29. Februar 2012 – Schalttag


Meine Bank hat mir wieder einen dieser Briefe geschickt. „Verdacht auf Skimming. Ihr Konto. Unser Bankautomat. Verbrecher. Datenklau. Neue Karte. 14 Tage warten.“ Die Boulevardpresse schreibt etwas von Banden aus Südamerika oder Osteuropa oder sogar Braunschweig, die systematisch Bankautomaten präparieren würden, um Daten zu klauen und Geld abzuheben. Ein Sprecher einer Konkurrenzbank sagt trocken, dass meine Bank weniger bezahlt, wenn sie mir die Karte ersetzt und sich das Geld von einem extra dafür eingerichteten internationalen Fonds erstatten lässt, als dass sie ihre Automaten regelmäßig kontrolliert. Woran ich einen präparierten Automaten erkennen würde, kann er mir aber nicht sagen. „Sonst wüssten sie ja, wie sie ihn selbst präparieren könnten.“

Niemand kann mir sagen, was mit Griechenland war, als alle Journalisten den kürzlich zurückgetretenen Bundespräsidenten gejagt haben. Auf jeden Fall haben jetzt alle wieder eine Meinung zu dem armen Land, dass nicht mehr sparen kann und dem doch das Geld ausgeht. Ein Freund erzählt von Millionären aus Athen, die gerade alles in Berlin aufkauften. Reihenweise Häuser.

Die drei Bundeswehrsoldaten wollen Frühstücken. Mustafa hinter der Theke schaut ihen erst auf die Uniform, dann ins Gesicht. „Seid ihr überhaupt Deutsche?“ „Hier in Deutschland geboren.“ „Aber keine Deutsche?“ Die drei schauen sich an. Auf ihren Uniformen stehen die Nachnamen:  Kaszinski, Kemal, Gutierrez. Mustafa grinst und zeigt ihnen ein Tisch. „Egal, erstmal Tee.“

Der Baron hat schon zwei Bier leer getrunken. Der Baron steht jeden Morgen am Aufgang der U-Bahnstation und wartet. Und trinkt. Die langen blonden Haare streng nach hinten geschmiert. Der lange Mantel ohne Flusen. Das Hemd gebügelt. Die Hose fleckenfrei. Der Baron ist kein Penner oder Alkoholiker, der Baron sieht sich als Privatier. Gut gelaunt kommentiert er das Treiben hier im Rotlichtviertel, das nun gerade langsam wieder wach wird. Ein Geschäftsmann verlässt eilig einen Männerklub. „Na, vor dem Dienst in der Bank erstmal Druck ablassen, ne?!“ Der Mann wird rot im Gesicht und läuft schneller. „Hoffentlich war sie wenigstens volljährig.“ In der Zeitung steht, dass ein paar Tage zuvor zwei minderjährige Rumäninnen aus ihrer Zwangsprostitution befreit wurden. „Ekelhaft“, sagt der Baron und macht sich das dritte Bier auf. „Nur Abschaum geht in den Puff.“

An der Kasse des Bücherladens erzählt sie, dass eingebrochen wurde. Der ganze Schmuck weg. Und die Unterwäsche rausgeruppft. Die Wohnung ein Schlachtfeld. Gleich die Polizei gerufen. Schlösser getauscht. „Ich kann seitdem nicht richtig schlafen. Immer diese Angst.“ Die beiden Buchverkäufer schauen sich an. „Kennst du die?“ Ne, du?“ Die Frau nimmt ihre Krimis und verlässt den Laden.

Kurz kommt die Angst auf, die Hipster könnten in die FDP einsteigen, damit sie sagen können, sie wären schon dabei, als es noch nicht cool war.

„Akademiker müsste man sein“, sagt der Mann an der Straßenecke. „Die werden doch überall gebraucht. Von wegen Fachkräftemangel und so.“ Ich beruhige ihn, dass Akademiker auch nicht mehr so ein geiles Leben haben wie zu Goethes Zeiten. „Schade, ich hätte mich für die ganzen Taxifahrer gefreut.“

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10.–12. Februar 2012 – Denzlingen/Freiburg/Offenburg

„Charlie, Omega, Martha, Bertha, Alpha, Tengo“. Der freiweillige Wehrdienstleistende gibt noch schnell die genaue Schreibweise von Combat durch. Kamerad Schmidt will sich ein T-Shirt designen, in Nato-oliv. Zwischen drei vier Schlücken Biermitcola erklärt er, dass Schmidt Janine mit Vornamen heißt und in der Kompanie am besten schießen und am meisten trinken würde. „Ihr seid Musiker? Seid ihr unterwegs zu dieser Springbreak-Party?“ Wir nicken und gehen weiter.

Eigentlich sei er ja Blueser. Ist mit seiner Band schon überall aufgetreten. Doch natürlich, das Geld. Es zwingt ihn dazu, einen doofen Job als Ingenieur beim bösen BASF zu machen. Dafür kann er sich aber Gitarren leisten, die nur für ihn gebaut werden. Sonst würde er das Leben der Freiheit genießen. „Allein schon wegen der Bräute.“ Wir führen ihn in das Testen von Discounter-Champagner ein, bis der Schaffner reinkommt. „Sie wissen schon, dass das hier ein Kleinkinderabteil ist?“ „Steht ja drauf.“ Einen zweiten Schluck Champagner lehnt unser Gast ab, er muss vom Karlsruher Bahnhof noch ein paar Kilometer raus fahren, in die Vorstadt. Da haben sie damals ein super günstiges Baugründstück bekommen, und im Keller trifft er sich immer mit seinen Freunden zum Proben. „Da können wir so laut sein, wie wir wollen.“

Die Jecken treffen sich um 19.33 Uhr. Ist ja auch ein lustiges Jahr gewesen, damals. Die fünfte Jahreszeit neigt sich ihrem Höhepunkt zu. In der Zeitung stand, dass eine Frau so hart gestolpert ist, dass sie nicht mehr von selbst hochkommen konnte. Sie fror am Boden fest und konnte nur von der Feuerwehr losgeeist werden. An der Kasse des Discounters werden wir nach dem Alter gefragt, als wir drei Flaschen Champagner und ein riesiges Stück Ingwer auf das Fließband legen.

Im Backstagebereich des JUZE Denzlingen – ein schwarzer Vorhang – wird über Bands gesprochen, die es geschafft haben und solche, die es noch schaffen wollen. Von der Musik leben, erfolgreich sein, Miete zahlen mit Auftritten, T-Shirt-Verkäufen und MP3-Downloads. Es fallen die Wörter Delivern, Identity und Performance. Dann fallen die Bassboxen auf, die Mikros sind übersteuert und jemand hat vergessen, zu heizen. Heiser und kaputt klettern wir von der Bühne. Das war schon wieder nicht der Durchbruch.

Von der Bergspitze aus kann man die Schweiz sehen, theoretisch. Jemand hat in den Neuschnee Obszönes geschrieben. Ein Anderer hat es jeweils mit „deine Mutter“ ergänzt. Es ist still und kalt und hell und sonnig und weiß, und man möchte an keinem anderen Ort der Welt sein, jetzt in diesem Moment. Auch wenn das Feuerzeug nicht funktioniert. Später im Ausflugslokal gibt es Grog und Tote Tannte und Schwarzwaldkuchen.

Die kleine Holzhütte schmiegt sich zwischen die Mietkasernen. Hier in Freiburg, wo Schwarz-Grün schon erfolgreich getestet wurde und Plakate nur Reggae-Partys oder Bachblütentherapien ankündigen. Wo es scheinbar jeden Tag eine Demonstration gibt und die Polizistinnen sich wie zum Date schminken. Die kleine Hausherrin schiebt uns an einen Tisch und schmeißt die Speisekarten auf den Tisch. „Jetzt bestellen, schnell essen. Alles reserviert.“ Während zuckersüßer asiatischer Technopop uns benebelt, essen wir eines der besten asiatischen Essen unseres Lebens. Als die gebackene Banane kommt, wirft die Hausherrin auch schon die Rechnung auf den Tisch. „Geht, alles reserviert. Raus.“

Sie lässt ihn einfach sitzen. Dabei hat er doch so liebevoll seine Zunge immer wieder in ihr Gesicht gepresst, während sie mit ihrem Freund gesprochen hat. Also muss sich der Aufmerksamkeitdefizitäre ein neues Opfer bringen. Schließlich kann es ja nicht sein, dass er in seiner ganzen Hip-Hop-Realness, dem Testosteronproblem und der Flasche Lidl-Wodka für 2,99 Euro intus ignoriert wird. Also stellt er sich neben dem Rapper von vorhin und erzählt ihm, er wolle ihn jetzt batteln. Keine zwei Lines hält er durch und gibt zwischendurch immer wieder ein „Schnauze, du Opfa!“ von sich. Sein Gegner nutzt die Gunst der Stunde und battelt ihn auf dem Niveau eines 11. Klässlers von Anfang der Neunziger zurück und beansprucht natürlich im letzten Reim, an dem Abend seine „Alte flachzulegen wie ein Champ.“ Die sogenannte Alte steht neben ihm und guckt jetzt böse. Ein „Sorry, Schatz!“ reicht nicht aus. Ihre Laune ist dahin und beide gehen nach Hause: die Alte und der Rapper. Im Schlepptau haben sie ihren Prolltroll. Ein tolles Team.

Wir wachen viel zu spät auf, in einem Jugendzimmer irgendwo zwischen Stuttgart und Freiburg. Draußen liegt Schnee und es ist kalt. Von den Wänden grinsen uns Metallice, Slayer und noch ein paar andere Metalbands an. Die Lieblingsfarbe dieses Mittelkindes in diesem Einfamilienhaus ist schwarz. Im Bücherregal steht „Das Mädchenbuch“, „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, eine Auswahl Deutsch-LK-Literatur und etwas über Marilyn Manson. Wir sind am Ende der Tour angekommen.

02. Mai 2011 – Tage der Arbeit

Der stadtbekannte Alkoholiker – der Typ, der immer vor dem Discounter steht und das erschnorrte Geld für Prosecco ausgibt – unterhält sich angeregt mit dem kleinen arabischen Jungen an der Kasse des Supermarkts. Während seine Mutter beunruhigt guckt, erklärt er ihm leicht verwirrt, aber lieb den Unterschied zwischen Akkordeon und Piano, den Vereinsfarben von Borussia Dortmund und Schalke 04 und wieso Wassermelonen lecker und Radieschen nicht lecker sind.
An der Schlange zum Biokaffeestand steht einer und erzählt vom Afghanistan-Einsatz. Wieviel Geld er in der Woche extra verdient. Wie viel tote Menschen er schon am Straßenrand gesehen hat. Wie krass die Amis abgehen würden und wie er immer wieder Schiss kriegt, wenn er sein vollautomatisches Gewehr anlegt, bevor er die Kaserne verlässt. Als er an der Reihe ist, fragt er den volltätowierten Barista, ob der Kaffee auch Fairtrade ist.
Im Radio erklärt ein Politiker, dass die Osteuropäer die Preise drücken würden, jetzt, wo sie frei nach Westeuropa einreisen dürfen. Ein anderer lobt die Mengen an hungrigen, jungen Menschen, die für wenig Geld in der Pflege arbeiten könnten. Ob sie das wollen, fragt niemand. Die Freundin, die in der Pflege arbeitet, überlegt kurz, bevor sie ruhig sagt: „Trotzdem werden die weiterhin die Löhne reduzieren und Ärzte und Pflegekräftestellen abbauen. Keine neuen Azubistellen oder Medizinstudienplätze schaffen. Bis sich niemand mehr um alte, kranke, behinderte Menschen kümmern wird. Stört ja auch beim schönen Leben…“
In England schauen sich alle nur das Kleid der kleinen Schwester und das lustige Blumenmädchen an, während 2011 ein Prinz eine Social-Achieverin heiratet, draußen gefeiert wird, als wäre Guttenberg Kanzler und kritische Bürger mal eben für 24 Stunden vorsichtshalber in Gewahrsinn genommen werden. Sony verkackt digitale Globalisierung und als die USA merken, dass ihnen keiner mehr zuhört, richten sie den Bösewicht hin. Die Welt feiert, dass ein Mensch umgebracht wurde, im Namen der Freiheit, Demokratie und der Menschenrechte.
In der Zeitung steht, das Wohnviertel sei eines der am gentrifiziertesten. Mieten steigen, junge Öko-Muttis mit 1000-Euro-Kinderwagen blockieren die Bürgersteige. Gleichzeitig trinken Thor-Steinar-Typen ein paar Meter weiter Biokaffee, verreckt ein Junkie auf dem Kinderspielplatz, ziehen Unmengen von Erasmus-Partyvolk durch deine Stammkneipe. Und nein, niemand von uns wohnt in Berlin.
Beim Tee erklärt dir eine Journalistin kurz vor der Rente, wie sie noch ohne Internet, in Ostdeutschland ‚9o, in Afghanistan ’95, in Indien ’97, in der Lüneburger Heide ’70 jeden Tag gearbeitet hat. Und das Wichtigste – und dann schaut sie dir in die Augen –, das Wichtigste an der Arbeit, wie auch im Leben, ist flexibel zu bleiben.