13. Juli 2013 – Neubrandenburg – AJZ

Neubrandenburg, klassisch„Ihr seid echt richtige Popper. Seht aus wie die Jungs vom Segelklub.“ „Bitte?“ „Ja, so mit Hemd und Anzug und so. Außerdem bei dem Wetter Rotwein trinken? Ihr seid doch kaputt.“

Sie haben uns zwei Sessel hingestellt. Dazu ein Bild mit Hirsch, ein paar Topfpflanzen und einen Tisch. Eine Kordell trennt uns von den Zuschauern. Als Egge unseren Gastgebern auf der Fusion eine unnüchterne SMS schrieb, was wir für unsere Lesung in Neubrandenburg brauchen, hat er weit ausgeholt. Sie haben alles hingestellt. Dazu noch Wasser und Rotwein bei gefühlten 40 Grad im Schatten. Aber von Anfang: Das Alternative Jugendzentrum Neubrandenburg wird in diesem Jahr 20. Dass es überhaupt so alt wird, war am Anfang nicht zu erkennen: Schließlich gab es in der Nachwendestadt regelrecht Straßenkämpfe mit Neonazis. „Eine zeitlang konnte ich nicht wirklich vor die Haustür treten“, erzählt einer. „Die haben Hetzjagd auf alles Buntes gemacht.“
Irgendwann taten sich dann die Punks mit den Hip-Hoppern, Skatern, BMXern etc zusammen und richteten so einfache Dinge wie Telefonketten ein. Mit großem Erfolg. „Wir haben quasi jede Straße einzeln zurückerobert.“ So ging das über Jahre. Mit den üblichen Steinen im Weg, die es als buntes, alternatives Projekt in einer kleinen Stadt so gibt. Am Ende aber stand der Umzug in eines der schönsten Jugendzentren Deutschlands.

Egge, konfittisiert

„Hier ist das Kuchenbuffett, alles vegan.“ „Da stehen aber bestimmt zehn verschiedene Teile. Wie sollen wir die alle essen?“ „Mit dem Mund.“ „Krass.“ „Aber iss nicht zuviel. Es gibt nachher noch Abendessen.“ „Bitte?“

Für uns sind die Besuche in Neubrandenburg der Höhepunkt des Sommers: Wenn wir dann mit einem Bier im Tollensesee stehen, das kalte Nass bis zur Brust, die warme Sonne auf den Kopf, dann wissen wir, warum sich der ganze Stress, das ewige Zugfahren, das konstante Üben sowas von lohnt. Neubrandenburg ist für uns Urlaub bei Geschwistern.

„Was ist in dem Eimer?“ „Konfetti.“ „Das sind doch mehrere Kilo.“ „Ja, richtig.“ „Und das?“ „Da sind die Pyros drin.“ „Wollt ihr uns umbringen?“ „Vielleicht. Aber auf jeden Fall müsst ihr nachher stagediven.“ „Ich habe das noch nie gemacht.“ „HAHAHA!“

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03. Oktober 2010 – 20 Jahre Wiedervereinigung

Komisch, so ne Wiedervereinigungsfeier. Die einen demonstrieren, die anderen demonstrieren zumindest patriotische gefühle. Und die Beatpoeten? Die Stellen fest, dass der eine aus dem OSten nun im Westen wohnt, und der aus dem Westen im osten. und beide schauen sich den 3. Oktober an. Gemeinsam. Hui!

Leipzig

Die Sonne hängt warm über den Bäumen. Einige Väter lassen mit ihren Kindern Drachen steigen, andere versuchen, ein paar Tiere aus dem Zoo hinter den Büschen zu erblicken. Die Polizei fährt Streife in Kampfuniform und am Hauptbahnhof steht ein Mann und spielt amerikanischen Blues auf seiner Gitarre. 20 Jahre Wiedervereinigung und die meisten Menschen in Leipzig gehen ihrem eigenen Sonntagsalltag nach. Opa geht mit Enkelin und einem riesigen Teddy spazieren. Ein paar Jugendliche zählen die Kotzepfützen vor der Kleinmesse. Und irgendwie sind die Kastanien auf dem Boden und die bunten Blätter an den Bäumen interessanter als Politik. (Costa)

Hamburg & Bremen

Eigentlich wollte ich am Sonnabend und Sonntag in Bremen demonstrieren. Eben Flagge zeigen gegen Gr0ßstaatereianspruch, Deutschtümmelei, Staatshörigkeit und Nationalismus, der nebenbei die deutsche Abschiebepraxis genauso rechtfertig wie die Kriege, die im Namen der Freiheit gerade geführt werden. „Deutschland muss sterben!“, sangen einst Slime, „damit wir leben können.“ Und ich hätte sicher auch zum Lautisoundtrack mitgesungen, denn vieles was in Deutschlands Namen läuft, hat mit meiner Meinung wenig zu tun. Ich regiere mich gern selbst.

Nun komm ich aus dem Osten (und suche parallel nach einem Text zum Mauerfall) und verbinde mit dem 3. Oktober tatsächlich das Ergebnis einer friedlichen Revolution, auch wenn die gar nicht am 3. Oktober stattfand. Ich verbinde damit den Kampf gegen ein Unrechtssystem und nicht den Untergang der DDR. Ich verbinde mit dem 3. Oktober nicht Deutschland, sondern den Wunsch nach Freiheit. Mir geht es nicht um staatliche Fragen, nicht um den Unterschied und Übergang von DDR zu BRD, mir geht es um das Aufbegehren gegen Unterdrückung und Unrecht! Mir geht es um die Menschenrechte! Und mir geht es um den süßen Duft der Freiheit! Mir bedeutet der Fall dieser verdammten Mauer so verdammt viel. Da können Politiker & Medien noch so versuchen den historischen Akt als Staatsbekenntnis zu vereinnahmen, den 3. Oktober zur Deutschlandhuldigung benutzen.

Das alles hätte ich in Bremen erklären können, die Bullen anschreien, Passanten vollquatschen. Und vielleicht hätte ich auch Krawall schlagen können, wie es mancher Politiker und Polizeichef sicher gern als Rechtfertigung für den massiven Einsatz gesehen hätten. Aber ich wollte nicht mitspielen, wie die Demonstranten vor Ort auch nicht. Die Demo blieb friedlich, die Polizeipräsenz präsentierte den Staat am Feiertag deutlich genug. Mehr brauchte es nicht – schon gar nicht nach den Bildern der Stuttgart-21–Schülerdemo. Ich drehte um und schaute mit die Wiedervereinigungsrevue auf 3 SAT an.

Und? Man kann viel über mediale Ausbeutung von Geschichte schreiben, gegen Jan-Josef Liefers Betroffenheitsmiene lästern, wie über komische Auftritte von Karat und dem beschissenen Scherben-Cover von Ben Becker. Am Ende wurde aber an Schauspieler (Paul 6 Paula, Spur der Steine) erinnert, an Künstler (Dresdner Schauspieler und ihre Proklamation & Leipziger Pfeffermühle) und Mucker wie Klaus Renft; allesamt Menschen, die sich mutig dem Staatsdruck entgegenstellten. Und man wurde wütend und am Ende ziemlich traurig. Und ich schenkte mir nen Sekt ein, auf alle, die sich gegen Unrecht wehren: in Bremen, in Dresden, in Leipzig! (Egge)

Gibt es ein Land auf der Erde,
wo der Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiß es wirklich nicht.
Ich weiß nur eins und da bin ich sicher,
dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist es nicht.
Dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist es nicht.

Hinweis zu den Autoren: Egge ist in Crivitz in Mecklenburg Vorpommern geboren und wuchs in Sukow bei Schwerin, Finsterwalde und in Eggesin auf. 1996 zog er in den Westen. Seine Heimatstadt Eggesin war eine der erste „national befreiten Zonen“, wie die Schweine schreiben. Zwei Vietnamesen wurden dort fast totgeschlagen. Die NDP ist dort eine der stärksten Parteien bis heute. Trotzdem hält Egge Nordost-Mecklenburg immer noch für seine Heimat und grüßt die Genossen in Neubrandenburg, Greifswald, Rostock, Ueckermünde und Pasewalk. Haltet durch*

Costa ist in Hannover geboren, hatte eine richtige Westkindheit mit Nimm-2-Oma und Reihenhaus und erlebte Ostdeutschland zum ersten Mal im Winter 1990. Dem folgten Austausche mit einer Schule Halle, Urlaube in Dresden, Dessau, Leipzig und zahlreiche Festivalbesuche. Seit Oktober 2010 studiert er in Leipzig.

PS: Egges Mauerfalltext folgt hier.