Januar 2014

Jungs im Studio

Wir nehmen wieder auf. Bei Ulli3000, so nennt sich dieser Derwisch am Mischer. Er spielt aber auch Techno, wir dürfen aber seinen DJ-Namen nicht verraten. Irgendwas mit UFOs. Das Lied „Grautöne“ ist eigentlich fertig. Weitere Beats sind gebaut, Texte geschrieben und Arrangements überlegt. Wie lange alles dauert, wann und wie es erscheint, das wissen wir nicht, planen wir momentan nicht und ist erst einmal zweitrangig. Wer nicht warten kann, der kann sich hier die neusten Lieder „war starts here“ und „Was du nicht sagst“ anschauen, die wir im Sommer mit Ulli aufgenommen haben.  Oder ihr geht zu unserer Soundcloud-Seite.

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10./11. Januar 2014 – Hanau und Aschaffenburg

Der Denker wird dichter

Ein Scooter-Konzert ist gleichzeitig eine Reise in eine Reportage auf RTL II und der einzige Ort, wo sich Klempner, Physik-Professoren und Umweltschützer betrunken in den Armen liegen und gemeinsam „Hyper! Hyper!“ brüllen.

„Was sagt ein Scooter-Fan bei Ikea?“ „How much is the Tisch?“

Fachwerk, diesdas

Am Hauptbahnhof Hannover steht eine Gruppe Panflötenspieler. Es läuft „Sound of Silence“.

ICEs an einem Freitag gelten schon als Teil eines Antiaggressionstrainings. Aber nur, wenn man mindestens zwei Stunden fährt. Im Bordbistro gibt’s momentan „Gnotschis“.

Lesungen, die war machen.

Getränkemärkte in Hanau heißen Schluckspecht, verkaufen noch mehrere Sorten Dosenbier, und neben dem Eingang hängt ein Poster von einem Fußballnationalspieler, z.B. Manuel Neuer.

Der Hanauer-Markt ist ein Ort, an dem eine Gebrüder-Grimm-Statue steh, während in der Eisdisko nebenan laut Die Atzen läuft. Märchenerzähler unter sich. Nachts gibt es auf dem Markt einen kleinen Krieg zwischen den Imbissbuden. Der mit den Pommesburgern gewinnt. Ein Burger mit Pommes anstatt Bulette!

Wir nehmen alles auf.

Die Bierkneipe „Capi’s“ in Hanau ist international und ein gemütlicher Ort für das gemeinsame Line-Dancing zu Dr. Alban, Sessions am Spielautomaten oder auch der beste Ort, um mal das alte Hochzeitskleid aus den 1980ern aufzutragen.

„Ich hau dir auf’s Maul, du Hurensohn“ und „Wer hat Oma aus dem Bus geschubst“ sind wahre Perlen der Punkerlyrik.

Gangzeichen-Seminar erfolgreich bestanden.

„Woran erkennst du, dass ein Punk bei dir geschlafen hat?“ „Er liegt immer noch auf dem Sofa!“

Ein Stadtteil von Hanau heißt Wolfgang.

Die Metzgerstraße Acht in Hanau ist ein geiler Laden!

Mond über Aschaffenburg.

Aschaffenburg hat mit das schönste Wetter in Deutschland. Das wussten auch schon diverse Könige und haben hier Burgen, Frühstücks-Pavillons oder auch Weinberge hinterlassen.

Der Stern ist eine tolle Kneipe am Rande von Aschaffenburgs Innenstadt. Nachts kommt es schon einmal zu kleinen Kunstexzessen, bei denen sämtliche Stühle in eine begehbare Skulptur verwandelt werden. Weil: Sitzen ist für’n Arsch.

Literaturbegeisterte ohne Punkervorbildung fühlen sich beim Mitgrölteil unserer Lesung immer ein wenig überrascht. „Das ist ja wie bei Schlingensief hier“, sagte eine Dame mit Rollkragenpulli. Ja, auch Punk ist Literatur oder so.

Titel und Thesen.

„Klingel einfach, ich mach dir dann die Tür auf.“, ist ab einer gewissen Uhrzeit ein gefährliches Versprechen, wenn manche noch in der Kneipe bleiben wollen. Costa weiß jetzt, wie kalt es nachts in Aschaffenburg werden kann, und dass Egge ein wirklich tiefer Schläfer ist.

Punker S. sitzt in Unterhose und Kuscheldecke auf dem Sofa in der WG-Küche. Er hat vor kurzem eine Plazenta gegessen, sagt er. Zäh war das, sagt er. Irgendwie auch eklig. Aber hatte ja vorher gesagt, dass er das mal durchziehen wollte, da konnte er ja nicht mehr kneifen. „War aber nicht so schlimm, wie dieses Brot mit Kümmel drin.“

Collage der Erinnerung.

Ein Stadtteil von Aschaffenburg heißt Leider.

Das Klo in der DB-Lounge am Frankfurter Hauptbahnhof sieht aus wie eine Klubtoilette. Kleine schwarze Fliesen, graue Trennwände, Edelstahl-Armaturen. Irgendwo pumpt ein Bass. Es könnte aber auch der eigene Puls sein, der nur langsam wieder runtergeht. In der Lounge packt eine Familie einen Picknickkorb aus. Volker Bouffier nennt Hessen Chancenland. Wir haben noch 300 Kilometer bis nach Hause.

3. Januar 2014 – Berlin – about:blank

Dichter am Brett

Die Band soll am Ende doch nicht geheim bleiben. Ein Indiemagazin postet gut sichtbar bei Facebook, dass Ja, Panik ein „Geheimkonzert“ geben werden. Unter falschem Namen und im Rahmen einer Soliaktion gegen den Wiener Akademikerball. Nette Kerle, gute Musik. Unser Arbeitsauftrag an diesem Freitag Anfang Januar im Friedrichshainer about:blank: Warm-up, Literatur-Limbo, Punk-Exegese für alle, die sich die veganen Schnittchen und den Sekt nicht im Stehen beim Warten auf die Band gönnen wollen, sondern auch so etwas wie Literatur brauchen, um nach dem Feiertags- und Silvesterexzess nicht gleich mit Bumbum anzufangen. Nach der Lesung, mit österreichischen Punktexten, Dosenbier-Verteilaktion und gemeinsamer Chor-Einlage, gibt es Infos, warum es gut ist, als „Mob vor der Oper in Wien zu stehen, während drinnen die Leistungsträger tanzen“. Ja, Panik spielen dann ein von zwei weiteren MusikerInnen verstärktes Set, und, na, klar: Danach ist wieder Bumbum zum Schaulaufen der deutschen Indie- und Kulturredaktionselite. Wir können unsere Neujahrsforderung „Bussi Bussi statt Busy Busy“ nicht ganz unterbringen. Einer Person gefällt das aber bei Twitter.

Der Taxifahrer hat noch bei Möllemann Deutschunterricht gehabt. „Ein Kaktus war gegen den schleimig“, sagt er auf dem Weg vom Westen ins verlotterte Neukölln-Rixdorf. „Soll ich euch meine Lieblings-Hitler-Story erzählen?“ Er soll. „Die Amerikaner haben ja nach dem Krieg verstehen wollen, warum der Typ so kaputt war. Also haben sie ganz viele seiner ehemaligen Kameraden aus dem 1. Weltkrieg gefragt. Besonders viel auf, dass so ein laut militärischen Regeln tapferer und tüchtiger Typ keine große Karriere gemacht hat.“ Warum wollen wir auch wissen. „Na, seine Vorgesetzten schrieben in seine Akten, ihm fehle die Führerqualitäten.“

Poetry-Slammer trifft man grundsätzlich nur an drei Orten: Übermüdet und gleichzeitig aufgekratzt im Zug, auf einer Bühne und beim Trinken in einer Kneipe. Der Alte Rote Löwe Rein in Neukölln Rixdorf ist genau so ein Ort. Außerdem gibt es dort leckeren Haselnuss-Schnaps, der das perfekte Fundament bildet für wilde Gespräche über Literatur und Kino. Und dort gibt es auch eine Verhandlungstechnik, die so manchen bewaffneten Konflikt wesentlich entschärfen könnte: Das Kicker-Duell als Lösung jeder großer Diskussionen. Pro oder Contra „Hai-Alarm am Müggelsee“? Das wird im Spiel geklärt. Schwierigkeiten im Gefahrenbezirk? Das wird im Spiel geklärt. Kurbeln gilt nicht, Torwarttor zählt doppelt und zu null verlieren, ist untern Tisch. Näher kommt niemand der Demokratie.

Beim Hassprediger rechts rein. Der Hinweis passt. Denn an der Einfahrt hängt ein Poster von Serdar Somuncu. Er ist unser auf Papier verewigter Türsteher der schlechten Laune. Der Wächter auf dem Weg in ein kleines Paradies inmitten dessen, das Berlin-Mitte geschmipft wird. Ein Hausprojekt, das sich gegen den krassen Wandel um sich herum behauptet. Und nicht nur Freunde beherbergt, sondern ein Anziehungspunkt ist. Ankommen, Zähne putzen, Schutz finden. Danke an die tollen Menschen dort.

Wach bleiben, weil’s gerade so spannend ist.
Und später nicht einschlafen können.