01. Juni 2012 – Potsdam – Freiland

Am Freitag, dem 2. Juni, fuhren wir mit dem Zug nach Potsdam, spielten beim Hochschulensommerfest im Freiland, sahen viele tolle Freunde wieder, fuhren nach Berlin-Friedrichshain, tanzten zu Vril und fuhren wieder zurück nach Hannover.

„Weißt du noch früher, da trugen die Frauen so Hosen, da konnte man alles sehen.“
„Ja, und so Blusen und Röcke. Boah.“
„Die beiden stinken nach Alkohol, einer von ihnen hat eine kopfkissengroße Plastiktüte voll mit Drehtabak dabei. Sie sind auf dem Weg zum Wannsee, haben sie der gesamtem S-Bahn mitgeteilt. Schön ausspannen und chillen.
Auf dem Weg dahin schwelgen sie in den Erinnerungen an die 80er Jahre, als Frauen noch Schnitten genannt wurden. Sie verwenden explizite Worte, der Personaler in Anzug keine fünf Meter weiter hält sich inzwischen an seiner Wirtschaftszeitung fest. Eine Frau niest. Die beiden Kerle: „Gesundheit.“ Sie bedankt sich, die beiden laufen rot an.
„Habe ich dir schon von meinem Problem mit meiner Internetverbindung erzählt?“ Themenwechsel.

Viel braucht es nicht mehr und er schlägt zu. Wir haben die Disko beendet. Um 1.30 Uhr schiebt der DJ die letzte MP3 auf seinen Serato-System und lässt auslaufen. Dann folgt Stille. Wir hatten uns ein Break gewünscht. Damit die Menschen zwar geschockt werden, während sie so lustvoll tanzen, trinken, feiern. Doch dieser Schock wollten nicht wir sein. Also Soundcheck in einer sich leerenden Halle. Nur er geht nicht. Marke Pumper, der seit ein paar Monaten nicht mehr im Studio war. Drei, vier Bier zu viel. Zwei Meter von uns entfernt hat er sich in der internationalen Pose des „Fuck yous“ aufgestellt. Eine Ode an Testosteron. Nach dem ersten Lied beschwert er sich lauthals über den Sound, die Texte, unsere Brillen, unsere Frisur, unser Leben, die „scheiß Bitches“ im Laden. Eine Nach dem zweiten Lied fängt er an zu grölen. Nach dem dritten Lied hat er zwei Freunde vom der Sicherheit um ihn herum, die in ihn in wenigen Sekunden nach draußen begleiten. Das Konzert kann richtig beginnen.

12.000 Quadratmeter freies Leben. Ein Projekt, unvergleichlich in ganz Deutschland. Das Freiland in Potsdam ist einer der Orte, an denen wir merken, warum wir diese Touren noch machen. Motivierte Menschen voller kluger Planung und Organisationstalent, ein Konglomerat aus Klubs, Werkstätten und Seminarräumen, die einen vom Erfolg des alternativen Kulturbetriebs träumen lassen. Danke, dass ihr uns eingeladen habt!

Bevor sie in die S-Bahn steigen, wollen sie sich mit den drei Jungs auf dem Bahnsteig noch zum Prügeln verabreden. „In zehn Minuten am Tiergarten, wenn ihr Männer seid.“ „Quatsch, das sind Pussys.“
Sie suchen sich die Sitze hinter uns und fangen an, über Israel, Türken und Frauen herzuziehen. „Hörste wieder Störkraft?“, fragt der Kunde mit dem ausrasierten Nacken und dem gefärbten Haarpuschel an der Stirn. Der Kollege mit den Hals-Tattoos schüttelt den Kopf. „Nein, Horst-Wessels-Lied. Lass mal zum Köpi, Zecken klatschen.“
Ein paar bunte Jugendliche steigen ein, werden beäugt.
„Club Mate schmeckt doch scheiße.“
Sie keck zurück. „Mit Wodka ist es ganz lecker.“
„Lass mal probieren.“ Er setzt sich rüber zu den Bunten.
Der Puschel steigt aus. „Muss raus, morgen früh Maloche.“ Der Tätowierte schlägt seinen Kragen hoch, macht die Musik lauter und schaut aus dem Fenster.
Es ist doch immer so mit dem Nationalen Widerstand. Die einen Kameraden verliert man an die Frauen und das echte Leben, die anderen an die Arbeit und das Erwachsensein und man selbst ist der einzige, der noch richtig true geblieben ist.

In der Zeitung steht unter anderem: Ein Mann ist total verwirrt und verwahrlost in einer Regionalbahn in der Nähe von Cottbus auf dem Klo aufgefunden worden. Er sei unterwegs, habe er der Zugbegleiterin erzählt. Neben einem hohen Alkoholgehalt im Blut war außerdem der Drogentest positiv. Er wurde an einer Taxihaltestelle von der Polizei abgeliefert. In Berlin hingegen fand ein Security-Angestellter eines Einkaufszentrums einen toten Obdachlosen. Nachdem er, wie jeden Tag, die Wohnungslosen von der Lieferanteneinfahrt verscheucht hatte, bleib einer liegen. Einen Tag zuvor soll er einen Streit mit einem Leidensgenossen gehabt haben, sagte ein Polizeibeamter. Ob der Tod darauf zurückzuführen ist, sei noch nicht geklärt.

Die vier Spanierinnern auf ihrem Trip durch Deutschland wurden aus dem Vierersitz des Intercitys von kleinen Hockey-Mädchen verscheucht. Die hatten für die Fahrt zu ihrem Turnier reserviert. Also bestimmt ihre Eltern, die ihnen auch die Brotboxen mit Gemüsestiften, belegten Vollkornbroten und Obst befüllt hatten. Laut unterhalten sie sich über einen Kinofilm, tauschen Handynummern aus und freuen sich auf das Turnier.

Queen Elizabeth feiert Thronjubiläum. In Athen fallen Schulkinder wegen Unterernährung im Unterricht in Ohnmacht. Die deutsche Fußballnationalmannschaft besucht Auschwitz. Patti Smith hat ein neues Album herausgebracht. Der erste komplett Private Versorgungsflug zur ISS war ein Erfolg. Draußen steht die Sonne sommerhoch. Die Windkrafträder drehen sich. Deutschland feiert Sommeranfang.

Costa

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s