20. Oktober 2010 – Geh-offline-Tag

Sie sagen, du solltest nicht so angepasst leben,
dafür hauen sie dir Pfefferspray ins Gesicht.

Sie sagen, du musst noch viel mehr lernen,
und lassen dich Studiengebühren zahlen.

Sie sagen, du solltest dich integrieren,
dabei leben sie weit weg von den Menschen.

Sie sagen, du solltest fünf Fremdsprachen kennen,
und selbst verstehen sie ihre eigene nicht einmal.

Sie sagen, du brauchst noch mehr Arbeitserfahrung,
doch niemand gibt dir einen Job.

Sie sagen, du solltest die Umwelt schützen,
und vergraben Strahlenmüll in der Natur.

Sie sagen, du solltest sparsam sein,
doch verschenken sie dein Geld an ihre Freunde.

Sie sagen, du solltest nach Hamburg gehen, nach Leipzig und Berlin,
dort ist die Szene, die Musik, die Party, das Leben, nur nicht dein Herz.

08. Oktober 2010 – Magdeburg – LIZ

Mehr als fünf Jahre ist es schon her, dass Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle verbrannt ist. Die Umstände sind bis heute ungeklärt, aber die Faktenlage höchst brisant. Damit sein Tod nicht in Vergessenheit gerät, hatte das Libertäre Zentrum in Magdeburg zu einem Infoabend mit anschließendem Konzert eingeladen. Wir durften dort spielen, gemeinsam mit den coolen Boys von Meier und Erdmann.

Es war das erste Konzert seit anderthalb Monaten, während unserer Spielpause hatte der Herbst die Bäume gefärbt und unsere Lebensmittelpunkte ein paar hundert Kilometer auseinander gerissen. Umso mehr freuten wir uns, dass vor der Bühne noch eine Menge Leute standen, die uns beim Quatschmachen zusehen wollten.

Das Libertäre Zentrum ist seit ein paar Monaten legal, die circa zwanzig Bewohner Besitzer ihres tollen Hauses. Draußen wachten zwei kräftige Jungs, weil der letzte Nazi-Angriff keine zwei Wochen her ist. Im Hof stand schon das Holz bereit, mit dem im Winter die Kessel beheizt werden. Einer erzählte von einem Besuch des SEKs bei ihm auf dem Bauwagenplatz und in der Küche brutzelten leckere Veggie-Burger in der Pfanne. Zwei Skins machten Pogo auf dem Perserteppich und hauten einen um, dem vor ein paar Tagen der Hund weggenommen wurde, und eine junge Dame war extra aus Leipzig gekommen und verbrachte die Nacht auf dem Bahnhof Magdeburg , wenige hundert Meter von der Truppe großer, kurzhaariger Männer, die auf ihren schwarzen Jacken dick „Sicherheit“ stehen haben. Nach dem Konzerten entschwanden wir in die Nacht, hörten laut alte Punk- und Technohits und landeten irgendwann in einer Kneipe, in der es nach vier Uhr noch Pommes gibt und der Besitzer weiß, was er bringen soll, wenn man „Lütje Lage“ bestellt.

03. Oktober 2010 – 20 Jahre Wiedervereinigung

Komisch, so ne Wiedervereinigungsfeier. Die einen demonstrieren, die anderen demonstrieren zumindest patriotische gefühle. Und die Beatpoeten? Die Stellen fest, dass der eine aus dem OSten nun im Westen wohnt, und der aus dem Westen im osten. und beide schauen sich den 3. Oktober an. Gemeinsam. Hui!

Leipzig

Die Sonne hängt warm über den Bäumen. Einige Väter lassen mit ihren Kindern Drachen steigen, andere versuchen, ein paar Tiere aus dem Zoo hinter den Büschen zu erblicken. Die Polizei fährt Streife in Kampfuniform und am Hauptbahnhof steht ein Mann und spielt amerikanischen Blues auf seiner Gitarre. 20 Jahre Wiedervereinigung und die meisten Menschen in Leipzig gehen ihrem eigenen Sonntagsalltag nach. Opa geht mit Enkelin und einem riesigen Teddy spazieren. Ein paar Jugendliche zählen die Kotzepfützen vor der Kleinmesse. Und irgendwie sind die Kastanien auf dem Boden und die bunten Blätter an den Bäumen interessanter als Politik. (Costa)

Hamburg & Bremen

Eigentlich wollte ich am Sonnabend und Sonntag in Bremen demonstrieren. Eben Flagge zeigen gegen Gr0ßstaatereianspruch, Deutschtümmelei, Staatshörigkeit und Nationalismus, der nebenbei die deutsche Abschiebepraxis genauso rechtfertig wie die Kriege, die im Namen der Freiheit gerade geführt werden. „Deutschland muss sterben!“, sangen einst Slime, „damit wir leben können.“ Und ich hätte sicher auch zum Lautisoundtrack mitgesungen, denn vieles was in Deutschlands Namen läuft, hat mit meiner Meinung wenig zu tun. Ich regiere mich gern selbst.

Nun komm ich aus dem Osten (und suche parallel nach einem Text zum Mauerfall) und verbinde mit dem 3. Oktober tatsächlich das Ergebnis einer friedlichen Revolution, auch wenn die gar nicht am 3. Oktober stattfand. Ich verbinde damit den Kampf gegen ein Unrechtssystem und nicht den Untergang der DDR. Ich verbinde mit dem 3. Oktober nicht Deutschland, sondern den Wunsch nach Freiheit. Mir geht es nicht um staatliche Fragen, nicht um den Unterschied und Übergang von DDR zu BRD, mir geht es um das Aufbegehren gegen Unterdrückung und Unrecht! Mir geht es um die Menschenrechte! Und mir geht es um den süßen Duft der Freiheit! Mir bedeutet der Fall dieser verdammten Mauer so verdammt viel. Da können Politiker & Medien noch so versuchen den historischen Akt als Staatsbekenntnis zu vereinnahmen, den 3. Oktober zur Deutschlandhuldigung benutzen.

Das alles hätte ich in Bremen erklären können, die Bullen anschreien, Passanten vollquatschen. Und vielleicht hätte ich auch Krawall schlagen können, wie es mancher Politiker und Polizeichef sicher gern als Rechtfertigung für den massiven Einsatz gesehen hätten. Aber ich wollte nicht mitspielen, wie die Demonstranten vor Ort auch nicht. Die Demo blieb friedlich, die Polizeipräsenz präsentierte den Staat am Feiertag deutlich genug. Mehr brauchte es nicht – schon gar nicht nach den Bildern der Stuttgart-21–Schülerdemo. Ich drehte um und schaute mit die Wiedervereinigungsrevue auf 3 SAT an.

Und? Man kann viel über mediale Ausbeutung von Geschichte schreiben, gegen Jan-Josef Liefers Betroffenheitsmiene lästern, wie über komische Auftritte von Karat und dem beschissenen Scherben-Cover von Ben Becker. Am Ende wurde aber an Schauspieler (Paul 6 Paula, Spur der Steine) erinnert, an Künstler (Dresdner Schauspieler und ihre Proklamation & Leipziger Pfeffermühle) und Mucker wie Klaus Renft; allesamt Menschen, die sich mutig dem Staatsdruck entgegenstellten. Und man wurde wütend und am Ende ziemlich traurig. Und ich schenkte mir nen Sekt ein, auf alle, die sich gegen Unrecht wehren: in Bremen, in Dresden, in Leipzig! (Egge)

Gibt es ein Land auf der Erde,
wo der Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiß es wirklich nicht.
Ich weiß nur eins und da bin ich sicher,
dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist es nicht.
Dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist es nicht.

Hinweis zu den Autoren: Egge ist in Crivitz in Mecklenburg Vorpommern geboren und wuchs in Sukow bei Schwerin, Finsterwalde und in Eggesin auf. 1996 zog er in den Westen. Seine Heimatstadt Eggesin war eine der erste „national befreiten Zonen“, wie die Schweine schreiben. Zwei Vietnamesen wurden dort fast totgeschlagen. Die NDP ist dort eine der stärksten Parteien bis heute. Trotzdem hält Egge Nordost-Mecklenburg immer noch für seine Heimat und grüßt die Genossen in Neubrandenburg, Greifswald, Rostock, Ueckermünde und Pasewalk. Haltet durch*

Costa ist in Hannover geboren, hatte eine richtige Westkindheit mit Nimm-2-Oma und Reihenhaus und erlebte Ostdeutschland zum ersten Mal im Winter 1990. Dem folgten Austausche mit einer Schule Halle, Urlaube in Dresden, Dessau, Leipzig und zahlreiche Festivalbesuche. Seit Oktober 2010 studiert er in Leipzig.

PS: Egges Mauerfalltext folgt hier.