14. Mai 2011 – Nordostdeutschland

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07. Mai 2011 – Ravensburg – Balthes

In Ravensburg wurde am 7. Mai „Jazz In The City“ gefeiert. In der ganzen Stadt wurde gemuckt, improvisiert und rumgejazzt. Im Café Balthes nicht. Dort standen wir auf der Bühne, sangen dem ehemaligen Ministerpräsidenten Mappus ein Abschiedsständchen und pflegten das Sprachgut. Einem Union-Berlin-Fan gefiel das so gut, dass er nach der Zugabe auf die Bühne stürmte und lautstark nach einer Verlängerung verlangte. Also jetzt keine dritte Halbzeit, sondern einfach mehr Quatsch.

Egge lässt sich beim Warten auf den Anschlusszug in Augsburg von ein paar Buam erklären, was der Plärrer ist. Auf jeden Fall sind die Leute höflicher und besser angezogen, als auf dem Hamburger Hafengeburtstag.

Der Kurze im Balthes heißt Tarifa – frischer Espresso mit 43er. Lecker!

Falls ihr mal im Süden seid, besucht Ravensburg, besucht das Balthes, lasst euch von Noge tolle neue Musik zeigen und genießt das gute Leben. Wir verbeugen uns vor den Menschen in der Stadt und sagen danke!

Werbung in eigener Sache

Am 21. und 22. Mai treten in Hannover die besten Slammer Niedersachsens und Bremens auf. Egge moderiert die 1. niedersächsisch-bremische Slam Poetry Meisterschaft mit seinem Piratenkollegen Henning, und Costa kümmert sich backstage darum, dass keiner verschütt geht. Unsere Freunde vom Fanfarenzug Alt-Linden spielen auch! Mehr Infos hier.

Presseschau neun/zwanzigelf

Ach, Attacis!
In der taz schreibt Benedict Ugarte Chacón über attacs Weg in den Mainstream.

Rude Boys
Eine schöne Biographie der Beastie Boys im Ney York Times Magazine.

Rangliste entlarvt Europas Klimasünder
Bei Spiegel Online: eine Liste der Firmen, die am meisten C02 verbrauchen.

Wie anti darf Pop sein?
Jan Freitag schreibt auf Zeit Online über die aktuelle Diskussion von Pop, Kritik und Gedöns.

Tod auf Raten
Wie kleine Kommunen langsam aussterben, darüber schreibt der Spiegel.

Was ich noch sagen wollte
SZ-Redakteur Werner Bartens schreibt, was er hinter den Kulissen von Fernsehtalkshows gesehen hat.

100 Prozent Ökostrom
Die taz berichtet, der Landkreis Lüchow-Dannenberg im Wendland habe die Energiewende schon hinter sich.

Hier wächst die Hoffnung
Jessica Braun schreibt auf Zeit Online über die Chance Detroits, sich durch Urban Gardening neu zu erfinden.

Ach nee, doch nicht!
In der Schaltzentrale wird das Chaos der Berichterstattung um Osama bin Ladens Exekution veranschaulicht.

09. Mai 2011 – Beatpoeten treffen: die Echse

Weiter gehts. Neben Konzertrückblicken, Presseschauen und anderem lesenswerten Krempel wollen wir in der Rubrik „Beatpoeten treffen“ interessante Menschen vorstellen, die wir spannend finden. Diesmal ist es nicht mal ein Mensch – sondern ein Reptil. Los geht’s.

Heute: Michael Hatzius und die Echse


Herr Hatzius, Ihre Puppe namens Echse ist ein ziemlich arroganter Zeitgenosse, der nicht unbedingt durch Freundlichkeit auffällt. Sie hätten sich auch einen niedlichen Bühnenpartner suchen können. Warum musste es unbedingt ein Ekel sein?
Hatzius: Ich habe nach einer Figur gesucht, die schon alt ist, vieles gesehen und somit einen großen Überblick über die Dinge hat: die Echse. Solche Charaktereigenschaften können zu einem gewissen Überlegenheitsgefühl führen, das dann vielleicht hier und da „eklig“ ist. Ich empfinde die Echse nicht so, auch wenn ich Einiges von ihr einstecken muss. Die Echse scheint auf der Bühne ein Eigenleben zu führen.

Teilen Sie ein eher partnerschaftliches Bühnenleben, oder haben Sie es schon aufgegeben, Einfluss auf die Echse zu haben?
Hatzius: Ich bin tatsächlich gut beraten, die Dinge an die Echse abzugeben. Sie macht im Prinzip ja alles alleine, ich stärke ihr dabei lediglich den Rücken.

Dann fragen wir die Echse selbst: Was haben Sie zum Vorwurf der gelebten Unfreundlichkeit zu sagen?
Echse: Arschloch!

Kann es sein, dass Sie ziemlich oft schlechte Laune haben?
Echse: Pass auf, ich habe keine schlechte Laune. Ich bin einfach seit Millionen Jahren dabei. Wie Du Dir vielleicht vorstellen kannst, wird es zunehmend schwieriger, für jeden sich wiederholenden Mist eine riesige Begeisterung zu empfinden.

Für was können Sie sich denn begeistern, und über was können Sie noch lachen?
Echse: Menschen und ihre Unfähigkeit zu Kommunizieren.

Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit Herrn Hatzius?
Echse: Schwitzig und feucht. Er spuckt mir in den Nacken. Zum Transport werde ich in eine dunkle Kiste ohne Fenster gesteckt. Ich arbeite mit ihm zusammen, weil ich keine Beine mehr habe und somit nicht Auto fahren kann. Außerdem fehlt mir die rechte Hand, die braucht man aber für den Bürokram. Er erledigt diese Dinge relativ zuverlässig. Ich dulde seine Präsenz gezwungenermaßen.

Woran kann er noch arbeiten?
Echse: Am Äußeren arbeiten wäre gut, schließlich sitzt er direkt hinter mir, und es nützt die schönste Blumenwiese nichts, wenn dahinter eine Kläranlage steht.

Herr Hatzius, in welchen Momenten des Alltags wären Sie gern selbst die Echse?
Hatzius: Niemals. Wir sind beide sehr unterschiedlich. Es tut mir immer ein wenig weh, wenn Leute mich als „die Echse“ ansprechen, auch wenn es nett gemeint ist. Ich bin keine Mutation, sondern ein Puppenspieler. Zu André Rieu würde auch keiner „Hallo, Geige!“ sagen.
Echse: Ihr habt doch ’ne Meise, alle beide. Was ist denn das für ’ne Frage? Manchmal hab ich echt das Gefühl, ich hab’n Tinnitus im Auge, ich seh nur Pfeifen.

Werden wir philosophisch: Ist die Echse eine Art Symbol für all das, was wir uns nicht trauen auszusprechen?
Hatzius: Es gibt ja kein „Wir“. Jeder einzelne Zuschauer nimmt etwas Anderes aus den Vorstellungen mit, jeder nimmt die Echse anders war. Genau genommen entsteht die Figur ja erst in den Köpfen der Zuschauer. Da spielen auch Projektionen rein, denn man sieht natürlich auch sich und seine Gedanken und Erfahrungen gespiegelt. Fakt ist, die Echse ist mit ihrem hohen Alter und Erfahrungsschatz eine Art Instanz. Sie ist keiner sozialen Verantwortung unterworfen und spricht, was sie denkt, offen aus. Da findet sich mancher wieder.

Spielen wir ein Spiel mit der Echse. Ich beschreibe eine Situation, die Echse gibt einen Kommentar dazu ab. Es geht los: William und Kate heiraten.
Echse: Schade drum. Aus der Kate hätte ich noch was Bedeutendes gemacht.

Lena singt erneut beim Eurovision Song Contest.
Echse: Sollte sie verheizt werden, dann nehme ich sie durchgebraten.

Die Echse trifft auf Crocodile Dundee.
Echse: Erstmal quatschen. Sollte er aggressiv werden, gibt’s natürlich aufs Maul.

Die ewig rauchende Echse trifft den Gesundheitsminister, und dieser macht sie auf die Gefahren des Rauchens aufmerksam.
Echse: Ich mache ihn auf seine Parteizugehörigkeit und die Bedeutungslosigkeit dieser Partei aufmerksam. Dann rauchen wir zusammen.

Hat die Echse eigentlich künstlerische Vorbilder? Es gibt schließlich andere berühmte Handpuppen.
Hatzius: Nein, die Echse ist ja seit dem Urknall dabei. Vorher war nichts, woran man sich hätte orientieren können. Aber als ich angefangen habe, an dem Charakter, am Gestus zu arbeiten, gab es schon das eine oder andere menschliche Vorbild aus meinem Bekanntenkreis.

Was halten Sie von Kermit, dem Frosch?
Echse: Bewundernswert, dass er sich so lange oben hält. Aber diese ständige manische gute Laune und das exaltierte Gehüpfe können nicht gesund sein. Ich vermute, da sind Drogen im Spiel.

Miss Piggy?
Echse: Ein Schwein wird an der Seite eines Frosches immer abstinken.

Puppenspiel galt lange als albern und unmodern. Nun erobern Sie mit der Echse, Sascha Grammel mit Schildkröte Josie oder Rene Marik mit seinem Maulwurf die Kulturbühnen. Woran liegt die neue Lust am Puppenspiel?
Hatzius: Es gibt ja seit Langem künstlerisch sehr hochwertiges Puppentheater, insbesondere in Ostdeutschland. Jährlich kommen von der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch etwa zehn neue Puppenspieler mit sehr interessanten künstlerischen Angeboten auf den Markt, und das seit den siebziger Jahren. Auf der Seite der Macher ist die Lust am Puppenspiel nicht neu, aber es ist erfreulich, dass endlich die Zuschauer und die Presse mehr und mehr Kenntnis davon nehmen.

Was sagt eigentlich die Echse zu Schauspielern, die sich auf das Puppenspiel spezialisiert haben?
Echse: Ich selber lehne Puppenspiel komplett ab. Vermutlich sind das aber schlaue Leute, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Möge Gott ihnen Talent mitgegeben haben.

Welchen Gesichtsausdruck würden Sie einer Hatzius-Puppe verpassen?
Echse: Du solltest lieber mal seinen Gesichtsausdruck sehen, wenn ich mit seiner Puppe abziehe, haha.

Warum muss man sich dringend Ihre Show ansehen?
Hatzius: Es ist ein volles Programm, das viel mehr enthält als nur die Echse. Da sind auch zwei Schafe, ein Huhn, ein Krokodil, eine Kobra, zwei Spinnen und vieles mehr. Ich selbst spiele den Brandschutzbeauftragten Jens Schirner. Es wird viel mit dem Publikum interagiert und improvisiert, so ist jede Show einzigartig.
Echse: Ich bin dabei.

04. Mai 2011 – Köln – St. Pauli Bar

„Was trinkst du?“ Hier in der Sankt-Pauli-Kneipe in Neustadt-Nord gibt es zwar auch Bier aus Hamburg, aber dort trinken wir sowieso kein Astra oder Holsten oder irgendeine andere Touristenplörre. Und außerdem: Bier darf nicht reisen.

Also gibt es Kölsch. Das haben wir nach dem Blick in die sogenannte Künstlerwohnung auch nötig. Die Liebesschaukel sei zwar gerade abgehängt, aber das Rot und der Plüsch hauen einen sofort um. Original Sankt-Pauli-Gefühl eben.

In Köln steht die Kneipe mit ihrem Konzept für sich. Neustadt-Nord ist herrlich ungentrifiziert und doch kölsch-charmant. Die Bars mit den Regenbogenflaggen haben ihren Zwist mit Düsseldorf kurz vergessen und sich für Lenas zweiten Auftritt dort Mitte Mai zurecht gemacht. Nebenan gibt es Bilder von Wasserfällen und Einhörnern, dazu Shisha-Kohle und grellbunte Koffer aus Plastik zu kaufen. Vollverschleierte Muttis warten hinter schmusenden Männerpärchen am Pide-Stand, Hipster-Mädchen mit riesen Kassengestellen fahren ihre Fixies an den unzähligen Limousinen vorbei. Irgendwer hört laut Gabba, und die Ausstellung zu Tutenchamun wirbt großflächig.

In der Kneipe ist fast niemand wegen unseres Auftritts da. Ein Tisch tauscht sich über Beziehungsfrust aus, ein paar andere wollen das Halbfinale der Champions League sehen, wieder andere haben ganz andere Gründe, hier zu sein. „Mittwochs ist hier immer Swingertreffen“, klärt uns unsere Gastgeberin auf. Also schnell rauf auf die Bühne.

Egge improvisiert Lieder von De Höhner, schimpft auf Lukas Podolski, singt alte Echt-Lieder, und der Haufen netter Menschen, der sich doch vor der Bühne versammelt, klatscht brav, johlt ein wenig und schnipst mit den Fingern. Als sozialpädagogisches Lyrik-Projekt haben wir wohl alles richtig gemacht

Später verliert Schalke gegen Manchester, auf einem Bauwagenplatz wird uns über die Heroin-Szene Kölns berichtet, und wieder später sitzen wir im Taxi zum Bahnhof. Egge lässt sich das Temperament kölscher Mädchen erklären, bevor er mit dem Fahrer wieder De Höhner singt. „Mir lasse den Dom in Kölle, denn da jehörta hin.“

Im Nachtzug erkläre ich einem Russen die genaue Aussprache der deutschen Zahlen. Kurz darauf wache ich im niedersächsisch-westfälischem Grenzgebiet auf. Neben mir hat sich eine Gruppe Pendler rangeschlenzt. Die Rucksäcke wie Schulkinder auf dem Schoss, laut kaugummikauend. „Und, Was machst du so am Wochenende?“ „Ich muss auf eine Beerdigung von einer Kollegin. Also ehemalige Kollegin, die ist ja tot.“ „Krass. Kanntest du die gut?“ „Ne, aber der Chef hat gesagt, einer von uns muss da hin.“ „Wie kacke. Kennst du wenigstens ihre Familie oder so?“ „Ne, ich war mal mit der auf Dienstreise, da ist man sich ja schon näher.“ „Ja, aber wenn du da niemanden kennst, dann bringt das doch gar nichts. Ihr tust du damit ja auch keinen Gefallen mehr. Die ist ja schon tot.“

05. Mai 2011 – Beatpoeten treffen: Matthias Reim

Zeit für eine neue Rubrik. Ihr wisst, dass wir vom Schreiben & Musizieren leben. Und dabei treffen wir regelmäßig interessante Menschen. Davon berichten wir meistens in Zeitungen. Aber was eigentlich dabei passiert, steht dort meistens nicht. Ändern wir jetzt. In der neuen Rubrik „Beatpoeten treffen“. Und los.

Heute: Matthias Reim


Ja, wir haben das Lied mitgegrölt. Ja, wir hatten einen „Bravo“-Starschnitt von ihm. Ja, wir finden Herrn Reim spannend. Ende April war er in Hannover zu Gast. Im Hinterhof des Pressezentrums posierte er mit Rockerlederbändern an beiden Armen für die Fotografen. Was er nicht weiß: vor einer Stunde stand der Sänger von Sunrise Avenue auch an der Stelle – und etwa 20 Fotografen mehr. Macht nichts. „Auch einer“, sagt Herr Reim zu Egge und tippt auf Egges Lederband. „Ja, klar“, sagt Egge. Dann geht’s ins Büro.

Reim ist sonnengebräunt, etwas kleiner und dünner, als auf den Starschnitten, trinkt Wasser. Zu viel Kaffee auf der PR-Tour. Er lächelt viel, die Augen wirken entschlossen. Alles was er braucht, ist eine Steckdose für sein Handy.

Herr Reim, vor genau 20 Jahren haben Sie Ihr erstes Konzert in Hannover gespielt. Können Sie sich daran noch erinnern?
Das war in dieser Eilenriedehalle und richtig voll. Es war mitten im „Verdammt, ich lieb’ dich“-Rausch. Großartig.

Das Lied ist bis heute Ihr größter Hit. Dabei wollte es erst keiner haben …
Stimmt. Niemand wollte es veröffentlichen. Die Plattenfirmen und Radioanstalten lehnten ab. Jemand sagte zu mir, ich soll die Platte an die Wand schmeißen – vielleicht bleibt sie ja kleben.

Das Lied blieb kleben. Sie verkauften innerhalb von sieben Monaten zweieinhalb Millionen Alben. Der Song hielt sich 16 Wochen lang auf dem ersten Platz der Charts. Hatten Sie damit gerechnet?
Nein. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon einige Flops veröffentlicht und den Traum begraben, mit Musik erfolgreich zu sein. Als der Erfolg dann kam, war ich 32. Und plötzlich gab es „Bravo“-Starschnitte. Erstaunlich. Dabei ist viel erstaunlicher, dass ich 20 Jahre später noch da bin.

Und immer noch mit „Verdammt, ich lieb’ dich“. Können Sie das Lied noch hören?
Früher ging mir das Lied auf den Sack. Aber heute finde ich es geil. 65 Prozent meines Publikums sind unter 35 Jahre alt, und die flippen aus, wenn ich das Lied singe. Es hat Generationen vereint.

Warum kommen denn auf einmal so viele junge Leute zu Ihren Konzerten?
Keine Ahnung. Ich hab’ die mal gefragt, und weißt du, was die gesagt haben? Weil ich eine geile Sau bin! Die finden es toll, dass ich mit drei Messern im Rücken immer noch auftrete. Die mögen meine Texte. Es geht um die Liebe, die uns angreifbar macht, und um das Glück, das man sich nicht kaufen kann.

Sie spielen auf Ihre Schulden an, die sich Mitte der neunziger Jahre angesammelt haben. Ihre Karriere ging den Bach runter, Sie mussten Insolvenz anmelden. Wie ging es Ihnen damals?
Mehr Elend als acht Millionen Mark Schulden kann man nicht haben. Ich habe weitergemacht und bin vor zwölf Leuten aufgetreten. Ich war am Ende. Aber dann kam plötzlich das Publikum zurück.

Das Publikum hat Sie gerettet?
Ja, ich hätte nicht mehr weitergewusst. Mir drohte die Arbeitslosigkeit. Und plötzlich kam mein Lebenstraum zurück, die Alben gingen in die Charts, und ich wusste, es gibt wieder eine Zukunft.

Komisch, dieser Herr Reim. Er erzählt einfach drauf los. Wenn er geil sagt, meint er geil. Wenn er von Krise spricht, formt er seine Hände zu Fäustchen. Er gibt sich nicht die Mühe eine Rolle zu spielen. Er war der zu alte Teenie-Star, der seine Kohle verloren hat, weil er sich die Verträge nie richtig durchgelesen hat, die er unterschrieben hat. Man hat ihm böse mitgespielt. Er war kaputt. Und hat sich doch rausgekämpft. Dafür braucht es keine Rolle. Seine Managerin tippt auf ihrem Handy rum. Sie kann ihn eh nicht zügeln.

Warum hört man von all diesen Erfahrungen so wenig auf Ihrem Album „Sieben Leben“?
Doch, das ist da alles drin. In „Du bist mein Glück“ zum Beispiel.

Da singen Sie doch von einer Frau.
Die Lovestory ist doch nur der Träger. Es geht um Gefühle und eine positive Message: Es geht immer weiter!

Sie haben während der Insolvenz vor allem für Banken gespielt. Nun sind Sie seit einem Jahr aus der Insolvenz raus. Spielt es sich leichter ohne den Druck?
Ich bin entspannter. Ich genieße das Familienleben intensiver. Ich werde mein Haus ab- und meinem Bruder Geld zurückzahlen. Es läuft gut.

Sie könnten nach all dem Stress auch einfach aufhören?
Ich muss arbeiten. Und ich brauche den Druck. Ich werde das noch viele Jahre machen.

Gibt es denn noch einen Traum, den Sie sich als Musiker erfüllen wollen?
Ich will mit Ozzy Osbourne auftreten, ich bin der größte Fan der Welt.

Reim fällt wieder in seine Lieblingspose. Hände zur Faust. Muskeln anspannen. Die Lederbänder beben. Rock’n’Roll.

Ein Rockstarduett also. Ist es eigentlich schlimm, dass Sie immer noch als Schlagersänger gelten?
Ich liefere eine Rockshow. Das hat nichts mit den Flippers und Bernd Clüver zu tun. Irgendwann bekam ich das Schlagermal auf die Stirn. Das hat mich einst geärgert, heute ist es mir egal.

Auch Tom Astor und Peter Kraus sagen, dass sie keinen Schlager machen. Gibt es den Schlager eigentlich noch?
Der Schlager löst sich auf, seitdem die ganzen Shows aus dem Fernsehen verschwunden sind – und das ist gut. Früher mussten wir uns entscheiden. Wenn wir in der „Hitparade“ waren, wurden wir nicht mehr von „Wetten, dass …?“ eingeladen. Aber heute ist das anders. Keiner würde Peter Maffay mehr Schlagersänger nennen.

Aber die Fans in Hannover bekommen trotz Rockshow Ihre alten Hits zu hören?
Ja, auch „Verdammt, ich lieb’ dich“. Eine Reise durch 20 Jahre Matthias Reim.

Mit Botschaft?
Klar. Das Leben ist nicht immer nur Lust, aber es ist eine Party. Und ich werde immer wieder rausgehen, um sie zu feiern.

Reim strahlt, ganz zuversichtlich. Drückt Egges Hand, als würde er sich von einem Freund verabschieden. Dann geht er raus und fährt nach Braunschweig, der nächste PR-Termin. Nach fünf Minuten klingelt es im Büro. Die Managerin. Reim hat sein Handy vergessen. Im Hof strahlt er noch immer. „Danke, Kumpel.“