19. Juli 2014 – Berlin – Brunnenstraßenfest

Brunnenstraße, Berlin, Juli 2014.

„Und jetzt alle mitmachen. Einmal antifaschistisches Mitklatschen und Mitschunkeln.“ Die Menschen auf den Bierbänken vor der Bühne schauen uns irritiert an. Nein, wir wollen sie nicht verarschen. Aber ein Konzert, bei dem die meisten Menschen einfach gemütlich beim Bier zuschauen und nach jedem Lied brav jubeln, das macht einfach keinen Spaß. „Wenn ich blute, müssen die anderen auch bluten“, raunt mir Egge zu, und ich drehe die Lautstärke höher und lege einen Effekt auf den Bass, der ihn verzerrter und tiefer macht. Geheimwaffe, denke ich. Die Menschen vor der Bühne stehen auf und tanzen mit. Die Sonne geht gerade über den Dächern von Berlins Mitte unter. Der ganze Hof ist voll und alle sind gut drauf. Ich muss lächeln.

Das Hausprojekt in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte ist eines der letzten Überbleibsel aus der Zeit, als Berlin noch nicht der feucht gewordene Traum sämtlicher sogenannter Immobilien-Entwickler war. Als hier die Kellerklubs, Hinterhof-Ateliers und spontanen Ausbrüche des kreativen Chaos den Ruf begründeten, auf den heute Arte-Dokumentationen und Zeit-Magazin-Bilderreihen aufbauen. Das Hausprojekt mit seinen Hunderten BewohnerInnen ist eine letzte Insel in Mitte. Und das Heim vieler unserer Freunde. Und einmal im Jahr wird dort ein Hoffest gefeiert. Mit Theater, Musik, geilem Essen, tollen Leuten. Wir durften lesen und Musik spielen.

Und zum Schluß sitzen wir mit Gin-Tonic am Rosenthaler Platz. Um uns die Hipster und Touristen auf der Suche nach The-Berlin-Experience. Der Fernsehturm leuchtet. An einer Fassade steht: „Dieses Haus stand früher in einem anderen Land.“ Wir lächeln uns kurz an. Die Zeit bleibt für einen kurzen Moment stehen, und alles ist an seinem Platz.

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11. bis 13. Juli 2014 – Nord-Süd-Tour

Die Frisur sitzt, der Mond scheint. Läuft.

Was für eine beschissene Idee dieses Wochende: Freitag Auftritt in Mecklenburg, Samstag Punkerlesung in Baden-Württemberg. Ich könnte unserer Bookerin Ayse Hogefeld den Hals umdrehen.

Die Tour beginnt in Hannover im Zugabteil mit einem Jäger, der uns stolz erzählt, wie geil man in Südafrika Tiere schießen kann. „Aber sehr gefährlich sonst da. Viele Arme.“ Aha! In Hamburg steigen wir in einen Mietwagen. Egge hat den billigsten reserviert. Es ist ein günstiges Cabrio. Mit Joe Cockers Version von „With a little Friend“ rasen wir nach Mecklenburg. Ja, das ist auch irgendwie Punk. Oder so.

[Einschub Egge: Reisen bildet. Costa und ich sind noch nie in unserem Leben Cabrio gefeiert. Es trifft einen Fiat. Bei etwa 90 Sachen öffnen wir das Verdeck. Geil. Ich beschleunige auf 140. Der Wind nervt. Costa soll das blöde Dach zumachen. Geht aber nicht. Wir fluchen und fluchen. Blöder Fiat. Blödes Cabrio. Erst viel später lassen wir uns erklären, dass Cabrios nur im Stillstand Verdecke öffnen und schließen. Muss einem doch gesagt werden.]

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„Ich spring von Level zu Level zu Level.“ Marteria

Das Burning-Summer-Festival in Neustadt/Glewe gleicht einer Partyburg für Punker und Skafans. Egge kann sein ganzes Wissen aus der Abiturszeit herauskramen und bei Sondaschule mitsingen. Ein Mann hat sich als Penis verkleidet und hüpft über das Gelände. Ein anderer sieht aus wie ein Pokémon. Wir stellen uns als After-Show-Act auf die selbstgezimmerte Bühne, und schon die erste Betrunkene findet es scheiße. „Kann ich mir bei euch Lieder wünschen?“ „Ja, klar. Warte bitte nur, bis wir fertig sind.“ Ein komischer Blick, und schon haben wir unseren ersten Feind. Wir spielen ein hartes, verzerrtes Set, knutschen die liebevollen Gastgeber und sind schon wieder auf der Autobahn in Richtung Hamburg.

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[Einschub Egge: Erst Tage später entspinnt sich bei Facebook eine Diskussion. Es fehlten wohl 300 Besucher, das Festival ist finanziell in Nöten. Und man diskutiert: Line-Up? Platz? Mecklenburg? Besser der toughen Sterni-Crew mehr Bier klauen? Wir kennen die Diskussion und manchmal ist es einfach schwierig. Klar, mit Talco, Crackhuren, COR und Gelöt bekäme man in Hamburg 2000 bis 3000 Leute zusammen. Richtig. Aber wer braucht das? Wir fahren nicht umsonst ins tiefste Mecklenburg. Denn genau dort braucht es alternative Musikangebote. Nicht weil Punk unbedingt so geil ist, sondern weil diese Angebote einfach nötig sind, manchmal überlebenswichtig. Ich bin in den frühen Neunzigern in Mecklenburg aufgewachsen und mancher meiner Mitschüler, der später lupenreiner Nazi wurden, hätte ein solidarisches, faires und achtsames Festival wie das Burning Summer vielleicht ins normale Weltbild taumeln lassen. Vielleicht braucht es ein paar Bands weniger, aber das Herzblut ist nicht umsonst vergossen. Wie heißt es manchmal bei kniffligen Demomomenten: Hier seid ihr genau richtig! Schön, dass es euch gibt.]

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An der Tankstelle in St. Georg steht eine Frau und erzählt uns, dass sie den Geruch von Benzin liebt. Dann zündet sie sich eine Zigarettte an und schaut Egge beim Tanken zu. Wir stellen das Auto in der Parkgarage ab, holen uns ein eiskaltes Bier und hetzen zum Bahnhof. Die Wochenendvampire wuseln zwischen Pizzaladen und McDonalds hin und her. Die Stimmung ist aggressiv. Unser Zug fährt ein, wir ergattern ein Abteil und legen uns hin. Die Sonne geht gerade über dem Hafen von Hamburg auf.

Hamburg, du alte Kackstadt.

Wir wachen in Stuttgart auf. Es nieselt. Der Bahnhof mit seiner Baustelle und die Samstagvormittag-Wir-gehen-in-die-City-Shoppen-Menschen. Die Polizei mustert uns, hat aber wohl ausnahmsweise keine Lust, uns zu kontrollieren. Mit der S-Bahn geht es raus nach Herrenberg zum New Direction Festival. Wir hängen im Kulturschock zwischen Norddeutschland und dem Süden. Es erwarten uns Punks. Verschlafene Punks, die sich mit Bier den Mund nach dem Zähneputzen spülen.

Das JuHa Herrenberg ist eine geile Oase. Unsere Lesung ist der Auftakt für den Samstag. Draußen wird geskatet, Fußball gespielt und ein Bandwettbewerb veranstaltet. Straight-Edge- gegen Suffpunk-Band. Keine Ahnung, wer gewinnt. Ich lege mich auf den Rasen schlafen.

„Wir können unsere Instrumente nicht, doch das ist uns egal. Zum Glück sind wir nicht Sigur Ros, sondern Mühlheim Asozial.“ MA

Das Line-up ist geil. Bands aus Spanien, Italien, Frankreich England sind da. Als Höhepunkt zerrupen die unglaublichen Belgrado die Halle. Danach ist Punkerdisko und Pfeffi-Saufen mit der Leipziger Crew angesagt. Ich bringe Egge ins Bett, da ist es schon Morgen. Müde schleppen wir uns wenig später wieder zum Zug. Steigen ein und reisen zurück in unseren Alltag. Einmal quer durch Deutschland. Mit letzter Kraft schleppe ich mich zu meinen Eltern aufs Sofa. Es läuft das Finale zwischen Deutschland und Argentinien. Ich bin total übermüdet, das Herz ist sehr schwer, eine Träne hängt mir im Auge. Was für eine gute Idee dieses Wochenende.