Juli 2015 – Bremen und München

Cooler Egge ist cool.
Cooler Egge ist cool.

Sonntag, abends – München

Irgendwo in den reichen Vororten von München kamen wir langsam wieder runter. Im Autoradio besang Enrique Iglesias einen Helden, und die Autotüren waren nicht richtig geschlossen. „Inshalla“, sagte ich. „Was willste machen? Kannste nichts machen.“ A. manövrierte uns geschickt zwischen den Porsches, BMWs und Mercedes-Limousinen durch, bis zu einer typisch bayerischen Oase. Auf einem Hügel über der Isar stand dieser Biergarten. Davor noch mehr Luxusautos, komisch getunete Motorräder und eine übergroße Statue von Bavaria mit einem Gesicht von Franz-Josef Strauß. „Das ist so geil München hier“, sagte S. und zeigte auf eine Gruppe gelangweilt aussehender Tweens, alle mit weißen Hemden und kurzen Hosen in Farben, die Lachs, Mauve oder Babyblau genannt werden. Die niederländische Blues-Band coverte große US-Hits, und auf den Tischchen standen Amerika-Flaggen. Hier wurde der Independence Day gefeiert. Auf unsere überschwänglichen „USA“-Rufe zwischen den Liedern stimmte ein rotgesichtiger Voll-Bayer mit Cowboy-Hut ein. Krasses Wochenende.

Dadada da!
Dadada da!

Samstag, morgens – Bremen

Die Hühner in dem Verschlag schauen mich neugierig an. Die Sonne geht gerade auf, und vor dem Zaun streiten sich zwei Betrunkene um einen Döner. Egge liegt irgendwo in einem der Bauwagen und schnarcht. Auf dem ganzen Platz ist eine Stille, die nur von den vorbeifahrendenen Zügen unterbrochen wird. Ich habe die Nacht durchgemacht, es ist viel zu heiß zum Schlafen. Und Egge geht nicht an sein Handy. Auf dem Weg hierher, vorbei am alten Güterbahnhof Bremens konnte ich das reiche Deutschland begutachten. In jeder Ritze, unter jedem Dach lagen die Wohnungslosen in selbst gebauten Hüten, in Zelten oder unter freiem Himmel. Während der Hafen der Hansestadt zu einem der wohlhabendsten Viertel Norddeutschlands umgebaut wird, findet man hier die echte Armut. Und dazwischen den Bauwagenplatz und das Kulturzentrum Spedition, auf dem wir vor vielen Stunden unsere Punk-Rock-Lesung gemacht haben. Ich wecke Egge, und wir gehen zum Bahnhof: Sechs Stunden Zugfahrt bis München liegen vor uns.

Samstag, abends – München

Nach zwanzig Minuten kommt der Strom wieder. Mitten im Set fiel die ganze Anlage auf der Bühne aus. Einfach so. Wir klatschten und sangen weiter, das Publikum half uns. Als dann der Beat wieder reinkommt, wird gekreischt und geklatscht und gejohlt. Wir schwitzen und freuen uns. Das Kafe Marat in München ist unsere Homebase in der bayerischen Hauptstadt. Tolles Essen, tolle Stimmung, tolle Menschen. Der Abend wird gekrönt von dem DJ, der ausschließlich mit 7-Inch-Platten Hits aus den 80er-Jahren auflegt. Alle zeigen ihre geheimsten Moves und Tanzschritte. Wahnsinn. Mit der letzten Kraft schleppen wir uns zur Isar, ziehen uns nackt aus und springen in das kalte Wasser. Als wir auftauchen, steht da eine Blues-Band und zaubert Klassiker auf ihren Instrumenten. Dieses München, verrückt.

Konfetti sorgt für Hausverbot.
Konfetti sorgt für Hausverbot.

Freitag, abends – Bremen

Das Meet the Needles Festival in der Bremer Spedition ist ein Treffpunkt für Tätowierer, Künstler, Punkies und den üblichen Feierexperten, die Lust haben, auf Buntes, Tombola, Dosenwerfen und geile Musik. Wir machen die Einheizer und verschwinden dann zum Soli-Pfeffi. Die Hitze ist stärker als wir, wir kühlen uns in einem Babyplanschbecken. Egge gewinnt bei der Tombola eine pinke Kunstlederjacke und lacht wie ein kleiner Junge.

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Nazi-Dosenwerfen in Bremen.

Überall finden wir diese schönen Momente mit tollen Menschen. Wir haben ein so großes Glück, diesen Weg gehen zu dürfen. Wir verbeugen uns und sagen Danke! Wir hoffen, dass wir euch alle bald wiedersehen. Kuss.

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Hoch hinaus bei den Tätowierten.

 

Nachtrag vom Egge:
Ich steh ja vor allem auf die Musik bei unseren Ausflügen. In Bremen waren da ein DJ-Paar, irgendwo aus der Schweiz. Da kam ich mit meinem Kim Wilde-Halbwissen nicht weit. Superjungs, hab leider den Namen vergessen. Dafür absolut zu empfehlen: 100 Blumen. Kennt ihr ja. Einer der Halunken hat letztes Jahr mal in Düsseldorf im Linken Zentrum Krawall gewordene Musik aufgelegt. Die Ohren bluteten, wir verstanden uns. Nun also mit Band. Wäre die Technik nicht so herrlich besoffen gewesen, wäre mein Kopf vermutlich voller Glück explodiert. Es tut mir leid, dass ich Euch alle anschließend umarmen musste. Für Trashley war ich leider schon zu oft beim antifaschistischen Dosenwerfen. Gute Sache: man klebt die örtlichen Nazifressen auf Dosen und kassiert für jeden Wurf mit ner Art Minisandsack Geld für Projekte. Ich hab irgendwann doch gewonnen – eine Adriano Celentano-Platte, die ich den betrunkenen Technikern schenkte. Guter Abend. Schade, dass der Costa bei den Hühner gepennt hat. Tschuldigung. Kommt nicht wieder vor.

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Baden in München

Die Musikentdeckung in München hieß: Levitations. Die Band aus Berlin kam mit Mülltüte angefahren und präsentierte sich erst herrlich New Wave Punk Dingens-mäßig und zack: plötzlich werden Instrumente getauscht & klassischer Punkrock läuft. Sehr sympathisch. Haben auch direkt ein Loch in die Bühne getreten. Höhepunkt des Abends für mich: endlich ein Lady Gaga-Shirt in der Freebox, dazu Vleischpflanzerl mit Stampf & nächtliche Arschbomben. Letzte Worte zum Abend: holt Euch mehr Tattoos vom Ex-Chemnitzer. Guter Typ. München, was bist du für eine herzliche Gemeinde. Dankeschön.

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Mai 2015 – Wismar, Doksy, Aschaffenburg, Göttingen, Fulda, Hannover

Der lustige Glückshase

„Das Leben sollte keine Reise zum Grab sein, mit dem Ziel, dort sicher und mit einem gut erhaltenenen Körper anzukommen. Es sollte eher ein Schlittern mit voller Breitseite sein. Komplett erschöpft, mit leeren Reserven und laut schreiend: ‚Wow, was für ein Trip!'“ Hunter S. Thompson

„Germany, zero points“ Der Löwe neben mir jubelt. Er hat sich mir als antinational vorgestellt. Nun freut er sich, dass Deutschland beim Eurovision Song Contest keinen einzigen Punkt gewinnt. So wie Österreich. „Höhö, Großdeutschland, zero Points“, höhnt er im Kinozelt. Während ein nervöser Typ immer wieder die Leute bittet, aufzustehen. Er habe hier irgendwo seine Zigaretten verloren. Ganz bestimmt.

Löwe

Draußen zwischen den hohen Tannen und den Datschas wandern die Nachtgestalten zwischen der Campingplatz-Disko und der Bar. Einige haben sich beim Diskoschminken um 20 Uhr richtig geil stylen lassen. Ein Typ trägt eine Bomberjacke mit „Dönerskins Sachsen“ drauf. Irgendwo läuft immer ABBA. Das Pfingstcamp im tschechischen Doksy wirkt auf uns wie eine Mischung aus Fusion, Fähnlein Fieselschweif und AJZ. Alle lächeln, sind gut drauf und beschimpfen sich jovial-freundschaftlich. Wir fühlen uns sofort wohl.

Enter

Doksy ist die zweite Etappe unserer „Booking ohne Geographiekenntnisse“-Tour durch Mitteleuropa. Unsere Reise beginnt in Hannover, führt uns über Wismar, eben Doksy in der tschechischen Provinz, nach Aschaffenburg und schließlich nach Göttingen. Wir fahren mit einem Auto, haben uns mit Marc Uwe Klings Hörspielen und Podcasts bewaffnet, eine riesige Portion Club Mate dabei und eine richtige Landkarte. Und natürlich den lustigen Glückshasen vorne auf der Amatur. Es ist wohl unsere längste Solotour bislang. Und wir haben richtig Bock.

Made in the GDR

Wismar liegt gefühlt direkt an der Ostsee. Egge kennt den Weg auswendig. Fuhr er schließlich mit seinen Eltern früher immer die Strecke zwischen Hannover und seiner alten Heimat in Mecklenburg-Vorpommern. Dabei kann er alle wichtigen Abschnitte in 3/4-Stunden-Schritte klar abmessen. Wir verzichten auf die Autobahn und brausen über die Landstraße durch die grünen Wälder. „Hier wurde ich geboren“, sagt Egge und zeigt auf das Schild nach Crivitz. „Hier habe ich Moped fahren gelernt.“ Die Autoscheibe sammelt Fettflecken von Mücken und Fliegen. „Kann ja mal vorpommern.“ Die ersten Flachwitze werden ausprobiert. Auf NDR1 kommt ABBA.

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Auf der tschechischen Landstrasse verkaufen kleine Händler Erdbeeren und Aprikosen und: Gartenzwerge. „Alles fake, die verkaufen da Crystal Meth.“ Unsere Klischees gehen mit uns durch. An der Straße steht ein riesiger Adler, der Bier bewirbt. „Kennen Sie diesen Pinguin“, brüllen wir beim Vorbeifahren aus dem Fenster.

Irgendwo bei Erlangen ist das wohl größte Trucker-Treffen Deutschlands. Wir zählen Böhse-Onkelz- und Frei.wild-Shirts und freuen uns über die geilen Autos. Jeder zweite trägt einen Cowboy-Hut. Schnell wieder auf die Autobahn. Die Autowelt in Europa sieht überall gleich aus. Grosstankstelle, Sexkino, Imbiss, Pension „Zum Jäger“, Eisdiele „Venezia“. Dann Backstein, Fachwerk, Wiesen mit zotteligen Schafen, Sportvereinsheime, die „Eisenberg“ heißen, pissende Kühe. Immer wieder grüner Wald. Der Frühling explodiert immer stärker, erbricht sich verschwenderisch. Toll.

Die Dörfer auf dem Weg heißen Lieblos oder Linsengericht, Schlitz, Aua oder Witzenhausen.

In der Autobahnrastsätte sitzen alte Frauen mit Dauerwelle und alte Männer in Westen. Die Kinder werden laut gerufen und dürfen nichts. Liebe ist hier ein Schokomuffin von Burger King. Wir verlieben uns in den Massagesessel zwischen den Glücksspielautomaten.

Irgendwo läuft immer Musik. In Wismar sind es Don Kanaille aus Gadebusch und Vodka Revolte aus Stralsund. Es läuft Punk und jeder nimmt sich vor Slimes „Bullenschweine“ nicht zu sehr mitzusingen. Der Stimme wegen. Der Peinlichkeit wegen. Egal. Man singt trotzdem mit. Laut.

Nach zwei Tagen Pause sitzen wir zwischen Studenten und Studierenden. Beim Asta gibts Schnaps. Ein Hochtöner fällt auf den Boden. Egal: Zieht nach Fulda. Da geht der Punk ab. Ehrlich jetzt. Wir waren mal wieder im Café Chaos auf dem Campus und sind begeistert.

Egges Schnipselerinnerung:

– Man kann Pegida-Kommentare vorlesen und dabei sehr viel lachen- die Hochschule Hannover hat eine wirklich schöne Aula & mit dem Café Tümpelblick ne schöne Kneipe
– müssen die Kampagne Ahoi mal besuchen
– in Wismar über den Tag der deutschen Zukunft in Neuruppin informiert – kann man kaputt machen
– Canalterror ist eine Band, die mindestens so wichtig ist wie Toxoplasma
– ick sollte viel öfter ins Tiko in Wismar
– biege im Gebirge nie kurz mal ab, um gleich wieder auf die Hauptstraße zu kommen
– Betrunkene in Workshops, in denen extreme sexuelle Vorlieben diskutiert werden, klingt lustig, geht aber gar nicht
– es gibt echt Zecken, die die Welt in Workshops mit Star Wars erklären
– Oi Verlag! ist echt kaputt – aber „Max Furnier liest Holzvertäfelungskataloge“ ist echt mal ne Ansage
– in Aschaffenburg darf man abends nicht mitm Bierchen auf der Straße feiern
– trotzdem machens alle
– der T-Keller in Göttingen ist eine wunderbare Adresse
– geht mehr zum Poetry Slam Göttingen und knutscht den Christopher
– Madame Puschkiin aus Hannover könnte im Sommer durchrocken
– Schlaf ist eigentlich ganz schön
– Fuldas Hochschultage sind immer Lernfahrten: man kann Maultaschen panieren, Alta!

1. August 2014 – Sommerfühl-Festival

Sommerfühl

Wir biegen um die Kurve des dunklen Wegs im Wald. Links und rechts stehen wie Zahnstocher die Nadelbäume dieses Nutzwaldes irgendwo in Mittelfranken. Wir sind zehn Minuten mit einem Taxi gefahren. Nachdem wir bis Feuchtwangen rund vierzig Minuten mit einem Bus gefahren sind. In Ansbach kam uns Günther Oettinger am Bahnhof entgegen. Dort stiegen wir aus der S-Bahn aus Nürnberg, mit ihr waren wir ebenfalls vierzig Minuten gefahren. In Nürnberg trafen wir uns, Egge aus dem Norden, ich aus dem Süden. Es läuft Antilopen Gang, KIZ und Savas – wir arbeiten ja gerade am Nachfolger unserer Lesereihe „Popper lesen Punk“. Sie wird „Opfer lesen Battlerap“ heißen und eine Analyse des Kriegsmotivs innerhalb des deutschsprachigen Sprechgesangs sein.

Um die Kurve – und wir stehen auf einer Lichtung mitten in diesem Wald, irgendwo in Mittelfranken. Zelte, Autos, Busse stehen am Rand zum Wald. Eine Gruppe junger Männer spielt Hackysack. Irgendwo hinten sehen wir Menschen beim Frisbee-Spielen. Am anderen Ende der Lichtung stehen die Bühnen, die Buden, das riesige Lagerfeuer. Wir bekommen Brezeln und Humus, Obst und leckeres Bier, lernen ein, zwei neue Witze, bekommen Mittelfranken erklärt, lernen tolle Menschen kennen.

Friedemann Weise spielt sein Set professionell runter, wir lachen viel. Geiler Typ, mit dem Bier trinken lohnt. Wir spielen inzwischen die Hälfte des Sets nicht mehr mit der Groovebox, sondern mit Ableton Live und Controller. Alle Instrumente wurden bei Ulli3000 zu Loops gebastelt, sodass jedes Element eines Lieds von uns mit jedem anderen zu jeder gewünschten Geschwindigkeit kombiniert werden kann. Am Ende des Sommers soll das Set komplett vom Laptop kommen. Die Kids auf dem Sommerfühl wollen tiefe Bässe, verzerrte Synthies und entweder sehr schnelle oder Beats auf Hip-Hop-Geschwindigkeit. Bumm.

Nach dem Konzert wird uns erzählt, dass es völlig normal ist, dass auf Festivals Zivilpolizisten rumlaufen. Die Gäste werden auch gerne mal nach dem Besuch einfach auf Verdacht kontrolliert. Manches in Bayern ist noch nicht so gelungen und liebenswert wie das Sommerfühl-Festival. Das ist wohl so etwas wie unser Fazit, das wir uns überlegen, als wir nach einer Stunde Schlaf ins Taxi steigen, bis Feuchtwangen fahren. Dort in den Bus steigen, eine Stunde bis Dinkelsbühl fahren, dort in den Zug nach Würzburg steigen und ab da nur noch stehen müssen – weil es wieder einmal so voll ist in einem Fernzug der Deutschen Bahn zwischen Norden und Süden. In Würzburg geht es dann ausnahmsweise ohne eine Kontrolle durch Beamte vom Bundesgrenzschutz zum nächsten Zug nach Hannover. Egge geht zum Fährmannsfest, moderieren. Ich gehe in den Wald, bäume zeichnen.

10./11. Januar 2014 – Hanau und Aschaffenburg

Der Denker wird dichter

Ein Scooter-Konzert ist gleichzeitig eine Reise in eine Reportage auf RTL II und der einzige Ort, wo sich Klempner, Physik-Professoren und Umweltschützer betrunken in den Armen liegen und gemeinsam „Hyper! Hyper!“ brüllen.

„Was sagt ein Scooter-Fan bei Ikea?“ „How much is the Tisch?“

Fachwerk, diesdas

Am Hauptbahnhof Hannover steht eine Gruppe Panflötenspieler. Es läuft „Sound of Silence“.

ICEs an einem Freitag gelten schon als Teil eines Antiaggressionstrainings. Aber nur, wenn man mindestens zwei Stunden fährt. Im Bordbistro gibt’s momentan „Gnotschis“.

Lesungen, die war machen.

Getränkemärkte in Hanau heißen Schluckspecht, verkaufen noch mehrere Sorten Dosenbier, und neben dem Eingang hängt ein Poster von einem Fußballnationalspieler, z.B. Manuel Neuer.

Der Hanauer-Markt ist ein Ort, an dem eine Gebrüder-Grimm-Statue steh, während in der Eisdisko nebenan laut Die Atzen läuft. Märchenerzähler unter sich. Nachts gibt es auf dem Markt einen kleinen Krieg zwischen den Imbissbuden. Der mit den Pommesburgern gewinnt. Ein Burger mit Pommes anstatt Bulette!

Wir nehmen alles auf.

Die Bierkneipe „Capi’s“ in Hanau ist international und ein gemütlicher Ort für das gemeinsame Line-Dancing zu Dr. Alban, Sessions am Spielautomaten oder auch der beste Ort, um mal das alte Hochzeitskleid aus den 1980ern aufzutragen.

„Ich hau dir auf’s Maul, du Hurensohn“ und „Wer hat Oma aus dem Bus geschubst“ sind wahre Perlen der Punkerlyrik.

Gangzeichen-Seminar erfolgreich bestanden.

„Woran erkennst du, dass ein Punk bei dir geschlafen hat?“ „Er liegt immer noch auf dem Sofa!“

Ein Stadtteil von Hanau heißt Wolfgang.

Die Metzgerstraße Acht in Hanau ist ein geiler Laden!

Mond über Aschaffenburg.

Aschaffenburg hat mit das schönste Wetter in Deutschland. Das wussten auch schon diverse Könige und haben hier Burgen, Frühstücks-Pavillons oder auch Weinberge hinterlassen.

Der Stern ist eine tolle Kneipe am Rande von Aschaffenburgs Innenstadt. Nachts kommt es schon einmal zu kleinen Kunstexzessen, bei denen sämtliche Stühle in eine begehbare Skulptur verwandelt werden. Weil: Sitzen ist für’n Arsch.

Literaturbegeisterte ohne Punkervorbildung fühlen sich beim Mitgrölteil unserer Lesung immer ein wenig überrascht. „Das ist ja wie bei Schlingensief hier“, sagte eine Dame mit Rollkragenpulli. Ja, auch Punk ist Literatur oder so.

Titel und Thesen.

„Klingel einfach, ich mach dir dann die Tür auf.“, ist ab einer gewissen Uhrzeit ein gefährliches Versprechen, wenn manche noch in der Kneipe bleiben wollen. Costa weiß jetzt, wie kalt es nachts in Aschaffenburg werden kann, und dass Egge ein wirklich tiefer Schläfer ist.

Punker S. sitzt in Unterhose und Kuscheldecke auf dem Sofa in der WG-Küche. Er hat vor kurzem eine Plazenta gegessen, sagt er. Zäh war das, sagt er. Irgendwie auch eklig. Aber hatte ja vorher gesagt, dass er das mal durchziehen wollte, da konnte er ja nicht mehr kneifen. „War aber nicht so schlimm, wie dieses Brot mit Kümmel drin.“

Collage der Erinnerung.

Ein Stadtteil von Aschaffenburg heißt Leider.

Das Klo in der DB-Lounge am Frankfurter Hauptbahnhof sieht aus wie eine Klubtoilette. Kleine schwarze Fliesen, graue Trennwände, Edelstahl-Armaturen. Irgendwo pumpt ein Bass. Es könnte aber auch der eigene Puls sein, der nur langsam wieder runtergeht. In der Lounge packt eine Familie einen Picknickkorb aus. Volker Bouffier nennt Hessen Chancenland. Wir haben noch 300 Kilometer bis nach Hause.

22. Juni 2013 – Hof – InDie Festival

Die Boys von Findus und Egge beim Wärschtlamo

„Wir müssen unbedingt in die Innenstadt, dort gibt es eine Statue von einem Kerl, der den mobilen Würstchen-Verkauf erfunden hat.“ Egge macht den hibbeligen Reiseleiter und will die Jungs von Findus überzeugen, sich gemeinsam den Wärtschlamo anzugucken, das Wahrzeichen von Hof, auf das nicht jeder stolz ist, aber jeder kennt. Um das Jahr 1871 hat der Kerl sich diese mobile Art des Würtschenverkaufs ausgedacht. Das klingt nach einem Hightlight!

Rettet Leben: Obazda-Brezn

Das InDie-Festival in Oberfranken gehört zu den kleinen, feinen Nicht-mehr-ganz-Geheimtipps der deutschen Musikszene. Es ist eine Kulturbastion, dessen Team liebevoll, familiär und absolut professionell Kultur in die Provinz bringen, die sonst eher von Jugendlichen gemieden oder sogar verlassen wird. Die Region leidet unter Abzug, Strukturschwäche und seit ein paar Jahren unter der Verbreitung von Crystal Meth, die alle zusammen das Leben erschweren.

Ach, Oberfranken

Das Festival bietet dabei einen Höhepunkt für Jung und Alt mit einem breiten musikalischen Angebot: die Lokalhelden Emma Stoned und Koaliker, Findus aus Hamburg, Großstadtgeflüster aus Berlin und Talco aus Italien – für jeden war etwas dabei und die Stimmung bei praller Sonne immer super. Nach einigem Rumirren durch die Hofer Innenstadt fanden wir dann gemeinsam mit den Boys von Findus das große Denkmal und machten den Touristen, bevor wir dann bei der Aftershow-Party in der Gaststätte Zur Linde bei Gin Tonic und Oasis seelig wegschlummerten. Danke für einen unglaublich schönen Tag!

17. September 2012 – Kiev

Es ist kurz vor 4 Uhr, als wir in der bayrischen Provinz ins Taxi steigen. Die Burg, auf dem die Undjetzt!-Konferenz stattfand, liegt nur wenige Meter von der tschechischen Grenze entfernt. Der Taxifahrer ist ein Bayer, wie man ihn sich vorstellt. Dazu noch ein Schnauzer. Als wir ihn fragen, warum um diese Uhrzeit so viele Polizeistreifen unterwegs sind, packt er seine Lebensgeschichte aus. Sein Stiefsohn war jahrelang süchtig nach Chrystal Meth. Eine der beschissensten Drogen, die man seinem Körper antun kann. Der Junge hatte alle Eskapaden einer typischen Suchtgeschichte hinter sich. Das Zeug billig in Tschechien auf illegalen Märkten geholt. Gestohlen. Ersatzbefriedigung durch Alkohol etc. „Und diese Musik. Immer hat er dieses Schranz gehört. Das ist noch nicht einmal richtiger Techno. Das ist Krieg,“ So ging das weiter, bis er dann zu Jesus fand. Eine freichristliche Gruppe geht direkt in die von Crystal betroffenen Gebiete in der Nähe der tschechischen Grenze und holt die Leute von der Straße in so eine Art Kloster. Jetzt wird er Erzieher. Der Stiefpapa fährt trotzdem immer wieder Dealer und Süchtige über die Grenze. Nachts. „Hier ist ja auch keine Industrie mehr. Keine Arbeitsplätze. Die Jugend haut entweder ab oder ballert sich zu.“ 4 Uhr morgens, irgendwo in Bayern.

„Dawai, dawai!“ Autofahren in Kiev ist Krieg. Kein Wunder, dass die Muttis, Oligarchen und Biznismen hier gerne Jeep fahren. Wir brausen an Hochhäusermeeren mit Zwiebeltürmchen vorbei. An riesigen Fabrikanlagen. Es riecht nach Braunkohle, verbleitem Benzin. Irgendwer verbrennt hier Plastik. Aus dem Radio pumpt Großraumdiskotechno und Houseversionen von alten Rocksongs. 14 Stunden bin ich da schon unterwegs.

Schon wieder Techno. Rund um das Kriegsdenkmal für die Bruderschaft zwischen Russland und der Ukraine ist ein Kirmes aufgebaut. Autoscooter, Bierstand, Wettschießen. Mit Blick auf den Dnepr. Riesige, waldige Inseln ragen liegen im Fluss zwischen den beiden Stadtseiten. Im Hintergrund Satellitenstädte aus Platte. Kraftwerke. Industriegebiete. Ein Kind turnt auf den eisernen Helden der untergegangenen Sowjetunion herum. Wir trinken Kwas und genießen die Sonne.

Mein Gastgeber arbeitet an einer der Universitäten in Kiev. Eine Universität, die sehr international ausgerichtet ist. Seit anderthalb Jahren unterrichtet und organisiert er dort ohne Vertrag. Für den braucht er unter anderem eine Arbeitserlaubnis, ein Gesundheitszeugnis und diverse weitere Formulare, die er nach und nach besorgen muss. Monatelang. Mit Gebühren im dreistelligen Eurobereich. Er weigert sich, Beschleunigung zu bezahlen. Also wartet er. Sein Arbeitgeber will aber alles immer gleich gestern haben.

Die Ukraine ist ein freies Land. Du kannst vieles machen, viel improvisieren, Dinge ausprobieren. Erstmal kümmert sich keiner darum. Die Infrastruktur wirkt deswegen manchmal arg improvisiert – in Kiev gibt es keinen richtigen Plan, wie die Marschrutki, die Busse, fahren. Aber es funktioniert. Auch der Staat funktioniert, obwohl das Land eine der schlechtesten Steuerzahlungsmoral der Welt hat. Die Menschen haben wegen der Vergangenheit Angst, dem Staat oder irgendeiner großen Organisation ihr Geld zu geben. Sie müssen so schon die ganze Zeit fürchten, es durch Raub, Inflation, Bestechung etc zu verlieren. Das führt natürlich zu viel Gemauschel. Trotzdem ist es für viele Menschen – zum Beispiel in der IT-Branche – ein Paradies der Freiheit, für das sie gerne die Unannehmlichkeiten auf sich nehmen.

Am Strand von Odessa plärt zwischen Modern Talking und die Scorpions. Ein erfülltes Klischee. Egal, es gibt Varenyky, frisch gezapftes Bier, und wir können den reichen Mafiatypen auf die Plautzen gucken. Das Schwarze Meer ist warm, und die Sonne knallt. Schönes Leben.

September 2012 – Paderborn, Berlin-Festival, Undjetzt!-Konferenz

Paderborn, Hannover, Berlin, Burg Hohenberg in Nordbayern, Kiew – die vergangenen Tage waren sehr intensiv, sehr schön, aber auch zwischendurch sehr anstrengend. Wir verabschieden uns jetzt erstmal in den Urlaub und damit die Spielpause. Der nächste Termin: 5. Oktober im Soulkitchen Hamburg (oder, wenn die Stadt Hamburg den Laden wirklich zumacht, woanders). Bis dahin unsere September-Liste:

– Das Sputnik in Paderborn ist die wohl schönste Kneipe in der Stadt. Tolle Leute, tolles Publikum. Vielen Dank!
– Autobahnraststätten haben wirklich etwas Altertümliches. An den modernen Oasen bekommt man alles, was man braucht. Auch mal ein Kreischkonzert von Schweinen, die gerade abtransportiert werden.
– Danke auch an die alte Truppe Literaten aus Ostwestfalen. Weitermachen!
– In Hannover brennen ganz schön häufig Mülldeponien oder Chemiefabriken oder so. „Es hängt ein Grauschleier über der Stadt…“
– Das Berlin-Festival besticht durch seine Kulisse und die vielen engagierten Künstler. Viele Menschen stehen aber dann doch lieber im Backstagebereich und schauen gelangweilt. Schade eigentlich. Und das nächste Mal bitte mehr Toiletten aufbauen. Das ging gar nicht.
– Autoscooter macht doch noch Spaß.
Broca Areal sollte man sich merken. Und Sebastian 23 bringt als Klon 23 jetzt auch Texte zu Techno.
Mieze Medusa hat den schönsten Akzent, das nächste Mal ist sie aber mit Getränke holen dran.
Sulaiman Massoumi kann nicht nur mit dem Schellenkranz den Takt halten, er hat auch als Rapper einen derben Flow. Vielen Dank für den spontanen Auftritt.
– In Neukölln machen Freunde jetzt eine Kneipe in der Richardstraße auf. Erst dachten wir, wie irre müssen die sein. Dann waren wir da: ein Traum! Unsere neue Stammkneipe in Berlin.
– Wenn Designer Preise verleihen, dann stehen mehr Leute auf dem Podest, als Zuschauer da sind. Und alle filmen.
– Der Undjetzt!-Kongress zeigte mal wieder, wie viele kreative, motivierte und kluge Menschen auf dieser Erde leben. Mit euch haben wir keine Angst vor der Zukunft. Danke!
– Und wie viele tolle Ideen in unserem Workshopseminar zu kreativer Kulturkritik und gesellschaftlichem Protest herausgekommen sind, zeigt, wie wichtig das Thema ist. Wir sind gespannt, was dann später realisiert wird.
– Uns gibt es in diesem Jahr übrigens auch auf der Frankfurter Buchmesse: Die tolle Designerin Sima Niroumand hat uns für ihr Buchprojekt „Freunde – ein Sammelwerk“ gefragt, ob wir nicht über unse Verhältnis als Bandkollegen und Freunde schreiben wollen. Das Ergebnis findet ihr hier.