22. Oktober 2011 – Hannover – Faust

In Hannover wurde vor ein paar Jahren versucht, so etwas wie das Reeperbahnfestival aufzuziehen. An einem Abend machten verschiedene Klubs ihre Türen auf, man zahlte einmal Eintritt und konnte sich auch mal Läden ansehen, in die man vielleicht sonst nie gehen würde. Klingt gut, hat aber wohl nicht so funktioniert. Es ist einfach auch ein großer Unterschied, ob man es in Hannover über die ganze Stadt verteilt veranstaltet oder in Hamburg in einem Kiez. Wir durften trotzdem in diesem Rahmen unsere alte Heimatstadt besuchen und uns eine Bühne mit den Radaubrüdern von Egotronic und den entspannten und unglaublich sympathischen Ya-Ha! teilen. Dass wir dazu in der Faust in einem alten Wohnzimmerladen von uns spielten, war natürlich auch nicht zu unterschätzen.

Außerdem hatten wir eine Premiere zu feiern. Zum ersten Mal standen wir mit einer Sängerin auf der Bühne. Die unglaubliche Kerstin hatte wenige Tage zuvor spontan zugesagt, uns als Rockröhre und Punkrockbackgroundsängerin zu unterstützen. Schick angezogen wie eine Sekräterin anno 1973 und mit einem Stimmeneffektgerät bewaffnet stürzte sie sich ins Gewusel. Costa war sogar so in seine Beats versunken, dass er gar nicht merkte, wie sie irgendwann eine Seifenblasenknarre rausholte und die ersten Reihen damit zum Entzücken quiecken ließ. Auf jeden Fall eine Wiederholung wert.

ps. Ya-Ha kommen aus München und sagen, dass Sportfreunde Stiller sehr nett sind. Hätten wir das geklärt.

pps. Gruß an Felix, der uns für eine Uni-Hausaufgabe den Abend begleitet hat, immer in der Hoffnung, Fotos von uns in wilden Backstage-Posen zu machen. Als er merkte, dass wir nach dem Konzert eher über Philosophie, vegetarische Rezepte und Opern diskutierten, war er trotzdem nicht sauer. Ersguterjunge.

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Beatpoeten sagen Danke: Mediengruppe Telekommander

Es war Herbst 2009. Und mein Gott, waren wir stolz. Wir spielten gerade das erste Mal im Uebel & Gefährlich und machten Fotos von uns im Backstage. Anschließend fuhren wir zum Dockville-Festival und schauten uns nach der Fusion wieder die Mediengruppe Telekommander an – zwei Monate später durften wir als Vorband dabei sein. Ja, wir waren durchaus begeistert.

In der hannoverschen Faust gaben wir uns Mühe als freundliche Gastgeber. Wir schenkten immer wieder nach, vielleicht sogar etwas zu viel. Es wurde ein grandioser Abend, Kevin hat noch immer tolle Fotos im Archiv, und wir fühlten uns angekommen. Für uns als Band war es einer dieser Momente in denen man merkt, warum man das eigentlich alles so macht, die Stunden im Zug, die man doch viel besser mit Leuten verbringt, die man mag. Alles egal, nach so einem Abend voller Energie und Schnaps. Ein besonderer Kurabend.

Nun verabschiedet sich die Mediengruppe und hinterlässt uns, die Endlosrillensurfer, ratlos zurück. Zeit ein wenig Bilanz zu ziehen. Wir drucken an dieser Stelle Egges Text für die HAZ über Pionierrollen und Parolenposen, Zukunftsangst und Zukunftsmusik, und die Frage, ob Audioakt nicht doch die Keimzelle für eine musikalische Revolte werden kann? Dann mal los.

PS: Danke für zehn wunderbare Jahre.

Schade, ein Trend ging um

Die Elektropunks der Mediengruppe Telekommander verabschieden sich mit einem Akt der Nächstenliebe.

Vor zehn Jahren waren sie Pioniere: Unter dem schönen Namen Mediengruppe Telekommander bastelten Florian Zwietnig und Gerald Mandl aus Österreich und Bayern aus technoider Klubmusik mittels Megafon und Gitarrenverzerrer den Soundtrack für kluge, rausgebrüllte Konsumkritik und riefen dazu ironiegetränkt und selbstbewusst: „Vorsicht, ein Trend geht um!“ Das passte. Die Mediengruppe lieferte Lied gewordene Mittelfinger für unreflektierte Kaufkultur, öden Massengeschmack und Irgendwas-mit-Medien-Zukunfts-Plattitüden.

Für Hip-Hop-Hörer waren sie die deutschen Beasty Boys mit Synthesizer, für szenebewusste Raver die Rocknerds, die Instrumente abseits der Hörgewohnheiten bedienen, für Demoveranstalter die Alternative zu Ton Steine Scherben und Hannes Wader. Die Elektropunks boten die tanzbare Umsetzung von Gil Scott-Herons „The Revolution will not be televised“ – als Mediengruppe kannten sie sich schließlich aus.

Doch nach zehn Jahren Kellerklubtouren und drei Alben mutet das Vermächtnis des Duos irgendwie zweischneidig an. Ganze Labels wie Audiolith und Cobretti entwickelten den Ansatz erfolgreich fort, stampfenden Elektro mit der Attitüde von kritischen Jugendkulturen zu verbinden – bis selbst Emos (Captain Capa), Politpunks (Egotronic) und Hipster (Frittenbude) zum tumben Beat die Arme auf großen Festivals wie dem Hurricane schwenkten. Die Kritik ging beim Transfer aber mitunter verloren. Vielen Folgeprojekten ist heute nur noch der hohle Klang der Parole geblieben, purer Tanzflächenhedonismus ist die Pose. Der Wochenendrave schafft keine Revolte, sondern nur Stressabbau. Die Kinder verfeiern die Revolution. Man könnte es also konsequent nennen, wenn die Mediengruppe Telekommander nun verkündet, den Betrieb einzustellen.

Doch leise Abgänge passen nicht zu Menschen, die mit Sirenenklängen Tanzflächen beschallen. Das Duo hinterlässt mit „Die Elite der Nächstenliebe“ ein halbstündiges Album, das trotz versöhnenden Lächelns des Dalai-Lama auf dem Cover vor Kritik und Kommentar zum Zeitgeist nur so strotzt. In den neun Liedern wie „Billig“ und „Draufhalten“ wird der musikalische Rundumschlag auch auf dem vierten Album konsequent fortgesetzt. „Ich will mehr, ich nehm’ dir alles, so hast du mich erzogen“, brüllen die ­Akteure im Doppelsprechgesangston zu knarzigen Bässen und Synthesizerfetzen. Vertrakte Rhythmen treffen auf Dub-Einlagen, die achtziger Jahre echoen munter zur Musikattacke. „Attention, Attention, wir sind gut zu Menschen“, brüllen sie dem Chor der verlogenen Cha-Cha-Charity-Community im Song „Die Elite der Nächstenliebe“ entgegen. „Wir wollen alles kaputt kaufen“, heißt der Slogan in „Billig“. Dem trendbewussten Upper-Class-Klüngel wird „Bedingungslos abraven auf die Casual-light-Kultur“ versprochen. So bitter und tanzbar kann Kritik ausfallen.

Zuhörer, die nach zehn Jahren ein wenig Selbstkritik erhoffen, bleiben aber unbefriedigt. Keine Silbe zur eigenen Szenekultur, die den Basseinsatz mehr abfeiert als den Kritikansatz. Man gibt sich zumindest auf dieser Ebene versöhnlich – und doch lässt ein Detail hoffen. Das Album erscheint als erstes Werkstück des neuen Labels namens ­Audioakt, ein Hybrid aus den Plattenfirmen Audiolith und Staatsakt. Staatsakt ist bisher vor allem für innovative Produktionen bekannt (Andreas Dorau, Ja, Panik und Christiane Rösinger), die den Kopf nicht nur beim Mitnicken fordern. Audiolith ist Spezialist für die Verbreitung von Elektrodampframmen (Super­shirt, Tante Renate, Frittenbude). Wenn dieses Konzept aufgeht und weitere Produktionen folgen, könnte Audioakt vielleicht mal das werden was Trikont für Weltmusik und Buback für Rock und ­Indieproduktionen ist: eine musikalische Denkfabrik. Das wäre ein Vermächtnis, das zur Band noch besser passt als das gelungene, aber leider auch letzte Album.

#occupywallstreet

Sie schreiben, die Demonstranten hätten gar keine richtigen Forderungen. Sie würden den Protest nicht ernst nehmen und suchten nur nach Spaß. Ihre Empörung sei nur ein weiteres Zeichen von verdorbenem Hedonismus. Die Menschen, die in New York, Boston, Los Angeles und anderen US-amerikanischen Großstädten auf die Straße gehen und sich friedlich empören wurden wochenlang von ihrer Gesellschaft und den amerikanischen Medien ignoriert. Nicht aber von der Welt. Al-Jazeera, Russia Today, taz und einige andere Medien in Europa, Arabien, Asien und Südamerika haben vom ersten Moment genau hingeschaut, was da passiert bei #occupywallstreet. Jetzt ist der Protest soweit, dass er auch Menschen anzieht, die sich und ihm am Anfang nicht getraut haben. Das so etwas noch in den USA passieren kann, ist ein kleines Wunder.

Als ich 1999 in New York State auf die Highschool ging, standen die USA weit weg von den zwei Kriegen, die sie in den vergangenen zehn Jahren gestartet haben. Bush war noch nicht Präsident, und die Kultur und das Leben rund um Punkrock, Skateboarding, Hip-Hop und diesem neuen Ding Internet war lebendig und offen. Aber es gab schon diese Momente, in denen ich mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass ich aus einem anderen Teil der Erde komme. Mein Skateboard wurde mir von Polizisten einfach weggenommen, nachdem ich auf der Straße gefahren war. Meine Freunde sagten nur, ich solle bloß nicht mit dem Officer diskutieren. Er selbst drohte mir mit einem Entzug meines Schülervisums. Noch nie hatte ich erlebt, dass man mit Polizisten nicht wenigstens diskutieren durfte.

Meine Mitschüler bekamen in der Schule und auch außerhalb immer wieder zu spüren, dass sie schwarz, uramerikanisch, asiatisch, muslimisch waren oder einfach nur kritische Gedanken machten. Die Lehrer, die ich bis dahin hatte, machten kritisches Denken, eine eigene Meinung und Toleranz gegenüber anderen zu wichtigen Inhalten ihres Unterrichts.

Die Jugend meiner amerikanischen Freunde war besetzt von der Angst, später kein gutes College besuchen zu dürfen, keinen guten Job zu bekommen, allein zu sein, arm und ohne Zugang zur Gesellschaft. In Deutschland hatten sie uns bis dahin immer gesagt, macht, was euch Spaß macht und der Erfolg kommt von selbst. Genießt eure Jugend, spielt draußen, schaut euch die Welt an.

Das alles hat sich geändert. Die diversen Wirtschaftskrisen, die Kriege, die Angst vor Terrorismus, der unbegrenzte Kapitalismus, die Angst vor Fremden ist globalisiert worden. Meine amerikanischen Freunde haben inzwischen alle die USA verlassen und leben entweder in Kanada, in Europa oder in Südamerika. Wie Exilanten haben sie ihr Land verlassen, das es ihnen nicht ermöglicht, ein liberales, umweltbewusstes und pazifistisches Leben zu führen. Selbst meine Gasteltern, sehr bürgerlich und strebsam, sagen nur noch „Das gehört sich nicht“. Ende September schickte mir mein Gastbruder einen Link zu den Protesten in New York. Er fragte mich, ob das so ein Zeichen sei, wieder zurückzufahren. Ob das #occupywallstreet der amerikanische Tahir-Platz sei. Ob es sich lohnt, seine Blase in Barcelona zu verlassen und die Risiken auf sich zu nehmen und beim richtigen Change mitzumachen. Keine Ahnung, sagte ich. Aber ich hoffe es.

c

01. Oktober 2011 – Mainz – Peng

Wir sind immer gerne in Mainz. Die Menschen dort haben einen unglaublich ausgeprägten Sinn für Kultur, und feiern können die sowieso. Dieses Mal waren wir im Peng. Carolin erklärt mal, was das überhaupt ist:


PENG fördert seit 2006 Design, Kunst und Kommunikation in Mainz. Dabei definieren die Künstler und Künstlerinnen das PENG ständig selbst neu. Nach dem Motto „PENG ist was Du draus machst“ gibt der Verein nichts vor, stellt nur ein Minimum an notwendigen Regeln auf und lässt den Akteuren ansonsten freie Hand, den Raum PENG – das Pengland – immer wieder neu zu erfinden.
PENG fungiert als Wohnzimmer, Treffpunkt, soziales Netzwerk, Arbeitsraum, Ausstellungsraum, Spielwiese, Werkstatt etc. Hier finden Diskurs und Reflexion statt und wird ein kritischer Zeitgeist gepflegt. Hier werden Menschen warmherzig aufgenommen und eingeladen, sich mit ihren Werken zu zeigen. Die Künstler, die hierher kommen, um ihre Arbeiten zu zeigen, haben die verschiedensten Hintergründe. Junge Studierende zeigen ihre Arbeiten oft erstmals einer Öffentlichkeit außerhalb der Unis, etablierte Künstler – Profis –, die ihren Lebensunterhalt mit Kunst bestreiten, nutzen den Freiraum den PENG bietet, um Neues zu probieren, ohne dass PENG Provisionen kassiert oder galeriemäßige Vertragsverhältnisse anstrebt. Hobbykünstler nutzen die Plattform, um sich nach außen hin zu präsentieren.

Was entsteht, ist eine Art Gesellschafts- oder Bürgerkunstraum, der ganz ohne staatliche Fördermittel einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag wahrnimmt. Im PENG kann Malerei, Fotografie, Skulptur, Installation ebenso genossen werden, wie Musik, Literatur, Theater und Performance. PENG ist im weltweiten Netz des Internets verankert, und beheimatet in seinem Raum im dritten Stock der Rheinallee 79-81 in Mainz.

Unterstützt wurde das Ganze vom Gonzo Verlag. Fotos vom Abend gibt es hier und hier.