28. Juni 2011 – Sommer in den Städten

Die Hitze hatte die Städte überfallen. Genau richtig für den Doppeljahrgang, der sich jetzt über Facebook zu sogenannten illegalen Partys in den Wiesen und auf den Straßen verabredete. Niemand kam zu Schaden. Außer ein waghalsiger junger Mann, der in Frankfurt von einer Brücke gesprungen war und sich arg verletzt hatte.

Die drei Jungs, die ich auf der Brücke der Industriebrache beobachte haben davon sicherlich nichts gehört. Ich warte, bis der eine springt, er taucht wieder auf. Ein wenig erleichtert klettere ich die Steine hinunter und springe selbst ins Wasser.

Ein paar Enten schwimmen um mich herum, vorhin ist eine Ruderin in eine Familie gefahren und hat sich noch nicht einmal umgedreht. Auch das kleine Entchen kam wieder aus dem Wasser aufgetaut.

Ein Typ fährt mit seinem Motorboot vorbei. In der Fresse die Kippe, vorne auf dem Boot thront seine Prinzessin und trinkt Alcopops. Ich steige wieder aus dem Wasser, lasse das Abtrocknen und ziehe auch mein Hemd nicht wieder an. In dem Hippielook fahre ich in die Stadt zurück. Am Himmel kreisen zwei Hubschrauber ohne Beschriftung. Ganz oben zerfurchen ein paar Flugzeuge das Blau. Eine wichtige Delegation aus China ist heute gekommen, sie will einkaufen gehen. „Ein wichtiger Schritt in der Entwicklung deutsch-chinesischer Beziehungen“, nennt das einer der deutschen Minister. Welcher, habe ich vergessen.

Vor dem letzten normalen Supermarkt des Viertels stehen ein paar Leute und unterhalten sich aufgeregt. Zumachen soll er, wie so viele andere Läden auf dem Block. Was anstatt dessen herkommen soll, fragt ein Mann. „Ein Bioladen!“, schnauzt die Verkäuferin, die kurz rauskommt, um die Erdbeerkästchen zu ordnen.

Ein Block weiter wurde das Baustellenschild umgeschmissen. „Hier entstehen vier Reihenhäuser und fünf Loft-Wohnungen“ hatte noch vorher drauf gestanden. Von der kleinen Tankstelle und dem Garagenhof ist nichts mehr zu sehen.

Ich klettere die Treppen hoch und setze mich auf den Balkon. Die Hippies gegenüber sind schon vor ein paar Tagen Richtung Fusion gefahren. Es läuft deswegen kein Techno auf dem Platz, sondern die Beatles. Unten schreien die Kinder wieder Fußballbefehle. Ein Mädchen hat gerade einen der Großen getunnelt.

Presseschau zwölf/zwanzigelf

Rückseiten beachten!
Ein Interview im Freitag mit drei Kunstimitatoren. Geile Typen!

„Von wegen Körper kaputt, Leben kaputt“
Bei jetzt.de erzählen die Querschnittsgelähmten Aleks und Jule über ihren Alltag.

Über das Spektakuläre an „Spiegel Online“
Eine bittere, ironische Analyse im Titanic über Deutschlands liebstes Online-Leitmedium.

Solar Sinter
Unser Londoner Freund Markus Kayer präsentiert auf seinem Blog eine solarbetriebene Maschine, mit der man aus Sand Dinge „drucken“ kann.

Hyper Hyper, wird im Hyper
Die Zeit über das Scooter-Konzert im Stadion des Hamburger SV.

Hauptsächliche Nebensache
Unser Freund Deniz Utlu im Freitag über das Wort „Migrationshintergrund“.

Pakt mit dem Panda
Eine Fernsehreportage vom WDR über die selbst ernannten Naturschützer WWF.

21. Juni 2011 – Hannover – Fête de la Musique

1. Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

2. Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

3. Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

4. Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

5. Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor Dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

6. Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn Du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

7. So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

Die Künstlerstadt und seine vollbrachten „Leistungen“

Berlin steht mittlerweile stereotypisch für das Phänomen der „Zuwanderer“. Es sind in erster Linie diese jungen, nach freier Entfaltung suchenden Menschen,  angelockt von den niedrigen Lebenserhaltungskosten (die leider nicht mehr so niedrig sind…), die nach Berlin pilgern und die Stadt bereichern. Jeder möchte seine Andersheit ausleben und merkt dann doch schnell, in dieser Andersheit unter vielen Gleichgesinnten zu weilen. Einige von ihnen entfalten sich mithilfe von Kunst. Sie wollen Stellung beziehen, indem Sie malen, fotografieren, performen, filmen, texten, Musik machen… Es gibt genug Raum für alles. Oder vielleicht doch nicht?

Der regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, findet: Die Stadt braucht einen festen Ort für diese Kunstprodukte. Eine permanente Kunsthalle soll’s werden. Nur will das außer ihm keiner. Die Künstler befürchten eine Instrumentalisierung durch solch eine Institution, und der Senat spricht sich auch dagegen aus, weil kein Geld dafür da ist. Also liegt die Idee brach. Dennoch: Niemandem soll die innovative und vielschichtige Kunst vorenthalten werden, so Wowereit. Alle Welt soll sehen, wie inspirierend eine Stadt wie Berlin sein kann. Somit initiiert der Bürgermeister eine (vorerst) einmalige Ausstellung, um 80 Künstler aus den verschiedensten Herkunftsländern, aber allesamt mit Sitz in Berlin, vorzustellen. Hippe Berliner Gegenwartskunst vermarktet sich halt gut. Auch im Wahlkampf.

„Based In Berlin“, so der einleuchtende Titel dieser Schau, ist vielleicht auch deswegen so umstritten. Denn genauso wie es hier um junge Kunst aus Berlin gehen soll, geht es hier eigentlich auch darum, wie Politik und Kunst zusammenspielen. Wer tut wem einen gefallen? Und wer hat am Ende mehr davon? Viele sind skeptisch. Aber alle machen mit.

So beginnt also alles: Einige Hektar halbvergessene Grünfläche in Berlin Mitte, auf der ein verfallenes Haus steht, dessen Abriss schon geplant ist. Das Atelierhaus im Monbijoupark ist Mittelpunkt der Ausstellung. Weitere Spielorte sind: Hamburger Bahnhof, Berlinische Galerie, Neuer Berliner Kunstverein (nbk) und das KW. Allesamt wichtige Plattformen für zeitgenössische Kunst. Am ersten Abend ist schnell klar, dies wird sechs Wochen lang der Hot Spot für die Hipster der Stadt sein. Nahezu jeden Abend trifft sich die „Szene“ an der temporären Bar. Zu subtilen elektronischen Klängen und Feines vom Grill sucht man das Gespräch mit Gleichgesinnten. Worüber unterhalten sie sich so wild gestikulierend, fragt man sich? Über die Kunst in den Räumen nebenan vielleicht? Vielleicht. 

Aber es gibt tatsächlich viel zu sehen. „Based in Berlin“ ist keine thematische Ausstellung, sie hat keinen roten Faden. Es geht in erster Linie um die Vielfalt der künstlerischen Praktiken. Dieses Konglomerat an Methoden und die dadurch zufällige Konfrontation mit Kunst machen das Ganze erst interessant. Es sind bereits bekannte und namhafte Künstler dabei. Cyprien Gaillard, Kitty Kraus und Keren Cytter, um nur einige wenige zu nennen. Die Überblicksschau bietet auf jeden Fall viele neue Künstler, die man für sich entdecken kann. Zudem gibt es einige Performances, Filmabende, Konzerte und Diskussions- und Vortragsreihen, unter anderem über die Debatte um die Berliner Kulturpolitik und die Investitionen in die Gegenwartskunst.

Ursprünglich sollte die Ausstellung „Leistungsschau junger Künstler“ heißen. Ein Titel mit stark politischer Konnotation.

Schade, dass dieses „Sommerevent“ in diesem Kontext entstanden ist. So hat man das Gefühl, es geht den Initiatoren vielmehr um Stadtmarketing als um die Ausstellung wirklich interessanter und innovativer Kunst.

Aber Berlins Künstler stehen da drüber. Für sie ist es eine Chance, ihr Schaffen zu präsentieren, so oder so. Sie nehmen sich selbst nicht zu ernst und feiern sich und die Stadt vielleicht auch deswegen so sehr. Eine Attitüde die der Wowi-Fraktion vielleicht auch ganz gut tun würde.

„Based in Berlin“ läuft noch bis zum 28. Juli. Diesen Text ist von Melissa Canbaz. Sie lebt in Berlin und schreibt für verschiedene Medien über Kunst und das Leben. Hier findet man Fotos und Arbeiten von ihr. Wir sagen Danke für ihren Beitrag.

09. Juni 2011 – Utrecht – ACU

Schon irgendwie stereotypisch: Zwei Deutsche machen in den Niederlanden Urlaub und suchen die Anne-Frank-Straße. Als Dutch würde ich ihnen auch nicht den Weg zeigen. Naja, dann eben kein tolles Abendessen und dafür so tun, als ob man sich die Stadt anschaut und sich doch einfach verlaufen. Das ACU ist eine der wenigen rockigen Überbleibsel in der ansonsten unglaublich hübschen, aber auch sehr stylischen Stadt Utrecht. Inmitten eines Stadtteils zwischen Gentrifizierung und speziellem Tourismus. Die Deadbeat Society ist eine Reihe von Literaturverrückten aus der ganzen Welt. Da reihten wir uns gerne ein.

Der Auftritt erinnerte an die Zeit vor ein paar Jahren, als wir überwiegend im Rahmen von Literaturabenden auftraten. Dieses Mal waren wir nur eine der wenigen deutschsprachigen Künstler, und am Ende wurde getanzt und nicht nur zugehört.

Versorgt mit leckeren Pommes rot/weiß machten wir uns in den frühen Morgenstunden wieder auf den Weg zum Bahnhof, neun Stunden Zug lagen vor uns.