Beatpoeten treffen Mirco Buchwitz

Es gibt Menschen in diesem Universum voller Bühnen, Backstageräumen und Hinterhofbänken, die sind immer genau dann da, wenn man sie braucht. Einer davon ist für uns der Künstler Mirco Buchwitz aus Hannover. Ein Wort dazu.

Es war Ende der neunziger Jahre als Egge das Kulturzentrum Faust betrat und ein Kerl in Jeansjacke Gummierdbeeren an sein Publikum verteilte, während er mit Stimmen aus dem Off redete. Die Texte waren mal urkomisch, mal melancholisch, immer nah am Leben. Mirco verband Musik schon mit Texten, als Egge noch an eine Lyrikkarriere glaubte. Nur, dass er sich nach fast jedem Song umzog, war irgendwie merkwürdig.

Die Jeansjacke trägt er manchmal immer noch, aber gut getarnt unter einer Lederjacke. Nach etlichen Hörspiel-CDs, Auftritten in ganz Europa mit eigenem Programm, Kabarettpreisen und Auszeichnungen für seine Hörspielminiaturen, hat er sich hingesetzt und einen großen Roman geschrieben. „Nachtleben“ erschien bei Aufbau und ist eines der besten Bücher 2011 gewesen. Wir freuen uns, dass Mirco Zeit fand, um uns ein kleines Video zu basteln.

Wir danken dir und sehen uns in der Glocksee, auf deinem Sofa, unterwegs. Und wenn wir dran denken, bringen wir dir eines dieser schwarz-weißen Flohmarktbilder mit. Am besten einen Kindergartencowboy mit großem Hut. „Just Cruisin'“.

www.mircobuchwitz.de

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Beatpoeten treffen: Aílton

Sieben Uhr morgens in einem Radiostudio in Hannover. Junge Menschen sehen blass aus, aber interessiert. Sie hocken vor Bildschirmen und ärgern sich, dass sich „ffn“ das Wortspiel Flitzerblitzer rechtlich schützen ließ. Oder so. Ein Kerl mit knallgrünem Hemd bringt dem Studiogast Kaffee. Ein Manager scheint den Gast sicherheitshalber zu wecken. Er spricht portugiesich mit ihm. Aílton scheint kurz aufzuwachen. Die Pressebeauftrage ist gut gelaunt. Es kann los gehen.

Bis Mitte Januar kannten Ailton Gonçalves da Silva eigentlich nur Fußballfans, die ihn liebevoll „Kugelblitz“ tauften. Sie konnten von seinen Mittelstürmerqualitäten berichten, von seiner Liebe zum Heimatland Brasilien, für das er mitunter das Training sausen ließ, und vom Jahr 2004, als der Publikumsliebling Deutscher Meister, Pokalsieger und Torschützenkönig mit Werder Bremen wurde. Fußballfans hätten zu Jahresbeginn auch gewusst, dass die große Karriere am Ball vorbei ist. Am 13. Januar ahnte es dann auch ein Millionenpublikum.

Der gut genährte Fußballer büßte an diesem Tag in der öffentlichen Wahrnehmung den Nachnamen ein, zog ins Dschungelcamp von RTL und begann seine Zweitkarriere – als zweifelhafter Popstar. Als „Das Ailton“ stellte der 38-Jährige am Montag seinen ersten Song „Ailton Sensation“ bei „Hitradio Antenne“ vor – samt tatsächlich sensationell geratenen Textzeilen wie: „Roter Teppich, schöne Frau, oh, la, la / Egal wo Ailton ist: immer Showtime, na, na, na“. Dabei nuschelte er noch früh am Morgen über Kochkünste, Campklatsch und seine Begegnung mit Whitney Houston in einem Bremer Hotel. „Sie war gekommen mit Brill, Sonnenbrill, Hautfarbe wie mein, Superstar.“ Dazu trank er immer wieder Kaffee, rieb sich die Augen und malte in Zeitungen Buchstabeninnenräume aus – Selbstvermarktung gehörte bisher nicht zu Ailtons Kernkompetenzen. Singen auch nicht.

Aber als er im Dschungel immer wieder um das Campfeuer tanzte und das Lied „Ai Se Eu Te Pego!“ des brasilianischen Latinpopstarts Michel Teló vortrug, schienen findige Produzenten eine Idee zu haben. Schließlich landete der exotische Popsong auch auf Platz eins der deutschen Singlecharts – auch wenn selbst Radiomann Dominik Schollmayer Ailton nach der korrekten Aussprache fragen muss. Den Ausflug ins seichte Unterhaltungsgewerbe bereut der Fußballer heute nicht, auch wenn das TV-Dschungelleben nicht immer einfach war. „Immer nur Bohnen kochen, Wasser kochen, Reis kochen, Prüfungen und schlafen“, klagte er – und verbat sich höflich Fragen zum Nacktmodel Micaela Schäfer, mit der er eine Nacht in einer Höhle verbringen musste. „Ich bin viel im Kopf gegangen“, sagte Ailton, „und habe gelernt, weniger zu essen.“

Manchmal scheinen Extremsituation geschuldete Erfahrungen doch überschaubar. Echte Stars hätten zumindest versucht, eine TV-taugliche Familientragödie öffentlich zu verarbeiten oder eine Liaison zwischen Lianen zu inszenieren. Ailton belässt es beim Singen. Ein richtiger Showstar möchte er auch gar nicht werden. „Ailton ist Fußballer. Fußball ist mein Leben.“ Eineinhalb Jahre möchte er noch spielen. Was danach kommt, weiß er nicht. „Vielleicht werde ich Schauspieler, auch wenn es schwer ist.“ Hauptsache es mache Spaß und seine Familie leide nicht. „Ailton ist Familienmann.“ Darum plane er auch zum Valentinstag ein schönes Essen. Und vielleicht singt er auch für seine Frau. „Richtig live, exklusiv.“ Oh la, la.

Beatpoeten treffen: Rammstein

Jaja, es ist zwei Jahre her, als Rammstein ihr Album „Liebe ist für alle da“ im Berliner Universal-Hauptquartier Journalisten zur Hörprobe anboten. Aber weil das Album nun freigegeben wurde, das neue Video zu „Mein Land“ einfach mal krass ist, & das Gespräch mit Schlagzeuger Christoph Schneider lange nachgewirkt hat: das Interview. Ein Gespräch über Liebe, Pornos und den Kannibalen von Rotenburg.

„Privat sind wir anders“

Herr Schneider, vier Jahre ist das letzte Rammstein-Album her. Da überlegt man sich als Band sicher, wie man sich eindrucksvoll zurückmeldet. Musste es zur Single „Pussy“ unbedingt ein Porno als Videoclip sein?
So etwas kann man nicht planen. Einige Bandmitglieder wollten „Pussy“ nicht mal auf dem Album haben. Aber es wurden Stimmen laut, unter anderem die Plattenfirma, die einen Hit vermuteten, ein renommierter Regisseur wollte einen Porno dazu drehen, und wir haben als Band dann gesagt: Jawoll, wir machen das.

Eine Band, die gern provoziert …
Eine Band, die auch provoziert. Das gehört bei Rammstein dazu.

Es funktioniert ja auch. Zudem ist es auch eine gelungene PR-Aktion.
Es gibt die Welt der Pornografie. Bisher hatte nur noch keine Band Pornos in Zusammenhang mit Videoclips gebracht. Dabei haben die meisten Clips längst softpornografischen Charakter. Wir sind nur noch einen Schritt weitergegangen, und die Single landete auf Platz eins der Charts – auch wenn es musikalisch aus meiner Sicht nicht unser bester Song ist. Aber er kommt gut an.

Wäre es für Rammstein nicht eine besondere Provokation, einmal auf Provokationen zu verzichten?
Möglicherweise. Vielleicht kommen wir irgendwann mal in das Alter, in dem wir uns nur noch auf unsere musikalischen Stärken verlassen. Aber bis dahin wollen wir unseren Fans etwas Besonderes bieten.

Ihr Album trägt den Titel „Liebe ist für alle da“. Was nach versöhnlichem Aufruf für kollektive Herzwärme klingt, wird auf der Platte zur harten Extremistenschau. Es geht um den Kannibalen von Rotenburg und abseitige Sexvorlieben. Keine Lust auf richtige Liebeslieder?
Wir erzählen Geschichten extremer Form von Liebe. Es geht um die Gefühle von Menschen wie Josef Fritzl, wenn er in seinen Keller hinabsteigt. Er empfand ja auch etwas dabei. Genau wie der Menschenfresser, der durch sein Tun ja auf seine Weise erregt wurde.

Was fasziniert Sie so an den düsteren Leidenschaften?
Manchmal die Komik, die die Extreme offenbaren.

Bitte? Komik?
Na ja, es ist doch schon sehr komisch, wenn sich Menschen dazu verabreden, einander zu fressen. Das ist grotesk, auch wenn es im Kern eine sehr ernste Sache ist. Wir erzählen davon, weil es Spaß macht. Es ist ein märchenhaftes Gruseln.

Sie sind Märchenerzähler?
Ja, moderne Brüder Grimm. Früher haben Märchen ja auch eine schaurige Stimmung erzeugt, wenn man mit der richtigen Stimme im Kerzenlicht erzählt hat.

Das klingt harmlos. Aber Till Lindemann besingt Stacheldraht in Harnleitern?
Als ich das zum ersten Mal gehört habe, bin ich auch ziemlich zusammengezuckt. Aber die Band wurde nicht gegründet, um Heimatlieder zu singen. Wir sind Rammstein. Till schreibt und singt auf seine Weise. Er ist wie ein alter Marshall-Verstärker, der nur laut gut klingt.

Ausschnitt aus „Ich tu dir weh“:
„Bei dir hab ich die Wahl der Qual,
Stacheldraht im Harnkanal,
Leg’ dein Fleisch in Salz und Eiter,
Erst stirbst du doch, dann lebst du weiter,
Bisse, Tritte, harte Schläge,
Nagelzangen, stumpfe Säge,
Wünsch’ dir was ich sag’ nicht nein,
Und führ’ dir Nagetiere ein.“

Bleiben wir im Märchenbild. In „Mehr“ geht es um Gier und das Gefühl, nie satt zu werden. Moralische Prosa zur Wirtschaftskrise?
Nein. Wir äußern uns nicht zu aktuellen Themen. Aber die Metapher passt natürlich.

Sie bleiben fast immer eindeutig mehrdeutig in ihren künstlerischen Aussagen.
Ja. Vielleicht liegt das an unserer Ostvergangenheit. Wir konnten die Dinge früher nie konkret ansprechen und blieben textlich daher immer im Unbestimmten.

Aber selbst wenn es verklausuliert um die Krise, Missstände oder das Böse geht, warum zeigen Sie nie Alternativen auf?
Wir sind eben Rammstein.

Was bedeutet denn für Sie selbst
Liebe?
Für mich persönlich ist Liebe die helle Kraft im Leben. Liebe lässt uns hoffen. Sie ist die Macht, die uns anführt.

Aber warum spürt man davon so wenig bei Rammstein?
Man muss das einfach unterscheiden. Viele glauben, die Bandmitglieder sind in jedem Moment ihres Lebens Teil der Band. Aber Rammstein ist für uns nur ein Teil der Persönlichkeit. Niemand würde auf die Idee kommen, einen Schauspieler mit seiner Rolle zu verwechseln. Rammstein macht uns Spaß. Privat sind wir anders.

Weil die Links in Deutschland dank Urheberrechtsverwirrungen lustig wechseln, folgt an dieser Stelle ein ambitionierter Versuch. Das neue Video:

Beatpoeten treffen: Roberto Blanco

Der Sänger und Entertainer Roberto Blanco hat mit Künstlern wie Josephine Baker gearbeitet und mit Shows bis zu 17 Millionen Zuschauer vor die Fernsehgeräte gelockt. Nun sitzt er im Backstage einer Verbrauchermesse und soll in einer künstlichen Strandatmosphäre singen, die auch noch Tropical Island heißt. Fürs Fernsehen pudert er sich noch schnell ab, Fragen zu der neuen Frau an seiner Seite, die nebenbei seine Mails checkt, sind nicht erlaubt. Ein Gespräch über Stimmung, Stress und echte Superstars.

Der Satz klingt banal: „Man muss seinen Beruf ernst nehmen“, sagt Roberto Blanco hinter der Infa-Bühne in Halle 19. Als Entertainer müsse man nicht nur Talent haben, sondern an sich arbeiten, immer. Der Mann, der seit mehr als 50 Jahren für Stimmung sorgt, wird ernst. „Ich bin Entertainer, mein Leben ist die Bühne, und ich freue mich zu singen.“ Auch auf einer Messe um 15 Uhr. „Stimmung kennt keine Uhrzeit. Und die Leute müssen für die Show nicht mal besoffen sein“, sagt Blanco.

Bei der Infa hält der Stimmungskonsens. Hunderte wippen bei den karibischen Klängen mit und besingen den Puppenspieler von Mexiko. Als Zugabe gibt’s „Ein bißchen Spaß muss sein“, Blancos Musik gewordenes Markenzeichen. Manchmal nervt es den 74-Jährigen, wenn er darauf reduziert wird, genau wie das Wort Schlagersänger. „Ich bin vielseitig“, sagt Blanco, der mit Josephine Baker sang, Kinofilme drehte und TV-Shows moderierte. Zuletzt trat er sogar auf dem Heavy-Metal-Festival „Wacken“ auf. „In Deutschland kann ein TV-Kommissar den Hamlet rückwärts auf Chinesisch spielen, er bleibt Kommissar.“

Seiner Stimmung hat das nie geschadet. „Mein Job ist mein Hobby, und mein Hobby macht mir Spaß!“ Spaß zu haben sei sein Lebensmotto. Mit melancholischen Liedern kann er auf der Bühne nur wenig anfangen. „Das Fernsehen ist negativ genug: hier ein Krieg, da ein Börsencrash. Ich bin nicht der Typ, der dazu traurige Lieder singt.“ Und trotzdem gibt es Momente im Leben von Blanco, die ihn nachdenklich stimmen. „Hier in Hannover habe ich einst vor einem Auftritt erfahren, dass mein Vater gestorben ist“, erzählt er. „Wir sind trotzdem raus und haben eine Wahnsinnsshow gespielt – anschließend bin ich weinend zusammengebrochen.“ Es ist dieser Wille zur Unterhaltung, der Blanco immer weitermachen ließ. Darum gelten für ihn Entertainer wie Udo Jürgens, Udo Lindenberg und Peter Maffay als letzte Superstars. „Das sind Künstler, die immer gearbeitet haben. Die Stars, die heute im Fernsehen entdeckt werden, kennt man in fünf Jahren nicht mehr“, sagt Blanco. Als er anfing, bekam er einen Fünfjahresvertrag und regelmäßig Geld, konnte Gesangsunterricht nehmen, ein Studio aufbauen, werden, was er wurde. „Heute würde es keinen Roberto mehr geben.“ Talente würden wie Taschentücher benutzt und weggeworfen. Er wünscht sich darum mehr Musikshows im TV. Und Mut, Stars langfristig aufzubauen. Dann hat man auch länger Spaß mit ihnen.

Beatpoeten treffen: Kay Ray

Kay Ray ist die Mensch gewordene Rache von Entertainern an unlustigen Comedians. Er raucht, pöbelt, hat keine Angst vor fiesen Witzen. Mit anderen Worten: genau unser Beuteschema. Der verbale Handkantenschlag singt nun in einer Show ausgerechnet mit dem seriösen Musicalstar Carolin Fortenbacher. Ein Gespräch über Humor an der Schmerzgrenze und wütende Zuschauer.

Herr Ray, in einem Video zu Ihrem neuen Programm „La Fortenbacher und das Kay“ sagen Sie, dass es an den Abenden selbst nur einen groben musikalischen Ablauf gibt. Ansonsten fehle ein Konzept. Dieses Vorgehen sei aber genau das Konzept. Mit Verlaub, das klingt nach purem Chaos.
Ich arbeite nie mit festem Konzept. Das macht meine Shows aus. Ich überlege mir keinen Text, keinen Ablauf. Ich bin Entertainer und kein Comedian.

Die Schauspielerin, Sängerin und erfolgreiche Musicaldarstellerin Carolin Fortenbacher arbeitet aber eigentlich anders. Wie soll das bei einem gemeinsamen Programm funktionieren?
Frau Fortenbacher weiß natürlich, welche Lieder sie singen möchte. Es gibt da eine Dramaturgie. Aber grundsätzlich gilt: Sie singt, ich rufe eher rum und spreche mit dem Publikum.

Über was denn so?
Na ja, da passiert doch immer etwas. Mal schaut einer eigenartig, mal geht einer zur Toilette, manchmal frage ich die Leute einfach, wie es ihnen gefällt.

Sie haben den Ruf, nicht besonders nett zu den Leuten zu sein. Warum sollte jemand mit Ihnen reden?
Jaja, ich weiß. Wir sind verraten und verpochert. Aber ein Entertainer muss nicht böse sein. Außerdem bin ich zur ersten Reihe sehr nett. Es gibt Wodka.

Sie sind aber böse. Auf Ihrer Internetseite steht sogar, dass Sie im Comedybereich an die Grenzen gehen, gern auch unter die Gürtellinie.
Die Leute wissen, worauf Sie sich einlassen, die anderen müssen es lernen. Ich habe in Darmstadt ein Verfahren am Hals, weil ich angeblich rassistisch und diskriminierend bin. Aber ich finde Witze über Rollstuhlfahrer und Juden nicht zwingend diskriminierend. Ich mache auch Witze über Christen und Muslime und lasse mir nicht vorschreiben, über was ich Witze machen darf.

Sind Sie ein Provokateur?
Nein, ich möchte nicht provozieren. Nur weil man etwas nicht versteht, denken die Leute man provoziert. Ich finde es eher provokant, dass man eine Bahncard fast ein halbes Jahr im Voraus abbestellen muss, wenn man nicht automatisch eine neue zugestellt bekommen möchte.

Mag sein. Aber ins Fernsehen kommen Sie so nicht. Ärgert Sie das?
Auf das Fernsehen kann ich verzichten. Ich spiele 250 Shows im Jahr. Ich habe mein Publikum, die anderen sollen Fernsehen schauen.

Aber es muss doch Leute geben, die sich bei fiesen Witzen furchtbar aufregen. Wie gehen Sie damit um?
Dafür gibt es Regeln.

Was für Regeln denn?
Naja, wenn jemand zum Beispiel sagt: „Das höre ich mir nicht länger an!“ Dann sage ich: „Ich habe Sie gar nicht eingeladen!“ In Deutschland glauben die Menschen immer, dass Sie mit einem Ticket bestimmen können, was Sie geboten bekommen. Aber die Leute dürfen dann gehen. Wenn in meinem Wohnzimmer plötzlich ungefragt Brüste gegen den TV-Bildschirm drücken, kann ich doch auch wegschalten.

Die Leute haben Eintritt bezahlt, sie könnten sich weigern.
Ich habe lange Travestieshows gemacht, ich kann es nicht ausstehen, wenn mich jemand stört. Dann bringe ich die Leute persönlich zur Tür. In München habe ich ein halbes Theater ausgeräumt. Wenn Leute stören, stört das auch die anderen Gäste.

Wie geht denn Frau Fortenbacher mit Ihnen in solchen Situationen um?
Wir haben den gleichen Witz. Wir mussten uns ja auch überlegen, was wir singen wollen. Dafür haben wir uns getroffen und hatten Spaß. Ich bin immer überrascht, welche Töne sie trifft. Aus der Idee wurde eine Freundschaft. Im Prinzip lassen wir die Leute nur an unserer Freundschaft teilhaben.

Welche Lieder sind dabei?
Tolle Songs aus dem Poprockbereich. Unser „Barcelona“ von Freddy Mercury und Montserrat Caballé kann man nicht so leicht vom Tisch wischen.

Das klingt jetzt doch nach Konzept.
Es gibt Nummern, die aus der Improvisation entstanden sind. Aber ein Gesamtkonzept ist das nicht. Dafür haben wir gar keine Zeit. Manchmal wirkt alles inszeniert, aber das ist es nicht. Ich glaube, selbst wenn ich auf der Bühne sterbe, wird es einige geben, die dann sagen: Das hat der doch geplant.

Beatpoeten treffen: Stromberg, sorry, Christoph Maria Herbst

Mensch, dieser Mann kann sich ausdrücken. Immer wieder muss Egge den Hörer von seinem Mund weghalten, er muss zu sehr lachen. Christoph Maria Herbst muss als kleiner Junge in einen großen Topf Ironie gefallen sein. Großartig. Beim ZDF-„Traumschiff“ durfte er auch mitspielen und sorgte dann mit einem Kreuzfahrt-Buch für einen Skandal. Ein Gespräch über Zensur, Mumienschlepper und den Stromberg in jedem.

In Ihrem Debütroman „Ein Traum von einem Schiff“ versenken Sie mit satirischer Schärfe das ZDF-„Traumschiff“. Ihr Buch wurde wegen Verstößen gegen Persönlichkeitsrechte aus den Regalen genommen, dann wurden Teile geschwärzt. Wie schauen Sie auf den Wirbel um Ihr Erstlingswerk zurück?
Mit zwei lachenden Augen. Da gab es Verfügungen, die Boulevardpresse hob mich auf den Titel. Ja, das riecht nach gelungener Werbemaßnahme, war es aber nicht. Aber im Resultat ist es so. Der Verlag hat sich sicher gefreut.

Und Sie persönlich?
Ich fand es etwas merkwürdig, eine Zensur zu erfahren. Es war für mich eine Premiere. Und dann gleich für das Debüt. Ich scheine ins Schwarze getroffen zu haben. In meiner künstlerischen Freiheit sehe ich mich aber nicht beschnitten. Es sind insgesamt vielleicht eineinhalb Seiten geschwärzt, beim Hörbuch wurde gar nichts verändert.

Keine Pieptöne?
Vielleicht hat man es vergessen. Es wirkt alles wie ein Sturm im Wasserglas.

Wirklich? Man könnte meinen, Sie wollten das „Traumschiff“ versenken.
Ich wollte nie der Oliver Pocher der Belletristik werden und einfach nur auf die Menschen einhämmern. Es ging mir eher um eine Verbeugung vor großen Schauspielern. Darum stehen viele auch mit – Vorsicht, ein juristischer Fachbegriff – Klarnamen im Buch. Vielen habe ich die Stellen aus dem Buch vorgelesen und sie haben geweint, vor Lachen und Rührung.

Aber Reaktionen auf Sätze wie „Böse Zungen behaupten, das ,MS‘ stehe für Mumienschlepper“ oder „Das Ganze hat was von schwimmender Schwarzwaldklinik“ zeigen, dass Fans erzürnt sind. Warum eigentlich?
Vielleicht weil ich die letzte heilige Kuh schlachte, das letzte Tabu unserer Gesellschaft, das „Traumschiff“. Ich habs besudelt. Da kann man nichts mehr machen. Dabei war es gar keine Absicht. Es gab keinen Verlag, der mich gezwungen hat, ein Pamphlet zu verfassen. Ich war eben an Bord und langweilte mich, also beschrieb ich Freunden in Mails, was ich auf dem „Traumschiff“ so erlebt habe. Die wollten mehr lesen. Hätte ich absehen können, wo das hinführt, mhhh, ich hätte es trotzdem gemacht.

Fühlten sich die Akteure vielleicht auch beleidigt, weil Sie Ihnen auch mangelnde Schauspielqualitäten und Trunkenheit unterstellen?
Das Buch ist eher deskriptiv und verzichtet auf Wertung. Da kann jeder rauslesen, was er möchte. Ich wollte mit meinem Roman auf keinen Fall die Fortsetzung des „Traumschiffs“ verhindern. Da müsste ich mit dem Nachmittagsprogramm anfangen, denn das ist wirklich hart. Dagegen ist das „Traumschiff“ Grimme-Preis-verdächtig.

Haben Sie sich eigentlich das Filmresultat angeschaut?
Nein, ich war mit meiner Liebsten am anderen Ende der Welt. Und ehrlich gesagt, ich muss es auch nicht sehen, auch wenn ich mir bisher alles angeschaut habe, was ich so gemacht habe. Aber ich glaube, dass ich sagenhaft schlecht war. Und so viele masochistische Anteile trage ich doch nicht in mir.

Sie könnten ja noch einmal mitfahren und es besser machen?
Wem würde das etwas bringen? Mich will da eh gerade keiner sehen. Vielleicht mach ich in 25 Jahren wieder mit. Vielleicht bringe ich mich selbst als Kapitän ins Gespräch, wobei ich Siegfried Rauch natürlich alles Glück dieser Erde wünsche.

Wie würde eigentlich das „Traumschiff“ unter der Flagge von Herbst aussehen? Sie könnten das „ZDF“ retten?
Das „ZDF“ muss man nicht retten. Die Menschen werden älter, die Zielgruppe wächst. Beim „Traumschiff“ darf man darum auch nichts ändern. Location geht da immer vor Drehbuch, Palmen vor Darsteller. Never change a winning concept. Das „Traumschiff“ ist ein Beispiel dafür, dass früher nicht alles schlecht war. Es ist ein Geländer, an dem man sich hochziehen kann. Oder um ein passenderes Bild zu bemühen: ein Treppenlift.

Das klingt schon wieder gemein. Hat Sie die Rolle als Bürodiktator Stromberg vielleicht auf ewig verbittert?
Ich schaue mit einem humorigen Blick aufs Leben. Ich bin kein Zyniker, aber hin und wieder schaue ich ironiegetränkt auf die Dinge. Stromberg hilft zu schauen. Er schärft den Blick für das Zwischenmenschliche. Man sieht Wahrheiten. Aber man sollte das alles auch nicht so ernst nehmen.

Beatpoeten treffen: Robert Stadlober

Nein, wir mochten das Buch „Crazy“ nicht. Den Film aber schon.  Bei „Sonnenallee“ mochten wir Buch und Film. Und den Robert mögen wir auch. Zum einen weil er meist in guten, deutschen Filmen mitspielt. Und zum anderen weil wir glauben, dass er in Sachen Exzentrik eines Tages Ben Becker beerben wird. Und ja, nun singt er auch noch. Eigentlich schon länger. Wir trafen ihn beim Boot Boo Hook-Festival in Hannover. Ein Gespräch über rote Teppiche, Stars in der Band und ner Band namens Gary.

„Hauptsache, die Musik gefällt“

Robert, mit Filmen wie „Crazy“ und „Sonnenallee“ bist du zu einem der bekanntesten Schauspieler in Deutschland geworden. Neulich hast du das „BootBooHook“-Musikfestival in Linden mit der Band Gary eröffnet. Ist man bei einem Konzert eigentlich aufgeregter als bei einer Filmpremiere?
Nee, die Aufregung ist ähnlich, aber bei einer Filmpremiere kann man nichts mehr ändern. Der Film ist fertig. Bei einem Konzert haben wir es selbst in der Hand, ob es ein guter Abend wird.

Dafür gibt es aber keinen roten Teppich …
Ich gehe selten über rote Teppiche und zu Society-Events. Das ist nicht meine Welt.

Viele Menschen wissen gar nicht, dass duin einer Band spielst. Du betreibst sogar eine Plattenfirma. Wann hast du dich, Musik professionell zu machen?
Ich habe schon mit zwölf Jahren Musik gemacht, gerade als ich eine Gitarre halten konnte. Die Musik war noch vor der Schauspielerei da, und mit der Plattenfirma wollten wir den Menschen etwas von der alternativen Kultur zurückgeben, die uns entscheidend geprägt hat.

Würdest du für Konzerte auch Filmrollen absagen?
Wenn ich auf Tour bin, bleibt die Schauspielerei liegen. Das ist normal. Wir alle haben unsere Berufe. Und beim Schauspiel ist es leicht, weil es immer bestimmte Phasen für Projekte gibt. Und dann geht man eben zwei Monate auf Tour.

Und wenn es kurzfristig das Traumangebot für dich gibt?
Es kommt drauf an. Wir sollten mal als Vorband von Muff Potter auf Tour gehen, als mich Christoph Schlingensief anrief. Ich sollte nach Afrika kommen. Die Band hatte Verständnis und wir drehten „The African Twintowers“. Der Film ist leider nie fertig geworden.

Auf dem „BootBooHook“-Festival hast du eher entspannten Indierock gespielt. Bei deinem Bekanntheitsgrad könntest du sicher auch eine große Popkarriere hinlegen können. Warum machst du Musik für kleine Kellerklubs statt Stadionkonzerte?
Ich bin mit eher alternativer Kultur aufgewachsen, und für mich ist Musik nicht etwas, das ich auf einer Art To-do-Liste habe. Wir machen einfach die Musik, die wir machen.

In der Band Gary bist du einer von vielen. Wie geht die Band damit um, einen Star dabeizuhaben?
Früher haben wir uns Gedanken gemacht, wie man damit umgehen soll. Aber irgendwann haben wir gemerkt, dass man da nichts machen kann. Bei Bands wird meistens der Sänger befragt: Kurt Cobain von Nirvana zum Beispiel oder Noel Gallagher von Oasis. Mittlerweile freuen sich die übrigen Bandmitglieder, dass sie keine Interviews geben müssen.

Du hast zum Festivalbeginn schon um 14.30 Uhr gespielt. Für welche Band würdest du so früh vor die Bühne gehen?
Sehr viele. Und für die Lemonheads würde ich Tag und Nacht aufstehen.

Und warum sollte man sich eines eurer Konzerte auch nach dem „BootBooHook“ anschauen?
Weil wir lebende Leoparden und Feuerwerk haben. Nein. Hauptsache die Musik gefällt.