10.–12. Februar 2012 – Denzlingen/Freiburg/Offenburg

„Charlie, Omega, Martha, Bertha, Alpha, Tengo“. Der freiweillige Wehrdienstleistende gibt noch schnell die genaue Schreibweise von Combat durch. Kamerad Schmidt will sich ein T-Shirt designen, in Nato-oliv. Zwischen drei vier Schlücken Biermitcola erklärt er, dass Schmidt Janine mit Vornamen heißt und in der Kompanie am besten schießen und am meisten trinken würde. „Ihr seid Musiker? Seid ihr unterwegs zu dieser Springbreak-Party?“ Wir nicken und gehen weiter.

Eigentlich sei er ja Blueser. Ist mit seiner Band schon überall aufgetreten. Doch natürlich, das Geld. Es zwingt ihn dazu, einen doofen Job als Ingenieur beim bösen BASF zu machen. Dafür kann er sich aber Gitarren leisten, die nur für ihn gebaut werden. Sonst würde er das Leben der Freiheit genießen. „Allein schon wegen der Bräute.“ Wir führen ihn in das Testen von Discounter-Champagner ein, bis der Schaffner reinkommt. „Sie wissen schon, dass das hier ein Kleinkinderabteil ist?“ „Steht ja drauf.“ Einen zweiten Schluck Champagner lehnt unser Gast ab, er muss vom Karlsruher Bahnhof noch ein paar Kilometer raus fahren, in die Vorstadt. Da haben sie damals ein super günstiges Baugründstück bekommen, und im Keller trifft er sich immer mit seinen Freunden zum Proben. „Da können wir so laut sein, wie wir wollen.“

Die Jecken treffen sich um 19.33 Uhr. Ist ja auch ein lustiges Jahr gewesen, damals. Die fünfte Jahreszeit neigt sich ihrem Höhepunkt zu. In der Zeitung stand, dass eine Frau so hart gestolpert ist, dass sie nicht mehr von selbst hochkommen konnte. Sie fror am Boden fest und konnte nur von der Feuerwehr losgeeist werden. An der Kasse des Discounters werden wir nach dem Alter gefragt, als wir drei Flaschen Champagner und ein riesiges Stück Ingwer auf das Fließband legen.

Im Backstagebereich des JUZE Denzlingen – ein schwarzer Vorhang – wird über Bands gesprochen, die es geschafft haben und solche, die es noch schaffen wollen. Von der Musik leben, erfolgreich sein, Miete zahlen mit Auftritten, T-Shirt-Verkäufen und MP3-Downloads. Es fallen die Wörter Delivern, Identity und Performance. Dann fallen die Bassboxen auf, die Mikros sind übersteuert und jemand hat vergessen, zu heizen. Heiser und kaputt klettern wir von der Bühne. Das war schon wieder nicht der Durchbruch.

Von der Bergspitze aus kann man die Schweiz sehen, theoretisch. Jemand hat in den Neuschnee Obszönes geschrieben. Ein Anderer hat es jeweils mit „deine Mutter“ ergänzt. Es ist still und kalt und hell und sonnig und weiß, und man möchte an keinem anderen Ort der Welt sein, jetzt in diesem Moment. Auch wenn das Feuerzeug nicht funktioniert. Später im Ausflugslokal gibt es Grog und Tote Tannte und Schwarzwaldkuchen.

Die kleine Holzhütte schmiegt sich zwischen die Mietkasernen. Hier in Freiburg, wo Schwarz-Grün schon erfolgreich getestet wurde und Plakate nur Reggae-Partys oder Bachblütentherapien ankündigen. Wo es scheinbar jeden Tag eine Demonstration gibt und die Polizistinnen sich wie zum Date schminken. Die kleine Hausherrin schiebt uns an einen Tisch und schmeißt die Speisekarten auf den Tisch. „Jetzt bestellen, schnell essen. Alles reserviert.“ Während zuckersüßer asiatischer Technopop uns benebelt, essen wir eines der besten asiatischen Essen unseres Lebens. Als die gebackene Banane kommt, wirft die Hausherrin auch schon die Rechnung auf den Tisch. „Geht, alles reserviert. Raus.“

Sie lässt ihn einfach sitzen. Dabei hat er doch so liebevoll seine Zunge immer wieder in ihr Gesicht gepresst, während sie mit ihrem Freund gesprochen hat. Also muss sich der Aufmerksamkeitdefizitäre ein neues Opfer bringen. Schließlich kann es ja nicht sein, dass er in seiner ganzen Hip-Hop-Realness, dem Testosteronproblem und der Flasche Lidl-Wodka für 2,99 Euro intus ignoriert wird. Also stellt er sich neben dem Rapper von vorhin und erzählt ihm, er wolle ihn jetzt batteln. Keine zwei Lines hält er durch und gibt zwischendurch immer wieder ein „Schnauze, du Opfa!“ von sich. Sein Gegner nutzt die Gunst der Stunde und battelt ihn auf dem Niveau eines 11. Klässlers von Anfang der Neunziger zurück und beansprucht natürlich im letzten Reim, an dem Abend seine „Alte flachzulegen wie ein Champ.“ Die sogenannte Alte steht neben ihm und guckt jetzt böse. Ein „Sorry, Schatz!“ reicht nicht aus. Ihre Laune ist dahin und beide gehen nach Hause: die Alte und der Rapper. Im Schlepptau haben sie ihren Prolltroll. Ein tolles Team.

Wir wachen viel zu spät auf, in einem Jugendzimmer irgendwo zwischen Stuttgart und Freiburg. Draußen liegt Schnee und es ist kalt. Von den Wänden grinsen uns Metallice, Slayer und noch ein paar andere Metalbands an. Die Lieblingsfarbe dieses Mittelkindes in diesem Einfamilienhaus ist schwarz. Im Bücherregal steht „Das Mädchenbuch“, „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, eine Auswahl Deutsch-LK-Literatur und etwas über Marilyn Manson. Wir sind am Ende der Tour angekommen.

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16. September 2011 – Weingarten – U&D Festival

Man muss sich das so vorstellen: Da kommen zwei abgerockte Typen nach acht Stunden im Zug im beschaulichen Ravensburg (ja, das mit den Puzzles) an, suchen nach einem Taxi zum Festival und werden mal eben von einer jungen Familie eingeladen, einfach mitzufahren. Man wolle da sowieso hin. Bedankt haben wir es, indem der Sohnemann jetzt unser Ausleih-Drummer ist, immer wenn wir in der Gegend sind.

Das Umsonst & Draußen in Weingarten in der Nähe von Ravensburg empfing uns mit Sonnenschein, die madige Aufgabe in den noch ruhigen Abend als erste Band so etwas wie eine Festivalstimmung zu bringen, wurde uns aber sehr leicht gemacht. Sogar ein Ständchen für Egge gab’s, der an diesem Tag seinen Geburtstag feierte. Danke ans Publikum!

Neben der Musik, den netten Menschen, den abefahrenen Diskussionen spätnachts unter einem Trecker, bleiben vor allem die Splitter hängen nach so einem Tag: Costa, der mit einer Art Perücke zu Christiane Rösinger tanzt, die moralische Instanz von 18-Jährigen Türstehern, wie klein die Welt der Elektro-Musiker ist, und warum Freiburg doch nicht nur Ökofaschismus hat. Das Foto zeigt uns nach der Show mit einem Mitglied der unglaublich sympathischen und auf der Bühne alles kaputt machenden Band Infight aus Freiburg. Gute Jungs!

28. Mai 2011 – Stuttgart – Stuttgart kaputraven

Im Dezember 2008 standen wir als erste Band bei einer neuen Konzert- und Partyreihe in Baden-Württembergs Hauptstadt: „Stuttgart Kaputtraven„. Jetzt, zweieinhalb Jahre später, stehen wir wieder für die Reihe auf der Bühne. Nur inzwischen haben Bands wie Saalschutz, Dan le Sac vs Scroobius Pip oder Proxy den Hype mit angefeuert und Kaputraven so zu einer der heißesten Partys in Süddeutschland gemacht. Macher Thomas Geyer nimmt’s locker und herzt einen immer noch so lieb, wie damals, als er uns zu unserem ersten Auftritt in Stuttgart bei seinem Poetry Slam einlud. Kurz darauf brachte gemeinsam mit Charlotte Rieber unser erstes Album bei seinem Verlag Sprechstation heraus. Ein alter Bekannter also.

Weitere alte Bekannte waren die inzwischen angewachsenen Supershirt, ursprünglich aus Rostock, inzwischen in Berlin. Immer, wenn wir aufeinander treffen, wird die Welt erklärt, dann gerettet und dann wieder vergessen, wie wir das gemacht hätten. Das mag auch an dem Schnupftabak liege, den wir aus München mitgebracht hatten. Die Diskussionen über Literatur, Musik, Kunst, das Leben auf einem Bauernhof oder die Welt an sich waren wieder einmal fast lebhafter als der Pogo vor der Bühne. Wir verneigen uns!

In Stuttgart wohnt Infone. Ein alter DJ-Freund von Costa. Er lebt als moderner Arbeitsnomade sowohl im Ländle, als auch in unserer Heimatstadt Hannover. Jede Woche pendelt er hin und her. Es war schön, mit ihm einmal wieder in Ruhe bei einem Bier über Musik zu sprechen. Und als wir irgendwann im Hellen nach Hause gingen, um uns später bei ihm auf das Sofa zu legen, fühlten wir uns irgendwie ein Stück zu Hause. Ein tolles Gefühl auf Tour…

07. Mai 2011 – Ravensburg – Balthes

In Ravensburg wurde am 7. Mai „Jazz In The City“ gefeiert. In der ganzen Stadt wurde gemuckt, improvisiert und rumgejazzt. Im Café Balthes nicht. Dort standen wir auf der Bühne, sangen dem ehemaligen Ministerpräsidenten Mappus ein Abschiedsständchen und pflegten das Sprachgut. Einem Union-Berlin-Fan gefiel das so gut, dass er nach der Zugabe auf die Bühne stürmte und lautstark nach einer Verlängerung verlangte. Also jetzt keine dritte Halbzeit, sondern einfach mehr Quatsch.

Egge lässt sich beim Warten auf den Anschlusszug in Augsburg von ein paar Buam erklären, was der Plärrer ist. Auf jeden Fall sind die Leute höflicher und besser angezogen, als auf dem Hamburger Hafengeburtstag.

Der Kurze im Balthes heißt Tarifa – frischer Espresso mit 43er. Lecker!

Falls ihr mal im Süden seid, besucht Ravensburg, besucht das Balthes, lasst euch von Noge tolle neue Musik zeigen und genießt das gute Leben. Wir verbeugen uns vor den Menschen in der Stadt und sagen danke!

Presseschau vier/zwanzigelf

Apokalypse jetzt!
Von einem Japan-Heimkehrer empfohlen und ebenfalls für gut befunden: Reinhard Zöllner in der Welt über die Doppelmoral deutscher Japan-Berichterstattung.

Klimawandel in der Politik
Philipp Gessler in der taz über den Fall der überheblichen Politiker und einem vermeintlichen Neuanfang.

Zivilisatorischer Ernst und Psychopathie
Peter Bürger auf Telepolis über Angst, Zuverlässlichkeit von Technik und die unversehbarkeit der Zukunft.

Wer bist du und wenn ja, wie viele?
Michael Moorstedt schreibt in der Süddeutschen Zeitung über den Semantischen Kapitalismus, den Google, Facebook und Konsorten uns aufzwingen.

Die neue Mikrigkeit
Eine Rezension in der Zeit über Robert Pfallers neues Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“.

Nonsens ist ihre Waffe
Christian Helten auf Jetzt.de mit einem Artikel über die Hedonistische Internationale. Gruß an die Genossen!

Der Terror, den wir dulden
Nils Minmar in der FAS über die deutsche Position in Libyen. (Momentan noch hinter Pay-Wall.)

Datenschützers Albtraum
Im Freitag schreibt Stefanie Hardick über die Verleihung des Big-Brother-Awards und warum sich der Preisträger und Architekt der Volkszählung, Gert G. Wagner, nicht über die Ehrung freut.