30. Mai 2014 – Jena – Haus

Rote Sonne in Jena

Ich steige in Berlin in den Zug und fahre raus aus der Stadt. Die Stadt saust vorbei, dann der Sand Brandenburgs. Und irgendwann wird es draußen hügelig, während die Stimme in meinem Kopfhörer beruhigend singt und der Bass zärtlich pulsiert. Draußen bricht der Sommer langsam auf. Ein Sommer ohne Männer, wie das Buch von Siri Hustvedt in meiner Hand verspricht. Mein Sitznachbar hämmert Zahlen in seinen Laptop. Es ist Feiertag.

Die ersten Siedlungsflecken zeigen ein untergegangenes Industriereich: Bitterfeld, Leuna, Halle. Alte Häuser, leer und kaputt. Neue Einkaufszentren und neue Autobahnen. Die Felder stehen prall in der Sonne. Die Wälder sind grün. Immer wieder Solarzellen und Windkraftanlagen. Die Menschen an den einsamen Bahnhöfen warten wie auf Nichts. Kampfhunde an der Kette, tiefergelegte Autos, ab und zu ein Punk oder jemand mit bunter Kleidung.

In Jena werde ich gedrückt, geherzt. Man stellt ein Bier und Tee vor mir auf den Tisch und fragt, wie es mir geht. „Es ist Sommer“, sage ich leicht zögernd. Jena, diese Studentenstädtchen in Thüringen, bekannt für UweUweBeate und sonst für das tolle Ambiente. Reinhald Grebe hat hier mal gelebt, sagt man sich. Der Humor ist zynisch, außer es geht um die Liebe. Die Menschen haben jahrelang gekämpft. Erst gegen die Stasi, dann gegen Neonazis, jetzt gegen die Gentrifizierung.

Wir sind eingeladen, ein Konzert für das ehemals besetzte Haus am Bahnhof Jena-West zu spielen. Hunderte Menschen treiben sich auf dem Hof rum, wo eine bunte Frau aus einem Baum abgeseilt wird, während die Rolling Stones singen. Im Keller dominiert das Stroboskoplicht und der 90er-Jahre-Techno. Wir geben die missverstandenen Künstler. Mit gebrochenem Herzen und einem Augenzwinkern. Nach uns treibt die Bigband jeden Fuß und jeden Arm, und der DJ mischt Chris Isaak mit den Beatles.

Ich liege auf einer Matratze im Backstagebereich. Draußen scheint die Sonne. Ich habe eigentlich keinen Grund, aufzustehen. Doch der Wecker klingelt, und Egge und ich gehen zum Bahnhof, steigen in den Zug und fahren weiter. Immer weiter durch den Sommer.

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