#Sommer 2016, wow!

Sommer 2016. Ein Sommer voller Staub, Sonne & Menschen, die man in einen Koffer packen möchte, um sie zu Hause auf dem Balkon wohnen zu lassen. Wir danken für wunderbare Konzerte, Lesungen & kleine Aktionen am Rande bunter Festivals, die wir besuchen durften. Eine kleine Auswahl an Bildern & vor allem ein großes Danke, gen 1. Mai Faust & Braunschweig, Fusion, Punx Picnic im AJZ Neubrandenburg, Lesezelt Burg Herzberg-Festival, Störfaktor Zwickau, Green Island in Nordhausen, Fuchsbau Festival, Stuss am Fluss in Cottbus, A Summer’s Tale, Ende Gelände & Klimacamp, Wagenplatz Norderstedt, Open Flair Eschwege, 2er, Wasted in Leipzig, The Incredible Herrengedeck, Lars Ruppel, Felix Römer, Käptn Blauschimmel & die Süßwassermatrosen, Kotfront, Kaput Krauts, Renato Kaiser, Tilman Birr, NOFX, Marvin Ruppert, Feine Sahne, Hendrik Infone, Onkel Olli und unfassbar viele Menschen & Kapellen mehr. ❤

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Das Ende des Sommers.
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Open Flair Raildshow zwischen Göttingen und Eschwege.
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Release-Party bei Onkel Olli in Hannover.
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Stuss am Fluss in Cottbus.
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Soli-Pfeffi beim Wasted in Leipzig mit Feine Sahne Fischfilet.
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Saunalandschaft beim Punx Picnic in Neubrandenburg.
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The Incredible Herrengedeck bei der Ende Gelände-Aftershow.
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Wagenplatzfest Norderstedt.
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Edeltoiletten bei der Fusion.
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Doksy-Pfingstcamp.
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Landebahn Fusion.
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Karaoke bei der Fusion.
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Störfaktor Zwickau.
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Open Flair. Foto: Marvin Ruppert.
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Backstage A Summer’s Tale mit Filo, Rita, Sim, Sebastian und Sebastian.
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Lesezelt beim Burg Herzberg-Festival mit Lars Ruppel (hinterm Vorhang).
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Das Lumpenpack beim Fährmannsfest.
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Hendrik Infone beim Fuchsbau Festival-Finale.
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Marvin Ruppert auf dem Weg zum Open Flair.
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Feine Sahne Fischfilet und Kaput Krauts in Leipzig.
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Stuss am Fluss in Cottbus.
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Fusion-Landebahn.
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Doksy-Pfingstcamp.
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Burg Herzberg-Festival.
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Green Island in Nordhausen.
Fusion
Fusion.
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1. Mai Braunschweig.

Sommer 2015

Kennen Sie diese Pinguine?

In Deutschland brennen wieder Heime. „Besorgte“ Bürger zeigen ihre hasserfüllte Fratzen in die Kameras und brüllen die Stimmen der Vernuft nieder. Während der Klimawandel das Wetter heiß und trocken macht und die Medien die besten Tipps gegen Wespen sammeln, schleichen durch die Städte Gestalten, die mit Schaum im Mund ihre vermeintliche Überlegenheit zelebrieren. Doch es gibt auch die vielen positiven Meldungen und Fotos von Menschen, die Geflüchtete versorgen, aufnehmen, mit ihnen ihr Essen, Wohnung und Zeit teilen.

Und wir stehen irgendwo auf einer Bühne, machen unsere Musik, ein paar Witze, tanzen, lachen. Steigen in München nackt in die Isar, gehen immer wieder in der Ostsee baden, feiern auf dem Platzprojekt in Hannover das bunte Leben im Container, machen Freestyle-Rap auf dem Bauwagenplatz in Erfurt mit unseren Braunschweiger Freunden von Kackschlacht, trotzen dem Sommersturm im Nexus bei der Punk-Lesung und machen Emo-Selfies mit Mülheim Asozial, erklären beim Geburtstag des AJZ Neubrandenburg, wie die Jugend dank Texten von Kollegah oder Haftbefehl besser mit Konflikten bei der Arbeit, in der Uni oder im Plenum umgehen, gehen im Tollensersee baden (immer wieder toll!), machen beim Openflair Teenie-Trinkspiele mit dem Lumpenpack und Rainervonvielen, lernen viele tolle neue schlechte Witze beim Sommerfest des SZ Norderstedt und schaffen es endlich in die schöne Stadt Schwerin zum Sommerfest des Komplex.

Dazwischen turnen wir auf dem Ajuca herum und bringen jungen Menschen Nachhaltigkeit bei, fahren durch Südeuropa, jagen Wellen hinterher und treffen immer wieder die tollsten Menschen. Während in den Medien Europa totgeschrieben wird, erfahren wir Hilfsbereitschaft, Liebe, menschliche Wärme, tolle Ideen und Kultur, die einen morgens aus dem Bett aufstehen lässt. Der Sommer ging viel zu schnell vorbei. Wir sind unendlich dankbar. Immer noch. Mit so einem aufgefüllten Herz kann uns der Herbst nichts!

Juni 2015 – Braunschweig und Potsdam

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Diese Menschen immer. Die so nett sind, dass wir uns immer wieder freuen, sie irgendwo in der Weltgeschichte zu treffen. Zum Beispiel diese eine Band aus München, mit dem abgefahrenen Namen: Todeskommando Atomsturm. Münchens heißester Punkscheiß, korrekte Kerle und eine korrekte Frau. Auf der Bühne wie wilde Derwische. Und gute Haare haben die auch alle. Und gesundeHaut. Unfair ist das. Im Braunschweiger Nexus durften wir nach langer Zeit mal wieder die Bühne mit unseren Label-KollegInnen teilen. War geil. Im Oktober spielen wir mit denen beim diesjährigen Twisted Chords-Label-Festival in Leverkusen. Sehr sehr geil.

Und dann diese anderen Menschen, die man kennen- und sofort liebenlernt. Mit ebenfalls abgefahrenen Namen für ihre Band: Ich meine, wer kommt denn auf Kackschlacht? Für uns Hannoveraner ist die Sache klar: Die müssen aus Braunschweig sein. Sind sie auch und standen ebenfalls im Nexus mit uns auf der Bühne. Und haben gerockt, alterverfalter. Neue EP, diesdas. Jungs und Mädchen, schaut sie euch an, bevor sie wegen des Ruhms durchdrehen und auf Youtube eine eigene Sendung bekommen. Jetzt wo der Raab weg ist.

Noch ein Satz zum Nexus: ja, das war dieser wunderbare Laden in Braunschweig, der uns schon 2008 eingeladen hatte. Damals hat Egge seine Texte noch abgelesen und wir liefen als Hörspiel. Egge hatte da auch vorher mal mit Steven Gedichte gelesen und traf Leute wie Axel Klingenberg und Daniel Terek, die alte Bumsdorfer Gerüchteküche-Bande halt. Damals wurde noch viel saniert. Heute gibt es Bandwohnungen und ein Dachstuhl mit Sonnenbänken, also Bänke mit echter Sonne. Da ist mächtig was entstanden. Schön! Danke L. fürs Vertrauen!

Ein paar Tage später sitzen wir brav auf einem Sofa in Potsdam und rezitieren vor dem vollen Saal des Kuze mal wieder die gesammelten Werke der Punkerlyrik. Seit zwei Jahren machen wir den immer gleich schlechten Witz, dass diese Texte ja eigentlich der beste Lernstoff für die Schule wären. Und zack, sitzt da eine 11. Klasse im Publikum und freut sich, dass wir ihnen die prüfungsrelevanten Inhalte so zielgruppenorientiert verabreichen. Hat das Studium ja doch was gebracht. Nur mit dem Schnaps, das war dem Lehrer vielleicht doch nicht so geheuer. Dafür war sogar die Presse da, soff und analysierte den Auftritt fachgerecht. Wahnsinn! Was bleibt? Noch ein paar Grüße gen AStA, Uhlandstraße, Spartacus & Freiland. Ihr wisst schon, wer alles gemeint ist. Ganz MV in Brandenburg eben.

PS: Wer den Text von Knochenfabriks „Filmriss“ nicht mehr, ähem, zusammenbekommt, kann ihn in Potsdam aufm Klo nachlesen. Bildung, ey.

Mai 2015 – Oldenburg und Braunschweig

Häschen, hüpf!

Tag der Arbeit? Warum nur hat der Feiertag, an dem so mancher viele Stunden auf Bierbänken, an Bratwurstständen oder entspannt in der Natur verbringt, so einen unpassenden Namen? Sollte er nicht eher Tag der Faulheit heißen? Schließlich ging es im Ursprung ja einmal um einen Kampf – einen Kampf für faire Jobs, eine soziale Nachhaltigkeit, um eine bessere Zukunft. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Arbeitsplätze!“, fasst der größte politische Philosoph unserer Zeit, das Känguru von Marc-Uwe Kling, den aktuellen Stand um den deutschen Arbeitskampf zusammen. Oder: „Arbeit, das ist doch eine bürgerliche Kategorie.“

Party! Platten! Baklava!

Doch was ist dieses Arbeit eigentlich? Für uns, für diesen Fleck Erde, der sich Deutschland nennt, für die Menschen, denen wir auf einer kleinen Reise durch Niedersachsen begegnen. In den Zügen, die wir nehmen, in den Imbissen, an den Kiosken, in den Zeitschriftenläden, in den Hotels, die wir besuchen auf unserer ersten Open-Air-Tour in diesem Jahr. Auf auf!

Mein Zugticket habe ich am Automaten gezogen. In der Lounge der Deutschen Bahn habe ich mir vom Automaten einen Tee machen lassen. Der stumm geschaltete Fernseher in der Lounge zeigt eine Doku über Industrie 4.0 – wenn Roboter unsere Arbeit klauen. Ich schüttele den Kopf und gehe noch einmal an meinem Laptop die Instrumente durch, die ich für unser neues Lied „19“ brauche. Alles digitale Klänge aus dem Laptop. (sic!)

In Oldenburg, direkt am Rathaus haben sie die Bühne für das Rock gegen Rechts Festival aufgebaut. Nach Rock und Hip-Hop dürfen wir zum Schluss den Abriss machen. Es ist ein tolles alternatives Stadtfest für die ganze Familie. Und es zeigt wieder einmal, was für eine tolle, liebenswerte Stadt Oldenburg einfach ist. Nachts holen wir uns noch schnell Pommes und schauen im Hostel schlechtes Kabarett. Rüdiger Hoffmann eröffnet nach gefühlten 50 Jahren seine Sketche immer noch mit „Hallo erstmal.“ Der Finger drückt auf aus.

Herrchen und sein Hund

In Braunschweig stehen wir auf dem Burgplatz vor Tausenden Aktiven, die jedes Jahr zum 1. Mai aufrufen. Bunte Fahnen, gute Laune, kämpferischer Geist. Wir dürfen das musikalische Programm zu den Reden bringen. Alle sind nett, gut drauf und engagiert. Toll. Danach ziehen wir gemeinsam in den Bürgerpark. Unser zweites Open-Air in diesem Jahr. Und es macht super viel Spaß. Danach blicken wir verträumt auf den Teich und freuen uns über das gute Wetter. Ab in den Zug nach Hannover, nach Hause. Und melancholisch auf dem Balkon sitzen oder auf der Faust-Wiese Bekannte herzen. Toll, danke. Es ist Frühling, endlich.

Egge:
Tag der Arbeit. Ich denke an die Chicagoer Anarchisten, die Bomben geworfen haben sollen. Und die Entschuldigung der amerikanischen Regierung Jahrzehnte später. Es gab da mal ein gutes Wagenbach-Buch dazu. Lesen! Genau wie das Buch „Dynamit“ über den amerikanischen Bürgerkrieg. Anarchistischer Zungenschlag, herausgegeben Anfang der Siebziger. Und ich hab neulich laut gelacht, weil das Vorwort von einem Joschka Fischer stammt. Ich schweife ab.

Selfieee

Wir haben früher nie beim 1. Mai irgendwo gespielt. Ich musste moderieren. Das Internationale Faust-Festival. Immer Ska-Punk, immer Sonne & vor allem immer Lied 7 auf der CD mit den Langstrumpf-Liedern: „Faul sein ist wunderschön.“ Vor jedem Act. Pflicht! Holgi macht das Lied an, die Leute pfeifen mit, so ging unser 1. Mai. Ich hab damals viele Mühsam-Gedichte gelesen, Bakunin, Kropotkin, p.m. Es gab Ökoanarchisten, die Krisis-Gruppe, die Direkte Aktion im Abo. Als 2000 in Hannover die Expo auch beim 1. Mai angekündigt wurde, hing deren Symbolfigur namens Twipsy an einem Galgen aus dem Fenster am Hauptauftaktsplatz. Daneben ein Banner: Geht doch arbeiten. Mit der Naturfreundejugend, dem DGB und den Falken hab ich damals eine Broschüre veröffentlicht. Zitate und Gedichte gegen den Arbeitswahn. Von Büchner bis Dario Fo. Die schönsten kamen auf Pappschilder, die wir den Genossen und Kollegen entgegenhielten. Arbeitszeitverkürzung geht auch radikaler. Der Paul und sein Recht auf Faulheit ließ grüßen.

Besetzt?
15 Jahre später stehen wir in Braunschweig und ein älterer Besucher fragt uns während des Soundchecks, ob wir Fahnen haben. Welche? Egal. Wir sagen: ausverkauft. Später kommt das Jugendbündnis und stellt die Systemfrage, und der Oberbürgermeister lächelt still. Wäre schon lustig, wäre der Ex-OB und Ex-NPDler H. zugegen und noch im Amt. Wir kommen auf die Bühne und zitieren die Scherben: Arbeit macht das Leben süß, so süß wie Maschinenöl. Keine Pointe. Später treffen wir den Berger, Roland Krämer, Ralf und etliche andere, die schon immer etwas abseitigere Kultur in Braunschweig gefordert und gefördert haben. Und fühlen uns wohl. Beim bunten Block läuft Elektro, bei uns Jazz. Und irgendwo läuft eine Band aus Köln: Früher Revolution, heute Mülheim Asozial. Ja, ironisch gemeint, mal über sich selbst lachen, genau.

Memememe
In Oldenburg trafen wir Annika Blanke, eine Autorin, von der ich nie weiß, mit wievieltem Ns sie geschrieben wird. Sie muss los, Auftritt für bunte Kultur, Poetry Slam, & ich habe einst mal gezählt, wieviele dieser bunten Abende manche Slammer so abreißen. Nur bunter wird es irgendwie nicht.
Auf der Bühne in Oldenburg rockten Out of Ashes und Groove Garderobe. Ich kam ganz gut rein, die Besucher auch. Ein guter Abend. Tief in der Nacht spielte ein Punk Schleimkeim auf ner Klampfe, ohne Verstärker, Mikro, Bühne. Ich musste ihn drücken, ich fand es irgendwie passend zum 1. Mai. Und hatte Das letzte Lied auf diesem Arbeiterlied-Tapesampler aus dem Anares-Vertrieb im Ohr von Schmetterlinge bis Nina Hagen, Biermann bis Fluchtweg. Mal wieder den Paul lesen dachte ich, wenn ich Zeit dafür finde, mal wieder Mühsam, wenn’s passt, mal wieder Müßiggang, vielleicht am Mittwoch zwischen 14 und 16 Uhr. Der Kampf geht weiter, sagt der Rudi an Holgers Grab. Die Tachonadel jagt die Uhr, sagt Jonny Hill.

1. Mai 2013 – Braunschweig, Lübeck, Hannover

Wir haben den richtigen Zug bekommen, die Anschlüsse hatten keine Verspätung. Wir haben das Festivalgelände in der Lübecker Innenstadt sofort gefunden, haben uns durch die Massen zur richtigen Bühne gekämpft, angefangen, aufzubauen und dann bricht der Synthesizer zusammen. Immer wieder hakt es, springt der Loop raus, kommen Störgeräusche. Ein Konzert schein so unmöglich zu sein. Egge und ich schauen uns kurz an und atmen ruhig ein und aus.

Viele Stunden vorher, Hunderte Kilometer weiter südlich: Die Sonne steigt gerade über das Dach der Burg und scheint auf den leeren Burgplatz in der Braunschweiger Innenstadt. Ein paar versprengte Feiernde laufen zombiehaft durch die Straßen und singen Lieder. „Wir sind asozial, asoziale Asoziale, wir wohnen unter Brücken und in der Bahnhofsmission.“ Oder „Kniet nieder, die Hauptstadt ist da.“ Vor dem amerikanischen Fast-Food-Laden treffen sich Profi-Raver, daneben retten wieder ein paar ältere Herren die Welt und halten sich so früh schon oder noch an ihrem Bierglas fest. Ein Pärchen keift sich an. Die Polizei fährt langsam vorbei. Ein guter Morgen, um den Tag der Arbeit anzufangen.

Wir dürfen ein paar Lieder zum Einstieg bei der Demonstration spielen. Ein schöner Kontrast: Langjährige Arbeitskämpfer, junge Wilde und wir mit unseren Liedern. Schön. Eine Stunde später dann im Bürgerpark beim Fest: Familien, Kinder, Alte und Junge – schön und direkt am Wasser. Aber wir müssen natürlich schnell zum Zug.

Der ICE nach Norden ist voller Menschen, die zum Evangelischen Kirchentag in Hamburg wollen. „So viel du brauchst“ ist das Motto in diesem Jahr. Wir brauchen einen Sitzplatz, bekommen keinen angeboten und beziehen den Flurboden. Abschätzige Blicke anstatt Nächstenliebe. Dafür spielen ein paar Kinder mit uns „Ich sehe was, das du nicht siehst“.

Lübeck ist warm, doch an den Bäumen sind bislang nur einzelne Blätter. So ganz ist der Frühling noch nicht angekommen. Doch die Sonne küsst die Besucher beim 1.Mai-Fest auf dem Gelände des Treibsands. Es ist eine sehr entspannte, schöne Atmosphäre, bis 18 Uhr ist Kinderfest und dadurch der Verkauf von Alkohol verboten. Wir treten also als erste Band auf der Bühne draußen vor nüchternen Menschen auf. Wenn wir überhaupf auftreten: Denn der Synthie springt immer wieder rum, die Beats laufen nicht gerade. Verzweifelt schauen wir uns an. „Was machen wir jetzt?“ „Keine Ahnung, ich glaube ich schraube das Ding mal auf“, sage ich, hole das Taschenmesser raus und entferne die Rückenwand des Geräts. Drinnen hat sich eine Schraube gelockert und liegt auf einer Platine. „Guck mal, die lenkt sicher das Signal ab“, sagt der Techniker, der uns immer wieder gut zuredet. „So was Kleines kann es doch gar nicht sein.“ „Warum nicht? Probier mal!“ Ich schalte das Gerät wieder an, es läuft durch ohne Probleme. Der Soundcheck ist schnell durch, wir können pünktlich anfangen.

30.08./01.09. Braunschweig/Itzehoe/Internet

Jeder ist ein Künstler im Internet. Auch wir nutzen die Technologien, die es uns einfach machen, eine Webseite zu betreiben, Profile in diversen sozialen Netzwerken zu pflegen, unsere Lieder und Videos hochzuladen, über das Internet Soundfragmente unter uns und mit diversen Helferlein zu tauschen. Die Art, wie wir als Band arbeiten, würde ohne das Internet an manchen Stellen sicherlich nicht funktionieren. Wir haben darum nicht mehr als zehnmal in sechs Jahren wirklich geprobt.
Aber wir feiern auch nicht alles ab, was im Netz passiert. Künstler zahlen für die oft kostengünstigen Werkzeuge mit ihrem Inhalt. Natürlich finden wir es super, wenn die Produktionsmittel inzwischen so günstig sind, dass jeder Musik, Kunst, Videos, Designs etc machen kann. Profitieren tun aber die großen Unternehmen, denen wir unseren Inhalt ja quasi auch kostenlos zur Verfügung stellen. Warum ich diese offensichtlichen Fakten darlege? Weil wir immer wieder gefragt werden, ob wir nicht das eine oder andere Lied zum Download zur Verfügung stellen. Das machen wir gerne, vor allem hier. Und häufig bekommen wir dann auch eine Antwort, meist ein Danke. Aber auch Mails, in denen sich Menschen enttäuscht bis beleidigt zeigen, dass die Musik nicht so klingt, wie live erlebt. Zwei Beispiele vom Wochenende zeigen, wie schwierig es ist, genau das auf Platte zu sammeln, was wir da live eigentlich machen.

Am Freitag durften wir wieder auf dem Sommerfest unserer Freunde des LOT-Theaters in Braunschweig spielen. Der Saal ist ein Traum von einem flexibel gestaltbaren Theaterraum. Vor uns spielte eine mitreißende Rockabillyband, nach uns eine unglaublich tolle Funkband – schon alleine das ist ein Clash. Das Publikum war sehr entspannt und sympathisch, hörte eher zu, als das es tanzte. Am Schluss gaben wir zwei Jungs (Vincent & Sidney) ein Autogramm auf unsere CD.
Am Samstag wiederum fuhren wir zu der Vernissage der Künstlergruppe Secession nach Itzehoe. In einem illegalen Klub spielten wir zwischen riesigen und provokanten Kunstwerken. Das Publikum war sehr gemischt, und während des dritten Lieds gab die Anlage auf. Man hörte einfach keine Musik mehr. Mehr als zehn Minuten lang mussten wir improvisieren, spielten Klatschspiele und verzweifelten fast, bis dann doch die Musik wieder lief. Am Ende war es eines der schönsten und intimsten Konzerte.

Viele andere Musiker pressen ihre Lieder in vorgefertigte Ableton-Live-Sets, mastern sie zu Hause, und arrangieren diese auf jedem Konzert ähnlich. Auch wir überlegen ja immer mal wieder, einen Teil der Musik zu digitalisieren, weil es einfach oft besser klingt. Aber in solchen Situationen wie am Wochenende zeigt es sich, dass die Konzerte, die wir spielen, unberechenbar und jedes Mal eine Herausforderung sind. Dass die Energie auf der Bühne viel stärker ist, als in einer Aufnahme, die im Wohnzimmer entstanden ist, ist da nur selbstverständlich. Außerdem helft ihr uns bei unserem Weg, wenn ihr euch nicht nur die Lieder auf euren MP3-Player ladet, sondern auch zu unseren Konzerten kommt, mit uns feiert und danach an der Theke bei einem Bier/Cola die Welt rettet.

ps. Danke an das Team des LOT-Theaters in Braunschweig, an die Gruppe Secession in Itzehoe und an euch für ein tolles Wochenende!

20. August 2011 – Braunschweig – Lot-Theater

Auch wenn mancher sich so kritisch wie möglich gegenüber irgendeiner Nation aufspielt, Lokalpatriotismus hat inzwischen die Rolle des Stolzseins übernommen: Es gibt viele Städtefeindschaften: Köln/Düsseldorf, Frankfurt/Offenbach und eben Hannover/Braunschweig. Für uns als Exil-Leinestädter war es also schwierig, unseren Freunden zu erklären, warum wir immer wieder gerne in die „verbotene Stadt“ fahren.

Und doch, wenn sie mitgekommen wären, hätten sie gesehen, wie schön es dort ist. Mal abgesehen von der Shopping-Innenstadt, die überall in Deutschland gleich aussehen. Wir waren aber nicht zum Einkaufen da, sondern für die Kunst.

Das Lot-Theater, versteckt in einem Innenstadthinterhof, ist Anlaufpunkt der Braunschweiger Theaterszene, aber auch Austragungsort eines Poetry Slams sowie Konzertort. Wir durften gemeinsam mit Tom Hinze, Kane und der tollen Funkband Step Flash das Hoffest beschallen. Dort, wo sonst Theater gespielt wird, wurde Spontandisko gemacht. Gefallen hat es uns auf jeden Fall, und auch nach Braunschweig kommen wir wieder…