12. Juli 2013 – Hamburg – Gängeviertel

Gängeviertel, warm

„Und hier ist unsere Sauna. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie doof die Leute gucken, wenn sie im Winter mitten in der Innenstadt nackte Menschen sehen.“

Die Sauna ist ein ehemaliger Wohnwagen, zum Abkühlen steht eine alte Tonne daneben. Vor uns ein anonymes Bürogebäude, hinter uns steht das Gängeviertel. Mitten in Hamburg hat sich dieses einmalige Areal seit fast zwei Jahren behauptet. War es erst besetzt, können die Bewohner und Aktivisten inzwischen legal und ohne Angst vor Räumung Kunst machen, Veranstaltungen organisieren, gestalten, kochen, feiern, diesdas.

„Was bist du denn für einer, Student?“ „Nein, wieso du?“ „Ne, eher Dozent.“ „Aha, was unterrichteste denn?“ „Was?“ „Was du lehrst?“ „Achso, dies und das.“ „Aha, baut mal einer einen?“

Im Februar 2010 waren wir das letzte Mal hier. Es war kalt, die Lage unsicher, dafür viel bumbum im Keller. Der darf inzwischen nicht mehr befeiert werden. Einsturzgefahr. Wie manch anderer Raum. Dafür sind jetzt viele Menschen mit Fotohandys auf dem Gelände. Street Art fotografieren, Menschen fotografieren, Leben fotografieren, Kunstausstellungen fotografieren, uns fotografieren.

„Was denkt der, wer er ist? Ein Sänger?“ „Ja, und die Musik, also Musik wäre jetzt als Wort übertrieben.“ „Richtig, noch nicht mal Hip Hop oder so.“ „Schlimm, diese Pseudokünstler.“ „Ich würde ja so gerne Kickern.“ „Ja, Kickern wäre toll. Aber der Raum ist abgeschlossen, und die vom Gängeviertel wollen den nicht aufmachen.“ „Doof.“ „Ja, doof.“

Während Egge seine Aufwärmübungen für die Stimmbänder macht, höre ich mir drei junge Boys an, wie sie über uns lästern, stelle mich dazu, stelle mich vor. Sie haben uns doch noch nie gehört, sagt der eine, der sich später auf dem Boden wälzen wird, nachdem er versucht hat, zu unseren Liedern Tango zu tanzen.

„Alter, ich war gerade bei St. Pauli gegen Besiktas. Hammer Spiel!“ „Wer hat denn gewonnen?“ „Keine Ahnung, ist aber nicht so wichtig. Hammer Stimmung. Von wegen Ultras im Gezi-Park, diesdas.“ „Geil. Wo im Stadion warste?“ „Nix Stadion, in der Kneipe.“ „Wurde das überhaupt übertragen?“ „Was?“ „Ob das Spiel gezeigt wurde, im Fernsehen?“ „Ne, wir haben nur mit türkischen Anarchisten gesoffen.“

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