Mai 2013 – Rangeln gegen Rechts Tour

Um ein Gefühl von unserer Woche zu bekommen, kannst du folgendes Lied laufen lassen. Musst du aber nicht. Ist aber ein tolles Lied.

7. Mai – Berlin – re:publica

Costa bei der re:publica 2013

Ich werde über Bratwürste reden. Und warum sie als Symbol für die Deutschen so unglaublich wichtig sind. Kein Politiker kommt daran vorbei, mindestens einmal in so ein Vieh zu beißen, wenn er gewählt werden möchte. Das Problem: Es gibt kein würdevolles Bratwurstessen. Die Bratwurst wird aber die Bundestagswahl entscheiden. Mindestens. Weil ich mich über ein dreiviertel Jahr mit der Forschung dazu auseinandergesetzt habe, hat mich die re:publica eingeladen. (Das Video meines Vortrags lade ich demnächst bei Youtube hoch.) Die taz, radioeins und ein paar Blogger interviewen mich anschließend, Anfragen für Vorträge kommen rein, verrückte Sache.

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Im Anschluss an die re:publica muss unser Coach zu einem Masernkranken. Wir sind geimpft und gehen daher in unsere Berliner Stammkneipe, Alter Roter Löwe Rein in Neukölln. Ein Drittel von den tollen The Incredible Herrengedeck wartet da schon, schließlich schulden wir dem jungen Mann nicht nur diverse Drinks – er hat für ein neues Lied von uns Vocals beigesteuert – er feiert außerdem seinen Uniabschluss im Löwen. Toll. Charlotte, unsere Verlegerin bei Sprechstation und umtriebige Literatur-Förderin Berlins kommt angeschwipst von einem Melvins-Konzert. Und unser Innenarchitekt Julian zeigt Fotos seines Sohns. Außerdem dürfen wir in einem Himmelbett schlafen. Gönn dir, sagen wir uns. Die Tour hat erst angefangen.

8. Mai – München – Kafe Marat

München, gefährlich
Unsere Freunde in München haben eine Partei gegründet: Wiesn Free Youth fordert ein Ende des Oktoberfests auf den Wiesn und dafür eine Umwandlung in Parkplätze. Parkplätze, finden wir auch, sind die Zukunft, daher unterstützen wir sie gerne. Vor allem, weil sie uns einen netten Biergarten empfohlen haben. Die Maß schafften wir zwar nicht ganz, zu abgelenkt waren wir von dem Töpfchen Obazda, der überall in Bayern neben Salz und Pfeffer auf jedem Tisch steht. In alternativen Läden sogar vegan.

München, kulinarisch

Bei der Lesung zeigt sich die Textfestigkeit der Münchner Avantgarde: Besonders abseitige Lyrik deutscher Punkgruppierungen wurde mitgesprochen, alles in allem ein sehr kulthafter Abendbeginn. Im Anschluss dann traten Blank Pages aus Berlin allen in den Arsch. Geile Band, gute Trinker, nur schnarchen tun einige beim Schlafen. Wir machten dagegen auf Punkrockkaraoke und Zappelelektro. Dufte.

9. Mai – Ludwigsburg – Demoz

Egge meint das ernst

Schnapps selbst ansetzen ist DIY. Gemüse auf dem Feld mitnehmen und einlegen ist DIY. Sich in seinem eigenen Garten die Gewürze anbauen ist DIY. In Ludwigsburg Kultur ermöglichen ist DIY. Es ist schon Jahre her, dass wir im Demoz gespielt haben. Damals verkrümelten wir uns nach dem Auftritt still ins Gästezimmer und schauten auf arte ein Livekonzert von The Doors an. Fanboys, wie wir sind. Konzerte dürfen in dem tollen Laden momentan nicht gemacht werden, aber Lesungen! Als kleine Erholung zum Rave in München besuchten wir tolle Menschen, die direkt am Neckar ein Leben führen, wie es selbstbestimmter fast gar nicht mehr sein kann. Dass es leckeren Schluck aus Blumen gibt, konnte Egge nicht fassen und probierte zahlreiche Sorten durch. Ich blieb beim Walnussschaps. Lecker.

Schwäbischer Hans Dampf

Auf dem Weg nach Ludwigsburg wurden wir in Stuttgart von einer besonderen Vatertagstour überrascht: Die Dampflok Feuriger Elias wartete auf uns am Hauptbahnhof, wir lösten zwei Tickets, holten uns Butterbrezn und Bier und standen die ganze Zeit neben alten kleinen Jungs auf der Plattform und genoßen die Sonne. Tuuuut, machte der Zug, und wir mussten uns Asche aus dem Haar klopfen. Nachhaltig entschleunigt kamen wir dann in der Residenzstadt an.

Deshalb heißt das Wlan Hannover

Zum ersten Mal trafen wir dort auch Toby, der vor knapp einem Jahr unser zweites Album auf seinem Label Twisted Chordz rausbrachte. Bei Sojawurst, Grillkäse und Gemüse schmiedeten wir schon Pläne, welchen Schabernack wir auf der geplanten Labeltour im Herbst machen würden. Manches erzählten wir ihm aber nicht. Hehe. Am Ende gab es noch eine tolle Einführung in lokale Punkgeschichte, eine Listening-Session moderner Popmusik und das Gefühl, genau am richtigen Platz zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten zu sitzen. Danke!

10. Mai – Mainz – Peng

Mainz, ganz anstrengend

Der Main plätschert, die Sonne hat sich hinter einer Wolke versteckt, dafür schmeckt der Weißwein umso besser – Touren ist harte Arbeit. Immer wieder. Auch in Mainz, unweit der Ausgrabungen aus der Römerzeit müssen wir uns eingestehen, dass so ein Unterwegssein nicht jeden Tag ginge. Auch im anschließenden Italiener-Test (Wie gut ist die Pizza Margherita, was kann die Tomatensauce?) gehen wir an unsere Grenzen. Ich führe auf der Straße ein Interview mit Radio Eins, Egge kauft sich einen Schellenkranz – Thug Life, sagt man dazu, oder?

Mainz, elegant

Die Innenstadt ist gefüllt mit panischen Brückentags-Shoppern. Zwischen Christi Himmelfahrt und dem Wochenende haben sich viele Leute den Tag frei genommen, den sie jetzt im Eiscafé Venezia, im Kaufhaus oder gut gelaunt in Deutschland-Trikot mit Petrick, Luca und Leonie beim Schuhekaufen verbringen. Wir holen uns Kaffee, schauen uns das Treiben an und stellen uns absichtlich in den Weg. Toll.

Mainz, Underground

Unsere Freunde vom Mainzer Künstlerkollektiv Peng haben mal wieder eine neue Heimat: Dieses Mal ist es ein ehemaliges Autohaus in Sichtweite des Hauptbahnhofs. Auf etwa 6000 Quadratmeter haben sich zahlreiche Künstler, Handwerker, Musiker und Macher eingenistet und basteln an ihrer Idee eines bunten, toleranten und fortschrittlichen Mainz. Selbst das Bier wird hier selbst vertrieben. Im Rahmen des „Killed Kitty“-Festivals durften wir ein Set auf einem runden Präsentierteller machen. Schade, dass sich das Teil nicht mehr drehen ließ. Es war ein wilder Abend, eine kurze Nacht. Merci an alle Beteiligten.

11. Mai – Köln – AZ

Banden bauen

Banden-bilden-Workshop, Molotow-Cocktailbar, Kessel-Salat – die Crew des Kölner AZ hat wirklich Humor bei ihrem Barrikaden-Festival. Im Hof werden Holzungetüme gezimmert und sich ausgetauscht, wie „der Staat“ lange genug mit so etwas fern gehalten werden kann. Dabei ist das Zentrum in Kalk von der Schließung bedroht. Dann lieber feiern und organisieren. Wir durften im vergangenen Jahr schon in Köln spielen, damals hatten wir schon riesigen Spaß. Dieses Mal sollte es noch besser werden: Am Schluß gründeten wir sowas wie einen spontanen Kneipenchor, inklusive Hunden. Besonders beeindruckend war wieder mal die Textsicherheit des Publikums. Yeah! Da schmerzte auch die Auswärts-Niederlage von 96 in Leverkusen nicht, die wir uns am Nachmittag im Stadium angeschaut hatten, nachdem wir sehr günstig noch Karten auf dem Schwarzmarkt bekommen haben. Wenn schon Ruhrpott, dann auch mit Pommes und Fußball.

Köln, ehrlich

Wir verbeugen uns für diese unglaubliche Woche bei allen Menschen, die wir getroffen haben, die uns begleitet haben. Die uns mit Witzen, Essen, Schnaps und Schlafplatz versorgt haben. Die uns bunte, spannende, wilde Städte gezeigt haben. Vielen Dank!

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14. bis 16. März 2013 – Berlin und Leipzig

Popper lesen Punk

Intro: Katja Riemann war so frech und hat bei einer Schnarchnasen-Sendung nicht die vorher geübten Sätze aufgesagt. Feiern wir natürlich ab. Clemens Meyer richtet seine Wut auf chauvinistische Altmännerliteratur und schreibende C-Promis bei der Leipziger Buchmesse auch gegen das Publikum, das wohl lieber Martin Walser oder den Glöökler sehen wollte.

In Berlin ist der Alte Rote Löwe Rein schon unsere Stammkneipe. Idyllisch gelegen in Neukölln-Rixdorf ist der Löwe Ruhepol und gleichzeitig Start- und Endpunkt vieler Reisen durch die Hauptstadt für uns geworden. Am Donnerstag durften wir dort die zweite Lesung unserer „Popper lesen Punk“-Reihe machen. Also wir hatten Spaß, vor allem weil Berlinauftritte inzwischen immer mehr zum Klassentreffen werden, bei dem man viele tolle Leute aus den letzten Jahren trifft, die sich inzwischen dort tummeln. Danke an alle. Und Danke an Tapani von The Incredible Herrengedeck für das Foto.

Vorher ließen wir uns von Freunden eine Führung durch die taz-Redaktion geben, schauten uns die Kreativen in Kreuzberg an und spielten In-die-Augen-von-Verrückten-gucken auf dem Hermannplatz. Dufte.

Am Freitag ging es dann nach Leipzig auf die Buchmesse. Wir mussten da nichts präsentieren, aber Costa war noch nie da, und ein paar nette Leute trifft man immer. Während Egge zielgerichtet durch die Hallen steuerte, blieb Costa immer mal wieder an Ständen stehen, hörte sich an, was es Neues in der Rosenzucht oder in der Papierschnitzelforschung gibt und war überaus geschockt, dass es nirgendwo Bücher zu kaufen gibt. Mist. Also schnell die Freunde vom Gonzo-Verlag und vom Unsichtbar-Verlag besuchen, den Trittin bei Wagenbach zuschauschen, den Steinbrück bei irgendeinem anderen Stand anlächeln, Fotos mit Cosplayern machen und weg nach Reudnitz.

Das Zu Spät ist ein veganes Bistro/Kiosk, oder Späti, wie der Leipziger sagt mitten in Reudnitz: leckere tierfreie Hotdogs, gute Getränkeauswahl und einen gemütlichen Keller. Es war unser dritter Auftritt mit der Lesung, die Bude voll und sehr viele erstaunlich textsicher. Yeah. Danke dafür. Und unbedingt da hin gehen, sich den Bauch vollschlagen und anschließend ein paar Meter weiter im Atari feiern gehen.

Nach Prosecco auf der Karl-Heine-Straße, Neo Rauch im Museum der bildenden Künste und Pizza mit extrem vielen Chilischoten waren wir am Samstagabend in Schleußig gemeinsam mit Pablo Haller im Schlechten Versteck. Es war ein wilder Ritt durch Beatliteratur und Elektro-Lyrik. Einem hat es gar nicht gefallen, er verließ wild schreiend das Konzert und beschimpfte uns als Agitatoren. Später versuchte er noch einma, uns zu beleidigen. Naja. Wir ließen den Abend bei Absynth und Solei ausklingen. Draußen schneite es mal nicht.

08. März 2013 – Winterschlaf, such dir neue Opfer

Egge und Hans

Ja, wir machen jetzt nicht nur so Musik, sondern wir spielen auch die Lyriker. Nach einer tollen Premiere in der hannoverschen Kneipe Team Nordstadtbraut letztes Wochenende, gehen wir mit dem Programm Popper lesen Punk nun auch auf Tour: Am 14. März in Berlin, am 15. März in Leipzig, am 8. Mai in München. Weitere Termine, unter anderem in Hamburg, Neubrandenburg und Köln, sind in der Mache.

Am 16. März dürfen wir gemeinsam mit den geilen Leuten vom Gonzo-Verlag deren Leipziger-Buchmesse-Aftershow-Party bespielen. Mit auf der Bühne im Schlechten Versteck steht Pablo Haller. Rumkommen!

Neulich in der Zeitung

Daneben arbeiten wir natürlich auch an neuen Liedern. Einen ganzen Tag haben wir nur Klavier aufgenommen. Mit unserem alten Freund Hans von Freymacher, der auch schon die ersten Aufnahmen vor rund sechs Jahren mit uns gemacht hat. Ein wenig ungewöhnlich, aber es soll ja nicht immer nur bumbumbum machen. Kommende Woche in Berlin geht’s ins Studio, Drum-Sounds, E-Orgel und weitere Stimmen aufnehmen. Hachja.

Außerdem arbeitet Costa gerade noch an seinem wissenschaftlichen Vortrag, den er Anfang Mai bei der re-publica halten wird. Es geht um die Rolle der Bratwürste in der politischen Berichterstattung. Aha.

03. November 2012 – Berlin – tazpresso

„So wenn ihr nicht ruhig seid, müssen wir weinen.“ Eigentlich würde jetzt die Vorstellung der neuen taz-Berlin-Seiten anfangen. Doch die Gäste, die an diesem Freitagabend in das Café im taz-Gebäude gekommen sind, haben eher Lust, sich über Aktuelles auszutauschen.
„Wir sind drei Lesende, zwei Frauen und ein Mann. Und damit ihr jetzt ein wenig besser reinkommt, fängt der Mann an. Der hat ja auch eine stärkere Stimme!“
Alle lachen, dann ist es schlagartig still.
Eine Frau kommt, nimmt sich eines der Mikrofone. „Wenn so etwas in dieser Zeitung funktioniert, ist es nicht meine.“
Es war ein schöner Abend. Vielen Dank an J. und J.

September 2012 – Paderborn, Berlin-Festival, Undjetzt!-Konferenz

Paderborn, Hannover, Berlin, Burg Hohenberg in Nordbayern, Kiew – die vergangenen Tage waren sehr intensiv, sehr schön, aber auch zwischendurch sehr anstrengend. Wir verabschieden uns jetzt erstmal in den Urlaub und damit die Spielpause. Der nächste Termin: 5. Oktober im Soulkitchen Hamburg (oder, wenn die Stadt Hamburg den Laden wirklich zumacht, woanders). Bis dahin unsere September-Liste:

– Das Sputnik in Paderborn ist die wohl schönste Kneipe in der Stadt. Tolle Leute, tolles Publikum. Vielen Dank!
– Autobahnraststätten haben wirklich etwas Altertümliches. An den modernen Oasen bekommt man alles, was man braucht. Auch mal ein Kreischkonzert von Schweinen, die gerade abtransportiert werden.
– Danke auch an die alte Truppe Literaten aus Ostwestfalen. Weitermachen!
– In Hannover brennen ganz schön häufig Mülldeponien oder Chemiefabriken oder so. „Es hängt ein Grauschleier über der Stadt…“
– Das Berlin-Festival besticht durch seine Kulisse und die vielen engagierten Künstler. Viele Menschen stehen aber dann doch lieber im Backstagebereich und schauen gelangweilt. Schade eigentlich. Und das nächste Mal bitte mehr Toiletten aufbauen. Das ging gar nicht.
– Autoscooter macht doch noch Spaß.
Broca Areal sollte man sich merken. Und Sebastian 23 bringt als Klon 23 jetzt auch Texte zu Techno.
Mieze Medusa hat den schönsten Akzent, das nächste Mal ist sie aber mit Getränke holen dran.
Sulaiman Massoumi kann nicht nur mit dem Schellenkranz den Takt halten, er hat auch als Rapper einen derben Flow. Vielen Dank für den spontanen Auftritt.
– In Neukölln machen Freunde jetzt eine Kneipe in der Richardstraße auf. Erst dachten wir, wie irre müssen die sein. Dann waren wir da: ein Traum! Unsere neue Stammkneipe in Berlin.
– Wenn Designer Preise verleihen, dann stehen mehr Leute auf dem Podest, als Zuschauer da sind. Und alle filmen.
– Der Undjetzt!-Kongress zeigte mal wieder, wie viele kreative, motivierte und kluge Menschen auf dieser Erde leben. Mit euch haben wir keine Angst vor der Zukunft. Danke!
– Und wie viele tolle Ideen in unserem Workshopseminar zu kreativer Kulturkritik und gesellschaftlichem Protest herausgekommen sind, zeigt, wie wichtig das Thema ist. Wir sind gespannt, was dann später realisiert wird.
– Uns gibt es in diesem Jahr übrigens auch auf der Frankfurter Buchmesse: Die tolle Designerin Sima Niroumand hat uns für ihr Buchprojekt „Freunde – ein Sammelwerk“ gefragt, ob wir nicht über unse Verhältnis als Bandkollegen und Freunde schreiben wollen. Das Ergebnis findet ihr hier.

28. Juli 2012 – Berlin – New Yorck/Bethanien

Weil Dortmund ein Naziproblem hat, gibt es vom 24. August bis zum 2. September dort ein Antifacamp. Weil wir das gut finden und die Menschen unterstützen wollen, haben wir auf der dazugehörigen Soliparty im New Yorck im Bethanien-Haus in Berlin-Kreuzberg gespielt. Die Bühne durften wir uns mit den super Jungs von Laubsägenmassaker III aus Thüringen teilen. Danke!

15. bis 19. Dezember 2011 – Hildesheim, Hannover, Kassel, Berlin

15. Natürlich kann er uns den Fernseher anmachen, damit wir Fußball schauen können. Die Mannschaft sei ja egal bei welchem Ergebnis durch, aber kein Problem. Er müsse nur kurz noch das Klo sauber machen und nickt in Richtung des einzigen anderen Gastes der Kneipe. Heinrich wird später davon erzählen, dass er der erste Mechaniker in der Wehrmacht war, damals am Wasserwerk. Und nach Frankreich seien sie auch gekommen. Unglaublich schöne Menschen. Während im Fernsehen zwei Fußballmannschaften ein Spiel ohne Bedeutung hinter sich bringen, brüllt die Musikanlage Scooter, Faithless und Andrea Berg.  Deren Fanklub trifft sich hier jeden dritten Samstag im Monat. Der junge Mann mit dem Fußballstartraumgesicht wischt immer wieder zwischen Heinrich und Klo mit einem Mop. „Ich war das nicht“, sagt dieser, wird aber von dem neuen Gast unterbrochen. „Jede Welt ist gleich. Kolumbien ist ja auch quasi das Deutschland Südamerikas und Brasilien die USA.“ „In Frankreich habe ich zum ersten Mal Rotwein getrunken.“ „Und der Obama ist ja gar kein richtiger Amerikaner.“ „Die Werkzeuge habe ich nach dem Krieg nicht zurückgegeben.“ „Und Venezuela ist ja quasi wie Russland, nur ohne Kälte und so.“  Das Spiel ist vorbei. Heinrich hält sich auf dem Weg zum Bahnhof an einer Säule fest. Die ersten Schneeflocken bleiben auf der Straße liegen.

16. Eine Menschenrechtsorganisation hat zur Studentenparty geladen. Solibier trinken, britische Popmusik hören, Erstsemestern beim Knutschen zugucken. Eine junge Dame mit engem Kleid lehnt unzählige Biereinladungen ab und verlangt dafür eine Unterschrift auf der Petition für die Freiheit eines iranischen Journalisten. Wie sein Name genau ausgesprochen wird, weiß sie nicht.

17. Der Weihnachtsmarkt in Kassel ist so etwas wie ein Geheimtipp. Frauen mit rotem Helmhaar, Brasilianer, die staunend die Grills fotografieren, mittelalte Frauen, die mit Teenagern rumknutschen. Kurz überlegen wir, einen Blog zu machen, auf den wir Fotos mit bratwurstessenden Menschen packen. Der Moment, kurz bevor das erste Stück zu heiße Wurst im Mund verschwindet. So etwas kann man nicht schauspielern. Eine Bierstube lehnt uns ab. Keine Fremden! Dahinter eine weitere, in der gerade ein Dartsverein trainiert und immer wieder „So sehen Sieger aus!“ singt. Dazwischen drei Männer mit weit auseinander stehenden Augen. Es gibt nordhessisches Bier, das als „Luxus des kleinen Mannes“ beworben wird. Egge liest später die Werbesprüche in ganzer Länge auf der Bühne vor. Ein Mann mit weißem Sommerhut, weißer Sommerjacke und weißen Lackschuhen versucht eine Gruppe Kegelschwestern von seinen Tanzkünsten zu überzeugen. Es laufen die Beatles. Die Merkur- und Novoline-Spielautomaten sind die ganze Zeit besetzt.

18. Im ICE erzählt eine Frau, dass sie das erste Mal seit Jahrzehnten wieder nach Berlin fährt. Ging ja früher nicht, und dann hat sie es nicht geschafft. Sie möchte unbedingt sehen, wie die Synagoge inzwischen aussieht. Davon hat sie nur Fotos gesehen, in der New York Times.

Die jungen Herren tragen dunkle Hemden zu Stoffhosen, auf der Bühne der Berliner Volksbühne stehen neben ihren klassischen Instrumente nur ein Laptop, und ein paar Lichter erhellen die Szene. Ein Kind schreit, ein Mann klatscht im Takt, ein Heuler kündigt an, wenn er einen Hit erkennt. Präzise und einlullend wabert und knarzt, rattert und harmonieren die zehn Musiker miteinander. Ein Augenschlag später ist das Konzert vorbei. Auf der Aftershowparty gibt es nur Champagner und Wodka in großen Flaschen. Wasser, nein das haben sie nicht.

19. Ein asiatischer Diktator ist tot und alle diskutieren über einen deutschen Staatsmann, der die Würde seines Amtes verletzt haben könnte. Viel schlimmer aber sei der Spott, dem man ihm jetzt entgegenbringen würde. Dieses Amt habe Respekt verdient und Ehre. Dazwischen werden heulende Frauen und verzweifelte Männer gezeigt, die immer wieder auf den Boden fallen und um ihren geliebten Führer weinen. Fasziniert schaut die sogenannte freie, westliche Welt nach Osten und staunt über soviel ehrliche Trauer, manch ein Politiker würde sich so ein Respekt vor der Arbeit der politischen Elite wünschen. Denn was seien schon 500.000 Euro im Vergleich zu all den Greueltaten des verschiedenen Despoten. So eine Ehrlichkeit und demokratisches Staatsmanntum solle doch mal belohnt werden.