02. Mai 2011 – Tage der Arbeit

Der stadtbekannte Alkoholiker – der Typ, der immer vor dem Discounter steht und das erschnorrte Geld für Prosecco ausgibt – unterhält sich angeregt mit dem kleinen arabischen Jungen an der Kasse des Supermarkts. Während seine Mutter beunruhigt guckt, erklärt er ihm leicht verwirrt, aber lieb den Unterschied zwischen Akkordeon und Piano, den Vereinsfarben von Borussia Dortmund und Schalke 04 und wieso Wassermelonen lecker und Radieschen nicht lecker sind.
An der Schlange zum Biokaffeestand steht einer und erzählt vom Afghanistan-Einsatz. Wieviel Geld er in der Woche extra verdient. Wie viel tote Menschen er schon am Straßenrand gesehen hat. Wie krass die Amis abgehen würden und wie er immer wieder Schiss kriegt, wenn er sein vollautomatisches Gewehr anlegt, bevor er die Kaserne verlässt. Als er an der Reihe ist, fragt er den volltätowierten Barista, ob der Kaffee auch Fairtrade ist.
Im Radio erklärt ein Politiker, dass die Osteuropäer die Preise drücken würden, jetzt, wo sie frei nach Westeuropa einreisen dürfen. Ein anderer lobt die Mengen an hungrigen, jungen Menschen, die für wenig Geld in der Pflege arbeiten könnten. Ob sie das wollen, fragt niemand. Die Freundin, die in der Pflege arbeitet, überlegt kurz, bevor sie ruhig sagt: „Trotzdem werden die weiterhin die Löhne reduzieren und Ärzte und Pflegekräftestellen abbauen. Keine neuen Azubistellen oder Medizinstudienplätze schaffen. Bis sich niemand mehr um alte, kranke, behinderte Menschen kümmern wird. Stört ja auch beim schönen Leben…“
In England schauen sich alle nur das Kleid der kleinen Schwester und das lustige Blumenmädchen an, während 2011 ein Prinz eine Social-Achieverin heiratet, draußen gefeiert wird, als wäre Guttenberg Kanzler und kritische Bürger mal eben für 24 Stunden vorsichtshalber in Gewahrsinn genommen werden. Sony verkackt digitale Globalisierung und als die USA merken, dass ihnen keiner mehr zuhört, richten sie den Bösewicht hin. Die Welt feiert, dass ein Mensch umgebracht wurde, im Namen der Freiheit, Demokratie und der Menschenrechte.
In der Zeitung steht, das Wohnviertel sei eines der am gentrifiziertesten. Mieten steigen, junge Öko-Muttis mit 1000-Euro-Kinderwagen blockieren die Bürgersteige. Gleichzeitig trinken Thor-Steinar-Typen ein paar Meter weiter Biokaffee, verreckt ein Junkie auf dem Kinderspielplatz, ziehen Unmengen von Erasmus-Partyvolk durch deine Stammkneipe. Und nein, niemand von uns wohnt in Berlin.
Beim Tee erklärt dir eine Journalistin kurz vor der Rente, wie sie noch ohne Internet, in Ostdeutschland ‚9o, in Afghanistan ’95, in Indien ’97, in der Lüneburger Heide ’70 jeden Tag gearbeitet hat. Und das Wichtigste – und dann schaut sie dir in die Augen –, das Wichtigste an der Arbeit, wie auch im Leben, ist flexibel zu bleiben.

Der Adel ist ein Verdienst für solche, die sonst keinen haben (aus China)

Wir freuen uns, ab sofort Ingolf Ahlers, Politikprofessor im Ruhestand an der Universität Hannover, als unregelmäßigen Gastschreiber der Kolumne „Anmerkungen zum Zeitgeist“ begrüßen zu dürfen. Seine Interessensgebiete umfassen unter anderem Internationale Beziehungen, Europäische Kolonialgeschichte, Kulturen des Schamanentums und  Mentalitätsgeschichte. Der Text und alle Rechte daran bleiben bei ihm.

Die Adelstitel „von und zu“ des fränkischen Freiherrn und Plagiator G. erhalten jetzt eine völlig neue Bedeutung: VON anderen Textanalysen klauen und ZU eigenen Aufstiegen nutzen – und das jenseits jeglicher Gedanken über wissenschaftlichen Anstand und entsprechendes Benehmen, also total unadelig. Und nun dämmert diesem Schnösel, Streber und Schleimer, dass man seinen „Doktorvater“ weder zum verantwortlichen Sündenbock, noch ihn in die Wüste schicken kann, wie das in Dienstherrenmanier im Verteidigungsministerium bisher möglich gewesen und als schneidig gelobt worden ist. Ganz schön bitter. Ob da ein schnelles Abhauen in den Krieg am Hindukusch – und dies mal ganz ohne journalistischen Tross, geschweige denn mit Frau (in diesen Kreisen meist als Gemahlin oder Gattin bezeichnet) – noch hilft, bleibt ungewiss, doch der Schrecken ist Karl-Theodor sichtlich in die Knochen gefahren. Und auch eine Kommission, die die Vorwürfe nach Politikerart „untersucht“ und dann vernebelt, wird deswegen schwierig sein, weil ja alles schriftlich auf dem Tisch liegt und gut dokumentiert ist. Da gibt es gar nichts mehr zu untersuchen.

Richtig und voll daneben sind die Abkupferungen, die in der Einleitung seiner Doktorarbeit auftauchen. Denn schließlich ist die Einleitung einer Dissertation sozusagen die Visitenkarte. Hier legt man sein wissenschaftliches Selbstverständnis, seine theoretische Perspektive, sein Erkenntnisinteresse und seine analytisch-methodische Zugangsweise offen oder sollte es zumindest. Und wenn man da von anderen abschreibt, dann hat man nichts von diesen großen Vier noch beieinander. Das lateinische plagium bedeutet ursprünglich „Seelenverkauf“ und das hat Karl-Theodor getan, nämlich seine wissenschaftliche Seele/Ethik an die Dämonen des Lug und Trugs zwecks Karrierebeschleunigung verkauft, und da gibt es weder etwas zu „prüfen“ noch in adliger Kavaliersart zu verharmlosen. „Eine Dissertation ist eine höchstpersönliche Angelegenheit, und es gibt bei Täuschung keine Möglichkeit zum Ausflüchten.“ (F. Hanschmann, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesverfassungsgericht mit dem juristischen Schwerpunkt Plagiatsfälle).

Die Plagiatsvorwürfe weist Freiherr von und zu Guttenberg als „abstrus“ zurück. Das hätte er lieber nicht tun sollen, denn das lateinische abstrusus bedeutet schlicht und einfach „dunkel, heimlich und verborgen“. Alle drei Eigenheiten treffen auf jeden Dieb, auch auf diejenigen von geistigem Eigentum zu. Und im Übrigen: Die Techniken wissenschaftlichen Arbeitens, zu denen auch richtiges Zitieren, einwandfreie Fußnoten und nachvollziehbarer Anmerkungsapparat gehören, sind Pflichtprogramm im ersten Semester. Die ganze Geschichte ist auch ein erhellendes Beispiel über die Mikrophysik der Macht. Im wissenschaftlichen Ökotop der fränkischen Idylle Bayreuth kennt man sich und den Freiherrn, weiß natürliche um das Prestige des Doktortitels und schmückt ihn für ihn mit der Bestnote. Man glaubt sich das deswegen erlauben zu können, weil im bundesdeutschen, spätmodernen und verwaisten Herdenbewusstsein nicht nur das einfache Volk angesichts aristokratischer Überbleibsel glänzende Augen bekommt und stramm steht, vor allem dann, wenn einer ständig von Ehre, Anstand und Moral spricht. Außerdem drängt sich allmählich durch die Vielzahl der aufgenommenen und nicht deklarierten Fremdtexte die Vermutung auf, dass da eventuell ganz andere am Schreiben waren. Die Geilheit auf den Doktortitel treibt sowieso seltsame Blüten. Hier ist ein anschauliches Beispiel die Schmalspurdissertation von Familienministerin Schröder. Die hat sich die „Analyse“ der Werteunterschiede bei CDU-Funktionären und einfachen CDU-Mitgliedern zum wissenschaftlichen Thema gewählt. Wenn jemand mit solch einem Vorschlag zu mir gekommen wäre, dann hätte ich der- oder demjenigen wohl eine Vogel gezeigt.

Ziemlich irrwitzig find ich auch die Vorstellung des fränkischen Freiherrn, dass man seinen Doktortitel eine Zeitlang „ruhen“ lassen kann. Sei es wie es sei: Die politische Marke Guttenberg, deren Botschaft Glaubwürdigkeit sein sollte, ist hin. Der Mann ist entzaubert, hat sich verirrt und verlaufen. Hinter dem adligen Schein der Eitelkeit und des Größenwahns zeigt sich ein Sein ohne Substanz, ohne Bestand, denn der Gestus aus Herablassung und Anmaßung kennzeichnet weiterhin seine öffentlichen Auftritte.

Fazit:  Lügen sind „entweder ein Produkt der Bosheit, der Feigheit oder der Eitelkeit“, so schrieb schon der englische Adlige Graf Chesterfield im 18. Jahrhundert in seinen „Briefen an den Sohn“.