21. April 2012 – Hannover/Hangover

„Auf’s Maul?“ Wir hatten vorher Wetten abgeschlossen, wie lange es dauert, bis wir angemacht werden würden. 45 Minuten sind dafür an einem Samstagabend auf dem Hannoveraner Frühlingsfest sehr lange. Doch irgendwann steht der Typ im orangen Kapuzenpulli vor dem Boxzelt und hat sich mich als Opfer ausgesucht. Mit meinem Hut, dem Anzug, dem weißen Hemd und der gebügelten Hose passte ich nun auch wirklich nicht in sein Revier. Egge und ich hatten uns hier mit unserem Freund Kevin Münkel getroffen, um neue Pressefotos machen. Zwischen diverser Jungesellenabschiede, Testosteronbomben und den Jack-Wolfskin-Familien fielen wir also sofort auf. Ich lächtelte dem jungen Mann zu, ließ ihn die professionellen Boxer provozieren und verschwand mit Egge im Funhouse – einer Plastiktraumwelt aus Kletter- und Rutschmöglichkeiten. Draußen patroulierte die Polizei in Kampfuniform, drinnen verdrehte man sich das Knie.

Die Wände waren vertäfelt, die Zapfanlage lief. Draußen hatte jemand ein Lagerfeuer gezündet. Hier trafen sich die Flüchtigen, die keine Lust auf Tanzen oder Rauchen hatten. In der Ferne konnte man die Güterzüge langrattern hören. Hier in der Vorstadt wurde Geburtstag gefeiert. Mit Mettbällchen, Nudelsalat, Tzatziki und Fladenbrot. Dazu Kurze und Bier. Draußen wurde wild über Fußball, den Zoo und Angela Merkel diskutiert. Drinnen laut mitgesungen. Zwischen Kraftklub, Spider Murphy Gang und die Atzen fand sich für jeden etwas.

In Hannover-Limmer gibt es das Béi Chéz Heinz. Einmal im Jahr veranstaltet der Klub ein Coverfestival. Die ganze Muckerszene Hannovers trifft sich dann, spielt berühmte Lieder nach und trinkt viel Bier. Wir haben in diesem Jahr endlich mal Zeit gehabt und als Meatproleten bei „Wir sind das Heinz“ politische Lieder nachgespielt: Tocotronics „Alles, was ich will ist“ wurde zu einer Abrechnung mit Hipster-Hatern. Deichkinds „Bück dich hoch“ wurde DAFisiert. Und Paul Hardcastles „19“ zu einer musikalischen Warnung der Jugend vor zu viel Hedonismus. Später legte der DJ noch Drum-n-Bass-Versionen von Popliedern auf. Dufte.

Draußen vor dem Technoklub schubsten sich die Türsteher bereits mit den Professionellen. Drinnen mahlten die Kauleisten, auf dem Klo war jede Kabine belegt, aber keine musste. Unter dem Tarnnetz nippten wir an unserem Gin-Tonic und ließen die bösen Blicke auf uns herabregnen. Wir hatten immer noch unsere Anzüge an. Egge trug sogar noch die Krawatte. „Spießer“, zischte einer neben mir. Ich lächelte auch ihn an. Um 7 Uhr setzten wir uns dann vor den türkischen Bäcker, aßen Simrits und ließen uns von der Sonne das Gesicht streicheln. Wir sahen bestimmt ungesund aus.

sta

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