mühsam, wenn’s passt, mal wieder Müßiggang, vielleicht am Mittwoch zwischen 14 und 16 Uhr. Der Kampf geht weiter, sagt der Rudi an Holgers Grab. Die Tachonadel jagt die Uhr, sagt Jonny Hill.

1. Mai 2013 – Braunschweig, Lübeck, Hannover

Wir haben den richtigen Zug bekommen, die Anschlüsse hatten keine Verspätung. Wir haben das Festivalgelände in der Lübecker Innenstadt sofort gefunden, haben uns durch die Massen zur richtigen Bühne gekämpft, angefangen, aufzubauen und dann bricht der Synthesizer zusammen. Immer wieder hakt es, springt der Loop raus, kommen Störgeräusche. Ein Konzert schein so unmöglich zu sein. Egge und ich schauen uns kurz an und atmen ruhig ein und aus.

Viele Stunden vorher, Hunderte Kilometer weiter südlich: Die Sonne steigt gerade über das Dach der Burg und scheint auf den leeren Burgplatz in der Braunschweiger Innenstadt. Ein paar versprengte Feiernde laufen zombiehaft durch die Straßen und singen Lieder. „Wir sind asozial, asoziale Asoziale, wir wohnen unter Brücken und in der Bahnhofsmission.“ Oder „Kniet nieder, die Hauptstadt ist da.“ Vor dem amerikanischen Fast-Food-Laden treffen sich Profi-Raver, daneben retten wieder ein paar ältere Herren die Welt und halten sich so früh schon oder noch an ihrem Bierglas fest. Ein Pärchen keift sich an. Die Polizei fährt langsam vorbei. Ein guter Morgen, um den Tag der Arbeit anzufangen.

Wir dürfen ein paar Lieder zum Einstieg bei der Demonstration spielen. Ein schöner Kontrast: Langjährige Arbeitskämpfer, junge Wilde und wir mit unseren Liedern. Schön. Eine Stunde später dann im Bürgerpark beim Fest: Familien, Kinder, Alte und Junge – schön und direkt am Wasser. Aber wir müssen natürlich schnell zum Zug.

Der ICE nach Norden ist voller Menschen, die zum Evangelischen Kirchentag in Hamburg wollen. „So viel du brauchst“ ist das Motto in diesem Jahr. Wir brauchen einen Sitzplatz, bekommen keinen angeboten und beziehen den Flurboden. Abschätzige Blicke anstatt Nächstenliebe. Dafür spielen ein paar Kinder mit uns „Ich sehe was, das du nicht siehst“.

Lübeck ist warm, doch an den Bäumen sind bislang nur einzelne Blätter. So ganz ist der Frühling noch nicht angekommen. Doch die Sonne küsst die Besucher beim 1.Mai-Fest auf dem Gelände des Treibsands. Es ist eine sehr entspannte, schöne Atmosphäre, bis 18 Uhr ist Kinderfest und dadurch der Verkauf von Alkohol verboten. Wir treten also als erste Band auf der Bühne draußen vor nüchternen Menschen auf. Wenn wir überhaupf auftreten: Denn der Synthie springt immer wieder rum, die Beats laufen nicht gerade. Verzweifelt schauen wir uns an. „Was machen wir jetzt?“ „Keine Ahnung, ich glaube ich schraube das Ding mal auf“, sage ich, hole das Taschenmesser raus und entferne die Rückenwand des Geräts. Drinnen hat sich eine Schraube gelockert und liegt auf einer Platine. „Guck mal, die lenkt sicher das Signal ab“, sagt der Techniker, der uns immer wieder gut zuredet. „So was Kleines kann es doch gar nicht sein.“ „Warum nicht? Probier mal!“ Ich schalte das Gerät wieder an, es läuft durch ohne Probleme. Der Soundcheck ist schnell durch, wir können pünktlich anfangen.