Wie wir „Man müsste Klavier spielen können“ aufgenommen haben (Teil I)

Die ersten Lieder „Auf meinem Profil wird immer nur Werbung gepostet“ und „Der Sachzwang (Kommerziell)“ haben wir bereits im Herbst 2009 aufgenommen. Die Idee zum ersteren kam uns an einem Abend während der Intergalaktischen Schnauzbarttage, einem besonderen Feiertag in Hannover, an dem jede und jeder einen Schnauzbart trägt, aber nicht drüber redet. Egge wohnte zu der Zeit in Hamburg, war also nur zu Besuch bei mir. Es gab vegetarischen Strammen Max, Tee und Bier.

Wir wollten um das Mantra „Ich möchte so gerne dazugehören“ ein ganzes Lied bauen und zählten alle möglichen Situationen auf, in denen eine Person irgendwo dazugehören möchte. Es sollte das Gegenteil zu vielen Popliedern sein, in denen immer ein Abspalten oder Individualisieren gefordert wird. Das Aufnahmegerät lief mit, mehr als eine Stunde lang. Am Ende schafften es nur ein paar Varianten in die endgültige Version. Bei den richtigen Aufnahmen wenige Tage später half uns Matias Oepen, der gerade von seinem Tontechniker-Studium am Liverpool Institute of Performing Arts zurückgekehrt war.

„Der Sachzwang (Kommerziell)“ basiert auf der Idee, auf einer Party nur den Satz „Das ist mir zu kommerziell“ zu sagen. Egal, um welches Thema es sich handelt. Die ursprüngliche Wette, einen typischen Hipsterspruch zu klauen, wurde dann schnell zu einem politischen Statement. Wir trafen Menschen, die es bei Demonstrationen wie gegen Stuttgart 21 benutzten, und wir veränderten es zu „Das ist mir zu kriminell“ bei der Auftaktkundgebung des Castorprotestes im Winter 2011.

Beide Lieder wurden in eins, also One-Take, in meinem damaligen Zimmer in Hannover aufgenommen. Neben einer Roland Groovebox D2 und einem Korg Kaoss Pad 2 nutzten wir noch Ableton Live für die Aufnahmen. Es wurden keine zusätzlichen Synthies eingebaut. Matias nahm alle Daten mit nach Indonesien, wohin er kurz darauf auswanderte und mischte die Spuren dort ab. Frühe Versionen der Lieder fanden ihren Weg auch auf unsere Vinyl-EP „Früher fand ich die auch schon cool, inzwischen sind die mir aber zu kommerziell“, die 2010 beim Sprechstation-Verlag herauskam. Für das neue Album haben wir beide Lieder nochmal neu abmischen lassen.

Es waren zwei unserer ersten Stücke, die wir wie richtige Poplieder arrangieren wollten. Nach unserem ersten Album „Unterwegs“ von 2008 wollten wir auch außerhalb der Literaturszene auf die Bühnen und Menschen zum Tanzen bringen und uns auch selbst mehr bewegen.

sta

Mehr zur Geschichte von „Man müsste Klavier spielen können“ gibt’s in Teil II.

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21. April 2012 – Hannover/Hangover

„Auf’s Maul?“ Wir hatten vorher Wetten abgeschlossen, wie lange es dauert, bis wir angemacht werden würden. 45 Minuten sind dafür an einem Samstagabend auf dem Hannoveraner Frühlingsfest sehr lange. Doch irgendwann steht der Typ im orangen Kapuzenpulli vor dem Boxzelt und hat sich mich als Opfer ausgesucht. Mit meinem Hut, dem Anzug, dem weißen Hemd und der gebügelten Hose passte ich nun auch wirklich nicht in sein Revier. Egge und ich hatten uns hier mit unserem Freund Kevin Münkel getroffen, um neue Pressefotos machen. Zwischen diverser Jungesellenabschiede, Testosteronbomben und den Jack-Wolfskin-Familien fielen wir also sofort auf. Ich lächtelte dem jungen Mann zu, ließ ihn die professionellen Boxer provozieren und verschwand mit Egge im Funhouse – einer Plastiktraumwelt aus Kletter- und Rutschmöglichkeiten. Draußen patroulierte die Polizei in Kampfuniform, drinnen verdrehte man sich das Knie.

Die Wände waren vertäfelt, die Zapfanlage lief. Draußen hatte jemand ein Lagerfeuer gezündet. Hier trafen sich die Flüchtigen, die keine Lust auf Tanzen oder Rauchen hatten. In der Ferne konnte man die Güterzüge langrattern hören. Hier in der Vorstadt wurde Geburtstag gefeiert. Mit Mettbällchen, Nudelsalat, Tzatziki und Fladenbrot. Dazu Kurze und Bier. Draußen wurde wild über Fußball, den Zoo und Angela Merkel diskutiert. Drinnen laut mitgesungen. Zwischen Kraftklub, Spider Murphy Gang und die Atzen fand sich für jeden etwas.

In Hannover-Limmer gibt es das Béi Chéz Heinz. Einmal im Jahr veranstaltet der Klub ein Coverfestival. Die ganze Muckerszene Hannovers trifft sich dann, spielt berühmte Lieder nach und trinkt viel Bier. Wir haben in diesem Jahr endlich mal Zeit gehabt und als Meatproleten bei „Wir sind das Heinz“ politische Lieder nachgespielt: Tocotronics „Alles, was ich will ist“ wurde zu einer Abrechnung mit Hipster-Hatern. Deichkinds „Bück dich hoch“ wurde DAFisiert. Und Paul Hardcastles „19“ zu einer musikalischen Warnung der Jugend vor zu viel Hedonismus. Später legte der DJ noch Drum-n-Bass-Versionen von Popliedern auf. Dufte.

Draußen vor dem Technoklub schubsten sich die Türsteher bereits mit den Professionellen. Drinnen mahlten die Kauleisten, auf dem Klo war jede Kabine belegt, aber keine musste. Unter dem Tarnnetz nippten wir an unserem Gin-Tonic und ließen die bösen Blicke auf uns herabregnen. Wir hatten immer noch unsere Anzüge an. Egge trug sogar noch die Krawatte. „Spießer“, zischte einer neben mir. Ich lächelte auch ihn an. Um 7 Uhr setzten wir uns dann vor den türkischen Bäcker, aßen Simrits und ließen uns von der Sonne das Gesicht streicheln. Wir sahen bestimmt ungesund aus.

sta

Man müsste Klavier spielen können

1. Ted
2. Gimmick
3. Der Sachzwang (Kommerziell)
4. 70000 Worte
5. Bunte Häuser
6. Zugvögel
7. Waldgeschichten
8. Da ist Leben
9. Auf meinem Profil wird immer nur Werbung gepostet
10. Alman Usulü
11. Destille 4.20 Uhr
Bonus: Unwort des Jahres

Text und Musik: Egge und Costa

Aufnahmen: Manuel Gehrke, Fynn Alster, Slash Hammer, Matias Oepen und Hans von Freymacher

Abmischung und Mastering: Ulli-Timo Hammann

Fotos: Dagmara Celta

Gestaltung: Ralf Rohde

Erscheint im Mai 2012 Twisted Chords (Broken Silence)

Yeah!

13. April 2012 – Hamburg – Fabrik/Rote Flora

„Handy aus, Feind hört mit“ steht auf dem Schild im Backstage der Roten Flora. Feridun Zaimoglu und Jan Brandt lesen heute beim „Lesen ohne Atomstrom„-Festival. Das Fest wurde als Gegenentwurf zu den Vattenfall-Lesetagen von zahlreichen Organisationen, Initiativen und Kämpfern gegen die Atomkraft organisiert. Hochkarätige Autoren lesen kostenlos für die gute Sache. Wir dürfen an zwei Abenden das Vorprogramm machen.

In der Fabrik sind wir laut Welt.de „der Tiefpunkt“ zwischen Reinhold Beckmann und Frank Schätzing. In der Roten Flora ist die Stimmung anders. Bevor Jan Brandt und Feridun Zaimoglu die kleine Halle mit ihrer eindringlichen Lesung verstummen lassen, dürfen wir unser ruhiges Set spielen. Danke.

Später: Am Nebentisch unterhalten sich vier junge Menschen über den Keller eines Nobelsexshops. Gerätschaften werden besprochen, von denen wir noch nicht wussten, dass es sie gibt. Danach ist die Altersvorsoge dran. „Ich verlasse mich gerade voll auf das Bausparen. Irgendwann möchte ich meine eigene Wohnung besitzen.“ „Aha, sehr gute Idee. Wie war das jetzt nochmal mit diesem Cockring?“ Wir bestellen mehr Wodka.

„Vi hät onli Börlin.“ Kurz haben wir ein schlechtes Gewissen, weil wir dem betrunkenen Schotten erklärt haben, dass man in Deutschland jemanden mit „Opfer“ beschimpfen kann. „Victim“ klingt dann irgendwann nicht mehr so lustig.

Vor dem Haus parkt ein Auto mit der Werbung „Friendly Makler“. Im dritten Stock ist er selbst eingezogen und hat sich im kompletten Haus vorgestellt. Mit Handschlag, Visitenkarte und bei der alten Dame auch mit Blumenstrauß. Falls man irgendwann vorhabe, auszuziehen.

Im Autoradio läuft Dschings Khan, Al Bano e Romina Power, Boney M. Der Bully kommt auf 100 kmh. Die Sonne geht auf. Die Mastervinyl ist in der Post. Es geht wieder los.

01. April 2012 – Schnauze

„Sie sah aus wie eine Xylophonspielerin einer isländischen Band.“ „Das ist jetzt aber schon ziemlich rassistisch.“ „Aber ist stimmt.“ „Nicht jeder isländische Musiker macht Lieder wie Sigur Ros.“ „Es heißt Sigur Ros. Und die singen in einer ausgedachten Sprache.“ „Aber mit den ganzen Wollsachen und den tausend Schichten war sie perfekt vorbereitet auf das Klima, das alle zehn Minuten wechselt.“ „So wie in Ostfriesland.“ „Dort trägt man ja auch gerne noch Gummistiefel. So ganz ironiefrei.“ „Gummistiefel sind auch geil.“

Vorhin hat sie sich noch über das Moderne an der Oper angewidert aufgeregt. „Kein Respekt vor diesem große Stück! Ich habe das ja schon zweimal gesehen und bin enttäuscht. Wie die Kultur immer in den Schmutz gezogen wird von diesen modernen Regisseurin. Eine Schande für Europa.“ Jetzt freut sie sich: Auf der Bühne steht ein fast nackter schwarzer Schauspieler, nur mit Lendenschurz im Leopardenstyle, Butler-Handschuhe und Pumps. Die Retterin der Abendlandkultur neben mir lacht laut los.

Wir lösen uns auf, irgendwann.

sta