3. Januar 2014 – Berlin – about:blank

Dichter am Brett

Die Band soll am Ende doch nicht geheim bleiben. Ein Indiemagazin postet gut sichtbar bei Facebook, dass Ja, Panik ein „Geheimkonzert“ geben werden. Unter falschem Namen und im Rahmen einer Soliaktion gegen den Wiener Akademikerball. Nette Kerle, gute Musik. Unser Arbeitsauftrag an diesem Freitag Anfang Januar im Friedrichshainer about:blank: Warm-up, Literatur-Limbo, Punk-Exegese für alle, die sich die veganen Schnittchen und den Sekt nicht im Stehen beim Warten auf die Band gönnen wollen, sondern auch so etwas wie Literatur brauchen, um nach dem Feiertags- und Silvesterexzess nicht gleich mit Bumbum anzufangen. Nach der Lesung, mit österreichischen Punktexten, Dosenbier-Verteilaktion und gemeinsamer Chor-Einlage, gibt es Infos, warum es gut ist, als „Mob vor der Oper in Wien zu stehen, während drinnen die Leistungsträger tanzen“. Ja, Panik spielen dann ein von zwei weiteren MusikerInnen verstärktes Set, und, na, klar: Danach ist wieder Bumbum zum Schaulaufen der deutschen Indie- und Kulturredaktionselite. Wir können unsere Neujahrsforderung „Bussi Bussi statt Busy Busy“ nicht ganz unterbringen. Einer Person gefällt das aber bei Twitter.

Der Taxifahrer hat noch bei Möllemann Deutschunterricht gehabt. „Ein Kaktus war gegen den schleimig“, sagt er auf dem Weg vom Westen ins verlotterte Neukölln-Rixdorf. „Soll ich euch meine Lieblings-Hitler-Story erzählen?“ Er soll. „Die Amerikaner haben ja nach dem Krieg verstehen wollen, warum der Typ so kaputt war. Also haben sie ganz viele seiner ehemaligen Kameraden aus dem 1. Weltkrieg gefragt. Besonders viel auf, dass so ein laut militärischen Regeln tapferer und tüchtiger Typ keine große Karriere gemacht hat.“ Warum wollen wir auch wissen. „Na, seine Vorgesetzten schrieben in seine Akten, ihm fehle die Führerqualitäten.“

Poetry-Slammer trifft man grundsätzlich nur an drei Orten: Übermüdet und gleichzeitig aufgekratzt im Zug, auf einer Bühne und beim Trinken in einer Kneipe. Der Alte Rote Löwe Rein in Neukölln Rixdorf ist genau so ein Ort. Außerdem gibt es dort leckeren Haselnuss-Schnaps, der das perfekte Fundament bildet für wilde Gespräche über Literatur und Kino. Und dort gibt es auch eine Verhandlungstechnik, die so manchen bewaffneten Konflikt wesentlich entschärfen könnte: Das Kicker-Duell als Lösung jeder großer Diskussionen. Pro oder Contra „Hai-Alarm am Müggelsee“? Das wird im Spiel geklärt. Schwierigkeiten im Gefahrenbezirk? Das wird im Spiel geklärt. Kurbeln gilt nicht, Torwarttor zählt doppelt und zu null verlieren, ist untern Tisch. Näher kommt niemand der Demokratie.

Beim Hassprediger rechts rein. Der Hinweis passt. Denn an der Einfahrt hängt ein Poster von Serdar Somuncu. Er ist unser auf Papier verewigter Türsteher der schlechten Laune. Der Wächter auf dem Weg in ein kleines Paradies inmitten dessen, das Berlin-Mitte geschmipft wird. Ein Hausprojekt, das sich gegen den krassen Wandel um sich herum behauptet. Und nicht nur Freunde beherbergt, sondern ein Anziehungspunkt ist. Ankommen, Zähne putzen, Schutz finden. Danke an die tollen Menschen dort.

Wach bleiben, weil’s gerade so spannend ist.
Und später nicht einschlafen können.

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