19. Februar 2011 – Dresden – Nazifrei

Im Bahnhof brüllen sie schon. „Jung, sozial und national!“ Gerade ist eine weitere S-Bahn angekommen, und nun strömen sie auf den Platz südlich des Dresdner Hauptbahnhofs. Martialisch gekleidet, die schwarzweißroten Flaggen vor sich. Optisch nicht von den Jugendlichen in Connewitz, St. Pauli oder der Nordstadt zu unterscheiden. Allein ihr soldatisches Auftreten und die Symbole verraten ihr Motiv, an diesem kalten Samstag im Februar 2011 nach Dresden zu kommen.

Es sind Neonazis, Mitglieder von Landsmannschaften, Burschis – junge Rechtsextremisten, die auf ihre Art der Bombardierung Dresdens durch die Alliierten vor 66 Jahren gedenken wollen. Es sind fast nur Männer. Damals starben Tausende, ein Großteil der Stadt mit seiner einzigartigen Architektur wurde zerstört. Ein weiteres trauriges Ereignis in diesem Wahnsinn, der historisch nüchtern als Zweiter Weltkrieg in Schulen, Unis und Medien beschrieben wird.

Doch den Neonazis geht es nicht darum, den Toten zu Gedenken und diesen Wahnsinn anzukreiden – sie wollen provozieren mit ihrem Marsch. „Gegen Demokraten nützen nur Granaten“ oder „Wir! Kriegen! Euch! Alle!“ sind da noch die harmlosesten Parolen, die gebrüllt werden, während sie Fensterscheiben einschmeißen, sich mit der Polizei prügeln, Sitzblockaden wie in Ägypten mit Bussen überfahren.

Die Polizei, offensichtlich überfordert und auf jeden Fall für diesen Einsatz zu bemitleiden, reagiert, wie man es erwartet hätte. An der einen Stelle erklärt sie älteren Menschen und Passanten die Lage und hilft augenzwinkernd Demonstranten, an anderer Stelle sprüht sie hilflosen Liegenden Pfefferspray in die Augen, schickt Wasserwerfer, schmeißt mit Gasgranaten, schaut weg, wenn Nazis angreifen, schlägt, tritt und schubst. Am Ende werden nahezu alle Medien von gewaltbereiten Linksextremisten berichten. Das, was aber beispielsweise im großartigen taz-Ticker oder bei Twitter berichtet wird, kommt nicht vor. „Wir warten auf Al Jazeera, die würden wenigstens ehrlich zeigen, was hier passiert“, sagt ein Mitdemonstrant lächelnd aber ernst.

Denn das Wichtigste wird so einfach in den Schatten gestellt: Das mehr als 21.000 Menschen, hauptsächlich friedlich einen Aufmarsch der Neonazis verhindert haben. Das Sitzblockaden, mobile Soundsystems, Menschenketten und Mahnwachen an diesem Tag mehr für Dresden getan haben, als jede Tourismusbroschüre.

Am Ende, als keine Rechtsextremisten mehr Angst verbreiten können, fahren die mobilen Musikanlagen auf den Platz vor dem Hauptbahnhof und spielen laute Musik. Versorgungswagen verteilen heiße Suppe, Ladenbesitzer verschenken Glühwein, Tee und Kaffee wird geteilt. Oben kreisen die Hubschrauber und die Drohnen, unten tanzen wir im Schnee gemeinsam. Danke an alle, die in Dresden auf die Straße gegangen sind oder von Zuhause für Informationen gesorgt haben.

ps. Nicht nur Dresden hat gezeigt, wie man mit Rechtsextremisten umgehen muss: Als die Neonazis im Zug nach Leipzig fliehen, wird der dortige Bahnhof sofort von Hunderten Gegendemonstranten besetzt. Die Polizei schickt die Faschisten wieder nach Hause. Danke LE!


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29. Januar 2011 – Jena – Haus am Inselplatz

Erster Akt
Riesige Poren durchfurchen seine Nase. Hinter seiner dicken Brille stechen seine Augen hervor. Von seinem Tresen hat er alles im Blick: seinen Tabakladen mit den Pfeifen und Zigarren in den Vitrinen und den Grusskarten auf den Ständern. Die Passanten draußen im Göttinger Hauptbahnhof mit all ihren unangenehm gutgelaunten Studenten in Funktionsjacken. Und nun diese zwei unrasierte Spinner, die nur zwei Rubbellose für jeweils einen Euro kaufen und sich über vergangene Nächte mit Rotwein, Bücher und irgendwelche Bands unterhalten. Und das Ganze viel zu laut.
Dem einen muss man sogar zweimal sagen, dass der Tresen nicht geeignet ist, um die Lose abzurubbeln, da kommt er auch schon grinsend wieder und redet von zwei Euro Gewinn und dass er gerne zwei neue Lose dafür haben will. Sein Kollege mit diesem Ring in der Nase ist jetzt ganz neidisch, weil er nichts gewonnen hat und will jetzt die Lose aussuchen. Gewinnt aber trotzdem nicht, dafür aber wieder der andere. Frech grinsend steht er an der Theke, verlangt zwei neue Lose und läuft, sich ereifernd zurück zum Lottostand.
Wieder dauert es nur wenige Sekunden, da jubelt einer. Diesmal der bisherige Pechvogel. Ein Freilos habe er gewonnen, dass sein aber nun das letzte, was er rubbeln wolle. Und zack, legt er dreimal 40 Euro frei. Der Tabakverkäufer kann sich jetzt ein kleines Grinsen doch nicht mehr verkneifen, zahlt die beiden aus und wünscht ihnen ein schönes Wochenende.

Zweiter Akt
Der Regionalzug tuckert durch die thüringesche Provinz. Unsere beiden Hauptdarsteller durchpflügen diverse Zeitungserzeugnisse, immer wieder sich selbst unterbrechend mit Anekdoten vergangener Nächte, Gruselgeschichten und Lobpreisungen der Liebe und des Lebens an sich. Eine junge Dame gegenüber räuspert sich und blickt immer wieder herüber, während sie die disfunktionale Waggontür versucht zuzuschieben. Dass dies nichts bringe, erkärt ihr einer der Poeten, ohne von der Lektüre seines Feuilletons aufzublicken. Überrascht nutzt sie diesen Eisbrecher, um sich über das Ziel und den Grund der Reise zu informieren. Was für ein Zufall, sie sei auch Musikerin, und ja, ihre Hand im Verband sei das Ergebnis zahlreicher Übungsstunden. Ein Cello wolle beherrscht werden, wie eine Waffe. Nur dann lasse sich der Sturm ihrer Musikerkollegen auch ebenbürtig begleiten.
Lächelnd verspricht sie, vielleicht abends bei dem Konzert unserer Hauptdarsteller vorbei zu schauen. Dann ist sie für immer weg und das Ziel der Zugfahrt erreicht: Jena. Hastig werden die Zeitungen und leere Flaschen verstaut. Draußen ist es kalt.

Dritter Akt
Jena ist bekannt für Feinmechanik, Glass, Optik, teure Mietpreise und weil hier so großartige deutsche Dichter wie Goethe, Schiller oder Rainald Grebe einen Teil ihres Lebens verbracht haben. In der Innenstadt gibt das Johannistor, das man als Student niemals durchqueren solle: sonst drohe das erfolglose Ende der akademischen Laufbahn. In der Nähe des Anatomieturms gibt es einen sogenannten Späti, einen Kiosk mit Spätverkaufslizenz. Dort kann man, neben Limo und Schnaps auch so nützliche Dinge kaufen, wie thüringische Rubbellose. Ein Euro das Stück. Der Glückspilz von vorhin, der mit dem Ring in der Nase und dem fetten Gewinn in der Tasche, betrunken ob seines vorherigen Glücks, verlangt also drei dieser Exemplare, gibt zwei weiter und befreit den dritten von seiner Folie. Wenige Sekunden hat er drei 50-Euro-Zeichen freigelegt. Der Spätibesitzer, ganz unfroh, händigt den Gewinn aus, wünscht kein gutes Wochenende und bedient den nächsten Kunden, der Wodka und Schokoriegel verlangte. Unser Held indes strebt lächelnd raus, in trauter Vorahnung eines weiter toll verlaufenden Abends.

Vierter Akt
Die Steinmauer umschließt nackt und roh die Kellerräume. Eine Bar, eine Sitzgelegenheit und ein riesiger Tanzraum, das ist das Haus am Inselplatz als Veranstaltungsort. Oben wohnen noch Familien mit Kindern, junge und jungebliebene. Unten feiert man, trinkt gemeinsam und spendet für die Aktion „Dresden Nazifrei“ zum Jahrestag der Bombadierung der Stadt während des Zweiten Weltkriegs.
Ganz Wilde trauen sich auch zu unseren beiden Hauptdarstellern in den engen, stickigen und heißen Tanzraum, den diese mit ihrem Konzert beschallen. Eine Stunde später, sind die beiden nass, freuen sich mit den Gästen und glücklich. Auch wegen der zahlreichen tollen Menschen, die den Abend so schön gemacht haben. Minuten später ist im Keller kein Durchkommen mehr: Alle tanzen oder reden oder rauchen oder trinken oder so.

Fünfter Akt
Der Wind peitscht über die thüringische Steppe. Kahl stehen die Bäume in einer Allee. Die Landschaft sieht wie eine Collage zum Thema Grau aus. Die Kälte kriecht durch die Handschuhe, unter die Jacke und versucht sich am Bauch festzukrallen. Noch ist nicht viel los am Bahnhof. Und der Zug hat Verspätung.