Das Studio

Winter 2014

Das Studio, in dem wir gerade aufnehmen, liegt in der City von Hannover. Um die Ecke stehen ab 19 Uhr die Nutten, auf der anderen Seite der Straße teilen sich Einkaufszentren und Hells Angels das Revier. Es sind keine fünf Minuten zum Hauptbahnhof, und der Besitzer Ulli 3000 ist ein entspannter Typ.

Nachdem wir das letzte Album „Man müsste Klavier spielen können“ zusammen mit Manuel Gehrke an zwei Tagen aufgenommen hatten, wollten wir uns dieses Mal mehr Zeit nehmen. Manuel kommt aus dem Punkrock, teilte mit uns Humor und das Verständnis, Lieder in One-Take – also in einer Aufnahme – live einzuspielen. Wir nahmen damals jedes Lied maximal dreimal auf – Egge sang dabei live zu meinem Synthie. Es sollte auch eine Art Werkstattbericht sein, eine Abbildung unserer Fähigkeiten. Roh und spontan – ein Punkalbum eben.

Das aktuelle Album – momentan noch ohne Namen oder Arbeitstitel – ist nach diesen Richtlinien sicher kein Punkrock mehr – aber es ist Punk. Wir haben unseren Studioproduzenten ausgewählt, weil er als Techno-DJ eine Vorstellung von dichtem, spielerischem, aber auch sehr straightem Klang und Rhythmus spielt. Gleichzeitig ist er ein Profi, der – genauso hyperaktiv wie wir – intuitiv weiß, wann er uns mit seinem Rat weiterhelfen kann.

Wir nahmen pro Session ungefähr ein Lied auf, wobei ich immer mit Loops oder einzelnen aufgenommenen Spuren zu ihm kam, wir dort gemeinsam das Arrangement besprachen und Egge dann den Gesang aufnahm. Es gab dazu Cremant, Tee und Bier. Dass wir zwei Geburtstage bei den Aufnahmen einleiteten machte das Ganze noch persönlicher.
Nun sind fast alle Lieder aufgenommen. Es fehlt noch der Feinschliff. Aber eins können wir sagen: Es klingt anders, oftmals so, dass wir ein Stück zurückgehen und uns vergewissern müssen, dass wir das aufgenommen haben.

Es ist sehr viel experimentiert worden. Wir würden uns freuen, wenn es euch gefällt.

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Der Text

PaulHardcastle_19_Single

Im ersten Teil hat Kollege Carlos die Genese einer Basslinie anschaulich beschrieben. Da war was mit Fusion-Zelt, Schnaps und Abwärts.  Schön. Der „Grautöne“ liegt mittlerweile in der digitalen Ecke für „Endabnahme“, das ist eine Art geheimer Tresor für fast fertige Songs. Ich könnte jetzt über die unglaublichen Zeilen schreiben, erklären, warum Emotionen manchmal in starre Formen gegossen werden müssen, um sich genau darüber hinwegzusetzen, und darüber sinieren, dass ein Grölpart manchmal ganz befreiend wirken kann. Heute aber nicht. Es soll eher um einen weiteren neues Lied mit Arbeitstitel „19“ gehen.

Dazu muss man wissen, dass wir ein Zweitprojekt betreiben. Ja, wir treten unter falschen Namen auf. Zumindest drei Konzerte haben wir unter dem Knallertitel namens Meatproleten schon gegeben. Und weil das vollkommen bescheuert ist, können wir es ja nun verraten. Einmal traten wir so bei der Fete de la Musique an, zweimal beim Cover-Festival im hannoverschen Kellerklub Béi Chéz Heinz. Dort bekommt man im Vorfeld jeweils zum Festival drei Titel gestellt und macht daraus passende Eigeninterpretationen. Wir haben dabei schon Tocotronic, Deichkind und diesen blöden Tequila-Song kaputt gemacht. Aus der Tocotronic-Version ist der „Hipster“ entstanden, der es vermutlich auch auf das neue Album schafft. Aber darum soll’s jetzt nicht gehen. Denn einer der zugelosten Songs war tatsächlich Paul Hardcastles „19“. Kennt ihr nicht? Der hier:

Der Legende nach hat Hardcastle in den achtziger Jahren eine Doku über den Vietnam-Krieg gesehen, hat sich vermutlich einen eingeklinkt und hat das kritische Filmchen mit Klängen seines neuen Synthies unterlegt. Als es hieß, dass die amerikanischen GIs im Schnitt 19 Jahre alt waren, ist er fast durchgedreht. Er nahm das Wort „Nineteen“ auf, legte das Wort auf eine Synthietaste und flippte aus, als die Taste hängenblieb: „N-n-n-n-nineteen“ hieß es plötzlich. Er schraubte den Song samt LSD-19-Zucken zusammen, bastelte ein paar Nachrichtensprecher als Zitate rein, die über die Gräuel in Vietnam berichteten, und machte die Sprecher zu Co-Autoren. Zum zehnjährigen Vietnam-Ende 1985 erschien die Single, die in 13 Länder auf Position 1 ging. Wow. Elektrofunk in seinen Ursprüngen.

Die kritische Note wurde weltweit gefeiert, auch wenn einige Experten Hardcastle vorwarfen, den Krieg nicht in seiner Gänze abzulehnen. Wenn das Alter der GIs ein Problem wäre, könnte man ja ältere Soldaten nehmen. Geschenkt. Auch Mike Oldfield blies sich auf, erkannte ein paar Soundschnipsel aus seinem Kreativuniversum wieder, klagte und kassierte. Auch geschenkt. Viel wichtiger: In manchen Ländern übersetzten namenhafte Nachrichtensprecher die Dokutexte. In Deutschland war das Werner Veigel. Der Tagesschau-Sprecher kommentierte nicht nur den Eurovision Song Contest, er war auch einer der ersten TV-Leute, der sich als homosexuell outete. Er spielte im Lindenberg-Film „Panische Zeiten“ mit und galt als kritischer Kopf im Staatsfernsehen. Die deutsche Version sah nun so aus:

Lange Rede: Wir waren und sind bis heute von diesem Lied fasziniert – auch weil die INTRO mal eines unserer Lieder mit dem Hardcastle-Ansatz verglich und wir mächtig rot wurden. Spoken Word trifft Elektroschnipsel. Dazu der kritisch-künstlerische Anspruch. Yeah. Also überlegten wir. Das Lied auf Afghanistan runterbrechen? Nö. Das käme einer Wiederholung gleich. Und Hardcastle hat das ja nun sogar selbst übernommen. Das Lied einfach covern? Langweilig. Wir skizzierten also die Probleme der 19-Jährigen von heute.

– Kein Jobangebot
– Diskussionen im Fachschaftsrat
– Zu viele Praktika
– Der Freund ist doof
– Am Wochenende sind immer nur die gleichen Leute unterwegs, die zur gleichen Musik in den gleichen Klubs feiern
– Frisur
– Arbeit nervt
– Zu wenig Gin im Gin Tonic

Wir stutzten. In Vietman starben naive Jugendliche. Heute ergehen sich Gleichaltrige in Befindlichkeiten. Das wollten wir ironisch brechen, die Verhältnismäßigkeit des Jammerns auf hohem Niveau klarmachen. Aber wie? Wir schickten die 19-Jährigen Karrieristen, die Weltverbesserer, Zukunftsplaner und Selbstoptimierer in ihre Krise. Kein Dschungel, kein Kriegsherd, kein Elend – ein Punkerkeller. Die Musik, die Energie, der Sog der Text soll ihre Zukunft in Scherben schlagen. Der Karriereplan wird bei Toxoplasma zerfetzt, die Selbstoptimierung gestört, die so löbliche Rettung der Welt auf eine Probe gestellt. Die 19-Jährigen verlieren ihre Unschuld und ihren kapitalistisch verinnerlichten Verwertungsanspruch in der Bierdusche zu drei Akkorden, der Blutpogo. Das klingt alles reichlich martialisch, soll es auch. Man muss Ironie heute ja mit Ausrufezeichen kennzeichnen, sonst kommt wirklich noch jemand auf die Idee, dass wir das Leiden der Soldaten – bei aller Kritik am Militarismus – mit Komatrinkern im Kellerklub gleichsetzen. Nee. Es geht eher um einen Beitrag zur Verhältnismäßigkeit jammernder Mittelschichtsproblemkinder.

Dann wurde gebastelt, Robert, der Karriereplaner, muss in die Scherben. Tine, die Weltretterin, muss in die Scherben.
Gemeinsam müssen sie die Jugend verschwenden…
Und es folgt an dieser Stelle der Text.
PS: Musik ist aufgenommen, Text auch, abgemischt. Wir lieben diesen Song sehr. An einer Videoidee wird gearbeitet. Danke für die Aufmerksamkeit.

19

robert hatte sein leben genau geplant
gute noten, gutes abi, praktikant
dann auf ins ausland, jobben, kontakte pflegen
freunde fürs leben finden; für die akte ein segen
dann freiwilliges jahr im sozialen bereich
behinderte, junkies, so abwechslungsreich
robert mag kinda, denn die sind so niedlich
kinda lachen & schlafen so friedlich

doch dann stieg robert die treppe runter
ein räudiger klubkeller voller bunter
punker, die im blutpogo sterben
scheiße, die zukunft in scherben

19, 19, 19, 19, robert war 19, 19
zu jung, um aus dem alter raus zu sein

tine war im fachschaftsrat recht angesehen
politisch engagiert, hörte herman van veen
schrieb petitionen, gedichte, eu-anträge
sortierte zeitungs-pdfs & kneipenbelege
ihr größte gegner: der studiendekan
homophober autofahrer, nicht im ansatz vegan
tine würd gern seinen briefkasten sprengen
aber gewalt? wehret den anfängen!

doch dann stieg tine die treppe runter
ein räudiger klubkeller voller bunter
punker, die im blutpogo sterben
scheiße, die zukunft in scherben
19, 19, 19, 19 tine war 19, 19
zu jung, um aus dem alter raus zu sein

tine wollt so gern in afrika wohnen
jetzt vergießt sie bier zu den gold’nen zitronen
robert ringt um luft, vielleicht ist es asthma?
„schwarz! rot! braun!“ brüllt toxoplasma
tine kreitscht nun robert an, sie brauche sein geld
sie möchte gerne weitertrinken auf die rettung der welt
tine wird zu treibsand, die vergangenheit endet
von heute an wird die jugend verschwendet

19, 19! 19, 19! sie waren 19! 19!
zu jung, um aus dem alter raus zu sein

als lena meyer-landrut den eurovision song contest gewann war sie 19
klaus doldinger gründet seine erste band mit 19
als maria antoinette königin wurde, war sie gerade mal 19
das durchschnittsalter der soldaten in afghanistan ist 19

all jene werden nie vergessen was sie gesehen haben
die zerstörung junger menschen in der blüte ihres lebens
zerstört mit 19

 

Die Basslinie

Februar 2013

Wir waren auf dem „Fusion Festival“ in einem Zelt, in dem vor allem nur Punkrock lief. Das war ziemlich geil. Zu dem ganzen anderen Elektro draußen und der Kleinkunst war das ein schmutziger Kontrast. Es lief Abwärts mit „Computerstaat“. Der Basslauf und der straighte Beat hätte genauso gut der Soundtrack eines 80er-Jahre-Roadmovies im Ruhrgebiet sein können. Es war die gleiche Mischung, die uns auch bei Bands wie Joy Division, Ventures oder DAF gefiel.
Minimalistisch, streng, aber nicht klinisch, sondern eben Punkrock. Ich versuchte zu Hause später so eine Basslinie an meiner Roland D Groovebox nachzubauen. Natürlich plockert das alte Gerät im Gegensatz zu einem richtigen Instrumenten. Aber auch das war eben Punkrock. Weniger als drei Akkorde, um ein Lied zu spielen. Das gefiel uns nicht nur aus ästhetischen Gründen: Durch die Groovebox haben wir ein überschaubares Equipment. Passt perfekt in einen Rucksack. Wir sind vorwiegend mit dem Zug unterwegs, da ist das natürlich sehr praktisch.
Ich stellte den Synthesizer auf einen rauen, sehr 8-bitigen Ton, setzte zwölf Halbtöne tiefer und haute noch Effekte wie Chorus, Verzerrer und vielleicht sogar den eingebauten Reverb drauf. Sounds, so dünn wie das Plastikgerät, aus dem sie kommen. Aber eben: Richtig, Punkrock.
Das erste Element für ein Lied, das Egge später „Grautöne“ taufen würde, war fertig.

Werkstatt

Ja, wir nehmen so eine Art Album auf. Es sind fast zehn neue Lieder – einige haben wir schon einmal oder mehrmals live gespielt. Manche Musik- oder Textteile reiften schon mehrere Jahre und konnten erst in einem bestimmten Moment aufgenommen oder aufgeschrieben und arrangiert werden.
Inzwischen lassen wir uns sehr viel helfen – mit Stimmtraining, mit Beratung über Sound, zu Einflüssen jeglicher Art. Wir fragen Menschen direkt und oft auch mit fairer Bezahlung, ob sie uns helfen.
Es gibt Profis, die haben jahrelang darauf hingearbeitet, uns so eine Hilfe zu geben. Erwachsen, nennen manche so etwas. Nachhaltig, nennen wir es.
In der Folge werden wir an dieser Stelle Einflüsse vorstellen, aber auch einzelne Arbeitsfortschritte, damit nachvollziehbar wird, wie wir arbeiten. Nerdism, nennen manche das. Wir sagen transparent.

Erster Teil    Eine Erklärung, wie eine Basslinie entsteht
Zweiter Teil   Eine Geschichte, wie ein Text geschrieben wird
Dritter Teil    Eine Beschreibung des Studios, in dem wir aufnehmen