Neunzehn

Wir sahen die besten Köpfe unserer Generation vom Wahn zerstört, hungernd hysterisch nackt, die sich im Morgengrauen durch die Punkerstrassen schleppten auf der Suche nach einem wütenden Schuß

Engelköpfige Hipster, dem alten himmlischen Kontakt zur Sternenlichtmaschine im Getriebe der Nacht entgegenfiebernd, die arm & abgerissen & hohläugig und high im übernatürlichen Dunkel

der Armeleutewohnungen rauchend wachsaßen, schwebend über dem Häusermeer in Punker-Ekstase

die durch die Universitäten gingen mit strahlend kühlem Blick und Halluzinationen von St.Pauli und Off’schen Tragödien unter den Schülern des Krieges hatten

All diese wundervollen Leben, die verschwendet wurden – weil sie mit Punkrock in Berührung kamen. Zerstört mit 19. Wir prangern das an!

Beatpoeten, 2016

Der Text

PaulHardcastle_19_Single

Im ersten Teil hat Kollege Carlos die Genese einer Basslinie anschaulich beschrieben. Da war was mit Fusion-Zelt, Schnaps und Abwärts.  Schön. Der „Grautöne“ liegt mittlerweile in der digitalen Ecke für „Endabnahme“, das ist eine Art geheimer Tresor für fast fertige Songs. Ich könnte jetzt über die unglaublichen Zeilen schreiben, erklären, warum Emotionen manchmal in starre Formen gegossen werden müssen, um sich genau darüber hinwegzusetzen, und darüber sinieren, dass ein Grölpart manchmal ganz befreiend wirken kann. Heute aber nicht. Es soll eher um einen weiteren neues Lied mit Arbeitstitel „19“ gehen.

Dazu muss man wissen, dass wir ein Zweitprojekt betreiben. Ja, wir treten unter falschen Namen auf. Zumindest drei Konzerte haben wir unter dem Knallertitel namens Meatproleten schon gegeben. Und weil das vollkommen bescheuert ist, können wir es ja nun verraten. Einmal traten wir so bei der Fete de la Musique an, zweimal beim Cover-Festival im hannoverschen Kellerklub Béi Chéz Heinz. Dort bekommt man im Vorfeld jeweils zum Festival drei Titel gestellt und macht daraus passende Eigeninterpretationen. Wir haben dabei schon Tocotronic, Deichkind und diesen blöden Tequila-Song kaputt gemacht. Aus der Tocotronic-Version ist der „Hipster“ entstanden, der es vermutlich auch auf das neue Album schafft. Aber darum soll’s jetzt nicht gehen. Denn einer der zugelosten Songs war tatsächlich Paul Hardcastles „19“. Kennt ihr nicht? Der hier:

Der Legende nach hat Hardcastle in den achtziger Jahren eine Doku über den Vietnam-Krieg gesehen, hat sich vermutlich einen eingeklinkt und hat das kritische Filmchen mit Klängen seines neuen Synthies unterlegt. Als es hieß, dass die amerikanischen GIs im Schnitt 19 Jahre alt waren, ist er fast durchgedreht. Er nahm das Wort „Nineteen“ auf, legte das Wort auf eine Synthietaste und flippte aus, als die Taste hängenblieb: „N-n-n-n-nineteen“ hieß es plötzlich. Er schraubte den Song samt LSD-19-Zucken zusammen, bastelte ein paar Nachrichtensprecher als Zitate rein, die über die Gräuel in Vietnam berichteten, und machte die Sprecher zu Co-Autoren. Zum zehnjährigen Vietnam-Ende 1985 erschien die Single, die in 13 Länder auf Position 1 ging. Wow. Elektrofunk in seinen Ursprüngen.

Die kritische Note wurde weltweit gefeiert, auch wenn einige Experten Hardcastle vorwarfen, den Krieg nicht in seiner Gänze abzulehnen. Wenn das Alter der GIs ein Problem wäre, könnte man ja ältere Soldaten nehmen. Geschenkt. Auch Mike Oldfield blies sich auf, erkannte ein paar Soundschnipsel aus seinem Kreativuniversum wieder, klagte und kassierte. Auch geschenkt. Viel wichtiger: In manchen Ländern übersetzten namenhafte Nachrichtensprecher die Dokutexte. In Deutschland war das Werner Veigel. Der Tagesschau-Sprecher kommentierte nicht nur den Eurovision Song Contest, er war auch einer der ersten TV-Leute, der sich als homosexuell outete. Er spielte im Lindenberg-Film „Panische Zeiten“ mit und galt als kritischer Kopf im Staatsfernsehen. Die deutsche Version sah nun so aus:

Lange Rede: Wir waren und sind bis heute von diesem Lied fasziniert – auch weil die INTRO mal eines unserer Lieder mit dem Hardcastle-Ansatz verglich und wir mächtig rot wurden. Spoken Word trifft Elektroschnipsel. Dazu der kritisch-künstlerische Anspruch. Yeah. Also überlegten wir. Das Lied auf Afghanistan runterbrechen? Nö. Das käme einer Wiederholung gleich. Und Hardcastle hat das ja nun sogar selbst übernommen. Das Lied einfach covern? Langweilig. Wir skizzierten also die Probleme der 19-Jährigen von heute.

– Kein Jobangebot
– Diskussionen im Fachschaftsrat
– Zu viele Praktika
– Der Freund ist doof
– Am Wochenende sind immer nur die gleichen Leute unterwegs, die zur gleichen Musik in den gleichen Klubs feiern
– Frisur
– Arbeit nervt
– Zu wenig Gin im Gin Tonic

Wir stutzten. In Vietman starben naive Jugendliche. Heute ergehen sich Gleichaltrige in Befindlichkeiten. Das wollten wir ironisch brechen, die Verhältnismäßigkeit des Jammerns auf hohem Niveau klarmachen. Aber wie? Wir schickten die 19-Jährigen Karrieristen, die Weltverbesserer, Zukunftsplaner und Selbstoptimierer in ihre Krise. Kein Dschungel, kein Kriegsherd, kein Elend – ein Punkerkeller. Die Musik, die Energie, der Sog der Text soll ihre Zukunft in Scherben schlagen. Der Karriereplan wird bei Toxoplasma zerfetzt, die Selbstoptimierung gestört, die so löbliche Rettung der Welt auf eine Probe gestellt. Die 19-Jährigen verlieren ihre Unschuld und ihren kapitalistisch verinnerlichten Verwertungsanspruch in der Bierdusche zu drei Akkorden, der Blutpogo. Das klingt alles reichlich martialisch, soll es auch. Man muss Ironie heute ja mit Ausrufezeichen kennzeichnen, sonst kommt wirklich noch jemand auf die Idee, dass wir das Leiden der Soldaten – bei aller Kritik am Militarismus – mit Komatrinkern im Kellerklub gleichsetzen. Nee. Es geht eher um einen Beitrag zur Verhältnismäßigkeit jammernder Mittelschichtsproblemkinder.

Dann wurde gebastelt, Robert, der Karriereplaner, muss in die Scherben. Tine, die Weltretterin, muss in die Scherben.
Gemeinsam müssen sie die Jugend verschwenden…
Und es folgt an dieser Stelle der Text.
PS: Musik ist aufgenommen, Text auch, abgemischt. Wir lieben diesen Song sehr. An einer Videoidee wird gearbeitet. Danke für die Aufmerksamkeit.

19

robert hatte sein leben genau geplant
gute noten, gutes abi, praktikant
dann auf ins ausland, jobben, kontakte pflegen
freunde fürs leben finden; für die akte ein segen
dann freiwilliges jahr im sozialen bereich
behinderte, junkies, so abwechslungsreich
robert mag kinda, denn die sind so niedlich
kinda lachen & schlafen so friedlich

doch dann stieg robert die treppe runter
ein räudiger klubkeller voller bunter
punker, die im blutpogo sterben
scheiße, die zukunft in scherben

19, 19, 19, 19, robert war 19, 19
zu jung, um aus dem alter raus zu sein

tine war im fachschaftsrat recht angesehen
politisch engagiert, hörte herman van veen
schrieb petitionen, gedichte, eu-anträge
sortierte zeitungs-pdfs & kneipenbelege
ihr größte gegner: der studiendekan
homophober autofahrer, nicht im ansatz vegan
tine würd gern seinen briefkasten sprengen
aber gewalt? wehret den anfängen!

doch dann stieg tine die treppe runter
ein räudiger klubkeller voller bunter
punker, die im blutpogo sterben
scheiße, die zukunft in scherben
19, 19, 19, 19 tine war 19, 19
zu jung, um aus dem alter raus zu sein

tine wollt so gern in afrika wohnen
jetzt vergießt sie bier zu den gold’nen zitronen
robert ringt um luft, vielleicht ist es asthma?
„schwarz! rot! braun!“ brüllt toxoplasma
tine kreitscht nun robert an, sie brauche sein geld
sie möchte gerne weitertrinken auf die rettung der welt
tine wird zu treibsand, die vergangenheit endet
von heute an wird die jugend verschwendet

19, 19! 19, 19! sie waren 19! 19!
zu jung, um aus dem alter raus zu sein

als lena meyer-landrut den eurovision song contest gewann war sie 19
klaus doldinger gründet seine erste band mit 19
als maria antoinette königin wurde, war sie gerade mal 19
das durchschnittsalter der soldaten in afghanistan ist 19

all jene werden nie vergessen was sie gesehen haben
die zerstörung junger menschen in der blüte ihres lebens
zerstört mit 19

 

21. April 2012 – Hannover/Hangover

„Auf’s Maul?“ Wir hatten vorher Wetten abgeschlossen, wie lange es dauert, bis wir angemacht werden würden. 45 Minuten sind dafür an einem Samstagabend auf dem Hannoveraner Frühlingsfest sehr lange. Doch irgendwann steht der Typ im orangen Kapuzenpulli vor dem Boxzelt und hat sich mich als Opfer ausgesucht. Mit meinem Hut, dem Anzug, dem weißen Hemd und der gebügelten Hose passte ich nun auch wirklich nicht in sein Revier. Egge und ich hatten uns hier mit unserem Freund Kevin Münkel getroffen, um neue Pressefotos machen. Zwischen diverser Jungesellenabschiede, Testosteronbomben und den Jack-Wolfskin-Familien fielen wir also sofort auf. Ich lächtelte dem jungen Mann zu, ließ ihn die professionellen Boxer provozieren und verschwand mit Egge im Funhouse – einer Plastiktraumwelt aus Kletter- und Rutschmöglichkeiten. Draußen patroulierte die Polizei in Kampfuniform, drinnen verdrehte man sich das Knie.

Die Wände waren vertäfelt, die Zapfanlage lief. Draußen hatte jemand ein Lagerfeuer gezündet. Hier trafen sich die Flüchtigen, die keine Lust auf Tanzen oder Rauchen hatten. In der Ferne konnte man die Güterzüge langrattern hören. Hier in der Vorstadt wurde Geburtstag gefeiert. Mit Mettbällchen, Nudelsalat, Tzatziki und Fladenbrot. Dazu Kurze und Bier. Draußen wurde wild über Fußball, den Zoo und Angela Merkel diskutiert. Drinnen laut mitgesungen. Zwischen Kraftklub, Spider Murphy Gang und die Atzen fand sich für jeden etwas.

In Hannover-Limmer gibt es das Béi Chéz Heinz. Einmal im Jahr veranstaltet der Klub ein Coverfestival. Die ganze Muckerszene Hannovers trifft sich dann, spielt berühmte Lieder nach und trinkt viel Bier. Wir haben in diesem Jahr endlich mal Zeit gehabt und als Meatproleten bei „Wir sind das Heinz“ politische Lieder nachgespielt: Tocotronics „Alles, was ich will ist“ wurde zu einer Abrechnung mit Hipster-Hatern. Deichkinds „Bück dich hoch“ wurde DAFisiert. Und Paul Hardcastles „19“ zu einer musikalischen Warnung der Jugend vor zu viel Hedonismus. Später legte der DJ noch Drum-n-Bass-Versionen von Popliedern auf. Dufte.

Draußen vor dem Technoklub schubsten sich die Türsteher bereits mit den Professionellen. Drinnen mahlten die Kauleisten, auf dem Klo war jede Kabine belegt, aber keine musste. Unter dem Tarnnetz nippten wir an unserem Gin-Tonic und ließen die bösen Blicke auf uns herabregnen. Wir hatten immer noch unsere Anzüge an. Egge trug sogar noch die Krawatte. „Spießer“, zischte einer neben mir. Ich lächelte auch ihn an. Um 7 Uhr setzten wir uns dann vor den türkischen Bäcker, aßen Simrits und ließen uns von der Sonne das Gesicht streicheln. Wir sahen bestimmt ungesund aus.

sta